Wendt Kuschmann

Beerdigungsansprache Wendt Kuschmann
über
1. Kor. 13, 9 – 12

Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser Reden. Wenn aber die Vollendung kommt, wird das Stückwerk ergänzt und gefügt. Als ich ein Kind war, sprach ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind. Seit ich ein Mann bin, habe ich abgetan, was kindlich ist. Jetzt sehen wir noch wie durch einen Spiegel auf ein Rätselbild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Stückwerk, dann aber werde ich es ganz erkennen, wie Gott mich ganz erkannt hat.

Manchmal stirbt ein Mensch und wir haben den Eindruck, dass dessen Leben rund und erfüllt war. Das können wir bei Wendt Kuschmann nicht sagen. Er starb mitten im Leben. Man sieht es schon an den Kollegen, die ihn heute mit verabschieden. Der Verstorbene wurde aus dem Berufsleben herausgerissen. Mit Stückwerk ist aber vor allem gemeint, dass aus der Menge alles dessen, was einem Menschen im Leben widerfahren kann, für Wendt vieles abgebrochen, vieles unlösbar war.
Es ist so, als ob er seinen Beruf Grabungstechniker als Abbild seiner Lebensaufgabe verstanden hätte: Elemente aufzufinden und einzusortieren; ein Ganzes vor Augen zu haben, aber an seinen Teilen arbeiten zu müssen.
Dieses Bild von Beruf und Berufung passt bei ihm durchaus auch auf seinen Ausbildungsberuf. Wendt wurde am 28. Februar zwei Jahre nach Kriegsende in Trier geboren. Sein Vater war Goldschmied und die Familie – später waren es insgesamt drei Söhne – lebte in der Palaststraße. Die römischen Ziegel vor Augen, mag sein Interesse am woher seiner Heimat mitbestimmt haben, zunächst aber ging der Junge aufs MPG und besuchte die Fachhochschule in Trier, wurde Graphikdesigner. Auch hierin entsprach er einem Zug seiner Seele, der Neigung zum Schönen, zum Gestylten und zum Gestalteten. Später werden sich diese Leidenschaft in der Ästhetik von Kompositionen, von Literatur und von Bildern ausdrücken. Parallel geht der Grabungstechniker seiner Leidenschaft für Trier in allen Schichten und Geschichten auf den Grund. Seiner Liebe für die Heimat frönte er mit der Ansammlung von Hintergrundwissen aber auch mit Hilfe von Fischer Mathes Anekdoten, die sich mit seinem eigenen Witz reimten und die stets auch seiner eigenen Lebensphilosophie als Moselfranke den Spiegel vorhielt. Diese selbstironische Art machte einen Teil seiner Geselligkeit aus.
Wendt, ein Mensch, der vielen auf den ersten Blick sympathisch war. Das mag an seiner zurückhaltenden Art gelegen haben, die anderen eine Annäherung erlaubte; ihnen den Eintrag eigener Persönlichkeit. Von seiner Seite gab er sich unverstellt und sprach seine Meinung offen aus. Doch nicht ausführlich sondern pointiert und nur ab und an. Wenn es absolut nötig war oder sich aufdrängte. Denn Wendt war kein Freund vieler Worte.
Diesbezüglich hat er sich klein gemacht. Man könnte auch sagen, er war ein Freund der leisen Töne. Obwohl es auch Zeiten und Momente gab, in denen es laut und cholerisch aus ihm herausbrechen konnte – aber über diese Zeiten ist die Zeit gegangen.
Er machte also nicht viele Worte;
er hatte andere Medien: über Musik drückte er sich aus, spielte Klavier und früher auch in einer Band andere Instrumente. Auf dem Feld der Musik kannte er sich aus von Bach bis zu den Beatles.
Auch hatte das geschriebene Wort einen hohen Stellenwert für ihn. Bücher waren Wendt gleichsam heilig. Niemals hätte er eine gebundene Schrift wegwerfen können.
Gleich neben dem Klavier stand bei ihm die Küche. Horowitz und haute Cousine Seite an Seite. Beides für ihn bedeutende Lebenszelebranten: das Feingeistige und das fein Gegarte waren ihm ein wichtiger Reim im Gedicht seines Lebens. Er genoss das Schöne. Und für den Wortkargen waren der Dialog von Speise und passendem Wein aussagekräftige Gesprächspartner.

Im direkten, im verbalen Dialog dagegen hat Wendt sich klein gemacht, gern zurückgenommen, ja häufig auch zurück gezogen. Bekannte nannten ihn bescheiden.
Doch beim Kochen, Backen, Garen hat er es genau genommen. Da kam es ihm auf die Prise an. Da siegte die Bestimmtheit über die Bescheidenheit. Da konnte der Mann direktiv werden. Kein Abweichen vom Optimum nach links oder rechts ließ er gelten. „Der Kuchen ist gut, doch fehlt nicht noch ein Quäntchen von dem oder jenem?“ Mir ist, als würde hier der Duldsame, der Zurückhaltende, der Bescheidene transparent und ließe den Blick auf eine tiefere Schicht zu. Der Blick auf Wendt, den Zwanghaften, ist frei. Wo er keine Kompromisse gelten ließ, da waren es ritualisierte Verhaltensweisen, die er sich als Schutzschild über frühe Wunden hatte wachsen lassen. Ablesbar am genauen Tagesablauf, am wortlosen Diktat der Tischzeiten wird, dass ihm Rituale Geländer bedeuteten. Rhythmus und hygienische Übergenauigkeit sind das rückseitige Janusgesicht eines Mannes mit Charisma. Der Schöngeist wurde belagert von der Angst vor Ansteckung. Die Küche hatte nach dem Kochkurs blitzblank zu sein.

Andererseits war Wendt keinesfalls erstarrt. Er war seelisch beweglich. Geradezu untypisch für den deutschen Mann konnte er ergriffen auf gute wie auf schlechte Nachrichten reagieren. Er ließ sich anrühren. Es gehört zweifelsfrei ganz oben in seinen Tugendkatalog, dass er mit Kritik umgehen konnte, dass er hörte und nicht abwehrte, wenn vor allem seine Töchter eigenes Reagieren auf sein Agieren hin kritisch anmerkten. Er war einsichtig über die Generationen hin, fähig, eventuelle Fehler einzugestehen. Diese seine Größe hat zweifelsfrei konstruktiv Anteil an seiner Aura.

Menschen in seiner Nähe verloren den Zwang, unbedingt reden zu müssen; ja mehr noch: niemand musste bei ihm durch unnötiges Reden etwas überbrücken. In Wendts Nähe konnte man guten Gefühles auch einfach schweigen.

Es ist eine Wiederholung, ihn als Freund weniger Worte zu beschreiben. Nun wissen wir: Stille Wasser sind tief.
Er war nur scheinbar passiv. Im Grunde seines Wesens war er anspruchsvoll und vor allem voller Erwartungen. Im Grunde seines Wesens wartete er ab.
Brachte ihm jemand Zuneigung entgegen, konnte er sich öffnen;
nahm ihn jemand in den Arm, war er voller Zärtlichkeit.

Kunst, Keller, Kochen und Klavier waren in der Zwischenzeit seine Krücken, Behelfe und Gefährte. Kam ihm jemand entgegen, vergaß er alle Angst vor Verletzung und hatte es nicht schwer von der vielen Liebe zu zeigen, die er in sich trug und nach der er sich gleichzeitig sehnte.

Wir sagen: jemand war eines Menschen Leben. Ja, Marlies war Wendts Leben. Denn er war introvertiert. Sie aber fühlte am Puls des Lebens, war ebenso extrovertiert wie impulsiv. Sie war sein Zugang zum Leben. So brauchten sie einander in symbiotischer Verbundenheit und Ergänzung. Mit ihr hat er 2003 die Schlagader seines Lebens verloren, seinen Zugang zu ihm. Wer ihn im letzten Jahr beobachtete, hätte sagen können: er hat den Geschmack am Leben verloren. Wie verheerend für einen Koch der Köche. Er wurde immer weniger. Er kam aus dem Tritt.
Im Grunde ist er so gestorben, wie er gelebt hat; wie viele Freunde ihn kannten: er hat sich zurückgezogen. Möge er nun das Stückwerk seines Lebens zu einem Ganzen gefügt sehen und sich von seinem Schöpfer ebenso angenommen wie vervollkommnet erleben. Amen.

Traueransprache für Marlis

Traueransprache über Mt 24, 35
für
Marlis Zender-Kolb, geb. Theis

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen

Marlis ist ein echtes Eurener Mädchen. In diesem Stadtteil Triers mit seinem Sträßchengewirr und seinen verwinkelten Gassen wurde sie am 07. Juli 1944 geboren. Deutschland war im Krieg. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Er fiel irgendwo in Russland und gilt als vermisst.
So wuchs sie zwischen ihrer verwitweten Mutter und deren Eltern auf. Diese Großeltern erinnert sie als kaiserzeitlich aber liebevoll. Der Großvater war Bahnbeamter, so ging es der Rumpffamilie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erträglich.
Marlis blieb aber einziges Kind und sann darüber nach, ob die von der Mutter ausgeschlagene Chance für eine neue Ehe nicht auch ihr selbst die Möglichkeit geboten hätte inmitten einer bunten Geschwisterschar in einer großen Familie aufzuwachsen. Dies mag die Geburtsstunde ihrer Sehnsucht nach einer großen Familie gewesen sein.
Noch in anderer Hinsicht prägen die kleinen Verhältnisse der Kinderjahre, die Enge der Eurener Welt ihr Leben. Der Bruder der Mutter, er sollte Priester werden, nimmt ungefragt die gebieterische Rolle des männlichen Familienoberhauptes ein. Seine fehlende Qualifizierung durchschaut die junge Marlis schnell. Der Quellpunkt ihrer kritischen Hellsichtigkeit allen Leitenden und Meinungsmachern gegenüber mag in diesen frühen leidvollen Wahrnehmungen liegen.
Dies gilt für sie auch für den Katholizismus. Dessen geistige Enge in diesen Jahren, die Forderung des unerprobt Braven, der fraglose Gehorsamsanspruch machte ihr früh zu schaffen. Es war Gang und Gäbe, mit einem alles sehenden Gott und vor allem mit einer heißen Hölle zu drohen. Marlis litt unter dem erhobenen Zeigfinger der schwarzen Pädagogik.
Diese Eckpunkte ihrer Kinderstube erklären, warum sie hin und her gerissen war zwischen Gehorsam und Widerstand.
Gehorsam war sie und ging in die Schule, gehorsam ließ sie sich die Schule zeigen, in der sie nach dem Willen der Mutter selbst Lehrerin werden sollte, gehorsam studierte sie aufs Lehramt.
Widerständig aber und mit ungeheurer Energie und Ausdauer wehrte sie sich gegen die Wiederholung des Schicksals.
Sie nahm sich fest vor, selbst niemals mit der Verbreitung von Angst zu erziehen. Sie suchte nach anderen Möglichkeiten, um die ihr Anvertrauten zu ermutigen und anzuleiten, für sich Verantwortung zu übernehmen. Das Gleichschrittdenken der Kaiserzeit sollte endlich ins Stolpern geraten. Autorität von Gottes Gnaden durch Sachwissen und Qualifizierung ersetzt werden.
Sie wurde auf ihrem Weg, die Zwangswiederholungen aufzubrechen, auf die harte Probe gestellt. Denn kaum war sie neun Monate verheiratet, verunglückte Helmuth Zender, der junge Ehemann, tödlich im Straßenverkehr. Wie ihre Mutter war Marlis eine junge Witwe.
Sie (!) nahm es nicht als gottgegeben, sondern baute an ihrer Familiensehnsucht und adoptierte ein Kind: Christopher. Sie ging eine neue Beziehung ein: Ihr kennt Euch seit 1974 und habt die Freundschaft zwölf Jahre später vor dem Standesamt legalisiert.
Auch bei der Beziehungsarbeit setzte sie auf neue Werte; beharrlich arbeitete sie durch Vorbild am Wachstum und über die Jahre entstanden gegenseitiges Füreinandereintreten und Einigkeit.
Ihr Gottesbild dagegen blieb zerrissen. Unauflöslich blieb für sie das religiöse Spannungsfeld zwischen Beheimatung im Vertrauten und unzumutbarer Herausforderung. Sie suchte nach Mittlern in diesem weiten Bogen und fand sie in den Engeln. Engel hängen in ihrem Arbeitszimmer, Engel sah sie immer zuallererst in den Kirchen. Lebensprogramm und Menetekel ist für sie das Engelsgedicht von Wilms

Welcher Engel wird uns sagen
Dass das Leben weitergeht
Welcher Engel wird wohl kommen
Der den Stein vom Grabe hebt
Wirst du für mich
Werd ich für dich
Der Engel sein
Welcher Engel wird uns zeigen
Wie das Leben zu bestehn
Welcher Engel schenkt uns Augen
Die im Keim die Frucht schon sehn
Wirst du für mich
Werd ich für dich
Der Engel sein
Welcher Engel öffnet Ohren
Die Geheimnisse verstehen
Welcher Engel leiht uns Flügel
Unseren Himmel einzusehen
Wirst du für mich
Wird ich für dich
Der Engel sein

Der angeblich sanfte englische Flügelschlag und Marlis stille Spiritualität im Umgang mit ihren Engeln können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Strukturworte dieser Zeilen:„geöffnete Ohren“, „hellsichtige Augen“ und steinschwere Beschwernis anhebende Aufbrüche die Themen ihres eigenen Lebens benennen.
Die 1944 Geborene war 1968 24 Jahre alt. Studentin in Bonn. Viele Menschen titulieren sich heute Achtundsechziger, um den Stand ihrer Emanzipation zu belegen. Marlis aber war eine! Sie war es nicht nur, weil sie seinerzeit an der geografischen und mathematischen Fakultät in die Sitins hereingezogen wurde, sondern weil ihr bisheriges Leben, ihre Herkunft es nahelegte, Autorität zu hinterfragen, falschen Autoritäten zu widerstehen, aus den Fehlern der Vorgenerationen zu lernen; zwischen angemaßter und natürlicher Autorität zu unterscheiden. Erstere zu entlarven und letztere als Vorbild zu nehmen. Sich selbst zu qualifizieren, um anderen in ein selbstbestimmtes Leben zu verhelfen.
Das war ihr wahrlich nicht mit der Muttermilch mitgegeben, sondern sie erarbeitete es sich hart und allein dadurch wurde es nach 1968 zu ihrem Lebenselixier und so wieder zur Kraft für viele andere:
Was später die drei Kinder ihrer Familie und noch später die Schwiegerkinder bestätigen können, das dürfen zunächst ihre Schüler erleben. Mit hellsichtigen Augen eben sieht sie, zu welcher Frucht zu entwickeln der kleine Keim, die Anlage, die Begabung angelegt ist; wer welche Stützte, welche Förderung nötig hat. Niemanden gibt sie verloren. Sie geht den Kindern nach, kümmert sich in Elterngesprächen auch nach der Schulzeit um diese Entwicklung vom Keim zur Frucht. Sie geht auf jede Schülerin, jeden Schüler nach deren jeweiliger Auffassungsgabe ein. Dabei schafft sie den schwierigen Spagat zwischen zwei sich scheinbar ausschließenden Tugenden: der Großherzigkeit und der Konsequenz. Sie lebte, dass Großherzigkeit kein Synonym für Weichheit sein muss, und dass Konsequenz nicht mit Härte gleichzusetzen ist.
Ihr Weg ist das Wort. Und wenn ihr kein Weg zu lang war, dann dürfen Betroffene darüber schmunzeln, dass über der Auslegung eines einzelnen Wortes des langen und breiten, oft über Mitternacht hinaus mit ihr diskutiert werden musste. Debattierend, im Hin-und-her der Worte rang sie darum, angstfrei Wahrheit zu Tage zu fördern. Mathematik war kein Fach für sie, sondern Methode und Prinzip: Aufhören mit Fragen, die Diskussion beenden kannst Du erst jenseits des Gleichheitszeichens, wenn ein Ergebnis vorliegt.
So involvierte sie andere, bis hin zu ihrem Mann – Methode und Lebensgestaltung lassen sich bei Marlis nicht trennen – und half, neue Einstellungen zu gewinnen, Haltungen einzunehmen, sich zu emanzipieren und wahrhaftig eine Meinung zu vertreten. Mein-ung, das bedeutete für sie, eine Einsicht zu einem Teil von mir werden zu lassen, sie mir anzueignen und mich umgekehrt durch die Erkenntnis prägen zu lassen.
Wer dabei wem zum Engel wird, der Anfragende oder der, der sich um Antwort bemüht, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr auseinander dividieren. Seit Adam und Eva gemeinsam nur gottebenbildlich sein können, wissen wir, dass Wahrheit nicht absolut existiert sondern immer nur dialogisch gefunden werden will.
Ihre offenen Ohren, ihre Begabung aktiv zuzuhören schafften wieder und wieder Vertrauten zu ihr. Vertrauen, das sie für sokratisches Nachfragen nutzte.
Dafür dürfen wir dankbar sein. Dankbar für die Mühe, die sie sich mit allen ihr Anvertrauten gegeben hat.
Doch, bitte, empfehlen auch wir sie Gottes annehmender Gnade an. Denn sie selbst vertraute sich nicht an. Sie öffnete sich nicht. Sie machte von sich nicht viel Aufhebens. Sie räumte anderen Steine aus dem Weg, doch litt sie unter dem Zweifel, ob ihr ein Engel den Stein vom Grabe heben werde. Sie eröffnete anderen Perspektive, doch quälte sie eigene Skepsis. Wenn ihre Gebete nicht erhört wurden, sah sie alle Unsicherheit bestätigt.
In solch eine Verunsicherung spricht Jesus die Worte, die über diesem Abschied heute stehen:
„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“
Worauf es ankommt, ist der zweite Teil: Meine Worte werden nicht vergehen. Das ist eine starke Zusage. Die Bibel verspricht nicht, dass immer alles gut gehen wird. Sie verspricht nicht, dass alle Gebete erhört und die Wünsche in unserem Sinne erfüllt werden. Sie verspricht auch nichts Unrealistisches, dass z.B. körperliches Leben ewig dauert. Himmel und Erde werden vergehen. Aber sie verspricht, dass Gott sich tatsächlich nicht zurückzieht. Angesichts endlicher Zeit und Zerfalls alles Materiellen, hinfälliger Größe fragen die Jünger den Meister ängstlich. Und er bestätigt, dass Altes zusammenbricht, dass Alles im Fluss ist, dass das Eine zu Ende gehen muss, damit Neues beginnen kann. Und er bestätigt, dass Gottes schöpferisches Wort immer wieder neu gesprochen wird. Rechnet mit dieser Möglichkeit, sagt die Bibel. Lebt aufmerksam. Ihr könnt dabei zuversichtlich sein. Denn: wo für uns Ende ist, fängt Gott mit uns etwas Neues an. Amen.

Erfahrung mit der Erfahrung

Beerdigungsansprache über Ps 43, 3
für
Paula Hammen
*22.04.1922 +08.06.2010
14. Juni 2010
Johanneskirche zu Mertesdorf-Grünhaus

Liebe Familie Hammen,
die Sonne im Mittelpunkt Eures Familienkreises scheint erloschen.
Paula, Ihre liebe Frau, Eure Mutter und Großmutter, lebt nicht mehr. Ich habe sie als eine außerordentliche Frau kennen gelernt. Klein an Statur, doch von großem Herzen. Ich möchte einen Menschen mit meiner Trauerrede würdigen, der offen und einladend war, aber von distinktem und klar konturiertem Charakter.
Zwischen einem Vater mit den Wertemustern der Kaiserzeit und einer liebevoll fördernden, bedachten Mutter wuchsen drei Kinder auf: Paula und ihre beiden älteren Brüder. Zwischen kaufmännischem Betrieb und familienfreundlicher Dorfgemeinschaft wurden die Fähigkeiten und Werte gesät, die es heute bei Paula zu würdigen gilt.
Zuallererst trieben die älteren Brüder ihr jegliche Zimperlichkeit aus. Sie war hart im Nehmen und sicher auch von den Spielen der Geschwister mitgeprägt. Drahtig und sportlich wurde sie. Die Sportlichkeit hat sie bis ins hohe Alter beim Bergwandern und Skifahren unter Beweis gestellt.
Sie wuchs in einer familienorientierten, doch männerbestimmten Welt auf. Zweifelsohne war es der Vater, der das letzte Wort sprach. Handwerkliche Qualität, die kaufmännischen Qualifikationen des Kalkulierens, Messens, Rechnens hat sie von seiner Seite mit auf den Weg bekommen und ein Leben lang zum Wohle ihrer Familie eingetragen. Ihre hohe soziale Intelligenz, der ausgeprägte Familiensinn zeitigten sich als weibliche Mitgift und tragen Früchte heute bis in die dritte Generation.
Die in der Weimarer Republik geborene Paula besuchte in Kirchberg von 1928-36 die Schule. Als sie die Schule verließ und konfirmiert wurde, trug ihr Konfirmationsdokument den Spruch: „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten“ (Ps 43, 3). Dieser Vers, sowie die Ermutigung Jesu, anzuklopfen und mit Berechtigung auf Antwort zu hoffen, bestimmten ihre Hoffnung und Haltung. Es war zeitlebens die Haltung eines unermüdlichen Menschen. In ihre Sprache übersetzt, lautete das Motto „Man muss nur wollen!“
Schon im Arbeitsdienst war es immer Paula, die zu den Verletzten gerufen wurde. Sie konnte verbinden und aufhelfen. Spätestens hier trat ihre Gabe zu helfen zu tage. Sie träumte laut davon, den Ärmsten der Armen, den Obdachlosen in Bangladesch zu helfen. So brachte sie ihre soziale Ader auf den Begriff. 1946 mündete diese Sehnsucht in eine Ausbildung als Krankenschwester. Allein – die große Fördererin ihrer Pläne, ihre Mutter, starb plötzlich noch vor ihrem Examen. Trotz dieser Belastung schloss sie mit Auszeichnung ab und begann in Bad Hersfeld im Krankenhaus. Hier wurde sie mit den Republikflüchtigen konfrontiert, die im Todesstreifen ernsthaft verletzt worden waren und erste ärztliche Versorgung erfuhren. Hier bewährte sie sich in der Praxis, dem Motto ihrer Ausbildungsschwester getreu: „Es gibt nicht: es geht nicht. Es geht!“ Ein Prinzip, das sie für ihr Leben übernahm, und das den Schein von jenem Geist aufleuchten lässt, der sie selbst ein Leben lang leitete.
Rückgrat hatte sie auch nötig, denn 1948 rief sie der Vater an den verwaisten Familienherd zurück. So blieb es ihr einerseits versagt, einen ihrer Intelligenz entsprechenden Beruf zu ergreifen, andererseits konnte sie dadurch ihre Flexibilität unter Beweis stellen. Es gehört zu ihren grundsätzlichen Charakteristika, dass sie sich nicht entmutigen ließ, Ziele mit langem Atem und großer Geduld verfolgen konnte.
Vornehmlich in ihrer eigenen Familie legte sie diese Tugenden an den Tag. Denn, nun wieder in der Heimat, beginnt ihre eigene Familiengeschichte. Sie verlobt sich mit dem Rechtsreferendar Heinrich Hammen und heiratet ihn 1953. Der ehemalige Schulkamerad aus der Klasse unter ihr kann jedoch nur am Wochenende in Kirchberg sein, denn sein Arbeitsplatz ist Trier. Erst 1955, nach der Geburt des ersten Kindes, Horstens, zieht die gesamte Familie in der Römerstadt unter ein Dach am Linzplatz, später in der Nikolausstraße. Im Mai 1956 wächst die junge Gemeinschaft um Tochter Gabi.
In den sechziger Jahren führt Familie Hammen gezwungenermaßen noch einmal einen doppelten Haushalt. Die Arbeit des jungen Staatsanwalts lässt ihn unter der Woche nach Bad Kreuznach pendeln.
Paula spielt ihre Talente als Familienmanagerin aus. Sie näht und kocht. Das Nähen – quasi eine natürliche und überlebensnotwendige Begabung ihrer Generation – praktiziert sie noch gemeinsam mit den Enkelkindern; und ebenfalls durch die Enkel stand sie noch bis vor kurzer Zeit bei telefonisch erfragten Rezepten Pate, noch aus dem Krankenbett und fernab jedes Kochbuches diktierte sie ihnen Rezepte.
Überhaupt war sie ein überaus praktischer Mensch. Sie war patent und schätze auch die handwerkliche Arbeit anderer. Sie hatte eine hohe Meinung vom Handwerk – ebenfalls ein familiäres Erbe; und sie legte Wert auf gediegene Ausführung. An der Wohnungseinrichtung kann man dies bis hin zu ihrer letzten Ausgestaltung eines Nestes, der Wohnung in der Residenz am Zuckerberg, belegen.
Zuhause – 1967 in Koblenz in der Johannes-Müller-Straße und ab 1978 wieder in Trier, jetzt Auf Mohrbüsch 69 – war sie leidenschaftlich gern Gastgeberin. Sie verstand es zu planen und war kulturbeflissen.
Am meisten schätzten ihre Freunde aber ihre unbestechliche Gradlinigkeit. Für andere nicht immer nur ein angenehmer Zug, denn im Gegensatz zum Wohnungsinterieur verpackte sie ihre Meinung nicht immer aufwändig. Meinung, das Wort sagt aus, dass jemand sich etwas zu eigen gemacht hat, angeeignet hat, so dass es zu einem Teil von ihm selbst, eben „meins“ geworden ist. Paula war geradeheraus. Jeder wusste, wo sie steht. Sie kehrte nichts unter den Teppich. Im Dialog mit ihr konnten Familienangehörige und Freunde wachsen. Denn gleichzeitig strahlte sie eine stichfeste Annahme aus, so dass ihre andere Position keinesfalls einer Ablehnung gleichkam. Im Gegenteil: ihre offene Herzlichkeit war einladend und mütterlich. Man mochte sich ihr anvertrauen.
Diese Kombination von wahrhaftiger Direktheit und warmherziger Annahme kommt mir wie ein Reim vor auf jenes „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten“ von ihrer Konfirmation.
Denn Gottes Wahrheit ist nichts Absolutes, sondern will wieder und wieder zwischen den Menschen dialogisch gefunden werden. Sie hat weniger mit Führung als mit Gemeinschaft zu tun. Diesbezüglich ist Paula wirklich jung geblieben. Sie war offen für Neues. Ob das die Musik der Kinder und gar Enkel war oder technische Errungenschaften, wie sie sie interessiert durch das Fenster ihrer Frankfurter Allgemeinen wahrnahm. Um die Ihren kümmerte sie sich und sie vertiefte ihr Verständnis dessen ernsthaft, womit die Ihren sich beschäftigten. Hier reicht ihre Dynamik ihrer Hilfsbereitschaft wieder die Hand: ein Hilferuf der Kinder aus Berlin, Haan oder Frankfurt und sie machte sich auf den Weg. Praktische Unterstützung und emanzipatorische Ermutigung, beides war ihres. Bezeichnend ist für sie die Frage angesichts des Marmorgrabes des von ihr geschätzten Freiherrn von Goethe: und wo bitte ist das Grab von Christiane Vulpius? Paula Hammen, die Gradlinige, die in sozialen Bezügen Denkende. Die Unermüdliche, die immer noch einen Berg mehr erklimmen, immer noch für eine kulturelle Stätte weiter das Pflaster treten konnte, sie ist am Ende ihres irdischen Weges angekommen. Sie hatte einen Hausheiligen, das war Goethe. Im Blick auf das Lebensende reimten sich ihre Einstellungen mit den Gedanken des Freiherren. Er schreibt: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur. Er ist Fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit; der Sonne ähnlich, die nur vor unseren irdischen Augen unterzugehen scheint, aber in Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit fortleuchtet.“ Amen.