Von Schottland nach Frankreich auf der Endurance

Oban ist nicht nur für seinen Whisky berühmt, sondern auch für die Tatsache, dass man an einem Tag alle vier Jahreszeiten kennen lernen kann.

Ankerbucht bei Tarbet-Bay Loch Nevis

Ankerbucht bei Tarbet-Bay Loch Nevis

Aber gegen Regen ist dem Seemann der Südwester gewachsen. Das Lichtspiel in schottischen Breiten ist durch den Wechsel von Sonne und Wolken malerisch. Unter schwarzem Himmel strahlt oft eine Bergkulisse wie unter einem Bühnenspot auf. Manchmal beleuchtet das Gestirn nur punktuell ein Castle auf wildem Fels. Überhaupt stellt Schottland eines der einladendsten Reviere

der Hafen von Oban ist der Tide ausgesetztder Hafen von Oban ist der Tide ausgesetzt

für Segler.  Nach der Regatta von Brennerei zu Brennerei ist es Zeit, die Ovni zurück an die französische Geburtstätte zu bringen. Für mich die Gelenheit, über Glasgow an die schottische Küste zu reisen. Zwischenstopp Glasgow ist wegen seiner Architektur für mich unvermeidlich. Aber auch die Lebensfreude der dynamischen Stadt einzuatmen hilft, die stundenlangen Bahnfahrten durch Wälder bis Oban auszuhalten.

Mackintosh Hochschule
Mackintosh HochschuleFarben helfen der Seele im Kampf gegen den täglichen Regen

Die Tidegewässer sorgen für Bilder eigener Qualität. Mit dem Strom segelnd kommen uns Landmarken, Leuchttürme in rasender Gesschwindigkeit entgegen. In engen Sunden hat das Wasser die Fließgeschwindigkeit des Rheines in seiner Mitte. Es gibt verrufene Ecken, in denen Wind gegen Strom hoch springende Seen erzeugt. An Corryvrecan fliegen wir mit dem auslaufenden Wasser vorbei. Ein kurzer Blick durch den Spalt zwischen Islay und der Nachbarinsel durch das gefürchtete Gewässer auf eine meiner Lieblingsbrennereien, die von Bunnahabain, dann heißt es schon wieder eine Tonne ins Auge fassen, die sich mit ihrem Betonanker verzweifelt am Grund festkrallt.

Duart Castle on Mull
Duart Castle on Mull

Entgegenkommer kriechen über das Wasser wie vollgeladene Flussschiffe auf Bergfahrt. Aber die Reise dauert im Atem der Natur gerecht lange, sechs Stunden später kämpfen wir gegen das auflaufende Wasser, und so folgt Einatmen auf Ausatmen und der Rhythmus macht uns an einem Tag zweimal zu Gewinnern und zweimal zu Verlierern.

Die Natur zieht uns so in ihren Bann, dass wir alles Kämpferische verlieren und uns in ihren Puls fügen. Wir nehmen es schließlich auf unserer langen Überfahrt wie es kommt. Wir staunen über die Kaps, legen die Köpfe in den Nacken, um die Leuchtfeuer ganz oben auf hunderte Metern hohen Felswänden zu betrachten, wir summen Paul McCartneys Mull of Kentyre als wir es runden.

Neish Point lighthouse
Neish Point lighthouse

Wir weiten den Blick, um irgendwo am Horizont die Isle of Man auszumachen. Wir wechseln uns ab am Ruder, denn wir sind Tag und Nacht nur zu dritt auf dem 43-Fuß-Boot. Ein Schwabe, ein Schotte und ich. Da bin ich als Prasser verurteilt, so sparsam ich auch bin. Wir haben trotzdem alle gut gelebt und es uns an nichts fehlen lassen. Bekanntlich ist der Koch der zweitwichtigste Mann an Bord von seegehenden Schiffen, denn sein Essen soll Leib und Seele zusammen halten.

"Enjoy your meal!"
"Enjoy your meal!"

Eric ist in seinem Karo erschienen und so wird er, der gebürtige Schotte auch in Frankreich von Bord gehen, im Bus und im Zug nach Deutschland fahren.

Abgang als Auftritt
Abgang als Auftritt

Doch zunächst entpuppt er sich als unerschrockener Segler, denn an manchem Kap bläst es schulbuchartig mit 100% mehr Wind als auf den Meilen davor. Genua einrollen, Fock am zweiten Vorstag setzen, wenn einen 40 Knoten Wind von den Beinen zerren wollen, ein Reff im Groß mehr einstecken, für Eric alles gern wahrgenommene Aufgaben. Nebenbei erklärt er seine Heimat, die Landschaft am Horizont, die Entstehung des Whiskys, die Geschichte der McDonalds.

View of Rum across Canna Harbour
View of Rum across Canna Harbour

An manchen Abenden lassen wir uns einfach trocken fallen. Die Ovni von Alubat ist ein Segelschiff mit Bleiballast undSchwert. Wir holen Ruder und Schwert mit Hilfe der Hydraulik auf und lassen uns im letzten ablaufenden Wasser auf Schiet fallen. 5 Stunden Ebbe. Zeit genug, um die Gummistiefel anzuziehen und an Land zu gehen. Irgendwo wird es schon Menschen geben, eine Bude mit Fish und Chips oder vielleicht sogar eine Räucherei mit frischem Seefisch. Es ist praktisch, wenn die Stiefel das Dinghy ersetzen. Nur schnell genug musst Du laufen. Denn läuft beim Rückweg das Wasser in die Stiefel, warst Du zu langsam, denn das Dinghy hängt ja im Heck unter den Davits.

Trockengefallen und fertig für den Landgang
Trockengefallen und fertig für den Landgang

Aber noch hat uns die rauhe Welt der schottischen Küste fest im Griff. Holyhead wartet mit dichtem Nebel auf. Wir besuchen Kirche und alle obligaten Sehenswürdigkeiten. Wir freuen uns über den Leuchtturm von See aus. Immer legen wir ein passendes Musikstück in den CD-Rekorder und lassen es durch die wasserdichten Boxen im Cockpit aufklingen. Tränen sind erlaubt.

Leuchtturm von Holyhead
Leuchtturm von Holyhead
die alte Kirche von Holyhead, die Kissen auf den Bänken sind mit Motiven wie "Love"und "Peace" bestickt.
die alte Kirche von Holyhead, die Kissen auf den Bänken sind mit Motiven wie "Love"und "Peace" bestickt.

Tags drauf erreichen wir Irland. Die Farben der Häuser, das rot der Briefkästen, die Eric jeden Tag ansteuert, um seinen täglichen Abwurf von mindestens vierzig Postkarten zu leisten, tut den grau in grau gewöhnen Augen geradezu weh. Wir ankern auf der Reede von Dublin und beobachten Jollensegler beim Training. Die müssen ganz schön fix springen, die Kerle, das lob ich mir doch unser Dickschiff. Es sind Jungs im Skiff, einer Jolle mit überbreitem Rand zum Ausreiten.

Farben von Irland
Farben von Irland
Jeden Tag viele Worte für viele Freunde in aller Welt
Jeden Tag viele Worte für viele Freunde in aller Welt und den Adel halb Schottlands.

Wir haben die nebligsten Ecken noch vor uns. Bei den Bishops taste ich mich eine ganze Nacht lang nur mit Radar zwischen den Fischerbooten und um den berühmtberüchtigten Leuchtturm herum.

Auch am Tag noch Nebelbänke, die Land vortäuschen
Auch am Tag noch Nebelbänke, die Land vortäuschen

Doch dann haben wir bald Landsend erreicht und runden den südwestlichsten Punkt Englands. Damit lassen wir den Berufsverkehr, der nach Liverpool (war zur Stevensonzeit der größte Seehafen Englands) ein- und ausfährt hinter uns und nähern uns den Verkehrstrennungsgebieten des Kanals.

Leuchtfeuer auf Landsend
Leuchtfeuer auf Landsend

Doch zunächst wollen wir noch einmal englisches Bier trinken. Sollen wir das mondäne Penzance ansteuern? Oder hätten wir es gern lieber etwas rustikaler?

die an südliche Gefilde erinnernde Promenade von Penzance. Der Golfstrom ermöglicht hier Palmen ausgeglichenes Klima.
die an südliche Gefilde erinnernde Promenade von Penzance. Der Golfstrom ermöglicht hier Palmen durch ausgeglichenes Klima.

Wir lassen die Begegnung mit einem Fischerboot aus Newlyn entscheiden und legen zwischen all den Arbeitsbooten des Fischereihafens an.

Fischer aus Newlyn
Fischer aus Newlyn

Eine gute Wahl, denn der Hafen von Newlyn ist für den Fotografen eine Augenweide. Nicht nur die Bäume aus Stahl

Baumwald der Kanalfischer
Baumwald der Kanalfischer

sondern auch die Mädchen in den Kneipen sind von der herben Art. Die einen schlafen fest in einen Fensterrahmen geklemmt, als wir die Kneipe gegen 18.00 betreten. Die anderen sind eben erst aufgestanden und zwar aus dem Bett ihres Tatooveurs.

Das Serviermädchen im Pub der Fischer und Hafenarbeiter von Newlyn
Das Serviermädchen im Pub der Fischer und Hafenarbeiter von Newlyn

Insgesamt ist der Ton rauh aber herzlich. Es landet schon mal eine Seemannsfaust unter dem Kinn eines Widersachers und dieser dann im Krankenhaus. Aber wir bleiben unverbeult und auf dem Rückweg – Big Ben hat schon vor einer Stunde den neuen Tag eingeläutet – schlendern wir durch die Fischhallen, in denen der Fang der Nacht mit Eis beschippt und in Kisten für den Transport verpackt wird. Wir machen deutlich, dass wir arme Segler sind und Hunger verspüren. Die besten zehn Fische der Halle wandern in eine Einkaufstüte und dann in unseren Kühlschrank. Später bereuen wir unsere zu großen Augen. Zwei Fische hätten es auch getan. Das auslaufende Fischwasser ist einfach nicht mehr aus Kühlschrank, Bilge und Schiff zu bekommen.

Es wird aussen an den Fischerbooten festgemacht. Eric posiert auf dem Weg an Land. Das sind die Farben, mit denen Kodak früher Reklame gemacht hätte...
Es wird aussen an den Fischerbooten festgemacht. manchmal sind drei, vier Boote zu überqueren, ehe es 10m an rostiger Leiter in die Höhe geht. Eric posiert auf dem Weg an Land. Das sind die Farben, mit denen Kodak früher Reklame gemacht hätte...

Mit vollem Bauch und Kühlschrank brechen auf über den Kanal. Gegen Abend erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet. Unterwegs hatte uns noch ein Kugelfisch Freude bereitet. Doch jetzt wird uns angst und bange. Ein Schiff reiht sich ans nächste. Wie eine Lasterkolonne auf dem Stadtring von Mailand zieht die Kette der hell erleuchteten Schiffe auf ihrer Einbahnstraße. Wie da hindurchkommen? Die Tanker und Containerschiffe fahren alle über 20kn. Sozusagen Stoßstande an Stoßstange. Da geht keine abgegriffene Bildzeitung mehr dazwischen, geschweige denn wir. So entscheiden wir uns nach langem Sinnieren vor dem Radarschirm dafür, erst am westlichen Ende des VTG den Kanal zu queren. Da haben wir mehr Rechte und vor allem mehr Seeraum, um die entsprechende Lücke zu finden. Zwar droht südwestlich der Biskaya ein Tief. Doch das Risiko von Starkwind scheint uns angesichts unseres robusten Aluminiumschiffes kalkulierbar. Und tatsächlich, es briest auf, aber die „Endurance“ schwimmt wie eine Ente auf den Welle. Ein fantastisches Schiff. Inzwischen hat der Wind auf 7 Beaufort zugelegt, der Windgenerator singt sein Lied in höchsten Tönen. Als er zu kreischen anfängt, schaltet Rolf ihn ab. Das Schiff jedoch liegt gut auf dem Ruder. Doch Haltung zu bewahren, das ist die Kunst des Steuermanns. Mehr der Wind als die Krängung setzten dem zu, der Wache geht.

ohne Worte
ohne Worte

Der andere betreibt Augenpflege, wie es Segler zu tun pflegen: auf der harten Teakbank in der Plicht.

so ruht ein Seemann auf Freiwache
so ruht ein Seemann auf Freiwache

Wir nähern uns am nächsten Tag der bretonischen Küste. Die Biskaya zeigt sich von ihrer besten Seite. Je näher wir den gefährlichen Felsen kommen, desto zahmer wird sie. In der folgenden Nacht müssen wir sogar motoren, was uns den nötigen Strom für Positionslichter, Radar, Kühlschrank und Selbststeueranlage beschert.

Wir statten dem Hafen von Belle Ile einen Besuch ab
Wir statten dem Hafen von Belle Ile einen Besuch ab

So erreichen wir die Juwelen Frankreichs vor seiner Küste. Fast unbekannte und darum noch wunderbarere Urlaubsziele im Atlantik. Wir legen die Endurance auf die Reede vor Belle Ile und fahren mit dem Dinghy in den Stadthafen. Beim Festmachen an den Leitern warnen schon die meterhohen feuchten Steine, dass hier der Tidenhub mächtig ist und eine spezielle Art des Festmachens erfordert. Und eine Taschenlampe. Denn natürlich sprechen wir den kulturellen Genüssen des Landlebens zu

Französische Lebensart lädt an jeder Ecke ein
Französische Lebensart lädt an jeder Ecke ein

ehe wir dann spät in der Nacht unser Dinghy suchen und die Seemeile raus zu unserem Mutterschiff cruisen.

Dinghy ist noch da. Wir müssen kein Hotelzimmer nehmen.
Dinghy ist noch da. Wir müssen kein Hotelzimmer nehmen.

Hier auf Belle Ile und vor allem Ile de Groix halten wir uns eine Weile auf. Erstens haben wir ein fantastisches Speiserestaurant entdeckt. Es hat dreißig verschiedene Tische und viermal so viel unterschiedliche Teller, Gläser und Besteck. Kein Gedeck ist gleich. Und das Essen wird lobend in verschiedenen Küchenführern erwähnt.

La Maison am Ortsrand des Hafenstädtchens
La Maison am Ortsrand des Hafenstädtchens

Sodann haben es mir die Farben, die zarten Pastelltöne der Häuser angetan. Trotz der rauhen See drumherum lädt jedes Gehäuse zum Einziehen und Leben in Leichtigkeit ein.

Herrenhäuschen auf der Ile de Groix
Herrenhäuschen auf der Ile de Groix

Wir opfern auch dem Gott der Touristenpflichten und kehren in einer Musskneipe ein, die Generationen von Fahrtenseglern aufgenommen und abgefüllt hat. Auch uns ergeht es nicht anders. Eric zieht sich noch schnell 400€ aus dem Automaten, um dann auf dem Rückweg samt Spiegelreflexkamera und Brieftasche einen Fehltritt zu tun.

In der Inkneipe "Ti Beudeff" treffen wir auf Segler, die mit der Jolle vom Festlang hier sind und deren Normannenblut sie auch des Nachts nach hause wird finden lassen.
In der Inkneipe "Ti Beudeff" treffen wir auf Segler, die mit der Jolle vom Festlang hier sind und deren Normannenblut sie auch des Nachts nach hause wird finden lassen. Die Wände sind mit Gedichtgekritzel aus aller Welt beschrieben.

Er selbst taucht ernüchtert bald wieder auf. Doch in dem strömungsreichen Hafenwasser bei einer Tiefe von sieben Meter haben unsere Tauchversuche bei Tageslicht, eine Mütze Schlaf später also, keinen Erfolg. Neptun wird sich mit Erics Geld manches leisten können. Doch auch Eric zeigt stolz seine Neptun abgerungenen Schätze, die er statt seiner Kamera geborgen hat: eine Plastikkamera für Kinder und Reste eines Bordbestecks.

nicht die erhoffte Beute
nicht die erhoffte Beute

Also verlassen wir Belle Ile, winken seinem Leuchtturm hoffentlich nicht zum letzten mal zu und reisen über die noch einladendere Ile de Groix Richtung Les Sables d´Olonne.

Abschied von Ile de Groix
Abschied von Ile de Groix

Die Küste wird ab hier flacher und sandiger. Die Inselwelt selbst hält noch einige gute Ankerplätze für Schiff und Mensch vor. Hier in Lee der Inseln ist gut ankern. Aber auch auf dem Land liegen ideale Grundstücke für einen längeren Aufenthalt.Auf Reede vor Belle Ile

Auf der Reede von Belle Ile

schöner wohnen auf den geheimen Juwelen der Franzosen im Atlantik
Schöner Wohnen auf den geheimen Juwelen der Franzosen im Atlantik

Jetzt heißt es, sorgsam zu navigieren. Die Küste ist kaum auszumachen. Aber das Wasser ist unzuverlässig tief. Strom setzt und bei der Einfahrt nach Les Sables steht eine unangenehme See, die uns selbst auf der schweren Endurance auf und nieder hüpfen lässt. Manchmal sind beide Füße für einen Moment gleichzeitig in der Luft. So kurz und Steil steht hier die Welle. Gut festhalten und sehr genau in all den Strömungen Kurs halten ist die Devise. Wir erreichen die Hafeneinfahrt gerade mit noch genügend Wasserstand. An wenig entfernten Stellen bilden sich bereits Grundseen. In solchem Gewässer und unter diesen Bedingungen kann man sein Schiff schnell zerlegen. Noch einmal eine haarige Herausforderung ganz am Ende des Törns.

Hier im Hafen von Les Sables posiert Skipper Rolf vor einer 60er. Da würde er doch gern mal mitfahren.
Hier im Hafen von Les Sables posiert Skipper Rolf vor einer 60er. Da würde er doch gern mal mitfahren.

Dann machen wir endlich die Endurance dort fest, wo sie zum ersten mal in ihr Element gekommen ist. Hier liegt die Alubat-Werft, die diese herrlichen Schiffe baut. Hier an Mutters Brust soll sie für die nächste große Reise und Saison überholt werden. Wir verbringen noch einen Abend an Bord, die Gedanken kreisen um das Erlebte. Es ist Zeit, aufzuheben und zu sammeln. Was war besser, der schottische

Crew vor Rest in Oban
Crew vor Rest in Oban

Whisky oder der französische Rotwein?Wein auf Ile de Groix

Am besten wir fangen gleich noch einmal von vorne an und entscheiden später.

Auf den Grund sehen

Klares Wasser bis zum Grund. Das ist für uns Mitteleuropäer in unseren Ballungsgebieten schon ein Grund zur Freude. Dass wir das könnten: den Grund des Meeres noch in über zehn Meter Tiefe sehen, das wurde uns für die kroatische Küste versprochen. Vertrauen ist gut – selbst nachsehen ist besser, und auch eine gute Skippereigenschaft. Also machten wir uns Anfang Juni 2008 auf nach Istrien, mäanderten über die Österreichischen Alpen, staunten in Porec über die Euphrasiusbasilika. Hier an der Schnittstelle zwischen west- und oströmischem Reich, zwischen Lateinisch und Griechisch sprechenden Staatsbürgern des einstigen Weltreiches treiben auch die Baustile interessante Blüten. Die Kirchtürme in Istrien

Im Dunstkreis Venedigs und doch auf viel älteren Füßen
Im Dunstkreis Venedigs und doch auf viel älteren Füßen

sehen aus, als seien sie in Venedig entliehen. Und tatsächlich reichte des Dogen mächtige goldberingte Hand jahrhundertelang hier herüber. Die Euphrasiusbasilika spiegelt jedenfalls aus noch früheren Tagen den Glanz des mächtigen Konstantinopel, wenn auch in Kleinformat. Dafür aber so gut erhalten: die Goldmosaiken glänzen wie am ersten Tag, das Perlmutt der Altarintarsien schimmert reich und die römischen Fußböden sind mit Stolz freigelegt und sichtbar gemacht.

Konstantins Erben lassen grüßen
Konstantins Erben lassen grüßen

Auch der Blick vom Turm lädt ein, die Ziele der nächsten Tage, Inseln und Badebuchten auszumachen und die Vorfreude anzuheizen. Und dann sind wir auch schon da. Rovinjes Abendrot legt uns seinen Purpur auf die Seele und sagt: Urlaub hat angefangen. Die Bootsübernahme verläuft sehr ordentlich. Alles ist akkurat. Die Menschen ausgesprochen freundlich. Und der Blick vom Steg sagt: tatsächlich,hier ist das Wasser auffällig klar.

Blick vom Turm auf das Schiff der Basilika, die Altstadt und das Meer
Blick vom Turm auf das Schiff der Basilika, die Altstadt und das Meer

Nach einer ersten Nacht an Bord haben sich die Gleichgewichtsorgane akklimatisiert und wir werfen euphorisch die Leinen los. Der Wind spielt mit und im Fazanskikanal müssen wir nur zweimal kreuzen. Dann liegt schon die Hafeneinfahrt von Pula backbord querab. Wir wissen, hier ist seit jeher ein Knotenpunkt. Heute erhält der Segler hier alles für sein Wohl und das des Schiffes, und damals wurden die pensionierten Legionäre im Amphitheater bespaßt. Es gilt unter den sechs vollständig erhaltenen als das Schönste.

Wir sind wegen wasser und Wind hier, so möchte die Crew nicht schon bei Pomer den Anker schmeißen sondern den steten Wind nutzen. So gelangen wir bis in die Bucht von Medulin und tasten uns im flachen Becken der geschützten Bucht bis zu einem völlig einsamen Ankergrund. Die Crew sammelt dort erste Erfahrungen mit dem Hunger der Aussenborderschraube

Wer den Scherstift von der Schraube mit einem Tampen abbekommt, der lernt Paddeln
Wer den Scherstift von der Schraube mit einem Tampen abbekommt, der lernt Paddeln

nach frischem Tauwerk. Es gibt ja noch die Riemen. Derweil bruzzelt die Pfanne in der Pantry Fleisch aus dem Supermarkt von Rovinje. Die Wohlgerüche rufen alle Hände vom Schnorcheln, Rudern bzw. dem Landausflug an Bord zurück. Auf 44N49.290 und 13E55.258 liegen wir in der Nacht wie in Abrahams Schoß.

Die Seeleute stehen mit dem Wind auf. Dieser bringt uns in eine andere Welt. Als wir in Susak auf Susak gegen Mittag an riesigen Quadern im fußballfeldgroßen Hafenbecken festmachen, lädt uns eine Insel zum Erobern ein, die schon auf den ersten Blick anders ist. Keine Quelle, Trinkwasser aus Zysternen hat die Menschen seit Jahrhunderten anders leben lassen.

Der kleine Stadthafen von Susak
Der kleine Stadthafen von Susak

Anders sind ihre Sitten geblieben. Auch die nach New York Ausgewanderten kommen zur Hochzeit zurück auf ihren riesigen Löshaufen. Ihre alten Familiennamen und ihre eigene Sprache sind Gegenstand weitreichender Forschung. Auch die Vegetation auf dem angewehten Eiland ist anders. Circe sitzt neben Pan im hohen Schilf und lauscht seinem Flötenspiel. Schnell eine süße Feige vom Ast gepflückt. Aus dem Garten des Nachbarn sind sie bekanntlich am besten.

leicht weht der Wind, streichelt Grab und Gräser
leicht weht der Wind, streichelt Grab und Gräser

Der Schlag nach Losinj ist in zwei Stunden getan. Fest im Stadthafen um 15.50. Da bleibt genügend Zeit für eine Dusche im ersten Stock des Versorgungshauses. Durch die Fensterläden bietet sich ein Blick auf Stadt und Hafen wie aus 1001 Nacht. Doch es kommt noch besser. Ein Wirt wirbt auf offener Straße um uns. Welche Speisekarte könnte überzeugender sein, als der Zahnbarsch in seiner Hand, den er gerade vom Fischer

Die Nacht legt Losinj das Schlafgewand an
Die Nacht legt Losinj das Schlafgewand an

entgegen genommen hat. Der Wein ist gut, der Fisch schwimmt in ihm und die Abenddämmerung verzaubert das erleuchtete Losinj gegenüber der Speiseterrasse, die sich aufs Wasser hinaus erstreckt.Yvonne 170

Der Wind am 03. Juni weht mäßig, höchstens mal mit 10kn. So dümpeln wir hinüber nach Rab. Es ist der richtige Wind, um

blauer Blister bläh dich!
blauer Blister bläh dich!

den Blister auswehen zu lassen. Die blaue Blase macht sich gut über dem Meer. Wieder machen wir am frühen Nachmittag fest, um die Stadt mit ihrer turmreichen Silhouette zu erlaufen. Ob Obst oder Angelschnur, hier sind wir richtig. Vor allem aber kommen die Fotografen immer wieder auf ihre Kosten. Der Abend ist dann den Romantikern gewidmet. Denn uns zieht es weg von der Pier in die Bucht von Fumija. Wieder bewahrheitet sich, dass das Wasser glasklar ist. Unsere Augen schauen aber auch immer wieder zur Stadtbefestigung von Rab, die sich einige hundert Meter von uns erhebt. Die Glocken tragen bis in unsere Bucht, in der wir ganz allein liegen. In der Nacht allerdings gehen die Augen auch schon mal zum Himmel, denn dort zucken die Blitze. Über dem kroatischen Festland grollt es mächtig. So muss alle dreißig Minuten jemand Ankerwache gehen.

Der nächste Morgen führt Boot und Mannschaft noch einmal an die Pier von Rab, damit Wasser gebunkert und die Wettervorhersage geholt werden können. Unser Bug weist nach Punat. Der Wind bläht den Schmetterling. Die Stimmung ist denkbar gut. Ein Bullenstander verhindert, dass sie schlagartig schlechter werden könnte. Wieder lädt uns Kroatien, das buchtenreiche, zu einer Einfahrt in ein geschütztes Gewässer ein. Das Kloster Koslin liegt auf einer Insel, die von einem fast geschlossenen See umgeben ist. Doch der See ist in Wahrheit eine Bucht, durch einen mit seglerischer Disziplin zu nehmenden natürlichen Kanal mit dem Meer verbunden. Wir ankern auf 2m Wassertiefe und booten die Interessierten aus der Crew aus, damit sie das Kloster und dessen Sammlungen besuchen können.

Was gibt es beim nächsten Landgang zu sehen?
Was gibt es beim nächsten Landgang zu sehen?

Es muss doch möglich sein, nicht auf dem Weg, den wir gekommen sind aus der Bucht auszulaufen, sondern den kürzeren, direkt zwischen Klosterinsel und Landzunge hindurch und hinein in den meerführenden Kanal. Die Karte spricht von Wassertiefen unter zwei Metern. Langsam, langsam tasten wir uns vor. Das Echolot singt 50cm unterm Kiel, dann 20, dann wieder 30, dann null. Wir sitzen auf. Das Echolot ist zentimetergenau. Ich tauche, kann neben dem Schiff auf dem Kies stehen. Allein, wir sitzen auf Schiet. Die Maschine bringt uns nicht runter von der Barre. Ich sehe es durch meine Taucherbrille genau. Es ist ein Kiesbarre, die nach Steuerbord abfällt. 20m weiter dort wären wir durch gekommen. Aber auch, als wir frei gekommen sind, riskieren wir es dort nicht. Nicht noch einmal eine Wiederholung der Schande.

Rausgeholfen hat uns ein Kroate, der aus seinen Zeiten als Gastarbeiter in Deutschland einwandfrei deutsch spricht „Ich kenne mich hier aus, hier ist meine Heimat, dort und dort müsst ihr lang…“ Erst nimmt erunsere zwei Heckleinen zum Ziehen in Empfang, dann zwei Flaschen Ruwerriesling aus unserer Heimat. Mögen sie dem freundlichen Helfer auf seinem kleinen Fährmotorschiff gut bekommen.

Draußen erwarten uns erfreuliche 21kn Wind. Rasmus weiß mein von Neptun gekränktes Skipperherz wieder aufzubauen. Auf der Kreuz haben wir viel Segelspaß. Aber die Strecke über Grund ist nicht die Luftlinie nach Nerezine, sie ist fünfmal so lang. Darum kommen wir erst spät in der Nacht beim vorgesehen Liegplatz an. Wir gleiten in den Abend. Peilen das letzte

Leuchtfeuer bereits bei Mondschein. Frieden legt sich über den Sund. Die Crew sitzt, schweigt und genießt. Erst um 22.45 nehmen wir die Segel weg. Wir verwerfen den Liegeplatz an der Werft und schleichen uns in den Stadthafen von Nerezine. Hier tobt noch das Leben. Wir mischen uns unters Volk. Für die Fotojagd sind wir ganz früh am Morgen wieder in der Stadt. Eine Pirsch, die sich lohnt.

Dann zahlen des Liegeplatzes im Stadthafen. Umgerechnet 2,70€. Wir tuckern mit anderen Booten zur Drehbrücke von Osor. Schaulustige könnten ins Boot spucken, so dicht sind die beiden Spundwände. Wieder unter Segeln beobachten wir eine Schule Delphine bevor wir wieder in den Fazanski-Kanal steuern. Bei M. Brijum inspizieren wir unser Unterwasserschiff. Doch die Nationalparkspolizie siehts nicht gern und wir werden des Platzes verwiesen und müssen riskieren, dass der Taucher in der Heimatmarina die Kratzer an der der Kielbombe muniert.

Doch er tut´s nicht, obwohl wir auf die Grundberührung aufmerksam gemacht haben. Es war wohl doch weniger als ein Kratzer. Aber durch die Tauchgänge wissen wir es jetzt wirklich: das Wasser ist klar bis zum Grund.

Spezielle Fischarten sind hier so typisch und wohlschmeckend wie nirgends auf der Welt. Wie nirgends im Imperium. Denn die römischen Kaiser ließen sich bestimmte Fischsorten aus genau dieser Gegend von Expressreitern in Bastkörben voller Eis bis in ihre Residenz nach Trier bringen.

Wir haben sie versucht, diese Kostlichkeiten. Im angesagtesten Restaurant von Rovinj (also nicht in einem dieser hell erleuchteten Schlemmen an der Wasserkante) gab´s den Fisch teilweise roh. Trotz aller früheren Überzeugungsversuche japanischer Freunde hab ich´s hier zum ersten mal gewagt. Gewagt und gewonnen: hier in Istrien immer wieder. Den Fisch, das Wasser, die Kultur, das Segeln. Hier haben wir auf den Grund gesehen – alle Gründe, die uns immer wieder hierher (ent)führen werden.

Der Fisch muss schwimmen
Der Fisch muss schwimmen

Wie Kolumbus – in 21 Tagen über den Teich

Landfall St. Vincent

Sechs Richtige

 

Dass ARC nicht Atlantik Richtung Caribik heißt, war uns klar, als wir einer nach dem anderen auf Gran Canaria einschwebten. Und doch sollte es für uns genau diese Bedeutung erhalten.

Denn unser Schiff, die „Blue Ocean“, lag nicht brav am Pier von Las Palmas, sondern an der entgegen gelegenen Seite der Insel stand es auf seinem Kiel in der hintersten Ecke eines kleinen Privathafens. Kein Ruderblatt im Rumpf, weder Ankerwinsch noch Klampen an Deck, bar jeder Elektronik lächelte uns der Rumpf zahnlos entgegen. Da hieß es: in die Hände gespuckt, denn immerhin war noch eine Woche Zeit bis zum Startschuss. Treppauf treppab kletterten wir wie die Heinzelmännchen. Bald schon hatte das Schiff auch seinen neuen Namen weg: „Blaumann“ musste es natürlich heißen. Schließlich war der Skipper mit Schweißgerät und Akkuschrauber, mit Lötlampe und mit allen Tricks eines Maschinenbaumeisters angerückt.

Doch es half alles nichts: die Zulassung für die Teilnahme an der Atlantic Rallye for Cruisers war nicht zu bekommen. Zuvielen Standards hinkten wir noch hinterher, die der Sicherheit der offiziellen Teilnehmer zu dienen pflegen.

Genau dieses Konzept des Altmeisters Jimmy Cornell hatte uns ermutigt, die 2.800 Seemeilen lange Strecke ohne Landsicht zu wagen. Funkrunden am Nachmittag, ein Arzt in Rufweite und das verlässliche Wetterrouting.

Am Sonntag 26. November, zur Stunde des Startschusses, wischten wir uns die ölverschmierten Hände ab, sahen uns das noch kahle Fockstag, die verwaiste Ankerlast und die fransige Bimini an. Und wir blickten einander in die Augen. Sollte das das Ende eines langgehegten Planes sein? Keine Chartercrew hat ihr Schiff wahrscheinlich so genau vor dem Leinen-los kennen gelernt wie wir. Wir waren gleichsam durch den Luftfilter in den Motor gekrochen und hatten das Getriebe am Wellenausgang wieder verlassen. Und da war noch das Iridiumhandy, auf dessen Freischaltung wir mit Zagen warteten. Zwar war das Regattafeld schon in der Nacht an unserem Liegeplatz vorüber gezogen, doch an diesem ersten Tag der ARC haben wir uns auf „Atlantik Richtung Caribik“ geeinigt. Wir wollten die Verfolgung aufnehmen. Böcke weg, die elf Tonnen ins Hafenwasser und die letzte Last mit Lebensmitteln gefüllt. Die Taktik sollte sein, die Freischaltung für´s Iridium bis spätestens El Hierro, dem westlichsten Punkt von Europas Handynetz zu erreichen. Und die Rechnung ging auf. Ruder rum – Südkurs. Die Nase hoch in der Luft, den Passat zu erschnuppern.

Aber auch hier schon blies es uns günstig in Groß und Genua. Eine meterhohe See dank eines Tiefs vor Spanien schob noch hilfsbereit mit.

So dauerte es nur ein paar Tage, bis der Vercharterer am anderen Ende der Leitung uns ermutigte: fünfzig Plätze habt Ihr von hinten schon aufgerollt.

Nun, da lehnten wir uns doch genüsslich gegen die harten Lehnen des Cockpits und kramten im auftauenden Kühlschrank nach Zutaten für einen Planters Punch.

Dieser bekam uns dann so gut, dass wir jeden Tag andere karibische Rezepturen zur teatime aus dem Kochbuch hoben. Letzteres musste besonders zu Rate gezogen werden, als der erste Fisch an Bord kam. Nun, sie standen nicht Schlange, aber zwei Goldmakrelen, ein Thun, zwei Bonitos wollten durchaus von unserem Rum kosten und luden sich bei uns zu Tische. Wir hießen sie alle willkommen und variierten unseren Speiseplan. Dann wurden die Fische größer: eine Schule Delfine besuchte uns. Und als der Ruf „Wal, da bläst er!“ die Freiwache aus den Kojen riss, wurde es vor lauter Andacht ganz still an der Reling. Ja, tatsächlich, ein riesiges sandbraunes Tier glitt unter dem Schiff durch. Seine weißen Flossen gaben dem spindelförmigen Leib etwas Verspieltes. Fünf Meter, sieben Meter, neuen Meter, die Schätzungen der Crew waren vor Begeisterung nicht auf einen Nenner zu bringen. Das Adrenalin sank langsam, nachdem das majestätische Tier eine Stunde später nach einem anderen Spielkameraden Ausschau hielt.

Warum sahen wir diese anderen Schiffe nicht? 250 sollen gestartet sein, all die inoffiziellen, wie wir, nicht gezählt. Hier mal des nachts ein Topplicht, dort ein verrauschtes Funkgespräch. Unterm Strich bilanzieren wir, dass wir mit einem Prozent der Mitüberquerer Kontakt hatten.

Im Grunde sind wir eine Insel. Fünf Männer, eine Frau. Nur eine funktionierende Toilette. Das Schiff, Lebensraum und Lebensversicherung in einem. Vor dem Mast haben wir einen „Garten“ eingerichtet. Wer sich hier aufhält, wird nicht angesprochen, hat sich zurückgezogen. Und tatsächlich, der Blick vom Balkon, dem Bugkorb, schenkt Weite, gute Gedanken, schöne Sonnenuntergänge.

Miteinander gehen wir vorsichtig um, keiner kannte vor der Ankunft am Start einen der anderen persönlich. Wir haben keine Eile mit Spielen wie „sag mir, was du machst – und ich sage dir, wer du bist“. Nur keine Vorurteile. Vor allem keine Eile.

Denn von Europa nach Amerika, das dauert im Durchschnitt drei Wochen.

Langsam wagen wir uns aus der Deckung. Die Nachtwachen – das Schiff hat keine Windsteuerung – werden paarweise gegangen, und die Paare finden sich alle zwei Tage neu zusammen. So kommen wir einander näher. Handwerker und Intellektuelle, Computerfachleute und ein Geistlicher. Der Hauptnenner aber: alles Segler. Der Notar bringt dem Pfarrer die Astronavigation bei. Der Ingenieur bietet einen Crashkurs im Fischen an. Unsere allerbeste Steuerfrau entpuppt sich auch als begeisterte Lektrice im allnachmittäglichen Beisammensein im Cockpit. Darf´s ein Weltumseglerroman sein oder lieber etwas Thomas Mann?

Sechs Richtige also, die einundzwanzig Tage auf eine Herausforderung beim Segeln warten und die dabei der Herausforderung des Teamlebens Tag für Tag gerecht werden.

Glück gehabt, wenn ich da an frühere Crewzusammensetzungen denke.

Aber erst in den Nächten wird das Glück perfekt, weil der Himmel sich von seiner besten Seite zeigt. Ausnahmsweise der dunklen – aber der mit seinem blankgeputzten Firmament. Die Sternenkarten von Kosmos und dem nautischen Jahrbuch geben uns Nachhilfeunterricht, während wir unser Schiff durch die tintenschwarze See gen Westen steuern. Der Orion steigt auf Richtung Himmelszenit, der hilfreiche Sirius mit ihm und bald schon wird unter ihm der Canopus sichtbar. Wenige Tage noch, dann sehen wir an der Kimm zur Backbordseite das Kreuz des Südens. Ein Feuerwerk begleitet dieses Ereignis. Es gibt Sekunden, da hinterlassen zwei Sternschnuppen im selben Augenblick ihren rauchigen Schweif, blitzen kurz auf oder ziehen einen langen Cursorstrich übers Himmelsdisplay.

Über dem Wachdienst werden uns die Tage nicht lang. Trotzdem hat der Skipper vorsichtshalber nach Kolumbusmanier einen Golddukaten in Form der letzten Dose Bieres in der Kühlbox an den Mast genagelt. Bleistiftminendünn taucht dann auch Barbados am Horizont auf. Land. Nachdem sich die 270-Grad Marke der Kompassrose über zwanzig Tage und Nächte lang schon fest in unser Gehirn gebrannt hatte.

Nein seglerisch ist die Passatroute trotz aller squalls keine Herausforderung, aber den Pokal nehmen wir trotzdem dankbar aus Neptuns Hand: karibische Inseln mit ihrem Flair, Basils Bar mit seinem einmaligen Lobster, Tauchen in türkisgrünem Wasser und einen Tag am menschenleeren Strand von Mustique.

 

Ansprach anlässlich der Trauerfeier für Prof. Dr. Susanne Dierolf

Beerdigungsansprache
für

Prof. Dr. Susanne Dierolf

Über Lk 10, 38 – 42
(Lesung Mt 6,)

Auf der Wanderung kam er mit ihnen in ein Dorf. Eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber hatte alle Hände voll zu tun, um ihm viel Gutes angedeihen zu lassen. Da trat sie hinzu und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich alleine für dich arbeiten lässt? Sag ihr doch, sie soll mit Hand anlegen!“ Doch der Herr erwiderte: „Martha, Martha, für vieles sorgst du dich und bist davon umgetrieben: aber nur wenig ist nötig – eigentlich nur eines! Maria kümmert sich um das eine Gute; und davon soll sie nicht abzogen werden.“

Wahrscheinlich spricht Jesus in diesem Weiler über Gerechtigkeit. Und Maria, seine Kanzelschwalbe, nickt beipflichtend zu seinen Worten.
So stelle ich mir den Moment vor, in den Martha platzt, gleiche Last für beide Schwestern, gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern einklagt.
Nun ist noch nie das Gleiche daraus geworden, indem zwei Dasselbe tun. Dieser Wahrheit eingedenk, erzählt uns Lukas diese Geschichte über die beiden Schwestern des Lazarus und über Jesus. Denn nicht andächtige Frömmigkeit – Maria hier zu seinen Füßen – und praktische Diakonie dort – Martha in der Küche – treten hier gegeneinander an. Sondern es geht darum, nicht Jesus als Person zu verehren, in ihm aber den Überbringer guter Nachricht zu sehen. Seine Eloge des nahen Reiches zu vernehmen, zu würdigen und zu tun.

Bis heute mögen der Hörer und die Hörerin doch verstehen, dass es des Wenigen aber Richtigen bedarf, um das Gottesreich aufscheinen zu lassen. Dass es nicht darum geht, die Person Jesu zu hofieren, sondern in diesem neuen Menschen, seinem Lehren und Leben die Ankunft des wahren Menschseins wahrzunehmen.

Die beiden Flügel der schmalen Pforte, die sich hin zu der Welt öffnet, wie sie um Gottes Willen sein soll, diese beiden heißen „das Wenige“ und „das Richtige“, da war sich Susanne Dierolf immer sicher.

Das Richtige. Der Eros eigenständigen Denkens gab ihr die Kraft für geniale mathematische Antworten auf alte Fragen. Sie liebte das Bohren in dicken Bohlen. Adorno sagt: Neugier ist das Lustprinzip der Gedanken. Dieser Lust ergab sich die ansonsten spröde Protestantin mit dionysischem Eifer. Sie wandelte in der Welt abstrakter Gedanken mit der Trittsicherheit eines nietzscheschen Gerechten, mit der Standhaftigkeit eines platonischen aus der Höhle der Konventionen Entlassenen. „Mathematik, Matthias“, sagte sie, „das ist nicht das Rechnen vor und hinter dem Gleichheitszeichen, das Verschieben der Seiten einer Gleichung, das Umgruppieren. Sondern Mathematik, so wie ich sie verstehe, das ist das Beweisen eines Axioms. Das gleicht dem Aufenthalt in eisiger Höhenluft, da ist dann nur: die Aufgabe und ich. Vorher nie zu Ende Gedachtes abschließend zu bedenken; dann kann Mathe so schön sein wie ein Sonnenuntergang!“

Ihre dergestalten Habilitationsgedanken ließen ihre wissenschaftliche Sonne aufgehen.

Doch bis dahin hatte sie den persönlichen Lebenswinter zu überstehen. Früh war sie von der Mutter eingezäunt worden, kein Spielen mit Gleichaltrigen, kein Kinderwagenschieben der elf Jahre jüngeren Schwester, Ausgang nur am Samstag mit den Eltern. Im Geviert des strengen häuslichen Rahmes erlaubte einzig der Geist, die gedanklichen Auseinandersetzungen, die Lektüre der reichlich vorhandenen Literatur, die Erzählungen der trotz aller Eingrenzungen liebevoll empfundenen Mutter, dieser kasernierten Existenz zu entfliehen und mit Hilfe der gelesenen oder selbst fantasierten Gedanken die Brücke nach draußen zu schlagen.

War die Schule der einzig erlaubte Freiraum? Dort wurde von Susanne Lieselotte Smogrovic, der erstgeborenen Lehrerstochter keine andere Note als eine 1 erwartet wurde? Eine 2+ wurde als Katastrophe gewertet. Ein Erbe, das nicht in einer einzigen Generation abzuarbeiten ist. Doch die konservativen Eltern dachten nie an ein Studium für die Tochter. Sie wurde mit 17 verheiratet. Susanne selbst empfand diesen Schritt damals als Entkommen aus der elterlichen Zuchtanstalt. Gegen den Widerstand der Schwiegereltern – dieses Preises der neuen Freiheit wurde sie sich später bewusst – setzte sie durch, das Privatabitur zu machen und nach der Geburt des Sohnes Alexander sich zu immatrikulieren. Heidi Rank ist Freundin bis heute geblieben. Sie übermittelte ihr kassiberähnlich die Aufgaben aus der Münchner Uni nach Hause. So machte Susanne dann, ohne fast jemals in der Uni gewesen zu sein, eine souveräne Zwischenprüfung und wenig später den Doppelabschluss fürs Lehramt in Russisch und Mathematik. Dieser Blick auf ihr Werden erklärt uns die selbständige Denkerin und die Gründe ihrer autonomen Produktivität. Das Richtige zu tun, auch wenn die Wahl der Mittel beschnitten ist, das war ihr früh schon zur Lebensmaxime geworden.

Ende der Siebziger Jahre litt Susanne unter einer schweren Depression. Das Trauma früh erlebten Bewegungsverbots war aufgerissen. Hinter ihr die abgeschlossene Promotion, vor ihr die Unmöglichkeit der Habilitation. Am grauesten waren ihre Tage in Kiel. Die Perspektivlosigkeit sog ihren Lebensmut auf wie die Totesser in den Harry-Potter-Romanen.
Die Geburt der Tochter – Susanne war inzwischen zum zweiten mal verheiratet – brachte den Durchbruch in biblischem Sinne. Nicht umsonst wurde das Kind Dorothea, Gottesgabe, genannt. Alles begann sich zu öffnen, zu fließen, geriet in Bewegung zum Guten.
Die Gedanken kamen, in sechs Monaten legte sie eine glänzende und das heißt oft zitierte Habilitation hin. Auf Stagnation folgte die Blüte.

Zum neuerlichem Fleiß und selbständigen Denken und Arbeiten kam nun noch ihre Freiheit von aller Angst. Nicht nur der Eisblock um ihr Ich war abgeschmolzen, sondern auch eine Selbstsicherheit erstarkt, die sich fortan nicht scheute, extreme Positionen zu vertreten. Vielleicht jetzt weniger wissenschaftlich, als vielmehr lebensbezogen und praktisch. Z.B. die oft so ganz anderen, unbürgerlichen Lösungen des Mannes aus Nazareth für sich als Möglichkeiten eigenen Verhaltens in Betracht zu ziehen. Neben die mathematischen Richtigkeiten trat nun das Richtige in seiner ethischen Dimension.

Auf dem beruflichen Feld trugen ihre mathematischen Einsichten bald Früchte und ihr Wirken in Forschung und Lehre war seither anerkannt. Ihre Tagungsidee um die Analysis hat die Deutsche Forschungsgesellschaft zur Jahrestagung erhoben. Ein Dezennium schlug sie sich mit Konzept, Einladung, Vorbereitung, Unterbringung, Abrechnung herum. Der anregende kollegiale Austausch bei diesen Zusammenkünften verdankte sich, genau betrachtet, ihrer unermüdlichen Kleinarbeit. In der Auseinandersetzung mit bürokratischen Vorschriften arbeitete sie genau an der Front ihres persönlichen Bekenntnisses, dass man dem Mammon nicht dienen, sondern sich mit ihm Freunde machen solle. Denn ganz unmathematisch konnte sie fünf gerade sein lassen und solches Unterfangen lustvoll mit einer Portion Anarchie würzen.

Als Promovendin hatte sie sich zur Tagung in Oberwolfach / Schwarzwald eingeladen; auch so einer ihrer unorthodoxen Züge. Denn dorthin wurde man eingeladen. Seit ihren Referaten dort durfte sie auf dem Analysisareal der Großen mitspielen. Bis dann durch den Tod von Kötens die Tagung nicht mehr stattfand und sie eben eine eigene Tagung für sinnvoll erkannte.

Susanne war ein geistiger Mensch. Aber die Wahrheit ist immer konkret, lehrt Dorothee Sölle. In jeder Entscheidung Entschiedenheit, in jeder Handlung Haltung, im Wort Wahrheit. Wahrhaftig ist, wer die Wahrheit tut. Das Menschliche stand für sie im Vordergrund.

Ich weiß, dass hier Stipendiaten und ehemaligen Doktoranden – elf durfte sie insgesamt begleiten – sitzen, die nicht nur von ihrem Geist gefordert und gefördert wurden, sondern die auch dankbar für ihren unermüdlichen Einsatz bei Antragstellungen sind, ja auch solche, denen sie vom eigenen Einkommen abgab, damit ein einigermaßen satter junger Körper die Früchte seines Geistes auch über die Ziellinie tragen konnte.

Susanne Dierolf, eine unzeitgemäße, aber, ach, in unserer Zeit so nötige Erscheinung in Lehre, Leben und Kirche.

Frisch gewaschen, frisiert und geschminkt Auftritte zu haben, das steht nur in der schönen neuen Welt der ewig jung Bleibenden, der durchtrainierten Erfolgreichen in der Werteliste ganz oben, bei denen, die sich ganz den Machtworten des Zeitgeistes ergeben, wie er von Plakatwänden und aus Illustrierten schmeichelt. Von solcherlei Diktat hat sich Susanne nie ins Glied rufen lassen. Der weltüberlegene Asket, der fellbekleidete Täufer, dem man in keiner U-Bahn zu nahe kommen will, übte auf sie Anziehung aus ob seiner Unabhängigkeit von allen Konventionen. Sie empfand die Tatsache, nur einen Mantel zu besitzen, nur ein Paar Sommer- und ein Paar Winterschuhe als Gehorsam dem Bibelwort gegenüber, dass, wer zwei Hemden besitze, eines seinem Nächsten, der keines habe, geben solle. Vor allem aber freute sie sich am neuen Lebensgewand, in das einer schlüpfen kann, dem Vergebung widerfahren ist. Denn es ist wahrlich nicht so, dass sie solcher Milde nicht selbst bedurfte und sich dessen nicht auch selbstkritisch bewusst war. Darum: Großzügigkeit und Güte praktizierte sie frei von jedem intellektuellen Hochmut.

Dass das Wenige reicht, ja dass das Wenige großen Reichtum bedeuten kann, das hat sie im wahrsten Sinne mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Eltern waren 1945 aus Preßburg über und Linz – die Mutter war Wienerin – nach Bayern ausgewiesen worden. Mit der Großmutter kam sie über die Grenze und fanden Vater und Mutter in nichts anderem untergebracht als einem leeren Heustadel. Darauf lief die Großmutter zu Fuß zurück bis in die CSSR und brachte aus ihrer letzten Wohnung im nun leeren Kinderwagen das, was zum Überleben bitter notwendig war, die Brotkapsel, das Brot, Besteck und Teller, den Wasserkessel und den Kochtopf. Eben das Wenige. Mehr war nicht nötig. Das Wenige war auch das Richtige. Das lernte Susanne damals. Sie hat es in den Jahren des Wirtschaftswunders nicht vergessen oder gar überbaut. Darum hielt sie das konsumorientierte Wertesystem der schönen neuen Welt, hielt sie die oberflächlichen und leuchtenden Orientierungsvorgaben einer Reklamewelt ihrer tiefsten Verachtung für würdig.

Sein statt Haben. Gerechtigkeit durch Anteilgeben herzustellen, das lebte sie.

Dem Mystiker Willigis Jäger ist wichtig, dass jede Spiritualität sich im Alltag bewährt. Reife Spiritualität führt ins Leben zurück. In diesem Sinne deutet wie er auch Meister Eckhart die Erzählung von Martha und Maria: Nicht Maria, die verzückt zu Jesu Füßen saß, hatte das Ziel erreicht, sondern Martha, die ihre Nachfolge in der Praxis des Lebens auf den Punkt bewährte.

Beim Umspaten, im Garten, zwischen Brombeergezweig und Kartoffelbeet sammelte Susanne sich, band Herz und Verstand zusammen. Erkenntnis zwischen Erdbeeren. Eingebung beim Einfrieren. „Hätte der und der statt seiner frömmelnden Exerzitien doch besser eine Furche ins Feld gezogen“, summierte sie für uns die Auseinandersetzung über westöstliche Weisheit. Höchste Abstraktion und handfester Lebensbezug. Kartoffeln, Katzenfutter und Kötenmathematik. Ihr Wort stand nie theoretisch im Raum sondern war geerdet durch ihr Handeln.

Mir scheint, sie hat dabei den Puls Jesu deutlicher ertastet, als es Menschen tun, die bloß seine Worte rezitieren können. Susannes Wortmeldungen ließen das Presbyterium schweigen. Sie intervenierte für mehr Menschlichkeit. Wir spürten, sie hat uns mit jesuanischem Geist beatmet, frische Luft in unsere übergeregelte Institution gefächelt. Gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern hat sie eingeklagt. In ihrer ganzen Existenz war sie Täterin der Wahrheit und damit Marthas nächste Verwandte, ihr näher als deren leibliche Schwester Maria.

Wir brauchen Susanne und werden sie vermissen.

Für die Lücke, die sie an der Universität hinterlässt, mag in diesem Gottesdienst später ein anderer sprechen.

Am meisten aber werdet Ihr Kinder, besonders Bernhard und Angelika ihre Stärke, ihre Disziplin, ihre weise Wegweisung vermissen – und gleichzeitig erhaltet Ihr erst jetzt so richtig die Chance, Susanne Dierolf in diesen Qualitäten zu beerben und ihr nachzufolgen – Susanne wird aber erst dann ganz in himmlischer Freiheit angekommen sein, wenn ihr auf diesem Weg ganz bei Euch ankommt.

Bordseelsorgebericht 2008

Bordseelsorger an Bord der „Ocean Monarch“ vom 05. – 29. September 2008

Pfr. Matthias J e n s, Auf Mohrbüsch 4, 54292 Trier
Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Ehrang  jens.ehrang@ekkt.de

B E R I C H T

In den genannten drei Wochen war ich als Bordseelsorger für etwa 200 Crewmitglieder und zwischen 440 und 468 Passagiere zuständig. Diese Tätigkeit habe ich zum ersten Mal ausgeführt.

Die Dienstanweisung sieht Gottesdienste, Andachten und Crewgottesdienste an Sonn- und Feiertagen bzw. nach Absprache und auf Wunsch vor, sowie Andachten über Bord-TV auf Schiffen, die die technischen Voraussetzungen dafür erfüllen. Zwei Vortragsangebote sollen pro Woche vom Bordgeistlichen gemacht werden. Seelsorgliche Gespräche sind nach Bedarf zu führen. Die Begleitung von Reisegruppen bei Landgängen ist im Auftrag der Reederei durchzuführen.

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Im Berichtszeitraum habe ich sieben Gottesdienste und Andachten gefeiert, einige davon an Seetagen oder aus gegebenem Anlass, immer einen Gottesdienst zum   Reisebeginn und einen „Reisesegen“-Abschlussgottesdienst zum Ende der Fahrt für die scheidenden Passagiere. Der Sonntagsgottesdienst wurde als Abendmahlsgottesdienst ausgestaltet.

Thematisch setzen Gottesdienste auf einer Reise sich mit dem Erleben der Passagiere auseinander und geben biblische Antworten auf Fragen von Aufbruch, Heimatlosigkeit, Unterwegssein und intensiven Eindrücken. Die besondere Herausforderung liegt in der fehlenden musikalischen Begleitung der Liturgie. Bordmusiker spielen oft bis lange über Mitternacht – sie sind nicht bereit und in der Lage, um 09.00 oder 09.30 einen Gottesdienst musikalisch zu unterstützen. Das war nur bei den Abschlussgottesdiensten um 17.00 möglich, also an Tagen, die mit einem frühen Landausflug begonnen hatten. Da ich selbst kein Instrument spiele, nehme ich mir auf die nächste Reise musikalische Aufnahmen von Orgelvorspiel und Chor zu den jeweiligen Liedern auf einem kleinen Tonträger mit Miniboxen mit. Für diese Reisebegleitung hatte ich bereits ein eigenes Bordgesangbuch (siehe Anlage) hergestellt, das sehr gut angekommen ist.

Gottesdienstbesucher kommen,

  • weil sie es aus ihrem sonstigen Leben gewohnt sind, Gottesdienste an Sonntagen zu besuchen. Diese Gruppe findet im Angebot die Chance, ihr bisheriges Frömmigkeitsleben weiter zu führen. Sie sind zuverlässige Gottesdienstbesucher und tragen den musikalischen Teil mit Selbstverständlichkeit.
  • weil sie ein besonderes Problem bewegt. Reisezeiten sind Krisenzeiten. Die besonderen zur Nachdenklichkeit einladenden Umstände einer Reise lassen Probleme hochkommen, die im Alltag an Land erfolgreich überspielt werden konnten. Oft hat sich an den Gottesdienst ein Gespräch angeschlossen, manchmal wurde ich sogar mehrfach hintereinander in Anspruch genommen.
  • weil sie sich langweilen. In genau diesem Punkt sehe ich die große Chance für den Bordseelsorger. Jenseits der anderen berechtigten Anliegen, der Traditionspflege und der seelsorglichen Versorgung, bietet die Kombination von begrenztem Raum auf einem Schiff und fehlende Möglichkeit zur an Land gepflegten Freizeitablenkungen die Gelegenheit, dem Neugierigen zu zeigen, wie lebendig, ermutigend, fantasievoll, tiefgründig, anregend und fröhlich Kirche sein kann. Ich habe die Neugier der Passagiere genutzt.

Das Gesellschaften spielt an Bord eine besondere Rolle. Von den übrigen Staffangehörigen wird dieses „Socializing“ dienstlich erwartet. Für den Bordseelsorger besteht an dieser Stelle mehrfach die Chance, sich und sein Anliegen bekannt zu machen. Beim Begrüßen zum abendlichen Empfang, beim Vorgestelltwerden von Crew und Staff durch den Manager oder Kapitän, aber auch beim Leisten von Gesellschaft insbesondere von Einzelreisenden wird das Thema allein über die Funktion auf dem Namensschild zur Sprache kommen. Der Einladung zu einer Zusammenkunft der Einzelreisenden sollte der Bordgeistliche unbedingt folgen. So macht sich der Seelsorger bekannt. Umgekehrt weckt das jeweilige Gespräch Neugierde, lässt Vertrauen und Sympathie wachsen und diese Umstände schlagen sich im mit der Reisedauer wachsenden Gottesdienstbesuch nieder.

Sich zu Alleinreisenden an den Tisch zu setzen und Konversation zu machen ist zwar eine Aufgabe des Staff, doch in der Person des Pfarrers, der Pfarrerin unterstreicht das die Bedeutung des Gastes und erscheint diesem nicht als Pflichtübung des Staff. In dieser besonderen Zuwendung liegt die Chance für manches seelsorgliche Gespräch.

Der Escort, wie die Begleitung der Landausflüge in der Fachsprache heißt, bietet ähnliche Chancen. Der Escort, also der Verbindungsmensch zwischen Bord und örtlichen Reiseleitern, stellt sich zu Beginn des Ausflugs kurz vor, sodann den Fahrer und die Reiseleitung, und er sorgt am Ende durch das Rundgehenlassen eines „Hutes“ für das Trinkgeld beider Letztgenannten. Auch so erfährt ein Großteil aller Schiffsgäste im Laufe der Zeit, dass ein Pfarrer, eine Pfarrerin an Bord ist.

Die Einzelseelsorge kann sich diskret beim Sozialising anbahnen oder ereignen. Sie wird auch aktiv von Reisenden in Anspruch genommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Seelsorger nicht über die Rezeption gerufen wird, sondern dass die angekündigten Gottesdienstangebote (Tagesprogramm) gezielt als Gelegenheit verstanden werden, den Geistlichen nach dem Gottesdienst zur Seite zu nehmen.

Ich habe ebenso Crewmitglieder angesprochen, wenn sie ein Problem gehabt zu haben schienen. Schwarze Augenringe oder ein blaues Auge waren z.B. solche Indizien. In zwei Fällen konnte ich durch Beratung bzw. Intervention helfen. Gleichzeitig schenkte mir das Gehörte tiefere Einblicke in das Bordleben der Crew.

Für Passagiere und Crew bietet die begrenzte Anwesenheit eines zur Verschwiegenheit verpflichteten Seelsorgers die Chance, mit einem Menschen zu sprechen, den sie wahrscheinlich nie im Leben wiedersehen. In zwei besonders gravierenden Angelegenheiten wurde ich im Berichtszeitraum ins Vertrauen gezogen.

Auch bei Problemen mit dem Partner während der Reise ist der sich zum Gespräch anbietende Pfarrer die beste Möglichkeit, eine probate Vertrauensperson zu finden. Um für solche Fälle ohne Hürde ansprechbar zu sein, habe ich zu bestimmten Stunden an der öffentlichsten Bar des Schiffes Position bezogen, so dass jeder Gast unverfänglich ein Gespräch mit mir beginnen konnte. Dies wurde von den Gästen, vornehmlich aber vom Staff genutzt.

Bedeutung und Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit ist an mehreren Stellen des Berichts beschrieben worden. Die Ankündigungen im Tagesprogramm sind dabei eine wichtige Visitenkarte. Dazu gehört auch das entsprechende Einvernehmen mit der über die Lautsprecher Programmpunkte ankündigenden Managerin. Auf Schiffen, die einen Aushang haben, kann auch ein Portraitfoto des Geistlichen hilfreich sein. Nicht zu unterschätzen ist die Titelwahl der Seminar-, Gesprächs- und Unterhaltungsangebote des Pfarrers, der Pfarrerin (siehe Anlage). Natürlich genügt im Standardfall das Angebot „Was ich einen Pfarrer schon immer einmal fragen wollte“ – eine Gesprächsrunde, die über mein mitgebrachtes Programm hinaus angeboten wurde und in der die „Hürden einvernehmlicher Oikumene“ thematisiert wurden – doch ist eine gute Titelwahl schon immer eine gelungene Einladung gewesen und zeigt den Interessenten, dass der Anbietende sich vor der Reise über seine Themata Gedanken gemacht hat.

Die Angebote dürfen bei allem Tiefgang die Gäste nicht überfordern und die Teilnehmer über Stunden binden. Ein Angebotsfenster von 45 Minuten ist sinnvoll, zumutbar und dem übrigen Tagesprogramm angepasst. Mein auf mehrere Stunden ausdehnbares Seminar über „Jesus“ war in dieser Hinsicht zu umfangreich und konnte nur in Kurzform durchgeführt werden.

Besonders gern besucht wurden Kreise, die gute Unterhaltung versprachen. Sehr gut besucht und sehr gelobt waren die 40 Minuten zum „klerikalen Witz“ (Psychologie des Witzes und Beispiele). Dieses Angebot hatte viel Nachhall und musste wiederholt angeboten werden. Angebracht sind auch Angebote handwerklicher Natur, wie meine Praxisrunde zu Knoten und Steken „Die Kunst der Verbindlichkeit – Seemannsknoten nichts nur für Sehleute“. Ein guter Seminarbeitrag ist auch immer ein Referat des Bordseelsorgers zu Bedingungen oder Objekten des nächsten Reisezieles, also zum Beispiel zum Verhältnis von Christentum und Islam, wenn ein islamisches Land besucht wird oder wie z.B. mein Vertiefungsvortrag zur „Hagia Sophia“. Vertiefung deswegen, weil der tägliche Vortrag des Lektors auf die nächsten Ziele vorbereitet. Mit dem Lektor wird der Themenbereich eigener Referate sinnvoller Weise abgesprochen. Vielfältige Rückmeldung hat mir bewiesen, dass die Mühe gezielter Vorbereitung sich gelohnt hat.

Es unterstützt Gemeinschaftsbildung und Kundenbindung, wenn der Bordseelsorger seinen Gaben entsprechend an anderen Angeboten des Teams teilnimmt. Hier eine Probe des Shantychores für den Je-ka-mi-Abend.

Resumee: Das Angebot eines Pfarrers, einer Pfarrerin an Bord ist sinnvoll. Allein schon die Tatsache der Anwesenheit wurde anerkennend wahrgenommen. Viele Gäste kontrastierten ihr Lob durch das Bedauern, dass es auf den vergangen fünf/sieben Reisen keine solche Begleitung gegeben habe. Ich empfehle, die Versorgung auf Kreuzfahrtschiffen auszubauen. Die Gottesdienstangebote wurden überproportional angenommen. Die Teilnahme lag schließlich bei über 10% der Gäste. Die Escorttätigkeit bietet ein Forum, den Beruf und die Angebote unter der reisenden Gesellschaft bekannter zu machen. Der professionelle Seelsorger trägt zum Wohl und der Stabilität der Gäste auf See bei. Ein guter Pfarrer ist ein Ausweis für Reederei und Reiseveranstalter, die ihren Kunden durch dessen Anwesenheit mitteilen, dass sie sie von A – Z versorgt wissen wollen.

Die Bordseelsorge stellt mit ihren drei Siebetagewochen keine grundsätzlich vom Pfarramt unterschiedene Herausforderung für den Gemeindepfarrer dar. So zu arbeiten, ist er über Wochen und Monate gewohnt. Im Gegenteil: mit ihren gegenwärtigen Rahmenbedingungen stellt die Bordseelsorge eine schöne Alternative zur sonst starken Ortsgebundenheit des Gemeindepfarrers dar. Gemeindearbeit und Residenzpflicht binden die Pfarrstelleninhaber im Allgemeinen. Zu dieser Gebundenheit stellt die Bordseelsorge eine erfrischende Alternative für Menschen dar, die sozial, körperlich, geistig (auf einem Schiff heißt es ständig zu improvisieren!) und geistlich mobil sind.

Priesterjubiläum von Pastor Mönch

 

 

Ansprache zum 50. Priesterjubiläum von Heribert Mönch
12. Juli 2009, Pluwig

Lieber Amtsjubilar!
Liebe Festgesellschaft!

Es gibt ja die absonderlichsten Berufe. Da gibt es z.B. in Wolfsburg, Sindelfingen und Köln Menschen, die nichts anderes machen, als darauf zu hören, ob die Autotüren von Neuwagen beim Zuschlagen so klingen, wie sie bei einem Auto der hergestellten Klassen klingen sollen.

Und dann gibt es Menschen, die beschäftigen sich mit dem Wetter von Morgen. Viele unter uns befragen sie täglich nach den Nachrichten oder in der Zeitung. In gewisser Weise sind sie Hoffnungsträger wie es bei dem Beruf der Fall ist, um den es jetzt geht.

Gehört es neben all den KFZ-Schlossern, Bäckern, Metzgern, Maurern und Meteorolügen nicht auch zu den absonderlichen Berufen, ein Gottesmann zu sein?
Menschheitsgeschichtlich ist das zu verneinen, denn kaum waren die Menschen dem Jäger- und Sammlerdasein entwachsen, da bildeten sich Gesellschaften, die von Priestern gesteuert wurden. Die Stabilität einer Gemeinschaft hängt ganz grundlegend an den Werten, die ihr Zusammenleben steuern und bestimmen.

Und um die Bäcker aller Jahrtausende herauszufordern hat ein Zimmermannssohn vor vielen Jahren festgestellt: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein – sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“.

Den Menschen diese Dimension zu eröffnen, sie aus ihrem alltäglichen Beschäftigtsein herauszuführen und zur Besinnung zu bringen, das ist die Aufgabe, die Sie vor 50 Jahren übernommen haben.

Wir Menschen sind das Wesen, das mit den Füßen zwar auf dieser Erde steht, aber mit der Stirn den Himmel berührt.

Sie sind nicht müde geworden, seit einem halben Jahrhundert unseren Herzen diese Dimension aufzuschließen und nahe zu bringen. Und weil wahr ist, dass Gott sich am liebsten zwischen Menschen erfindet, galt der Gemeinschaft, sagen wir es kirchlich: der „Gemeinde“, Ihr besonderes Augenmerk. Ihre Gaben haben sich gern in musikalischen Gemeinschaften ausgedrückt. Das finde ich sehr einladend, denn bekanntlich soll man sich dort niederlassen, wo Menschen fröhliche Lieder singen.

Auf solche Töne acht zu geben, das finde ich viel einladender als das Geräusch zuschnappender Autotüren. Wenn Sie Herzen und Türen öffnen zu der Welt, die mit ihrer Liebe so entscheidend für das Gelingen auf dieser Erde ist, dann segne Sie Gott auch weiterhin. Ich danke ihm, dass ER Sie uns hierher gegeben hat.

Sich zum Fest des Lebens einladen lassen

Jesus erzählt ein Gleichnis: „Ein Mann gab einmal ein großes Essen und viele dazu ein. Zum Termin schickte er seinen Knecht und ließ den Geladenen sagen: Kommt, alles ist gerichtet. Da fingen die auf einmal an sich zu entschuldigen. Der erste sagte: ich habe einen Acker gekauft und muss dringend hinaus gehen und ihn mir anschauen. Ich bitte, entschuldige mich. Der nächste sagte: ich habe fünf Joch Ochsen erworben und gehe hin sie in Augenschein zu nehmen. Ich bitte dich, entschuldige mich. Der dritte sagte: ich habe gerade geheiratet, darum kann ich unmöglich kommen. Der Knecht kehrte um und meldete es seinem Herren. Da ward der Herr zornig und sagte zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und bringe die Armen, Krüppel, Blinden und Lahmen herein! Kurz darauf der Knecht: Herr, wie du angeordnet hast, ist es geschehen; aber es ist noch Platz. Da sagte der Herr zu seinem Knecht: Dann geh hinaus auf die Landstraßen und bis an die Gemarkungsgrenzen und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll wird. Denn das sage ich euch: von jenen Männern, die eingeladen waren, wird keiner von meinem Mahl zu kosten bekommen.“

Auf meine Frage, warum kommst Du nicht zum Gottesdienst? höre ich oft die Antwort: die ganze Woche muss ich früh aufstehen. Einmal in der Woche möchte ich ausschlafen. Die ganze Woche sehne ich mich danach. Oder ein Familienvater sagte: am Sonntag ist der einzige Tag, an dem ich mit der Familie frühstücken kann. Interessanter Weise ist auch der 17.00 Gottesdienst davon betroffen. Denn eine weitere Wahrheit ist, viele Menschen meinen, Kirche sei eine traurige, belastende Angelegenheit, moralinsauer und der liebe Gott ein Spaßverderber.

Jesus erzählt diese Geschichte, weil er uns durch die Blume dieses Gleichnisses sagen will, dass der Gastgeber unseres Lebens – Gott – ganz anders ist. Er lädt uns zu so etwas wie einem Fest ein, einer absolut fröhlichen Angelegenheit.
Der Gastgeber scheint ein sehr spontaner Mensch zu sein. Er bereitet erst alles vor, dann schickt er den Boten mit der Einladung. In unserem organisierten Deutschland würden wir uns über eine Flut von Absagen bei dieser Art von Spontanität nicht wundern. Schließlich haben wir Termine.

Und genau das ist es, was Jesus uns sagen will. In der Welt, für die er lebt und von der er nicht müde wird zu sprechen haben besonders die eine Chance, die nicht mit eigenen Dingen beschäftigt sind.

Diesem Beschäftigtsein scheint auch der Zorn des Gastgebers geschuldet. Also noch einen Gedanken dazu, denn Jesus weiß von einem liebenden Vater, spricht nicht mehr vom Gott, der Unrecht bis in die vierte Generation ahndet. Das, was hier Zorn genannt wird, sind nicht weniger als die Konsequenzen, die wir auf Grund unserer Lebensführung selbst zu tragen haben. Wir verschreiben uns bestenfalls der Selbstverwirklichung und verstricken uns in der Unlösbarkeit dieser Aufgabe. Alltäglich häufen wir den Berg der Arbeit höher über uns auf. Wir rennen und hasten, vertun unsere Zeit. Und Jesus stellt uns einen Vater im Himmel vor, der sich die Haare rauft und sagt: warum nur verbringen die Menschen ihre Tage in dieser Hetze, warum machen sie sich das Leben so schwer? Warum, vor allem, versuchen sie ihr Leben alleine auf die Reihe zu bekommen, mit ihren Mitteln, sind ausschließlich mit den eigenen Dingen beschäftigt? Sie könnten es so einfach haben, wenn sie meine Einladung annehmen würden.

Jesus spricht mit diesem Gleichnis in unsere Richtung, die wir uns fragen: müssen wir nicht erst noch eine Zugangskontrolle hinter uns bringen, etwas regeln? Müssen wir uns nicht mindestens selbst noch in Ordnung bringen, bevor wir eine Einladung Gottes annehmen können? Müssen wir, bevor wir glücklich sein wollen, nicht noch diese Hürde und Stufe genommen, jene Bedingung erfüllt und dieses Ziel erreicht haben? Wenn ich das erreicht habe, dann bin ich glücklich, sagen wir.
Als könnten wir Leben verschieben, aufheben. Jetzt wird gelebt oder die Zeit vertan. Jetzt fängt das Fest an, nicht erst dann wenn…, nicht erst, wenn ich genug Geld verdient habe, pensioniert bin, mein Leben in Ordnung gebracht, den richtigen Partner gefunden oder den Urlaub erreicht habe.

Darum haben es auch die, die nichts haben einfacher. Wer mit seinem Joch Ochsen, also dem Repräsentationsfortbewegungsmittel, dem neuen Baugrundstück, der Jagd nach der oder dem Richtigen beschäftigt ist, wer Glück einfach in die Zukunft verschiebt, der kann das Geschenk des Lebens, das Fest, das Gott bereitet hat, nicht heute und nicht jetzt leben.

Beschäftigung als Ausrede. Ziele als Grund, die Zusagen des Augenblicks nicht einzulösen. Ich habe Zeit, die Frage ist nur wofür. Der Umgang mit der Zeit spielt eine wichtige Rolle beim Zugehen auf das Reich Gottes. Den lieben Gott auch einmal einen guten Mann sein zu lassen ist offensichtlich genau das, wozu Gott selbst uns einladen will. Unser Leben sei ein Fest, schlägt er uns heute am Sonntag als Lied, vor allem aber als Lebensprogramm vor.

Das kann Wirklichkeit beim Familienfrühstück oder beim Morgen im Bett werden. Wann und wo ich den lieben Gott einen guten Mann sein lasse, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass ich dieses Fenster in meinem Terminkalender offen halte und dass ich bewusst den diesen guten Mann als Gastgeber sehe!

Aber was ist mit mir, wenn ich die Einladung ausschlage, wenn ich meine, ich bekomme es selbst besser hin, wenn ich eben beschäftigt bin und meine, eine gute Entschuldigung zu haben? Kommt dann nicht doch wieder eher der ungnädige Vater ins Bild, einer, der die Türe zuschlägt und sagt: von jenen Männern, die eingeladen waren, wird keiner von meinem Mahl zu kosten bekommen.

Dass ich nie mehr eingeladen werde, das genau steht nicht im Text. Beschrieben wird im ganzen Gleichnis, dass die Eingeladenen es selbst in der Hand haben. Sie haben die Wahl.

Ich selbst muss einfach nur hingehen, mein Leben ein Fest sein lassen wollen. Ich muss die Einladung einfach nur annehmen. Amen.

Geduld ist eine Tugend

Worauf kommt es im Leben an?

Diese Frage stellen nicht nur wir uns heute, schon vor zweitausend Jahren fragten sich die Leute, worauf es ankommt.

Auch von Jesus wollten sie wissen, welche Antwort er bereit hat.


1 An jenem Tag verließ Jesus sein Haus und setzte sich am Meer nieder. 2 Da liefen die Leute in großen Scharen bei ihm zusammen, so daß er ein Boot bestieg und sich dort setzte, während das ganze Volk am Strand stehen blieb. 3 Und er redete viel in Gleichnissen zu ihnen und sagte: „Sieh, ein Sämann ging, um zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg – da kamen die Vögel und fraßen es auf.

5 Anderes fiel auf Felsboden, wo nicht viel Erdreich liegt, ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. – 6 Kaum stand die Sonne am Himmel, da wurde es versengt, weil es nicht hatte Wuzeln fassen können.

7 Anderes fiel unter die Dornen. Die Dornen schossen empor – und erstickten es.

8 Anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht: das eine hundertfach, das andere sechzigfach, das dritte dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!“

Geschichten und Gleichnisse als Antworten haben eine besondere Gabe. Menschen mit „ja, ja“ und „nein, nein“ zu antworten, erfordert Präzision und Mut. Mut insbesondere dann, wenn fehlende Qualitäten und Eigenschaften der Fragenden kritisiert werden müssen, um eine ehrliche Antwort zu geben.

Doch solche Ehrlichkeit verschließt oft die Herzen der Fragenden. Darum also die schöne Verpackung einer Erzählung. Sie wirbt indirekt für die Wahrheit: sie öffnet ihr Ohr und Herz.

Die Frage war: worauf kommt es an im Leben?

Die Antwort liegt auf der Hand. Wir müssen uns nur die verschiedenen Schicksale der Körner vor Augen führen.

Da sind zunächst die, die oben liegen bleiben. Sie sind auf die breite Straße des Lebens gefallen und mir ist, als fragten sie weder nach woher oder wohin des Lebensweges. Sie bleiben an der Oberfläche. Ich kenne Menschen, die bleiben ihr ganzes Leben lang an der Oberfläche. Sie fragen nicht danach, wie und was der Mensch ist, Fragen, die du nur beantwortet bekommst, wenn du bei dir selbst in die Tiefe steigst. Auch noch so viele menschliche Begegnungen bringen keine Einsicht in das Wesen des Menschen, wenn er nicht an sich selbst beobachtet und lernt.

Diese hier aber haben keinen Tiefgang; sie sind eben oberflächlich.

Das ist nicht gut, will Jesus uns sagen, denn sie werden schnell Opfer von denen, die sie benutzen wollen. Opfer solcher beispielsweise, die behaupten: ich habe dich zum fressen gern – aber in Wahrheit interessieren sie sich gar nicht für mich, sie wollen nur, daß ich ausführe, was sie wollen. Ich bin Handlanger, Stimmvieh, Punkt in der Masse und letztlich benutzen sie mich, um selbst satt zu werden.

Dann sind da die, deren Wurzeln den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Wir wissen, zarte Pilze können Teerstraßen durchbrechen und Wurzeln können Fundamente sprengen. Doch diese hier bemühen sich nicht, sie geben sich mit der dünnen Mutterkrume zufrieden, die der Wind in irgendwelche Löcher geweht hat. Sie nehmen, was kommt. Das sind die Schnellebigen. Die, die sich immer anpassen. Sie haben keine wirkliche eigene Meinung, zeigen kein Profil. Sie sind sozusagen eigentlich gar nicht wirklich. Denn wer ist, hat Ecken und Kanten, hat ein ganz einmaliges Erscheinungsbild und Wesen.

Sie haben nichts zu geben, denn in Wahrheit sind sie nichts.

Wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

Und dann sind da die armen, die im Gerangel untergehen, erstickt von den Dornen einer nach oben strebenden Gesellschaft. Die, denen die Stiche und Gemeinheiten der anderen wehtun. Empfindsame Seelen, sensible Menschen. Die, denen das Licht zum Leben genommen wird, weil andere sich über ihnen breit machen: Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, geltungssüchtige Mitmenschen oder Partner.

Sie gehen kaputt im allgemeinen Drägeln und Schieben nach oben, nach vorne, nach Geld und nach Ansehen.

Das sind die, die im Leben unter die Räder kommen, underdocks auch, Schwarze in den amerikanischen Ghettos, Kindermassen in Indien, Frauen in patriarchalischer Industriegesellschaft, Mädchen im afrikanischen Stammesislam, Bauern im aufstrebenden China, Menschen anderer Meinung in Diktaturen.

Sie werden mundtot gemacht, nicht an die Oberfläche der öffentlichen Meinung gelassen. Sie verkümmern, weil sie niemand gelten läßt oder gar fördert.

Ja und dann, dann sind da endlich die, zu denen wir so gern gehören. Denen es wohlgelingt. Offensichtlich wissen sie, worauf es ankommt im Leben. Und Glück haben sie gehabt. Die Gnade der richtigen Geburt ins richtige Land zur richtigen Zeit, liebevolle Eltern, gute Anlagen, geeignete Erzieher.

Und wissen:

– wir brauchen Tiefgang beim Nachdenken über die Zusammenhänge der Welt und darüber, wie menschliches Miteinander gut funktionieren könnte;

– wir haben Profil und dürfen unsere Persönlichkeit zeigen, tun, was ich als richtig erkannt habe, selbst wenn andere es anders machen würden;

– wir sind rücksichtsvoll und achten darauf, daß niemand unter die Räder gerät oder in unserem Schatten erstickt.

Schauen Sie sich selbst an. Ich habe ihnen das Beispiel zum Anfassen mitgebracht. Sonnenblumenkerne. Samen, die der Sämann gern streut. Es ist eine lohnende Saat. Sie trägt alles in sich. Die Kraft und das Programm, eine stattliche Blume, 1,50 m hoch und mit sonnengelbem Flammenrad zu werden.

An der falschen Stelle aber auch Vogelfutter.

Hundertfach kann sie tragen, wenn´s gelingt, oder einfach nur ein Häufchen Elend, wenn´s mißlingt.

Worauf kommt es an im Leben?

Auf die Wurzeln, liebe Gemeinde! Es kommt darauf an, woraus wir leben!

Meine Intelligenz kann ich nicht ändern und meinen geistigen Horizont nur in beschränktem Maße erweitern.

Meine Persönlichkeit habe ich ererbt. Ich kann mir vornehmen, mich anders zu verhalten, doch ich falle immer wieder in die alten Schemata zurück.

Für das Land, in das ich geboren werde und die gesellschaftliche Stellung meiner Geburt kann ich nichts.

Das eine oder andere kann ich ändern, das meiste jedoch nicht. Und doch hat dies alles: das Veränderbare vor allem aber das Unabänderliche zwei Gesichter. Und darum kann sich mein Verhalten in zwei Richtungen entfalten. Der Wille trägt dabei oft nicht weit. Meine Meinung und meine Einstellungen zu allem aber folgen meinem Glauben.

Mein Gottvertrauen entscheidet darüber, ob ich in mittelgutem Boden mehr den Fels oder mehr die Muttererde sehen kann. Ob das Glas schon halbleer oder noch halbvoll ist. Ob dies Leben ein Kampf, etwas zum besitzen ist, oder das Geschenk, mich entfalten zu dürfen.

Vertrauen in Gott, den Vater, ist das Geheimnis einer guten Lebenseinstellung.

Vertrauend kann ich Ansprüche an mich lockern und Druck auf andere lösen.

Gut dran ist ein Mensch, der Gott vertraut. Er ist wie ein Baum am frischen Wasser, wie ein Samenkorn, das gute Wurzeln schlägt.

Amen.

LITURGIE ZUR PREDIGT ÜBER MT 13, 1-9

Eingangspslam

92 im Wechsel

Text 740, S. 1169

Schuldbekenntnis

Wer hat schon die Kraft,

immer in die Tiefe zu gehen,

alles zu ergründen,

Verantwortung bis ins letzte zu übernehmen?

Wer hat schon die Kraft,

die Wahrheit gegen alle Widerstände durchzusetzen,

ihr zum Recht zu verhelfen,

selbst, wenn mit selbst schon Unrecht zugefügt wird?

Wer hat schon die Kraft,

stets zu verzeihen, Neuanfänge zu säen,

und dabei alle verletzten Seelen ausfindig zu machen

und sie zu heilen?

Herr, wir erkennen, daß wir oft zu kraftlos,

müde, selbstbezogen sind,

um Deine Welt durchzusetzen;

Herr, hilf unserer Schwachheit ab!

Gnadenzuspruch

Seid ermutigt; denn so spricht der Herr, unser Gott:

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun!“ (Hes 36, 26)

Kollektengebet

Kraft wollen wir in diesem Gottesdienst sammeln, Kraft für Aufbrüche, Aufbrüche zu mehr Tiefgang, zu nötigem Widerstand, zur Hilfe für die Schwachen und Unterdrückten, Kraft für ein Leben nach Gottes Bild.

Dann werden wir sein wie ein Baum am Wasser des Lebens.

Und unseren Mitmenschen werden die Füchte unseres Tun köstlich erscheinen.

Fürbittengebet

Wir bitten für die Oberflächlichen,

daß sie Freude am Nachdenken finden,

daß sie kritisch im rechten Augenblick

und voll Tiefe in ihren Gefühlen sind.

Wir bitten für die,

die gern den Weg des geringsten Widerstands gehen,

daß sie die Lust an der Beharrlichkeit

und den Triumph erfolgreicher Ausdauer kennen lernen.

Wir bitten für die Schwachen in jeder Gesellschaft,

daß die Dornen neben ihnen weniger stachelig

und die, die sich über ihnen breit machen

weniger ereinnahmend sind.

Uns allen schenke das Vertrauen,

das uns die tiefen Zusammenhänge erkennen,

den nötigen Widerspruch aussprechen

und den Dank für empfangene Gnade empfinden läßt;

haben läßt das

Vertrauen zu Dir, Vater Unser …