gehalten

Traueransprache für

Wolfgang Ströher

über

Ps 73, 23.24.

Nun aber bleibe ich auf immer bei Dir. Du hast mich an meiner rechten Hand ergriffen. Nach Deinem Ratschluss wirst Du mich leiten und am Ende nimmst Du mich auf in die Herrlichkeit.

Zu Gott zu gehören, hat etwas ungemein Tröstliches. Der Konfirmationsspruch Wolfgangs nimmt das Bild von Mutter und Kind auf. Wenn ein kleiner Mensch nicht mehr weiter weiß, dann hilft es, seine Hand zu nehmen und das Kind zu führen. So einfach kann das für eine souveräne Kraft sein. 

Gott ist erst recht gefragt, wenn wir ganz und gar ohnmächtig, nämlich gestorben sind, dann unsere Hand nicht zu lassen sondern dahin zu führen, wo es gut für uns ist.

Zu unseren Lebzeiten kann so etwas auch durch die Hand von Freunden oder die der Eltern geschehen, so kann Gott in unserem Leben erlebbar sein, dass Eltern unser Leben so bahnen, dass wir vor Schaden bewahrt werden, dass wir diese elterliche Leitung als wohltuend erleben. So war das im Leben von Wolfgang.

Am 11. Dezember 1938 in Traben geboren, wuchs er dort auf, besuchte die Grundschule und dann in Traben Trarbach das Gymnasium. Dass er sein Abitur aber am Gymnasium von Zell absolvierte, diesen Wechsel verdankte Wolfgang der Aufmerksamkeit seiner Eltern. Entschieden hielten sie Schaden von ihrem Sohn fern, nahmen ihn gleichsam an seiner rechten Hand und schulten ihn um. Sie wissen warum. Und auch er dankte rückblickend für Sensibilität und Durchsetzungsfähigkeit seiner Eltern.

Eben diese Erfahrung von aufmerksamer Geborgenheit hat ihn später auch als Vater geleitet. 1961 hatten Sie, Helga, und er in Trarbach geheiratet. „Was macht einen Menschen glücklich?“ dieser Frage ging er als Vater von Ihnen beiden, Michael, geb. 1962 und Kerstin, geb. 1967 nach. Und die Antwort kennen Sie: er folgte der Maxime, fördere die Interessen Deiner Schützlinge, ermutige sie, lass sie in die Zukunft schauen, denn genau dieses Land von morgen gehört ihnen, wenn sie sich darin verwirklichen können.

Das ist so hilfreich anders als viele andere Eltern ihre Kinder leiten. Sie folgen ihren Interessen und ihrem Ehrgeiz.

Wolfgang dagegen sah von sich selbst ab. Nun ist ihm das nicht schwer gefallen. Denn er war von Natur aus ein Mensch, der von sich nicht viel Aufhebens machte. Einmal im Jahr die nötige Kleidung besorgt, das spricht eine klare Sprache gegen jeden Verdacht von Eitelkeit. Darstellung war ihm unwichtig.

Wichtig dagegen war ihm, seinen Prinzipien folgen zu können. In dieser Hinsicht war er sehr strukturiert. Ja, vielleicht war sogar der Kleidungskauf ein feststehender Eintrag in seinem Kalender.

In anderen Dingen dagegen war er sehr offen und visionär. Menschen und ihrem Verhalten gegenüber war er tolerant, sah das Herz, der betrieblichen Entwicklung sah er mit optimistischer Freude entgegen und arbeitete genau einer solchen glänzenden Zukunft in die Hand. In menschlichen wie beruflichen Dingen können wir ihn einen Optimisten nennen.

Er dachte das Gute von den anderen.

Und selbst verhielt er sich ihnen gegenüber fair, gerecht und immer großzügig. Gern zu geben, das war ebenfalls eine seiner Tugenden.

Anzunehmen dagegen, das fiel ihm etwas schwerer. In Umkehrung der Volksweisheit „geben ist seliger denn nehmen“ möchte ich vorsichtig zu bedenken geben, dass auch nehmen zu können eine Persönlichkeitsfrage ist. Vielleicht gehört es zum Licht von Wolfgangs positiven Charakterzügen, dass auf der Schattenseite die Befürchtung lag, in irgendjemandes Schuld zu stehen.

Nach den Jahren der Ausbildung in Bernkastel, den ersten Arbeitsplätzen in Mainz, dann in Frankfurt, Oberroden, Mannheim kam 1969 die Zeit in Luxembourg, die genau dieses freie Feld für eine aufzubauenden Zukunft anbot. Eine Generation lang, 30 Jahre, gestaltete Wolfgang an verantwortlicher Stelle die Entwicklung und Blühte der Deutschen Bank an diesem Standort.

Kurz nach Einführung des Euro verabschiedete er sich in den Ruhestand. Noch einmal eine halbe Generation lang war Ihnen beiden ein erfülltes Leben, Reisen auf den Spuren anderer Kulturen und ein Alltag begleitet durch ein angenehmes Kunstprogramm beschieden.

Dann warf die Krankheit ab 2014 ihre Schatten voraus. Zunächst kaum wahrzunehmen, dann zunehmende Unruhe und hörbarere Sprachstörungen.

So gut oder so belastend es auch verlief, im Grunde ist Wolfgang nun an der Demenz verstorben.

Er ist aus der Welt gegangen, für die ihm mehr und mehr die Begriffe fehlten.

Darum ist das Vertrauen in den festen Griff Gottes so wichtig. Auch wenn wir körperlich sterben, gehen wir nicht verloren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Gewissheit Wolfgang seinem Schöpfer zurückgeben können.

Ich bin mir gewiss: jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes; und als solcher bleiben wir, die Sterblichen, vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Lassen Sie sich trösten, dass mit uns auch Wolfgang fest zu Gott gehört. Er nicht aus seiner Hand fällt; im Gegenteil, dass sein Konfirmationsspruch genau jetzt Wahrheit ist und wird und Wolfgang erlebt: und am Ende nimmst Du mich auf in Herrlichkeit.

Amen.

im Aufbruch

Beerdigungsansprache für

Herbert Reichertz

über Ps 31, 9

Herr, du stellst meine Füße auf weiten Raum

Liebe trauernde Familie, liebe mittrauernden Freunde. Ein Dankeslied steht über der Würdigung von Herbert. Der Psalmist singt davon, dass er nicht in Gefangenschaft geraten, sein Bewegungsraum nicht eingeengt wurde, sondern dass er sich bewegen kann, wohin er will. Freiheit ist es, wofür er dankt.

Bewegungsmöglichkeit, Freiheit, das spielte auch für Herbert eine wichtige Rolle. Seine Sportarten zeugen davon.

Doch fangen wir mit den Anfängen an. Mit dem vorletzten Januartag 1952. Da wurde er bei Zemmer Rodt geboren. Von Freiheit war da nicht viel die Rede. Im Gegenteil. Die Welt war einfach und beengt. Das Wasser wurde am Ol Ecken noch aus dem Brunnen geholt und Strom gab es noch nicht lange. Die Familie war ein Selbstversorger. Seinen Vater hat Herbert nicht kennengelernt, denn der starb früh. Seine Mutter erzog die Kinder. Er war der jüngste unter fünf Geschwistern. Die Mutter soll ein guter Mensch gewesen sein, ihre Schar aber streng erzogen haben.

Von Freiräumen war nicht die Rede, bewegen mussten sich die Kinder, arbeiten und vor allem täglich weite Schulwege zu Fuß bewältigen. Herbert besuchte die in Rodt. 

Mit 14 hieß, eine Ausbildung zu machen. Das Schulabschlusszeugnis in der Tasche, entschied sich Herbert für eine Lehre bei der Bahn. Es mag die Vernunft gewesen sein, vielleicht aber blinkt hier zum ersten mal die Sehnsucht nach der Ferne, nach Reisen in seinem Leben für uns wahrnehmbar auf. Und tatsächlich setzte ihn diese Berufsentscheidung in Bewegung. Zunächst an der Schranke, die noch gekurbelt werden musste, doch dann auch durchs Rheinland und das Saarland. Seine Einsatzorte sind nicht vollzählig, wenn mir einfällt: Trier – Ehrang – Daufenbach – Kordel – Saarlouis – Saarbrücken; aber die Liste gibt einen Eindruck von der Beweglichkeit, die man ihm abverlangte und die er auch gern an den Tag legte.

Herbert entdeckte parallel zum Beruf seine Liebe zum Wandern, zum Reisen im Wohnmobil. Seine Füße auf weiten Raum gestellt zu wissen, das erfüllte ihn. Auch erfüllte das Radfahren diese Sehnsucht nach Bewegung in der Weite.

In seiner ersten Berufsphase, begonnen hatte er 1966, ereignete sich nun etwas Wunderbares. Zu seiner Jugendliebe Brigitte hatte er stets Kontakt gehalten. Das war nicht immer einfach über die Entfernung und angesichts der damaligen Möglichkeiten. So entwickelte sich eine Postkartenliebe. Noch heute legen die Karten Zeugnis von der jungen Liebe ab. Herbert Grönemeyer singt vom „Stück Himmel“, das diese Texte beschreiben. Er bestätigt, dass auch Herbert und Brigitte sich gegenseitig bestärkten. Später wurden aus den Karten Zettel, die sich die beiden hinlegten, denn wenn der eine zur Nachtschicht aufbrach, kam der andere gerade nach Hause. Wieder singt Grönemeyer im Blick auf seine Liebe davon, was auch hier gilt, dass es verschworene Gemeinschaft zwischen den Eheleuten war. Es waren sozusagen geschriebene Küsschen, mit denen sich Sie beide behalfen.

Im Mai 1972 wurde geheiratet. Und sechseinhalb Jahre später, im September 1978 machte Sascha aus dem Paar eine Familie.

Nicht umsonst hatte Herbert die Beamtenlaufbahn gewählt, eine Welt nach Fahrplan, etwas, das seine Regeln hat, das entsprach seiner Ordnungsliebe. Er hatte einen entwickelten Ordnungssinn.

Der Blick in sein Berufsumfeld gibt aber noch einen anderen Zug von ihm frei. Das ist der auf sein kameradschaftliches Herz. Herbert wird richtig gezeichnet, wenn wir wissen, dass seine Kollegialität über den Dienstschluss hinaus reichte. Oft trafen sich die Kolleginnen und Kollegen nach Feierabend und in der Freizeit. Aus den Beziehungen entstanden gar Freundschaften. Beziehungen, die auch die Pensionierung übersprangen und bis in die jüngste Zeit aktiv blieben.

Dieser Geist, nicht aufzugeben, Dinge fortzuführen, bei der Sache zu bleiben, Kontinuität und Durchhaltevermögen an den Tag zu legen, das war ebenfalls Herbert.

Und das zeichnete ihn auch in der Krankheit aus. Die Lungennekrose schränkte seine Beweglichkeit immer mehr ein. Sie bestimmte seinen Radius. Der Umzug von Mariahof in die Erdgeschosswohnung in Ehrang geht auf sie zurück. Am 20.06 vergangenen Jahres ist er anlässlich des 90. Geburtstags seines Schwiegervaters zum letzten mal vor der Tür gewesen.

Auch hier gilt noch einmal, was Grönemeyer angesprochen hat, dass Paare sich wechselseitig schieben. Mal ist der eine stark und kann helfen, dann gibt es Phasen, in denen der andere der Gebende ist.

Die Krankheit hat Herbert gezeichnet. Wer ihn vor zwei Jahren kannte, sieht noch das überdurchschnittlich junge Gesicht vor sich. In wenigen Jahren haben die Anstrengungen und die Atemnot einen ausgezehrten Zug in sein Gesicht gegraben.

Nun ist Herbert am 08. Januar, drei Wochen vor seinem 69. Geburtstag gestorben. Für seine Familie und Freunde bedeutet dies Abschied zu nehmen. Aber für ihn selbst geht in Erfüllung, wovon der Psalm singt, dass Gott nun keine Grenze mehr zieht, alle Not, alle Einengungen vorüber sind, Herberts Füße nun wirklich auf weiten Raum gestellt sind. Es ist der grenzenlose Raum der Ewigkeit. Und, noch wichtiger, es ist der Raum, der von Gottes Liebe erfüllt ist, denn Herbert darf nun sein, wo sie ihm scheint.

in Kürze Weihnachten

Heilig Abend 2020, Vesper

Begrüßung

Willkommen, liebe Weihnachtsgemeinde. Die Sensation gleich vorneweg: Gott hat eine Adresse. Jawohl, eine neue Adresse – nicht mehr hocherhaben jenseits aller Wolken, nicht mehr unerreichbar und unverständlich – eine neue Adresse hier unten auf der Erde. Das ist der Grund, warum wir zusammen sind und den es zu feiern gilt.

Lesung nach Phil 2, 6 – 8, 5:

Er, der in göttlichem Dasein lebte,

hat das nicht als Privileg angesehen,

Gott gleich zu sein,

nein, er hat darauf verzichtet,

um statt dessen Gestalt eines Knechts anzunehmen,

so eben, wie die Menschen leben – ihnen gleich.

Unter den Bedingungen menschlichen Lebens

war er zu finden.

Er hat sich selbst zurück genommen,

gehorsam war er, bis hin zum Tod am Kreuz.

Bemüht euch im Umgang miteinander dem zu entsprechen,

was in Jesus Christus zu Geltung gekommen ist.

Predigt

Gott hat eine neue Adresse, nicht mehr hoch oben im Himmel, sondern hier mitten unter uns auf der Erde. Das ist eine gute Nachricht. Und sie kommt nicht allein. Denn mit der Stallgeburt in Bethlehem wird gleichzeitig deutlich, dass Gottes Nähe nicht mehr brandgefährlich ist, wie es das Alte Testament wieder und wieder darstellte. Dornbüsche entflammten. Ihn zu schauen galt als unerträglich, als ob wir vor ihm vergehen müssten. 

Ein wenig Glut ist geblieben, denn die Liebe macht´s. Sie macht die Nähe erträglich. Sie überwindet die Ferne und Gott kommt uns von sich aus nah. In erträglicher Weise. Das heißt so, dass wir ihn verstehen können. In menschengerechter Weise. Eben als Mensch.

Das ist die eigentliche Botschaft vom Kind Gottes in der Krippe.

Eine Herausforderung bleiben dieser Wandel und diese neue Nähe für uns trotzdem. Denn schon 1000 Jahre vor seinem Umzug hierher auf die Erde hatten seine Propheten gepredigt, er wolle Herzen und keine Brandopfer. Er wolle helfende Hände und nicht nur schöne Worte.

Offensichtlich stehen wir uns beim Umsetzen gern im Weg., halten Augen und Ohren verschlossen. Darum hat er uns in Jesus vorgelebt, wie es sein soll. Der heruntergekommene Gott. Das ist eine Wegweisung für die einen, und für die anderen immer noch eine Provokation, ja eine Anklage.

Denn schon zu Jesu Jahren haben die Schriftgelehrten und angeblichen Besitzer der Wahrheit sich an ihm gestoßen, ihn einen Gotteslästerer geschimpft und den anderen war er eine ethische Überforderung. Der Ruf „kreuzige ihn!“ kam am Ende dabei heraus. Es ist schwer, den heruntergekommenen Gott zu ertragen. Nicht mehr fromm aufschauen und nicht mehr in die Ferne abschieben zu können. 

Jesu Wahrhaftigkeit war nicht nur für die buchstabengenauen, für die Wahrheitsbesitzer eine Provokation, sie fordert dich und mich heraus. Sie fragt nach meiner und deiner Einstellung, nach unserem Wort, misst uns an unserem Einsatz.

Denn der heruntergekommene Gott liegt zwischen seinen geflüchteten Eltern im Lager auf Moria in einem Bett ohne Matratze, er kauert sich im lecken Schlauchboot zwischen die anderen hoffnungsvoll Ängstlichen, er ist mitten unter den Rohingyas und er ist in uns, wenn wir um unsere Standpunkte ringen.

Die Fotografin Alea Horst hat ihren gefunden. Vom Trierischen Volksfreund interviewed klagt sie an. Im Lager Moria „gibt es immer noch keine Duschen, nur einmal am Tag sehr schlechtes Essen … Was Europa mit den Menschen dort macht, ist abartig und pervers … Die Menschen fragen mich, warum man sie wie Vieh behandele. Ich kann ihnen diese Frage nicht beantworten“.

Ja, das Stroh der Krippe bietet wenig Schutz. Es kratzt und sticht. Dem Weihnachtsidyll soll der Vorhang heruntergerissen werden. Die Bedingungen menschlichen Lebens können uns einiges abverlangen.

Bemüht euch im Umgang miteinander dem zu entsprechen, was in Jesus Christus zur Geltung gekommen ist.

Ja, Gott ist uns nah gekommen. Bis an die Herzhaut. Und die Wahrheit ist: Er kommt immer dann zur Welt, wenn wir im Gesicht der Mitmenschen die Geschwister erkennen.

Genau dann kommt Gottes ferne Welt uns nah, genau dann wird seine Wahrheit unter uns Wirklichkeit.

Kommen wir selbst runter vom hohen Ross, vom Anspruch an unsere Politiker, sie müssten uns die Unbequemlichkeit, das Engagement vom Leib halten, kommen wir runter vom Glauben an unsere Privilegien, kommen wir selbst runter auf den Boden der Tatsachen, dass diese Welt Gottes wahre Adresse sein will, und es an unserem Herzen, unserem Mut und unserem Engagement liegt, ob, wo und für wen wahrhaft Weihnachten wird.

Fürbitten

Wir empfinden mit den Menschen, die für ihren Glauben an den nah gekommenen und gerechten Gott eintreten und darum in China einsitzen;

wir sind solidarisch mit den Menschen, die für ihre Freiheit und Mitbestimmungsrechte gegen Lukaschenko und andere auf die Straße gegangen und verhaftet worden sind;

wir beten für die Angehörigen der Opfer der Trierer Amokfahrt und für die, die die grausigen Bilder nicht aus dem Kopf bekommen;

wir hoffen für die, die vor Krieg, Verfolgung, Vergewaltigung, Ungerechtigkeit, Zerstörung, Aussichtslosigkeit geflohen und in Lagern gestrandet sind – so soll ihr Dasein um Himmels Willen nicht sein.

Ermutige uns, dass wir unseren Beitrag leisten und dadurch in Deinem Sinne Weihnachten wird, Du erlebbar und nah kommst, wo die Not am größten ist.

beim Wort genommen

Ansprache für Günter Michalke

18. Dezember 2020, Gutweiler, Pfarrkirche Cosmas und Damian

über

Joh 20, 24 – 28

Thomas aber, einer von den Zwölfen mit dem Beinamen Zwilling, war nicht dabei, als Jesus zu ihnen gekommen war. Die anderen Jünger sagten zu ihm: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Doch er gab ihnen zurück: „Wenn ich nicht an seinen Händen die Nägelmale sehe und meine Finger an die Stelle der Nägel und meine Hand an seine Seite legen kann, werde ich es nicht glauben.“ Acht Tage später nun waren die Jünger wieder drinnen beieinander, und diesmal war Thomas mit dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“ Und dann zu Thomas: „Lege deinen Finger hierher und sieh hier meine Hände, nimm deine Hand und lege sie hier an meine Seite – und sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig!“ Da sprach Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“

Gemeinschaft, Skepsis und die Macht des Wortes, davon spricht der Evangelist hier. Das Diktum dieser drei, als wäre es über das Leben von Günter Michalke gesetzt! 

Natürlich ist ein Leben mehr als wir hier in ein paar Sätzen beschreiben können. Mehr auch, als ich unter der Überschrift dieser drei entfalten kann.

Doch die Achsenstunden seines Lebens, Schicksalsmomente auch, und die Kontur seiner Persönlichkeit gehören unter diese drei: Gemeinschaft, Skepsis und das Wort.

Denn Günter Michalke, von seiner Frau auch liebevoll Micha genannt, und am 08. Juni 1929 zu Berlin geboren war Einzelkind. Früh lernte er, seinen Gedanken folgen zu dürfen und diese ungestört zu entfalten. Gern hätte seine musikalische Mutter erlebt, dass der Junge das Klavierspielen erlernt. Allein, Günter genügte das Hören. Später gab es kaum eine Musik, die er nicht kannte, erkannte und zuordnen konnte.

In der Mitte seiner späteren Familie, seiner Frau und seiner beiden Kinder, aber auch als Gastgeber im Fokus seiner bei ihm versammelten und diskutierenden Studenten und nicht zuletzt in der Runde der im Hause Michalke stattfindenden Bibelkreise wusste er sich gut aufgehoben und genoss die Gespräche und Debatten vordergründig zwar um der Inhalte willen, doch im Herzen wegen der erlebbaren Gemeinschaft, die im Haus Im Brühl in Gutweiler so warmherzig gepflegt wurde.

Diese Nähe kompensierte etwas von der Trennung und Verlorenheit, die der 15 Jährige im Häuserkampf um Berlin erleiden musste. Mit 220 anderen Jungen wurde er mit Panzerfaust und Maschinengewehr in die Schlacht geschickt, die von Anfang an verloren und nichts anderes als ein Schlachten war. Nur acht dieser Jungen haben den Untergang der Reichshauptstadt überlebt. Bis in seine letzte Stunde sah er die sterbenden Kameraden vor seinem geistigen Auge in ihrem Blut inmitten der Trümmer Berlins liegen.

Eingraviert also in ihn die Sehnsucht nach überwindender, nach überlebender, überzeugender Gemeinschaft.

Zunächst aber holte der wider Willen früh gereifte Knabe 1948 sein Abitur nach  und studierte an der TU Berlin.

Ein Schlüsselerlebnis für seine Studienwahl ereignete sich in der Zeit der Kinderlandverschickung in der Tschechoslowakei 1943. Mit den Eltern eines besuchten Freundes und diesem machte er einen Ausflug nach Olmütz. Eigentlich hatte Günter vor, Schiffe zu bauen. Doch nun angesichts des zu Beginn des 12. Jahrhundert gegründeten Wenzels Dom, seiner drei himmelstrebenden Türme und der überragenden Gewölbe wurde er von einer Begeisterung ohnegleichen hingerissen und rief „Ich werde Architektur studieren“. Intuitiv begriff er, dass die Baumeister der Gotik die normannischen Bootszimmerleute waren, die Schiffsrümpfe mit ihren Spanten drehten und so die Stabilität der Kreuzrippengewölbe erfunden haben.

Und er las sich ein. Er stieß auf die Lichtmetaphorik der gotischen Kathedrale, dass sie der hell durchflutete Edelstein in der Mitte der Stadt, im Zentrum des himmlischen Jerusalems sein solle. Abbild der himmlischen Harmonie auch hier auf Erden durch das Zahlenspiel mit der Mathematik, die über die Übersetzung des Aristoteles aus dem Arabischen ins Latein des Hochmittelalters kam, die Statik wachküsste und die rein erfahrungsdimensionierte Steinkunst der Romanik ablöste.

Günter war begeistert. Er baute Modelle, die heute noch erhalten sind. Er rechnete, zeichnete und entwarf.

Ein erstes Architekturbüro beschäftigte ihn in Düsseldorf. Dann folgte die Schicksalsstation Saarbrücken, die ihn 1959 Ingeborg auf dem Münsterturm von Straßburg treffen ließ.

Die beiden erkannten, dass die neugierig fragende Ingeborg und der in allen Fachrichtungen kompetent Auskunft gebende Michael ein gutes Gespann sein würden. Nach der Hochzeit folgten drei Jahre in Köln, wo 1961 Nele aus dem Ehepaar eine Familie machte. Die acht Jahre im schwäbischen Biberach schenkten Nele einen alemannischen Zungenschlag und 1967 eine Schwester: Berenike.

Die Gründung der Universität Trier, derer wir in diesem Jahr gedachten und die gewaltigen Bauvorhaben auf den Tarforster Höhen hatten auch die Michalkes an die Mosel gerufen. Günter wirkte am Gebäudegrundkonzept, ebenso am Landschaftsbild des Hochschulgeländes mit und entwarf letztendlich die Universitätsbibliothek der Einrichtung. Seine erhaltenen Modelle zeugen von einem ganz anderen Dach, das er ursprünglich vorgesehen hatte. Ein Zeltdach für die Unibibliothek, ähnlich dem seines Eigenheimes.

Zu Hause wurden die Töchter Nele und Berenike flügge und es scharte sich eben jene Zuhörerschaft auch im privaten Raum zusammen, die den Architekten und Dozenten Günter als inspirierend und bereichernd schätzen gelernt hatten. Dies nicht zuletzt in den 13 Jahren seiner Dozentur an der Fachhochschule im Bereich Baugeschichte und Architektur-Betrachtungen.

In die Gemeinschaft vor allem der Bibelkreise brachte sich sodann der seit 1986 verrentete Micha mit aller Skepsis ein. Er, der getaufte Katholik, betrachtete die Botschaft der Konfessionen mit Nachdenklichkeit. Er war gleichsam selbst der Thomas in der Runde der Bibelleser. Günter war ein suchender Zeitgenosse. Oft hörte er den Diskutanten lange zu, ehe er sich zu Wort meldete. Er brachte seine Anfragen auf dem Fundament seiner enormen Belesenheit vor, sein kritisches Hinterfragen hatte immer einen Hauptnenner: das absolut Gute. Ganz klar: der Skeptiker Micha war ein Idealist. Er fragte nach dem, was an Gutem für die Menschen aus den Entscheidungen der Politik und den Satzungen der Religion ersprießen könne.

Er stellte Querverbindungen her zwischen Mathematik und Musik, Architektur und Geschichte, der Bibel und neuerer Literatur, er verstand sich auf die Zahlenmystik der Gotik und die Botschaft ihrer Gebäude ebenso wie auf Rudolf Steiners Auslegung der Bibel.

Berühmte Musiker ertauben – Günter, der Mann der Zeichnungen, der Baumeister, Schöpfer optisch wahrnehmbarer Gestalt erblindete. Je weniger er sah und neu lesend aufnehmen konnte, desto wichtiger wurde ihm das Wort. Das erlernte, das erlesene, das erinnerte, aber auch das himmlische Schöpferwort. Nach Gott fragte er, blieb neugierig auf ihn, diskutierte mit der Familie und dem Bibelkreis.

Meine Finger an die Stelle der Nägelmale legen, das hat nicht nur etwas Skeptisches, es hat von der Theatralik eines, der ein dramatisches Geschehen nachzeichnen will, ja der hineinkriecht ins Geschehen und es ganz genau wissen möchte. Das wollte Günter. Es genau wissen. Darum las er – bis, ja bis die nachlassende Kraft der Augen ihm dies verbot. 

Erblindet – und auch hier bieten die Worte des Evangelisten eine parallele Deutung an – war Micha aufs Fühlen geworfen.

Dieses Gefühl zeigte sich zuletzt vor allem in der Dankbarkeit. Wie ein Weiser nahm er die Welt, die eigenen beschränkten Möglichkeiten an. Er klagte nicht.

Im Gegenteil, er wusste um die Zuwendung, die im zuteil wurde und er sagte es seiner Frau, er sagte es Mariola, er sagte es seinen Kindern dieses Wort: Danke.

Nun steht der skeptische Denker Micha vor seinem Schöpfer. Dessen Wort erschließt und deutet ihm nun alles. Im Licht seiner annehmenden Liebe erkennt er sich als dessen Kind. 

Die Gemeinschaft mit Gott erfülle ihn, und dessen zurechtbringendes Wort lasse Micha die himmlische Vollkommenheit erleben. Lasse ihn schauen, was seinen irdischen Augen zuletzt nicht mehr möglich war. Das Wort Gottes, durch das jede Gleichung eine Lösung, und alle Welt ihren Frieden erhält. Das Wort eben, das überzeugt und Gewissheit schenkt, das aus Zweiflern Gläubige macht.

Amen

mit Contenance die Zeit ausgekauft

Traueransprache für Helga Israel

Osburg, St. Clemens, 09.12.2020

über

Röm 12, 12

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Drangsal, beharrlich im Gebet

Helga Israel, geb. Le Noir gehört zu den gesegneten Menschen, denen viel Zeit gegeben worden ist. Ich meine damit nicht die Jahrzehnte über die im Psalter beschriebenen „70 und wenn es hoch kommt 80 Jahre“ hinaus, die sie bis in ihr 10. Lebensjahrzehnt ausdehnen durfte,

sondern ich meine die Zeit, die sie jeweils brauchte, um sich in einem bestimmten Alter entwickeln zu können – diese Zeit wurde ihr gegeben. Das bedeutet nicht nur ein Leben in der Fülle der Jahre, sondern eines, das auch mit allen Höhen und Tiefen, Freuden und Abschieden eines solch langen Zeitraums beladen worden ist.

Dieses Leben begann für sie in Kassel im Juni 1923. Sie wurde in die Mitte einer bergenden Familie hineingeboren. Die Eltern führten eine harmonische Ehe. Auch in der Kinderschar nahm sie die Position in der Mitte zwischen den beiden Schwestern ein.

Doch dann, als sie 15 war und ihre jüngere Schwester zur Welt gekommen war, setzte auch für sie das ein, was sie für ihre Tage weiterhin geprägt hat. Die Pflicht, für andere Verantwortung zu übernehmen. Im Aufblühenlassen dieser Gabe hat sie es im Leben weit gebracht Dieses Charisma ist in ihr gewachsen und sie hat große Freude an ihm entwickelt. Sie schätzte es, in der Mitte einer wachsenden und auf verschiedenen Gebieten tätigen Familie verankert zu sein.

Wir dürfen ihre behüteten Kinderjahre als das Fundament verstehen, das ihr die Stärke gab, an sich selbst zu glauben, den nötigen Willen zu entwickeln. In ihrer späteren Kindheit streute die Ideologie der Nationalsozialisten ihre strenge Würze mit ihrer Jugendarbeit und ihrer Ideologie der Härte in ihre persönliche Entwicklung und prägte Helgas Ansatz in ihrer Pubertät.

Bedeutender war aber die elterliche Mitgift, die den Strauß verschiedenster Bezüge band, die sie wieder und wieder zum Leben herstellte. Da war zunächst der zur eigenen Herkunft. Die Familie Le Noir gab ihr den Blick frei auf eine vermögende, kulturschaffende Vorfahrenschaft. Sie war und blieb sich bewusst, dass Herkunft Identität schenkt.

Dann war da der Bezug zur Kultur. Der Vater lebte mit Vergnügen neben seinem Broterwerb als Bankkaufmann die Liebe zur Schauspielerei. Er malte. Und diese Leidenschaften im Bereich der Kunst öffneten Helga den Verstand für diese Seite des Menschseins. Sie lernte, dass der Umgang mit Kultur sprachfähig macht. So wurde die Gymnasiastin eine Freundin der klassischen Bildung.

Sie selbst wäre gern Ärztin geworden – Sie sehen, dass der Altruismus schon früh mitgegeben war. Doch spielte bei diesem Wunsch auch der Beruf ihres ersten Freundes hinein in ihre Zukunftsvorstellungen, auf dessen Heimkehr sie nach dem Krieg wartete.

Und hier wird deutlich, dass auch sie selbst sich und ihrem Leben Zeit gab. Sie wartete sieben Jahre auf den Verlobten. Eine Penelope aus Kassel, die die Bomben auf ihr Elternhaus nach Marburg vertrieben hatte.

Hier sponn sie ihre Fäden bzw. hier nähte sie, denn sie hatte inzwischen eine Lehre als Schneiderin abgeschlossen. Und hier webten wiederum die Erinnyen an ihrem Schicksal, denn sie ließen ihr nach der langen Zeit vergeblichen Wartens auf den Verschollenen  Hans Israel über den Weg laufen, der laut Papieren allerdings ordentlich Karl Theodor mit Vornamen hieß. 

1952 traten die beiden in der Elisabethkirche zu Marburg vor den Altar und gaben sich das Jawort.

Der lebensfrohe, pragmatische und handfeste Hans reimte sich auf ihr Wesen. (Symbol von sym-ballein). Beide ergänzten sich, beide machten Kompromisse. Die musikalische Begabung und die Herkunft vom Stadtbaumeister passten zu Helgas Standes- und Bildungsbewusstsein.

1953 machte Wolfram eine Familie aus den beiden. Christian kam 1954 dazu. Regina wurde der Familie im Jahre 1956 geschenkt und den Doppelpunkt setzten 1960 Roland und Gernot.

Helga wiederum sah sich in den Stunden der berufsbedingten Abwesenheit ihres Mannes in ihrer Stärke gefordert. Auch ihr Humor war ein guter Begleiter. So formulierte sie z.B. den Seufzer „Ich arme Schnecke“, wenn sie auf die imaginäre häusliche Last auf ihrem Rücken hinweisen wollte.

Wir haben aber schon erkannt, dass sie in ihren Jugendjahren zu einem Menschen geworden war, der viel einstecken konnte, ein Mensch, der nicht zum Weinen oder Klagen aufgelegt war. Jemand, der nicht intensiv über die eigene Belastung nachdachte, sondern eher die der anderen sah und Hilfe anbot. Fragte man sie beispielsweise in hohem Alter „Hast du Schmerzen?“ dann antwortete sie verschmitzt „Ich habe viele Stellen am Körper, wo mir nichts weh tut“.

Positives Denken, antrainierte Resilienz und die hohe Bedeutung der anderen, ihrer Kinder lassen in ihrem Verhalten den Rat des Apostels Paulus wahr werden: Seid fröhlich in Hoffnung … Hoffnung fehlte ihr nie. Fröhlichkeit umgekehrt ging von ihr aus und riss andere mit.

Gerade die grauen und manchmal noch hungrigen ersten Nachkriegsjahre wandelte sie für sich und die ihren durch diese ihre Einstellung in viele schöne Stunden. Sie war bemüht, eine heile Welt erstehen zu lassen, ins grau Farbe zu bringen. Unvergessen ist den Kindern ihr Abendlied, das heute noch einmal erklingen soll. So sprach sie ihnen den Abendsegen singend zu.

Aber neben der Innerlichkeit gab es auch wichtige Äußerlichkeiten, ja, den Siegelring der Israels, den schätzte sie auch, aber wichtiger war ihre Liebe zum Stricken. Unvergessen waren ebenfalls die selbstgestrickten Isländerjacken, mit denen alle ihre fünf Kinder ausgestattet wurden. Von ihrer Strickleidenschaft zeugt jener treverensische Film, in dem sie einen Sportler das Stricken lehrt und der Anfang des Fanschals im Hof der Residenz gemacht ist. Bis ins 92. strickte sie und allein an Socken sollen es 577 Paare gewesen sein.

Last but not least würde ihr Bild nicht vollständig ohne ihre Freude an der Konversation zu nennen. Sie schätzte den Austausch mit ihren Lieben, aber eben auch den auf gesellschaftlicher Ebene. Darum betrieb sie emsig die Dante-Alighieri-Gesellschaft, sorgte für das jährliche Theaterabo und nahm gern an den kulturell-gesellschaftlichen Erfolgen ihrer Kinder teil.

Sie sah in ihnen die Früchte ihres erzieherischen Bemühens und so manch praktischen Einsatzes.

In diesem Sinne wird sie selbst an zukünftigen Ergebnissen ihren Anteil und sie selbst so in der Großfamilie lebendigen Bestand haben.

Dort, wo sie jetzt ist, dürfen wir es Konversation Gottes mit ihr nennen, die sich als Annahme, als Wertschätzung, als Zurechtbringen des eventuell Unvollkommenen, als tröstliche Gegenwart ob der Verluste in ihrem irdischen Leben, kurz als Liebe buchstabiert.

Geben wir Helga also ihrem Schöpfer zurück. Er wird es wohl machen.

Amen

Warum die Wäscheklammer zum ersten Advent?

Vielleicht haben auch sie in den letzten Wochen Adventskränze gebunden. „Auf keinen Fall dürfen die Kerzenhalter geklammert werden!“, betonte unsere Anleiterin. Warum denn das nicht?, will ich wissen.

Im Advent darf man nichts festhalten, schon gar nicht festklammern, wurden wir belehrt.

Der Advent soll eine Reihe von Wochen sein, in denen alles ganz locker angegangen werden kann? Meine Erfahrung ist da eine gegenteilige. Alles ist jetzt sehr eilig, muss gut überlegt, entschieden angegangen, schnell eingepackt und gut abgelegt werden.

„Das ist ein spiritueller Aspekt“, klärt die Vorbinderin auf, „wir selbst müssen lernen, nicht festzuhalten, schon gar nicht machen zu wollen, nicht erzwingen, sondern loszulassen und so vorweihnachtliche Besinnung einzuüben.“

Mit dem heutigen Abstand erkenne ich, welche Wahrheit hinter dem Ansatz steckt. Denn tatsächlich, was das kommt, das Christfest, das will nicht herbeigezerrt werden, da brauchen wir im Kern nichts zu organisieren. Es kommt ohne all unsere Bemühungen! Das ist seine zentrale Botschaft, es möchte als ein Geschenk kommen, himmlischer Friede wird ohne unsere Vorleistungen zugesprochen, er kommt einfach im besten Sinne auf uns zu.

Vielleicht dürfen wir sogar sagen: es kommt uns zu, es steht uns zu, die Gabe, das Angebot dieses Festes. Das will Gott mir mit diesem Fest und seiner Vorbereitungszeit sagen.

Das ist einmal so erfrischend anders als in unserem sonstigen Leben, in dem wir nur meinen bestehen zu können, wenn wir etwas leisten oder gar in Vorleistung gehen, in dem das Verhältnis von Geben und Nehmen ausgeglichen sein muss, sonst gibt es Ärger, sonst wird prozessiert, sonst beschwert sich der Chef. So ist das nun mal in unserer Welt. Sonst geraten aus den Fugen unsere Beziehung, unser Konto, unser Miteinander.

Nicht so ist das mit dem Neuen, das heute beginnen will. Es ist vorsichtig beleuchtet vom Licht einer einzigen Kerze. Trotzdem ist es Aufmerksamkeit erregend anders. Das beginnt schon mit seiner Eigenständigkeit im Jahresplan. Es passt nicht in unseren weltlichen Kalender. Kommt stolz daher als ein eigener neuer Beginn. Der des Kirchenjahres. Und damit will dieser Termin einen ersten Hinweis darauf geben, dass hier auf dieser Seite des Leben, der Kirche und des Glaubens, der biblischen Botschaft einiges eine Nuance anders ist, als wir es gewöhnlich abhandeln.

Der heutige Adventssonntag will uns ein Entgegenkommen, einen Anfang schenken. Er ermutigt:

  • lass los, was dich ängstet und sorgt
  • lass sein, was dich gefangen hält
  • komm heraus aus deinem Dunkel 
  • setz dich unter den Himmel
  • staune schaue und erwarte das Licht

Im Grunde sind wir tatsächlich genau darum heute hier. Wir steigen aus dem Alltagsgeschäft aus. Suchen den Abstand zum Gewöhnlichen. Den Sonntag im Alltag. Selbst Plätzchenteig und Geschenkesuchen lass ruhen und schau, was darüber hinaus wichtig ist.

Der Neuanfang Gottes mit der Welt und ihren Menschen erfordert eine besondere Gabe von uns. Eine, die verkümmerter ist, als je zuvor. Die Gabe der Gelassenheit: einfach mal auf einer Bank sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Dann genau will er nämlich zu dir kommen. Vielleicht darum, weil er so leise spricht, dass es des Nichtstuns, der Hände im Schoß, der Rückenlage bedarf, der Stille und der Einkehr, um Gehör zu finden.

Das ist ein unaufdringlicher, ein unaufgeregter Neuanfang. Der Schein eines einzigen Dochtes, der so leicht untergeht im jähen Lichtergeschrei der Weihnachtsdekorationen aller Fußgängerzonen dieser Welt. Es bedarf eines Auges, das sich nicht blenden lässt, eines Herzens, das zu sich kommen möchte, um das zu erkennen. In vier Schritten die so viel gemächlicher daher kommen, als es unsere Hektik gewohnten Gemüter überhaupt ahnen können. Sie verweisen auf ein großes Geschehen, das für sich selbst keine Größe beansprucht.

Darum war der Advent in früheren Zeiten zusammen mit der Osterzeit die andere, die erste Fastenzeit im Kirchenjahr. Die Selbstbescheidung, Freiheit von den körperlichen Bedürfnissen sollte uns neue Einsichten, neue Ansätze schenken. Nichts von der Größe der Neujahrsversprechen. Kein „Ab heute werde ich immer“ und kein „nie wieder werde ich“. Der Advent lehrt uns, dass wir den Mund gar nicht so voll nehmen müssen, um etwas wohltuend anderes in unser Leben zu lassen.

Darum ist dieser Bibeltext eine Adventsgeschichte:

Im fünfzehnten Jahr des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa, Herodes Landesherr von Galiläa, sein Bruder Philippus Landesherr von Ituräa und des Landstrichs Trachonitis und Lysanias Landesherr von Abilene war, als Hannas und Kaiphas das Hohepriesteramt innehatten – da erging ein Gotteswort an Johannes, den Sohn des Zacharias in der Wüste. Und er kam überall in die Gegend um den Jordan und predigte eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden. Ganz so, wie es im Buch des Propheten Jesaja geschrieben steht: EINE STIMME RUFT IN DER WÜSTE. MACHT DEN WEG FREI FÜR DEN HERRN! MACHT GERADE SEINE BAHN, JEDE SCHLUCHT SOLL AUFGEFÜLLT, JEDER BERG, JEDER HÜGEL ABGETRAGEN WERDEN; WAS KRUMM IST, SOLL GERADE, WAS HOLPRIG IST, EBENE TRASSE WERDEN. UND DIE GANZE MENSCHHEIT SOLL GOTTES HEIL SCHAUEN! Nun, so bringt Frucht, predigte er, wie es der Umkehr entspricht!

Wenn also Johannes die Chance für einen Neubeginn in einer anderen Einstellung sieht, wenn wir andererseits so schnell in Rennen geraten und uns überfordern lassen. Wenn die Versprechen einer Umkehr nicht zu vollmundig sein sollen, wie muss diese dann beschaffen sein?

Sie hat etwas mit dieser Klammer zu tun, die sie vor sich auf der Kirchenbank vorfinden. So alltäglich und unscheinbar sie ist, so bescheiden soll der Neuanfang Einzug halten dürfen. Gleichsam nebenher, unaufgeregt. Die Klammer rät:

Zwing es nicht, lass locker, lass geschehen. Vertraue, dass es gelingt. Dann können kleine Anfänge große Gelegenheiten schenken, dann möchten unscheinbare Situationen den Schein der Seligkeit aufleuchten lassen. Dann wird kommen, womit Gott dich und mich überraschen möchte.  Lassen wir ihm Platz, lassen wir ihn machen.

Zur Erinnerung an dieses Vorhaben, klemmen sie sich diese Klammer ans Revers; oder, noch diskreter, stecken sie sie in die Tasche. Immer wenn sie sie wieder erspüren, seien sie der Möglichkeit bescheidener Neuanfänge im eigenen Leben, seien sie der Umkehr gewahr. Dazu segne sie Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen

Wahrheit der Mitte – zugewandter Geist

über Joh 4, 19 – 26

Im Johannesevangelium schließt an die Geschichte von Nikodemus die von der Samariterin am Jakobsbrunnen an. Das Evangelium bewegt sich von Nikodemus, dem Lehrer Israels, der seine Unfähigkeit zu glauben bekennt,

hin zu der Nichtjüdin, der aber zum Glauben kommt.

Dieses vierte Kapitel führt durch immer neue Missverständnisse gleichsam aus der Dunkelheit ins Licht des Messiasbekenntnisses.

Hatte Jesus dem Nikodemus zur nächtlichen Stunde eröffnet, dass dessen Wunderhoffnung niemals zum Gottesbeweis, nicht zum Glauben werden könne, weil Gott nicht bewiesen sondern vorausgesetzt werden will; – so verblüfft er die Samariterin nun damit, dass er ihr sagt, wer sie ist und was sie glaubt.

Die Samariter sind ein Mischvolk, entstanden durch die assyrische Umsiedlungspolitik des 8. Jahrhunderts. Der Schmiedehammer des Krieges und der Besatzung hatte damals fünf Stämme und ihren Glauben verschmolzen. Auf diese fünf Glaubenswurzeln spielt Jesus mit der Nennung der fünf Männer dieser Frau an. Und dass der gegenwärtige, nämlich der Gott der Juden, Jahwe, auch nicht der ursprüngliche der Samariterin, ihr rechtmäßiger sei.

Über diesem Gespräch ist heller Tag geworden, will sagen, dass sich zwei Menschen auf Augenhöhe über ihren Glauben unterhalten.

Unser heutiger Text setzt hier ein:

Die Frau sagte zu ihm: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.“ Jesus sprach zu ihr: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen – denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Die Frau sagte zu ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der uns alles erklären wird.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht.“

Ist es die richtige Art, vom Garizim aus Gott anzubeten oder vom Zion, also von Jerusalem aus?

Was ist die richtige Art?

Und wir hören die Frage heraus: Was ist die richtige Religion?

Wir denken da nicht nur an die Samariter, die mit den Juden den Jahweglauben und die fünf Bücher Mose gemeinsam haben,

sondern wir denken an die allein seligmachende Kirche und das Wort ihres Oberhauptes, dass die protestantische Kirche nicht Kirche im eigentlichen Sinne sei. Wir denken wenige Tage nach dem Reformationsjubiläum daran, dass der Graben zwischen römisch-katholisch und evangelisch vor nicht allzu langer Zeit tiefer war.

Und wir schauen nach Frankreich, wo radikalisierte Muslime ihren Glauben über alles setzen, den weltlichen Staat zu destabilisieren versuchen. Denn sie verstehen intuitiv, dass auch das so etwas wie Glaube geworden ist: eine Verfassung nämlich, die allen gleiche Rechte zugesteht, darunter eben auch das der freien Meinungsäußerung und der religiösen Vielfalt.

Unser Text fragt: bekommen nicht alle Konfessionen und Denominationen mit dem Jesuswort für den heutigen Sonntag den Spiegel vorgehalten? Haben nicht auch Christentum und hier wieder jede Konfession einen blendenden Splitter im Auge?

Jesus spricht deutliche Worte: allein die Art des Gottesglaubens qualifiziert ihn, nicht die Orte der Anbetung. Es geht um nicht weniger als „Geist und Wahrheit“.

Zwei ihrerseits interpretationsbedürftige Termini. Deren Auslegung gleichzeitig Auskunft darüber gibt, wie wir es mit dem Christentum und mit dem Wort vom Heil, das von den Juden kommt, halten.

„Geist“. Das ist kein Abstraktum. Es ist Sinn und Ordnung. Vor allem aber ist es der Geist der Liebe.

Hintergrund ist: Gott genügt sich nicht. Er ist wesentlich Beziehung. Und er will Beziehung. Gelingende Beziehung. Darum zunächst die Welt und besonders den Menschen als Gegenüber. Und dann das Miteinander der Menschen untereinander.

Natürlich ist dieser Geist auch der Schöpfergeist. Aber nicht aus Spielerei, sondern aus der Sehnsucht nach einem anderen geistbegabten Wesen.

Auf diesen Geist kommt es an. Der eben keines Tempels und auch keiner verfassten Kirche bedarf – aber doch mehr als bloß einer Kammer des Herzens; nämlich schon einer Gemeinschaft der Gläubigen! Sie definieren sich nicht durch einen Namen, sondern durch ihr Gegenüber: Gott.

Nicht ein Papstwort kann, sondern das Verhalten der Konfessionsgemeinden zueinander und das Verhalten der Geistlichen untereinander wird offenbaren, wes Geistes Kind eine jede Kirche und ein jeder Gläubige ist. Daran dürfen wir sie messen, darauf dürfen wir hoffen; und daran müssen auch wir uns messen lassen: ob wir unseren Glauben im Miteinander leben, Wahrheit im Dialog finden und nicht behaupten. So zeigt sich der „richtige Geist“.

Nicht minder konkret ist die „Wahrheit“. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, reimt Erich Kästner diese Wahrheit. Die Wahrheit ist immer konkret. Sie ist keine absolute Richtigkeit, sondern misst sich an dem, was dem Nächsten gut tut.

Aus den Worten Jesu folgt die messianische Konsequenz der Weltverantwortung und ein Zeugendienst, der auf die täglich konkrete Situation, auf materielle Sorgen, soziale Verhältnisse, psychische Befindlichkeiten und auf das wie der körperlich-leiblichen Gemeinschaft achtet.

In seinem kleinen Land und seinen Glaubensgeschwistern vor allem will Jesus zeigen, dass es einen Weg gibt, vor Gott richtig auf Erden zu leben. „Wir beten an, was wir kennen“. Haben sie die Veränderung im Text bemerkt? Sprach die Samariterin noch von „Gott“, ändert sich der Akzent bei Jesus. Jetzt heißt es „Vater“. Gott kennen und erleben Jesus und die Seinen als Herkunft und Anleitung, als schützenden Vater.

Alle, die sich nach diesem Christus nennen, sind herausgefordert, diesem Geist und dieser Wahrheit überzeugend Raum zu geben. Und das können wir auch, denn dieser Geist ermutigt, Formen hinter uns zu lassen, die der Liebe entgegen stehen; und die konkrete Wahrheit erfindet fantasievolle Wege, durch die die Menschen Nahrung für alle, Frieden, neue Anfänge und innere Heimat finden.

Der Brunnen, an dem Jesus seine Identität aufdeckt ist überall, wo Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und im Gegenüber das andere Gotteskind entdecken.

Mit dem Bild vom Dunkel und Licht spielt das jüdische Rätsel, das ein Rabbi seinen Schülern aufgibt: Wann ist die Nacht zu Ende und der Tag beginnt? Die richtige Antwort lautet: Sobald ich im Angesicht meines Nächsten den Bruder erkenne. Amen.

Auf den Boden kommt es an

Beerdigungsansprache über Mk 4, 1 – 9

für

Eberhard Prehn,

06. November 2020, Ehrang

Vor nicht allzu langer Zeit, als es so heiß war wurde Rasensamen im Garten ausgebracht. Als sich nach ein paar Tagen noch kein Rasenhälmchen gezeigt hatte, fragte ich den Gärtner.

Er antwortete mir mit einem Wort, das ich so schnell nicht vergessen werde. Der Mann sagte: der Rasen denkt jetzt!

Welches gewagte Einfühlungsvermögen: der strohern daliegende Rasen denkt darüber nach, welche Chancen er hat aufzugehen. Er fühlt in den Morgentau, tastet nach der Qualität der Erde, summiert die Sonnenstunden und weiß, wann es wie viel regnet.

Und tatsächlich, obwohl überall ums Haus derselbe Rasen gesät worden war, keimte er an den Schattenseiten zuerst – hier hatte der Keimling die besten Chancen, nicht zu verbrennen. An besonders exponierten Stellen liegt der Same heute noch unaufgeschlossen – wartet auf seine Zeit.

Dieses Wunder der denkenden Natur  hat mich den Menschen neu sehen gelernt.

Denn das folgende Gleichnis vom Sämann benutzt Jesus aus keinem anderen Grund, als uns den Menschen zu erklären. Wie der Rasen bedarf auch der Mensch eines Wurzelgrundes, um gedeihen zu können.

1 Und wieder begann er, am Seeufer zu lehren; und eine riesige Menschenmenge drängte sich bei ihm zusammen, so dass er in ein Boot steigen und sich auf dem Wasser niedersetzen musste, während die ganze Menge zu Lande am Seeufer war. 2 Und er hielt ihnen eine lange Lehrrede in Gleichnissen und sagte darin folgendes:

3 „Hört! Also, ein Sämann ging aus zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg: da kamen die Vögel und fraßen es auf. 5 Anderes fiel auf den Felsboden, wo es nur dünnes Erdreich gab, und ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. 6 Doch als die Sonne brannte, wurde es versengt und musste verdorren, weil es keine Wurzeln hatte. 7 Anderes fiel unter die Disteln, doch die Disteln überwucherten und erstickten es; es konnte keine Frucht bringen. 8 Anderes fiel auf guten Boden und wuchs auf, reifte und brachte Frucht und trug dreißigfach, sechzigfach, ja hundertfach!“ 9 Und er sagte: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ 

Heute bei der Würdigung von Eberhard Prehn geht es bei der Auslegung weder um die Oberflächlichen, die einfach oben liegen bleiben, weil Tiefgang nicht ihre Sache ist, es geht auch nicht um die, die im Gestrüpp einer lieblosen Welt hängen bleiben, um die Strandenden,

sondern es geht um den Wurzelgrund der Heimat, der im Leben von Eberhard eine Rolle spielt.  Da sind zunächst seine Eltern. Der Vater, ein gelernter Bankkaufmann, der auf dem Bauamt seinen Schreibtisch hatte, und dem die Gabe, Gefühle zu zeigen nicht mitgegeben war.

Dann die Mutter, die ihre sechs Geschwister in schwierigen Zeiten großzuziehen gehabt hatte, die also in Sachen Kinder ebenso praktisch dachte wie sie Sehnsucht nach einem eigenen Leben hatte.

Zwischen ihnen beiden wuchs Eberhard auf. Er war das einzige Kind. Und er blieb als Kind allein. Da die Großeltern behindert waren und nicht helfen konnten, die Mutter aber in der Kriegsindustrie arbeiten musste, war Eberhard oft auf sich allein gestellt.

Er lernte so, noch bevor er zehn Jahre alt war, die Dinge mit sich selbst auszumachen.

Wenn Menschen ihn später als gesetzte, als ruhige, als in emotionalen Dingen zurückhaltende Person einschätzten, dann mag das daran gelegen haben, dass in den Jahren bis Kriegsende kein Raum für kindliche Gefühle und kein Gegenüber für deren Bestätigung da war.

Es war die Zeit, in der Jungen gesagt wurde „ein Indianer zeigt keinen Schmerz“. 

Und es war die Zeit, in der tatsächlich der heimische Wurzelgrund unter den Füßen weggezogen wurde. In Schweidnitz,  Niederschlesien, südwestlich von Breslau, wo Eberhard am 27. April 1936 geboren wurde, konnte die Familie nicht bleiben, so ließ Eberhard zwangsläufig seine erste Heimat hinter sich, seine Spielgründe und was ihm vertraut war.

Es ging nach Westen. In Ilmenau wurde die Familie eingewiesen. Der Bewohner der Stockwerkswohnung musste ihnen ein Zimmer abgeben. Schulunterricht gab es für Eberhard keinen, aber eine Mitbewohnerin unterrichtete ihn behelfsweise, bis es dann weiter ging nach Erfurt.

Hier hoffte der junge Mann richtig einwurzeln zu können. Eine Ausbildung sollte sein Fundament sein. Er schloss die Schule ab. Die Firma Telefunken kam seiner Liebe zur Präzision entgegen mit der Lehrstelle als Feinmechaniker. Den Gesellenbrief hatte er in der Hand. Und „Telefunken“ übernahm ihn.

Nach dem Schulausfall durch Krieg und Vertreibung hatte Eberhard das erste mal das Gefühl, festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Den Westbesuch mit der Mutter hielt er beim Aufbruch für eine kurze Episode, man reiste mit kleinem Gepäck. Allein – sie eröffnete ihm westlich der Zonengrenze in Bad Oeynhausen angekommen, dass auch dieser Ortswechsel ein Aufbruch ohne Wiederkehr sein werde.

Vielleicht ist Trauma das passende Wort, um zu beschreiben, dass Eberhard sich abermals wie aus dem Wurzelgrund gerissen fühlte. Konnte er noch vertrauen , dass es einen Boden gibt, auf dem er bleiben, einwurzeln und sich entfalten darf?

Dieser Ort lag in der Pfalz. Wöllstein war es, wo sie zunächst bei einem Winzer unterkamen. Eberhards Vater machte diesem die Buchhaltung.

Ein neues Kapitel in seinem Leben wurde aufgeschlagen. Im Technikum in Bingen studierte Eberhard, um Elektroingenieur zu sein.

Die Zugfahrten zum Studienort unternahmen viele junge Leute. Uschi, Wolfgang, Eberhard und Anneliese trafen sich oft im Abteil. Irgendwann hielt Eberhard der strickenden Abteilgenossin gehorsam das Wollknäuel.

Es war, als hätte er den Fadenanfang einer lebenslangen Verbindung ergriffen. Die beiden verstanden, dass sie sich gemeinsam auf der Lebensreise befanden. 1959 hatte Eberhard als Ingenieur beim RWE begonnen, das erste Geld wurde verdient; und im Sommer vier Jahre später, 1963, konnte geheiratet werden.

Die Arbeitsstelle lag in Bad Kreuznach, eine Zweizimmerwohnung wurde daselbst gefunden. Hier nun wurde der Grundstein der Familie gelegt. Der Baum fasste Wurzeln und ein Nest entstand. 1964 wurde Eckard geboren und 1971 machte Annemarie die Familie komplett. Dies allerdings schon im Häuschen in Ebernburg, welches 1968 bezogen werden konnte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war es der Quellpunkt der Familie und das Refugium des Ehepaares.

Also gab es für Eberhard doch einen Ort, den man bei dieser Verweildauer getrost als Heimat bezeichnen darf, an dem er sich und seine Kinder wachsen sah.

Aus der Erfahrung seiner Kinder- und Jugendtage gestaltete Eberhard diese Phase ganz bewusst. „Ich war ein Schlüsselkind. Meine Kinder sollen es anders erleben“, wünschte er sich. So hatten Sie eine Mutter, die Sie zu Hause empfing, wenn Sie aus der Schule kamen.

Der Vater widmete konsequenter Weise die Wochenenden seiner Familie. Das war sein Anteil. Dazu gehörten auch die Verwandtschaft, gegenseitige Besuche und gemeinsame Unternehmungen.

Diese Konzentration auf die Familie in seiner freien Zeit empfing eine bedeutsame Erweiterung durch Eberhards Entdeckung der Langsamkeit. Wandern und Radfahren schenkte die angemessene Geschwindigkeit im Urlaub, so dass dem Menschen und der Beziehung zwischen den Menschen genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden konnte.

Von Seiten Eberhards ein kompensatorischer Akt, das haben wir schon verstanden.

Er, der Elektroingenieur und Feinmechaniker, der mit dem Mikrometer maß und gleichzeitig in Gefühlsangelegenheiten so unberedt war, er wusste um die Bedeutung des Heimatbodens für sich. Er wusste, warum Genauigkeit ihm Halt gab; warum er das Maß der Anerkennung anderen gegenüber oft an deren Liebe zur Präzision festmachte. Er wusste um den preußischen Teil seines Mutterbodens.

Doch er gehörte in seiner Liebe und mit seinem positiven Denken gleichzeitig auch zu der letzten Gruppe, von der Jesus spricht, zu denen, die nach dem Sinn fragen und nach dem, was trägt.

Zu denen, die nicht mit einfachen Antworten zufrieden sind und nicht mit einer mediengemachten Meinung, sondern in die Tiefe gehen;

die, die sich nicht anpassen, sondern eine Meinung haben, die diesen Namen verdient: „Meinung“, also etwas, das meins geworden ist, etwas von mir persönlich, etwas, das ich mir angeeignet, erlitten, erlebt habe. 

Die Nichtangepassten, die auch noch in schweren Situationen eine Deutung finden,

die sogar dem Leiden Sinn abgewinnen können

und die dort, wo für andere kein Sinn am Horizont letzter Fragwürdigkeit auszumachen ist, doch das Vertrauen in eine führende Hand behalten.

Genau diesen Glauben wünsche ich Ihnen: dass nämlich Gott einen Menschen, der stirbt, eben nicht aus der Hand verliert, sondern im Gegenteil zu sich zieht!

Ich wünsche Ihnen die Überzeugung, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist; und wir als solche, wir die Sterblichen, vor ihm dem Ewigen so lebendig bleiben.

Und damit die Gewissheit, dass Eberhard bei Gott angekommen ist und Sie ihn hier auf Erden gehen lassen können.

Amen.

Reformbedürftige Kirche heute

Reformation 2020

Themenpredigt zur Wortbedeutung „re-formare“

Hilfsmittel: Sandförmchen, Flipchart, Zettel und Stifte

Jeder kennt das hier: ein Sandförmchen. Er soll uns heute helfen zu verstehen, was das Wort Reformation in seiner Tiefe bedeutet. Solch ein Förmchen gibt dem Spielsand seine Form. „Form“ ist seinerseits zunächst ein Begriff, der uns etwas über die Erscheinung eines Gegenstands verrät. Also in unserer Sandkiste, ob es sich um einen Seestern, ein Törtchen, einen Wal oder ein Feuerwehrauto handelt.

Auch die Nichtlateiner unter uns wissen, dass die Silbe „re-“ zurück bedeutet. Re-Formation ist also die Rückformung einer Sachen.

Zurückformen zu was? das ist hier die Frage. Ein Reformator geht davon aus, dass die eigentliche Form einer Sache oder Einrichtung oder Bewegung verloren gegangen ist. Der Zahn der Zeit, Gegenbewegungen oder einfach das Meer haben unseren Gegenstand verändert oder gar dem Sandstrand wieder gleich gemacht.

„Reformare“ heißt also, dieser Sache oder Bewegung die alte, die eigentliche Gestalt zurück zu geben. Sie wieder zu dem zu machen, was sie eigentlich ist oder sein soll. Denn zur Zeit der kritischen Betrachtung ist sie aus der Form geraten.

Schon seit den Tagen des unglücklichen Johannes Hus, der vor den Toren des Konstanzer Konzils auf dem Scheiterhaufen verbrannte, klagen engagierte Theologen über die sklerotisch gewordene Kirche. Sie diagnostizieren ihr eine Entfernung von den Menschen, sie klagen ihren Selbsterhalt als deren erstes Ziel an, sie vermissen eine höhere Leitlinie, die das Allzumenschliche eines Papstes korrigiert, der die Tiara über der Ritterrüstung trägt, sie ziehen das Sodom und Gomorrha in Klöstern ans Tageslicht, in denen die Hälfte aller Nonnen schwanger ist, geschwängert von den Mönchen des Nachbarklosters.

Nach John Wycliff und Johannes Hus entdeckt auch Martin Luther diesen Maßstab, mit dessen Hilfe die Kirche korrigiert werden kann: die Heilige Schrift. Er übersetzt sie in zwei seiner Lebensphasen ins Deutsche. Das Neue Testament im Winter 1521/22 auf der Wartburg aus dem Altgriechischen und dem ihm viel vertrauteren der lateinischen Vulgata in das Frühneuhochdeutsche. Das Alte Testament aus dem Althebräischen und Aramäischen gut zehn Jahre später mit einem Stab von Altphilologen europäischen Ranges, an erster Stelle Philipp Melanchthons.

Die größere Nähe des Textes zur Landessprache der Gläubigen machte nicht nur ein Ende mit verballhornten Missverständnissen wie dem Wort „Hokuspokus“, dass das Bäuerlein verstand, wenn der Priester in der Wandlung „hoc est Corpus meum“ sagte, sondern es legte auch die Lunte an eine Form der Kirche, die in der europäischen Finanzwelt in der ersten Liga mitspielte, deren Steuersystem das haltbarste und effizienteste des Mittelalters geworden war.

Wahrheit und Wirksamkeit gerieten durch Luther in Konflikt. So wie überhaupt die Wertewelt zwischen Sizilien und Salamanca, zwischen Rom und Rostock aufs Vehementeste durcheinander gerieten:

Denn woher wissen wir denn überhaupt, dass die Richtungskorrektur nach rückwärts zu erfolgen hat? Was gibt uns die Sicherheit, dass re-formiert werden muss, dass die alte Gestalt die richtige war?

Gerade der Übergang des Mittelalters zu Neuzeit ist im lateinisch sprechenden Mittelmeerraum durch die Impulse der Renaissance eine nach vorne blickende Welt geworden. Man glaubte: Entwicklung bringt Verbesserung. Nach vorne hin, morgen, wird es besser. Morgen werden die Früchte der Entwicklungen, der Entdeckungen, des Fortschritts, der Investitionen geerntet. Es ist dies der Glaube der neuentstandenen Finanzwelt, der Fugger und der florentinischen Bankhäuser. Es ist dies das Credo der Finanzwelt.

Dieses Glaubensbekenntnis wird zur Weltanschauung.

In diesem Moment fragt der Mönch aus Wittenberg: Wenn Kirche also ihr eigentliches Gesicht wieder bekommen soll, welches ist es dann: das des himmlischen Jerusalem oder das der Urgemeinde? Ist eigentliche Kirche die von morgen, schreiten wir aus in eine himmlische Zukunft – oder ist Rückbesinnung angesagt, ist das Maß vom Altbewährten herzunehmen? Ist die Welt schlechter, verdorbener geworden und der Tag ist dort hell, wo wir hergekommen sind?

In vielen Ansichten ist Martin Luther ein mittelalterlicher Mensch. Seine Entdeckung des gnädigen Gottes befreit aus der Höllenangst dieser Zeit. Aber sein Rückgriff auf die Übersetzung der alten Sprachen ist eine Renaissancetat. Und genau diese führt auf den Grat zwischen Rückbesinnung und Fortschrittsglauben.

Was spricht für eine Entwicklung zum Guten, und was eher für einen Schluck aus den alten bewährten Quellen?

Vor kurzem verlautbarte, dass die Situation heute in indischen und afrikanischen Klöstern kaum anders ist, als sie zur Lutherzeit beklagt wurde. Schwestern werden geschwängert und niemand hilft ihnen.

Der schleppende Umgang mit der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe hierzulande ist die schwerste Bürde unserer Schwesterkirche.

Die Angst in allen Kirchen, angesichts der coronabedingten Veranstaltungsausfälle als überflüssig angesehen und abgetan zu werden, legt den Finger in die Wunde der Frage: was ist der Auftrag der Nachfolge Jesu?

Ist nämlich die Ursache manch wunderbarer Heilung durch Jesus nicht dessen unbedingt geschenkte Nähe?

Ist also nicht unsere Aufgabe, solch heilsame Nähe anzubieten?

Wenn Menschen in Zeiten epedemiebedingten sozialen Abstands leiden, dann ist Nachfolge in Jesu Sinne unsere besondere Herausforderung.

Wenn aber die Nähe zu den Menschen seitens Jesu Kirche verloren gegangen sein sollte, wie machen wir uns dann auf und suchen diese Nähe wieder? Wie stellen wir sie her?

Ist die Trennung von helfender Hand und predigendem Mund in unserer Zeit nicht fatal? Müssen nicht Diakonie und Gemeinde viel dichter verwoben werden? Und dies gerade in Zeiten, in denen in der Welt Altersversorgung und Pflege ausgesondert, abgegeben und delegiert wird?

Wenn Kirche, eben auch evangelische, sich verfangen hat in Selbsterhalt, ist dann nicht genau hier neu zu reformieren?

Vielleicht ist ihr dem Staat abgeschautes Rechtsprinzip „Jedem das Gleiche“  – Napoleon lässt grüßen – der einer Reform bedürftige Gegensatz zum vorbildlichen und angstfreien Ansatz Jesu, der das Prinzip lebte „Jedem das Seine“?

Was meinen Sie?

Was spricht im Jahr 2020 für einen Schritt nach vorne und wenn ja welchen?

und was rät eher zu einem Innehalten, zur Rückbesinnung?

Was meinen Sie?

Für Ihre Meinungsäußerung stehen Ihnen diese Zettel zur Verfügung. Sie weisen mit ihren beiden Spalten und den Pfeilen darüber in je eine Richtung:

  • nach links, wenn Ihr Stichwort auf die Quellen zurückverweist
  • nach rechts, wenn Sie einen Impuls im Sinne der Zukunftshoffnung aufschreiben möchten.

Amen.

seinen Senf dazu geben

Zum Thema anlässlich der Einführung der Presbyterinnen und des Presbyters 2020

Gusterath, 25.10.2020

über Mt 13, 31 – 32

„Ab heute dürft Ihr Euren Senf dazugeben“. 

Das Amt, das Ihr seit März bekleidet, in das Ihr heute gottesdienstlich eingeführt werdet gibt Euch ein Mitspracherecht, eine Mitwirkungspflicht.

Dabei bedeutet der Spruch: „Etwas Gutes, das aber unpassend ist, als Beilage aufzutischen“. Denn vielleicht wisst Ihr, wie diese Redewendung entstanden ist? Nach 1750 war Senf das, was die Menschen in Frankreich für das Beste vom Besten hielten. Und Wirte, die etwas auf sich hielten, servierten Senf zu allem, was sie auf den Tisch brachten. Das goutierte verständlicher Weise nicht jedem. Denn Senf mag zu Fisch, Fleisch und Salatsaucen passen, sicherlich auch zu bayrischen Festen, aber eben zu vielem anderen ist er kein guter Begleiter.

Also überlegt Euch, wozu Ihr Euren Senf dazugeben wollt.

Denn die Leute werden Euch fragen, sie erwarten von Euch Ideen. Und sie schauen auch auf Euch, denn sie sehnen sich danach zu sehen, wie die frohe Botschaft im individuellen Profil eines Menschen aufleuchtet. 

Das ist im guten Sinne eine Herausforderung.

Als Wegbegleitung scheint mir eine Bildrede Jesu richtig für die vor Euch liegende Aufgabe zu sein.

Jesus sprach „Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf den Acker säte. Dieses ist zwar kleiner als alle anderen Samenarten; wenn es aber herangewachsen ist, so ist es größer als die Gartengewächse und wird ein Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.“

Was haben nicht Menschen schon alles unternommen, um die Welt besser zu machen! Propheten, Apokalyptiker, Weltverbesserer und Ideologen haben Veränderungen beschworen, bei denen kein Stein auf dem anderen geblieben ist oder wäre. Der Sprengstoff der Unzufriedenheit, das Ekrasit der Armut und das Schwarzpulver des Elends hatten jeweils ein explosive Kraft.

So ganz anders kommt Jesu Bildrede daher. So mild und sanft! Sie predigt vom ruhigen Reifen längst gesäter Kräfte. Sie ermutigt dazu, das Gute zu sehen, das schon da ist. Sie rät zum verweilenden Durchatmen.

Ab und an fragt mich ein verzweifeltes Elternpaar, was sie denn angesichts ihres schwierigen Kindes noch unternehmen könnten. Nach dem Hinhören, Hinschauen und vor dem Antworten führe ich mir stets den Gehalt der heutigen Bildrede Jesu vor Augen.

Denn implizit spricht sie von den Gefahren des Aktionismus und Nichtwartenkönnens. Sie predigt von den Zwillingen Glaube und Geduld. Und sie ermutigt zum positiven Hinschauen, zum Pflegen und Bestärken, zur Geduld.

Zu unserem eigenen Unheil verfahren wir doch oft so, dass, kaum regt sich ein Gefühl der Ungemütlichkeit, der Sorgen, überlegen wir, was wir denn machen können. Kaum streckt sich ein fremdes Kräutlein aus dem Boden, betonieren wir ihn zu. So gehen wir mit den Feldern in der Agrarindustrie um, wir „schützen“ und „verbessern“ mit Chemie und Genmanipulation, bis alles ausgelaugt, verdorben und vergiftet ist. Bis die Ketten der Lebenszusammenhänge gesprengt und die Arten ausgestorben sind.

Jesus sagt hier nicht explizit „Vorsicht!“, sondern er malt ein Bild von den wunderbar geschenkten Lebenszusammenhängen, wenn der Baum groß geworden ist und nun auch noch unerwartet andere etwas davon haben, hier die Vögel des Himmels in ihm nisten können. Es ist tatsächlich das gleiche Wort „Himmel“ in beiden Stellen – das Reich der Himmel und die Vögel des Himmels, das der Text verwendet, so dass uns diese „Früchte“ jenseits der Senfernte allesamt tatsächlich wie „ein Geschenk des Himmels“ vorkommen dürfen. Der Schöpfer denkt in anderen Dimensionen und überblickt Zusammenhänge, die wir nicht absehen.

Also haltet auch mal die Füße still, die Hände gefaltet und habt – jawohl, darum geht es – Vertrauen. Den Glauben nämlich, dass Gott schon gesät hat. Dass es zum Guten angelegt ist.

Wir sind so anders erzogen. Man sagt uns „Auf uns kommt es an!“ „Übernimm Verantwortung“ „Tu doch was!“ Aber der blinde Tatendrang hat schon viel verdorben. 

Und oft fehlt auch den unglücklichen Eltern ihrer ausprobierenden Kindern nichts anderes als das geduldige Zutrauen.

Weil ich das Gleichnis ernst nehme, darum kommt von mir heute an Euch keine ermunternde Aufforderung, Eure Ideen einzubringen, Eure Tatkraft zu fordern, Eure Persönlichkeit zu zeigen, den Kalender weit zu öffnen, jeden Ball zu spielen und immer dabei zu sein.

Nein, lehnt Euch auch mal zurück, lasst den lieben Gott einen guten Mann sein, glaubt an das, was schon ausgebracht ist und wachsen möchte.

Und Ihr werdet sehen: gerade so, vermittels solch einer Haltung, möchte das Evangelium durch Eure Persönlichkeit in der Gemeinde glaubhaft sein, möchte Beispiel geben und überzeugen. 

Lao-Tse hatte die Einsicht: „Durch das Nicht-Machen ist alles gemacht“.

Und Jesus verdeutlicht, dass es hier nicht um einen Aufruf zur Faulheit oder zum Wegschauen geht, sondern im Gegenteil: schon dem Allerkleinsten etwas zuzutrauen.

In diesem Sinne hatte er schon gepredigt „Wenn ihr nicht ganz klein wie die Kinder werdet, so lernt ihr die Macht Gottes nimmer kennen“. In diesem heutigen Gleichnis sagt er uns: „Was wir brauchen, ist einzig das Vertrauen in das Wachstum des Geringen in uns und umgekehrt ein gewisses Misstrauen gegenüber allem buchstäblich Groß-Tuerischen“ (Drewermann, Markus, I, S. 349).

Und Jesus, dieser Meister und Lehrer der Sanftmut, kleidet seine Wahrheit bewusst in ein Gleichnis – kein „Du musst“ möchte daraus sprechen, kein „Du sollst groß dabei herauskommen“ will am Ende stehen – sondern seine gewaltfreie Lehre lehrt uns, wie alles mit allem zusammenhängt, wie aus dem Vertrauen ins Kleine etwas großes entstehen kann, wie selbst Vögel davon profitieren können und ein wunderbar gesundes Ganzes am Ende herauskommt. Das Miteinander von Mensch, Getier und Pflanze gelingt. So möchte Gott, der Meister des Dialogs, das Miteinander haben.

Auch Euer Glück ist sein Ziel. Über Reifung und Ruhe, über Harmonie und Herz führt der Weg. Vertraut ihm.

Amen