Ansprach anlässlich der Trauerfeier für Prof. Dr. Susanne Dierolf

Beerdigungsansprache
für

Prof. Dr. Susanne Dierolf

Über Lk 10, 38 – 42
(Lesung Mt 6,)

Auf der Wanderung kam er mit ihnen in ein Dorf. Eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber hatte alle Hände voll zu tun, um ihm viel Gutes angedeihen zu lassen. Da trat sie hinzu und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich alleine für dich arbeiten lässt? Sag ihr doch, sie soll mit Hand anlegen!“ Doch der Herr erwiderte: „Martha, Martha, für vieles sorgst du dich und bist davon umgetrieben: aber nur wenig ist nötig – eigentlich nur eines! Maria kümmert sich um das eine Gute; und davon soll sie nicht abzogen werden.“

Wahrscheinlich spricht Jesus in diesem Weiler über Gerechtigkeit. Und Maria, seine Kanzelschwalbe, nickt beipflichtend zu seinen Worten.
So stelle ich mir den Moment vor, in den Martha platzt, gleiche Last für beide Schwestern, gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern einklagt.
Nun ist noch nie das Gleiche daraus geworden, indem zwei Dasselbe tun. Dieser Wahrheit eingedenk, erzählt uns Lukas diese Geschichte über die beiden Schwestern des Lazarus und über Jesus. Denn nicht andächtige Frömmigkeit – Maria hier zu seinen Füßen – und praktische Diakonie dort – Martha in der Küche – treten hier gegeneinander an. Sondern es geht darum, nicht Jesus als Person zu verehren, in ihm aber den Überbringer guter Nachricht zu sehen. Seine Eloge des nahen Reiches zu vernehmen, zu würdigen und zu tun.

Bis heute mögen der Hörer und die Hörerin doch verstehen, dass es des Wenigen aber Richtigen bedarf, um das Gottesreich aufscheinen zu lassen. Dass es nicht darum geht, die Person Jesu zu hofieren, sondern in diesem neuen Menschen, seinem Lehren und Leben die Ankunft des wahren Menschseins wahrzunehmen.

Die beiden Flügel der schmalen Pforte, die sich hin zu der Welt öffnet, wie sie um Gottes Willen sein soll, diese beiden heißen „das Wenige“ und „das Richtige“, da war sich Susanne Dierolf immer sicher.

Das Richtige. Der Eros eigenständigen Denkens gab ihr die Kraft für geniale mathematische Antworten auf alte Fragen. Sie liebte das Bohren in dicken Bohlen. Adorno sagt: Neugier ist das Lustprinzip der Gedanken. Dieser Lust ergab sich die ansonsten spröde Protestantin mit dionysischem Eifer. Sie wandelte in der Welt abstrakter Gedanken mit der Trittsicherheit eines nietzscheschen Gerechten, mit der Standhaftigkeit eines platonischen aus der Höhle der Konventionen Entlassenen. „Mathematik, Matthias“, sagte sie, „das ist nicht das Rechnen vor und hinter dem Gleichheitszeichen, das Verschieben der Seiten einer Gleichung, das Umgruppieren. Sondern Mathematik, so wie ich sie verstehe, das ist das Beweisen eines Axioms. Das gleicht dem Aufenthalt in eisiger Höhenluft, da ist dann nur: die Aufgabe und ich. Vorher nie zu Ende Gedachtes abschließend zu bedenken; dann kann Mathe so schön sein wie ein Sonnenuntergang!“

Ihre dergestalten Habilitationsgedanken ließen ihre wissenschaftliche Sonne aufgehen.

Doch bis dahin hatte sie den persönlichen Lebenswinter zu überstehen. Früh war sie von der Mutter eingezäunt worden, kein Spielen mit Gleichaltrigen, kein Kinderwagenschieben der elf Jahre jüngeren Schwester, Ausgang nur am Samstag mit den Eltern. Im Geviert des strengen häuslichen Rahmes erlaubte einzig der Geist, die gedanklichen Auseinandersetzungen, die Lektüre der reichlich vorhandenen Literatur, die Erzählungen der trotz aller Eingrenzungen liebevoll empfundenen Mutter, dieser kasernierten Existenz zu entfliehen und mit Hilfe der gelesenen oder selbst fantasierten Gedanken die Brücke nach draußen zu schlagen.

War die Schule der einzig erlaubte Freiraum? Dort wurde von Susanne Lieselotte Smogrovic, der erstgeborenen Lehrerstochter keine andere Note als eine 1 erwartet wurde? Eine 2+ wurde als Katastrophe gewertet. Ein Erbe, das nicht in einer einzigen Generation abzuarbeiten ist. Doch die konservativen Eltern dachten nie an ein Studium für die Tochter. Sie wurde mit 17 verheiratet. Susanne selbst empfand diesen Schritt damals als Entkommen aus der elterlichen Zuchtanstalt. Gegen den Widerstand der Schwiegereltern – dieses Preises der neuen Freiheit wurde sie sich später bewusst – setzte sie durch, das Privatabitur zu machen und nach der Geburt des Sohnes Alexander sich zu immatrikulieren. Heidi Rank ist Freundin bis heute geblieben. Sie übermittelte ihr kassiberähnlich die Aufgaben aus der Münchner Uni nach Hause. So machte Susanne dann, ohne fast jemals in der Uni gewesen zu sein, eine souveräne Zwischenprüfung und wenig später den Doppelabschluss fürs Lehramt in Russisch und Mathematik. Dieser Blick auf ihr Werden erklärt uns die selbständige Denkerin und die Gründe ihrer autonomen Produktivität. Das Richtige zu tun, auch wenn die Wahl der Mittel beschnitten ist, das war ihr früh schon zur Lebensmaxime geworden.

Ende der Siebziger Jahre litt Susanne unter einer schweren Depression. Das Trauma früh erlebten Bewegungsverbots war aufgerissen. Hinter ihr die abgeschlossene Promotion, vor ihr die Unmöglichkeit der Habilitation. Am grauesten waren ihre Tage in Kiel. Die Perspektivlosigkeit sog ihren Lebensmut auf wie die Totesser in den Harry-Potter-Romanen.
Die Geburt der Tochter – Susanne war inzwischen zum zweiten mal verheiratet – brachte den Durchbruch in biblischem Sinne. Nicht umsonst wurde das Kind Dorothea, Gottesgabe, genannt. Alles begann sich zu öffnen, zu fließen, geriet in Bewegung zum Guten.
Die Gedanken kamen, in sechs Monaten legte sie eine glänzende und das heißt oft zitierte Habilitation hin. Auf Stagnation folgte die Blüte.

Zum neuerlichem Fleiß und selbständigen Denken und Arbeiten kam nun noch ihre Freiheit von aller Angst. Nicht nur der Eisblock um ihr Ich war abgeschmolzen, sondern auch eine Selbstsicherheit erstarkt, die sich fortan nicht scheute, extreme Positionen zu vertreten. Vielleicht jetzt weniger wissenschaftlich, als vielmehr lebensbezogen und praktisch. Z.B. die oft so ganz anderen, unbürgerlichen Lösungen des Mannes aus Nazareth für sich als Möglichkeiten eigenen Verhaltens in Betracht zu ziehen. Neben die mathematischen Richtigkeiten trat nun das Richtige in seiner ethischen Dimension.

Auf dem beruflichen Feld trugen ihre mathematischen Einsichten bald Früchte und ihr Wirken in Forschung und Lehre war seither anerkannt. Ihre Tagungsidee um die Analysis hat die Deutsche Forschungsgesellschaft zur Jahrestagung erhoben. Ein Dezennium schlug sie sich mit Konzept, Einladung, Vorbereitung, Unterbringung, Abrechnung herum. Der anregende kollegiale Austausch bei diesen Zusammenkünften verdankte sich, genau betrachtet, ihrer unermüdlichen Kleinarbeit. In der Auseinandersetzung mit bürokratischen Vorschriften arbeitete sie genau an der Front ihres persönlichen Bekenntnisses, dass man dem Mammon nicht dienen, sondern sich mit ihm Freunde machen solle. Denn ganz unmathematisch konnte sie fünf gerade sein lassen und solches Unterfangen lustvoll mit einer Portion Anarchie würzen.

Als Promovendin hatte sie sich zur Tagung in Oberwolfach / Schwarzwald eingeladen; auch so einer ihrer unorthodoxen Züge. Denn dorthin wurde man eingeladen. Seit ihren Referaten dort durfte sie auf dem Analysisareal der Großen mitspielen. Bis dann durch den Tod von Kötens die Tagung nicht mehr stattfand und sie eben eine eigene Tagung für sinnvoll erkannte.

Susanne war ein geistiger Mensch. Aber die Wahrheit ist immer konkret, lehrt Dorothee Sölle. In jeder Entscheidung Entschiedenheit, in jeder Handlung Haltung, im Wort Wahrheit. Wahrhaftig ist, wer die Wahrheit tut. Das Menschliche stand für sie im Vordergrund.

Ich weiß, dass hier Stipendiaten und ehemaligen Doktoranden – elf durfte sie insgesamt begleiten – sitzen, die nicht nur von ihrem Geist gefordert und gefördert wurden, sondern die auch dankbar für ihren unermüdlichen Einsatz bei Antragstellungen sind, ja auch solche, denen sie vom eigenen Einkommen abgab, damit ein einigermaßen satter junger Körper die Früchte seines Geistes auch über die Ziellinie tragen konnte.

Susanne Dierolf, eine unzeitgemäße, aber, ach, in unserer Zeit so nötige Erscheinung in Lehre, Leben und Kirche.

Frisch gewaschen, frisiert und geschminkt Auftritte zu haben, das steht nur in der schönen neuen Welt der ewig jung Bleibenden, der durchtrainierten Erfolgreichen in der Werteliste ganz oben, bei denen, die sich ganz den Machtworten des Zeitgeistes ergeben, wie er von Plakatwänden und aus Illustrierten schmeichelt. Von solcherlei Diktat hat sich Susanne nie ins Glied rufen lassen. Der weltüberlegene Asket, der fellbekleidete Täufer, dem man in keiner U-Bahn zu nahe kommen will, übte auf sie Anziehung aus ob seiner Unabhängigkeit von allen Konventionen. Sie empfand die Tatsache, nur einen Mantel zu besitzen, nur ein Paar Sommer- und ein Paar Winterschuhe als Gehorsam dem Bibelwort gegenüber, dass, wer zwei Hemden besitze, eines seinem Nächsten, der keines habe, geben solle. Vor allem aber freute sie sich am neuen Lebensgewand, in das einer schlüpfen kann, dem Vergebung widerfahren ist. Denn es ist wahrlich nicht so, dass sie solcher Milde nicht selbst bedurfte und sich dessen nicht auch selbstkritisch bewusst war. Darum: Großzügigkeit und Güte praktizierte sie frei von jedem intellektuellen Hochmut.

Dass das Wenige reicht, ja dass das Wenige großen Reichtum bedeuten kann, das hat sie im wahrsten Sinne mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Eltern waren 1945 aus Preßburg über und Linz – die Mutter war Wienerin – nach Bayern ausgewiesen worden. Mit der Großmutter kam sie über die Grenze und fanden Vater und Mutter in nichts anderem untergebracht als einem leeren Heustadel. Darauf lief die Großmutter zu Fuß zurück bis in die CSSR und brachte aus ihrer letzten Wohnung im nun leeren Kinderwagen das, was zum Überleben bitter notwendig war, die Brotkapsel, das Brot, Besteck und Teller, den Wasserkessel und den Kochtopf. Eben das Wenige. Mehr war nicht nötig. Das Wenige war auch das Richtige. Das lernte Susanne damals. Sie hat es in den Jahren des Wirtschaftswunders nicht vergessen oder gar überbaut. Darum hielt sie das konsumorientierte Wertesystem der schönen neuen Welt, hielt sie die oberflächlichen und leuchtenden Orientierungsvorgaben einer Reklamewelt ihrer tiefsten Verachtung für würdig.

Sein statt Haben. Gerechtigkeit durch Anteilgeben herzustellen, das lebte sie.

Dem Mystiker Willigis Jäger ist wichtig, dass jede Spiritualität sich im Alltag bewährt. Reife Spiritualität führt ins Leben zurück. In diesem Sinne deutet wie er auch Meister Eckhart die Erzählung von Martha und Maria: Nicht Maria, die verzückt zu Jesu Füßen saß, hatte das Ziel erreicht, sondern Martha, die ihre Nachfolge in der Praxis des Lebens auf den Punkt bewährte.

Beim Umspaten, im Garten, zwischen Brombeergezweig und Kartoffelbeet sammelte Susanne sich, band Herz und Verstand zusammen. Erkenntnis zwischen Erdbeeren. Eingebung beim Einfrieren. „Hätte der und der statt seiner frömmelnden Exerzitien doch besser eine Furche ins Feld gezogen“, summierte sie für uns die Auseinandersetzung über westöstliche Weisheit. Höchste Abstraktion und handfester Lebensbezug. Kartoffeln, Katzenfutter und Kötenmathematik. Ihr Wort stand nie theoretisch im Raum sondern war geerdet durch ihr Handeln.

Mir scheint, sie hat dabei den Puls Jesu deutlicher ertastet, als es Menschen tun, die bloß seine Worte rezitieren können. Susannes Wortmeldungen ließen das Presbyterium schweigen. Sie intervenierte für mehr Menschlichkeit. Wir spürten, sie hat uns mit jesuanischem Geist beatmet, frische Luft in unsere übergeregelte Institution gefächelt. Gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern hat sie eingeklagt. In ihrer ganzen Existenz war sie Täterin der Wahrheit und damit Marthas nächste Verwandte, ihr näher als deren leibliche Schwester Maria.

Wir brauchen Susanne und werden sie vermissen.

Für die Lücke, die sie an der Universität hinterlässt, mag in diesem Gottesdienst später ein anderer sprechen.

Am meisten aber werdet Ihr Kinder, besonders Bernhard und Angelika ihre Stärke, ihre Disziplin, ihre weise Wegweisung vermissen – und gleichzeitig erhaltet Ihr erst jetzt so richtig die Chance, Susanne Dierolf in diesen Qualitäten zu beerben und ihr nachzufolgen – Susanne wird aber erst dann ganz in himmlischer Freiheit angekommen sein, wenn ihr auf diesem Weg ganz bei Euch ankommt.

Bordseelsorgebericht 2008

Bordseelsorger an Bord der „Ocean Monarch“ vom 05. – 29. September 2008

Pfr. Matthias J e n s, Auf Mohrbüsch 4, 54292 Trier
Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Ehrang  jens.ehrang@ekkt.de

B E R I C H T

In den genannten drei Wochen war ich als Bordseelsorger für etwa 200 Crewmitglieder und zwischen 440 und 468 Passagiere zuständig. Diese Tätigkeit habe ich zum ersten Mal ausgeführt.

Die Dienstanweisung sieht Gottesdienste, Andachten und Crewgottesdienste an Sonn- und Feiertagen bzw. nach Absprache und auf Wunsch vor, sowie Andachten über Bord-TV auf Schiffen, die die technischen Voraussetzungen dafür erfüllen. Zwei Vortragsangebote sollen pro Woche vom Bordgeistlichen gemacht werden. Seelsorgliche Gespräche sind nach Bedarf zu führen. Die Begleitung von Reisegruppen bei Landgängen ist im Auftrag der Reederei durchzuführen.

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Im Berichtszeitraum habe ich sieben Gottesdienste und Andachten gefeiert, einige davon an Seetagen oder aus gegebenem Anlass, immer einen Gottesdienst zum   Reisebeginn und einen „Reisesegen“-Abschlussgottesdienst zum Ende der Fahrt für die scheidenden Passagiere. Der Sonntagsgottesdienst wurde als Abendmahlsgottesdienst ausgestaltet.

Thematisch setzen Gottesdienste auf einer Reise sich mit dem Erleben der Passagiere auseinander und geben biblische Antworten auf Fragen von Aufbruch, Heimatlosigkeit, Unterwegssein und intensiven Eindrücken. Die besondere Herausforderung liegt in der fehlenden musikalischen Begleitung der Liturgie. Bordmusiker spielen oft bis lange über Mitternacht – sie sind nicht bereit und in der Lage, um 09.00 oder 09.30 einen Gottesdienst musikalisch zu unterstützen. Das war nur bei den Abschlussgottesdiensten um 17.00 möglich, also an Tagen, die mit einem frühen Landausflug begonnen hatten. Da ich selbst kein Instrument spiele, nehme ich mir auf die nächste Reise musikalische Aufnahmen von Orgelvorspiel und Chor zu den jeweiligen Liedern auf einem kleinen Tonträger mit Miniboxen mit. Für diese Reisebegleitung hatte ich bereits ein eigenes Bordgesangbuch (siehe Anlage) hergestellt, das sehr gut angekommen ist.

Gottesdienstbesucher kommen,

  • weil sie es aus ihrem sonstigen Leben gewohnt sind, Gottesdienste an Sonntagen zu besuchen. Diese Gruppe findet im Angebot die Chance, ihr bisheriges Frömmigkeitsleben weiter zu führen. Sie sind zuverlässige Gottesdienstbesucher und tragen den musikalischen Teil mit Selbstverständlichkeit.
  • weil sie ein besonderes Problem bewegt. Reisezeiten sind Krisenzeiten. Die besonderen zur Nachdenklichkeit einladenden Umstände einer Reise lassen Probleme hochkommen, die im Alltag an Land erfolgreich überspielt werden konnten. Oft hat sich an den Gottesdienst ein Gespräch angeschlossen, manchmal wurde ich sogar mehrfach hintereinander in Anspruch genommen.
  • weil sie sich langweilen. In genau diesem Punkt sehe ich die große Chance für den Bordseelsorger. Jenseits der anderen berechtigten Anliegen, der Traditionspflege und der seelsorglichen Versorgung, bietet die Kombination von begrenztem Raum auf einem Schiff und fehlende Möglichkeit zur an Land gepflegten Freizeitablenkungen die Gelegenheit, dem Neugierigen zu zeigen, wie lebendig, ermutigend, fantasievoll, tiefgründig, anregend und fröhlich Kirche sein kann. Ich habe die Neugier der Passagiere genutzt.

Das Gesellschaften spielt an Bord eine besondere Rolle. Von den übrigen Staffangehörigen wird dieses „Socializing“ dienstlich erwartet. Für den Bordseelsorger besteht an dieser Stelle mehrfach die Chance, sich und sein Anliegen bekannt zu machen. Beim Begrüßen zum abendlichen Empfang, beim Vorgestelltwerden von Crew und Staff durch den Manager oder Kapitän, aber auch beim Leisten von Gesellschaft insbesondere von Einzelreisenden wird das Thema allein über die Funktion auf dem Namensschild zur Sprache kommen. Der Einladung zu einer Zusammenkunft der Einzelreisenden sollte der Bordgeistliche unbedingt folgen. So macht sich der Seelsorger bekannt. Umgekehrt weckt das jeweilige Gespräch Neugierde, lässt Vertrauen und Sympathie wachsen und diese Umstände schlagen sich im mit der Reisedauer wachsenden Gottesdienstbesuch nieder.

Sich zu Alleinreisenden an den Tisch zu setzen und Konversation zu machen ist zwar eine Aufgabe des Staff, doch in der Person des Pfarrers, der Pfarrerin unterstreicht das die Bedeutung des Gastes und erscheint diesem nicht als Pflichtübung des Staff. In dieser besonderen Zuwendung liegt die Chance für manches seelsorgliche Gespräch.

Der Escort, wie die Begleitung der Landausflüge in der Fachsprache heißt, bietet ähnliche Chancen. Der Escort, also der Verbindungsmensch zwischen Bord und örtlichen Reiseleitern, stellt sich zu Beginn des Ausflugs kurz vor, sodann den Fahrer und die Reiseleitung, und er sorgt am Ende durch das Rundgehenlassen eines „Hutes“ für das Trinkgeld beider Letztgenannten. Auch so erfährt ein Großteil aller Schiffsgäste im Laufe der Zeit, dass ein Pfarrer, eine Pfarrerin an Bord ist.

Die Einzelseelsorge kann sich diskret beim Sozialising anbahnen oder ereignen. Sie wird auch aktiv von Reisenden in Anspruch genommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Seelsorger nicht über die Rezeption gerufen wird, sondern dass die angekündigten Gottesdienstangebote (Tagesprogramm) gezielt als Gelegenheit verstanden werden, den Geistlichen nach dem Gottesdienst zur Seite zu nehmen.

Ich habe ebenso Crewmitglieder angesprochen, wenn sie ein Problem gehabt zu haben schienen. Schwarze Augenringe oder ein blaues Auge waren z.B. solche Indizien. In zwei Fällen konnte ich durch Beratung bzw. Intervention helfen. Gleichzeitig schenkte mir das Gehörte tiefere Einblicke in das Bordleben der Crew.

Für Passagiere und Crew bietet die begrenzte Anwesenheit eines zur Verschwiegenheit verpflichteten Seelsorgers die Chance, mit einem Menschen zu sprechen, den sie wahrscheinlich nie im Leben wiedersehen. In zwei besonders gravierenden Angelegenheiten wurde ich im Berichtszeitraum ins Vertrauen gezogen.

Auch bei Problemen mit dem Partner während der Reise ist der sich zum Gespräch anbietende Pfarrer die beste Möglichkeit, eine probate Vertrauensperson zu finden. Um für solche Fälle ohne Hürde ansprechbar zu sein, habe ich zu bestimmten Stunden an der öffentlichsten Bar des Schiffes Position bezogen, so dass jeder Gast unverfänglich ein Gespräch mit mir beginnen konnte. Dies wurde von den Gästen, vornehmlich aber vom Staff genutzt.

Bedeutung und Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit ist an mehreren Stellen des Berichts beschrieben worden. Die Ankündigungen im Tagesprogramm sind dabei eine wichtige Visitenkarte. Dazu gehört auch das entsprechende Einvernehmen mit der über die Lautsprecher Programmpunkte ankündigenden Managerin. Auf Schiffen, die einen Aushang haben, kann auch ein Portraitfoto des Geistlichen hilfreich sein. Nicht zu unterschätzen ist die Titelwahl der Seminar-, Gesprächs- und Unterhaltungsangebote des Pfarrers, der Pfarrerin (siehe Anlage). Natürlich genügt im Standardfall das Angebot „Was ich einen Pfarrer schon immer einmal fragen wollte“ – eine Gesprächsrunde, die über mein mitgebrachtes Programm hinaus angeboten wurde und in der die „Hürden einvernehmlicher Oikumene“ thematisiert wurden – doch ist eine gute Titelwahl schon immer eine gelungene Einladung gewesen und zeigt den Interessenten, dass der Anbietende sich vor der Reise über seine Themata Gedanken gemacht hat.

Die Angebote dürfen bei allem Tiefgang die Gäste nicht überfordern und die Teilnehmer über Stunden binden. Ein Angebotsfenster von 45 Minuten ist sinnvoll, zumutbar und dem übrigen Tagesprogramm angepasst. Mein auf mehrere Stunden ausdehnbares Seminar über „Jesus“ war in dieser Hinsicht zu umfangreich und konnte nur in Kurzform durchgeführt werden.

Besonders gern besucht wurden Kreise, die gute Unterhaltung versprachen. Sehr gut besucht und sehr gelobt waren die 40 Minuten zum „klerikalen Witz“ (Psychologie des Witzes und Beispiele). Dieses Angebot hatte viel Nachhall und musste wiederholt angeboten werden. Angebracht sind auch Angebote handwerklicher Natur, wie meine Praxisrunde zu Knoten und Steken „Die Kunst der Verbindlichkeit – Seemannsknoten nichts nur für Sehleute“. Ein guter Seminarbeitrag ist auch immer ein Referat des Bordseelsorgers zu Bedingungen oder Objekten des nächsten Reisezieles, also zum Beispiel zum Verhältnis von Christentum und Islam, wenn ein islamisches Land besucht wird oder wie z.B. mein Vertiefungsvortrag zur „Hagia Sophia“. Vertiefung deswegen, weil der tägliche Vortrag des Lektors auf die nächsten Ziele vorbereitet. Mit dem Lektor wird der Themenbereich eigener Referate sinnvoller Weise abgesprochen. Vielfältige Rückmeldung hat mir bewiesen, dass die Mühe gezielter Vorbereitung sich gelohnt hat.

Es unterstützt Gemeinschaftsbildung und Kundenbindung, wenn der Bordseelsorger seinen Gaben entsprechend an anderen Angeboten des Teams teilnimmt. Hier eine Probe des Shantychores für den Je-ka-mi-Abend.

Resumee: Das Angebot eines Pfarrers, einer Pfarrerin an Bord ist sinnvoll. Allein schon die Tatsache der Anwesenheit wurde anerkennend wahrgenommen. Viele Gäste kontrastierten ihr Lob durch das Bedauern, dass es auf den vergangen fünf/sieben Reisen keine solche Begleitung gegeben habe. Ich empfehle, die Versorgung auf Kreuzfahrtschiffen auszubauen. Die Gottesdienstangebote wurden überproportional angenommen. Die Teilnahme lag schließlich bei über 10% der Gäste. Die Escorttätigkeit bietet ein Forum, den Beruf und die Angebote unter der reisenden Gesellschaft bekannter zu machen. Der professionelle Seelsorger trägt zum Wohl und der Stabilität der Gäste auf See bei. Ein guter Pfarrer ist ein Ausweis für Reederei und Reiseveranstalter, die ihren Kunden durch dessen Anwesenheit mitteilen, dass sie sie von A – Z versorgt wissen wollen.

Die Bordseelsorge stellt mit ihren drei Siebetagewochen keine grundsätzlich vom Pfarramt unterschiedene Herausforderung für den Gemeindepfarrer dar. So zu arbeiten, ist er über Wochen und Monate gewohnt. Im Gegenteil: mit ihren gegenwärtigen Rahmenbedingungen stellt die Bordseelsorge eine schöne Alternative zur sonst starken Ortsgebundenheit des Gemeindepfarrers dar. Gemeindearbeit und Residenzpflicht binden die Pfarrstelleninhaber im Allgemeinen. Zu dieser Gebundenheit stellt die Bordseelsorge eine erfrischende Alternative für Menschen dar, die sozial, körperlich, geistig (auf einem Schiff heißt es ständig zu improvisieren!) und geistlich mobil sind.

Priesterjubiläum von Pastor Mönch

 

 

Ansprache zum 50. Priesterjubiläum von Heribert Mönch
12. Juli 2009, Pluwig

Lieber Amtsjubilar!
Liebe Festgesellschaft!

Es gibt ja die absonderlichsten Berufe. Da gibt es z.B. in Wolfsburg, Sindelfingen und Köln Menschen, die nichts anderes machen, als darauf zu hören, ob die Autotüren von Neuwagen beim Zuschlagen so klingen, wie sie bei einem Auto der hergestellten Klassen klingen sollen.

Und dann gibt es Menschen, die beschäftigen sich mit dem Wetter von Morgen. Viele unter uns befragen sie täglich nach den Nachrichten oder in der Zeitung. In gewisser Weise sind sie Hoffnungsträger wie es bei dem Beruf der Fall ist, um den es jetzt geht.

Gehört es neben all den KFZ-Schlossern, Bäckern, Metzgern, Maurern und Meteorolügen nicht auch zu den absonderlichen Berufen, ein Gottesmann zu sein?
Menschheitsgeschichtlich ist das zu verneinen, denn kaum waren die Menschen dem Jäger- und Sammlerdasein entwachsen, da bildeten sich Gesellschaften, die von Priestern gesteuert wurden. Die Stabilität einer Gemeinschaft hängt ganz grundlegend an den Werten, die ihr Zusammenleben steuern und bestimmen.

Und um die Bäcker aller Jahrtausende herauszufordern hat ein Zimmermannssohn vor vielen Jahren festgestellt: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein – sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“.

Den Menschen diese Dimension zu eröffnen, sie aus ihrem alltäglichen Beschäftigtsein herauszuführen und zur Besinnung zu bringen, das ist die Aufgabe, die Sie vor 50 Jahren übernommen haben.

Wir Menschen sind das Wesen, das mit den Füßen zwar auf dieser Erde steht, aber mit der Stirn den Himmel berührt.

Sie sind nicht müde geworden, seit einem halben Jahrhundert unseren Herzen diese Dimension aufzuschließen und nahe zu bringen. Und weil wahr ist, dass Gott sich am liebsten zwischen Menschen erfindet, galt der Gemeinschaft, sagen wir es kirchlich: der „Gemeinde“, Ihr besonderes Augenmerk. Ihre Gaben haben sich gern in musikalischen Gemeinschaften ausgedrückt. Das finde ich sehr einladend, denn bekanntlich soll man sich dort niederlassen, wo Menschen fröhliche Lieder singen.

Auf solche Töne acht zu geben, das finde ich viel einladender als das Geräusch zuschnappender Autotüren. Wenn Sie Herzen und Türen öffnen zu der Welt, die mit ihrer Liebe so entscheidend für das Gelingen auf dieser Erde ist, dann segne Sie Gott auch weiterhin. Ich danke ihm, dass ER Sie uns hierher gegeben hat.

Sich zum Fest des Lebens einladen lassen

Jesus erzählt ein Gleichnis: „Ein Mann gab einmal ein großes Essen und viele dazu ein. Zum Termin schickte er seinen Knecht und ließ den Geladenen sagen: Kommt, alles ist gerichtet. Da fingen die auf einmal an sich zu entschuldigen. Der erste sagte: ich habe einen Acker gekauft und muss dringend hinaus gehen und ihn mir anschauen. Ich bitte, entschuldige mich. Der nächste sagte: ich habe fünf Joch Ochsen erworben und gehe hin sie in Augenschein zu nehmen. Ich bitte dich, entschuldige mich. Der dritte sagte: ich habe gerade geheiratet, darum kann ich unmöglich kommen. Der Knecht kehrte um und meldete es seinem Herren. Da ward der Herr zornig und sagte zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und bringe die Armen, Krüppel, Blinden und Lahmen herein! Kurz darauf der Knecht: Herr, wie du angeordnet hast, ist es geschehen; aber es ist noch Platz. Da sagte der Herr zu seinem Knecht: Dann geh hinaus auf die Landstraßen und bis an die Gemarkungsgrenzen und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll wird. Denn das sage ich euch: von jenen Männern, die eingeladen waren, wird keiner von meinem Mahl zu kosten bekommen.“

Auf meine Frage, warum kommst Du nicht zum Gottesdienst? höre ich oft die Antwort: die ganze Woche muss ich früh aufstehen. Einmal in der Woche möchte ich ausschlafen. Die ganze Woche sehne ich mich danach. Oder ein Familienvater sagte: am Sonntag ist der einzige Tag, an dem ich mit der Familie frühstücken kann. Interessanter Weise ist auch der 17.00 Gottesdienst davon betroffen. Denn eine weitere Wahrheit ist, viele Menschen meinen, Kirche sei eine traurige, belastende Angelegenheit, moralinsauer und der liebe Gott ein Spaßverderber.

Jesus erzählt diese Geschichte, weil er uns durch die Blume dieses Gleichnisses sagen will, dass der Gastgeber unseres Lebens – Gott – ganz anders ist. Er lädt uns zu so etwas wie einem Fest ein, einer absolut fröhlichen Angelegenheit.
Der Gastgeber scheint ein sehr spontaner Mensch zu sein. Er bereitet erst alles vor, dann schickt er den Boten mit der Einladung. In unserem organisierten Deutschland würden wir uns über eine Flut von Absagen bei dieser Art von Spontanität nicht wundern. Schließlich haben wir Termine.

Und genau das ist es, was Jesus uns sagen will. In der Welt, für die er lebt und von der er nicht müde wird zu sprechen haben besonders die eine Chance, die nicht mit eigenen Dingen beschäftigt sind.

Diesem Beschäftigtsein scheint auch der Zorn des Gastgebers geschuldet. Also noch einen Gedanken dazu, denn Jesus weiß von einem liebenden Vater, spricht nicht mehr vom Gott, der Unrecht bis in die vierte Generation ahndet. Das, was hier Zorn genannt wird, sind nicht weniger als die Konsequenzen, die wir auf Grund unserer Lebensführung selbst zu tragen haben. Wir verschreiben uns bestenfalls der Selbstverwirklichung und verstricken uns in der Unlösbarkeit dieser Aufgabe. Alltäglich häufen wir den Berg der Arbeit höher über uns auf. Wir rennen und hasten, vertun unsere Zeit. Und Jesus stellt uns einen Vater im Himmel vor, der sich die Haare rauft und sagt: warum nur verbringen die Menschen ihre Tage in dieser Hetze, warum machen sie sich das Leben so schwer? Warum, vor allem, versuchen sie ihr Leben alleine auf die Reihe zu bekommen, mit ihren Mitteln, sind ausschließlich mit den eigenen Dingen beschäftigt? Sie könnten es so einfach haben, wenn sie meine Einladung annehmen würden.

Jesus spricht mit diesem Gleichnis in unsere Richtung, die wir uns fragen: müssen wir nicht erst noch eine Zugangskontrolle hinter uns bringen, etwas regeln? Müssen wir uns nicht mindestens selbst noch in Ordnung bringen, bevor wir eine Einladung Gottes annehmen können? Müssen wir, bevor wir glücklich sein wollen, nicht noch diese Hürde und Stufe genommen, jene Bedingung erfüllt und dieses Ziel erreicht haben? Wenn ich das erreicht habe, dann bin ich glücklich, sagen wir.
Als könnten wir Leben verschieben, aufheben. Jetzt wird gelebt oder die Zeit vertan. Jetzt fängt das Fest an, nicht erst dann wenn…, nicht erst, wenn ich genug Geld verdient habe, pensioniert bin, mein Leben in Ordnung gebracht, den richtigen Partner gefunden oder den Urlaub erreicht habe.

Darum haben es auch die, die nichts haben einfacher. Wer mit seinem Joch Ochsen, also dem Repräsentationsfortbewegungsmittel, dem neuen Baugrundstück, der Jagd nach der oder dem Richtigen beschäftigt ist, wer Glück einfach in die Zukunft verschiebt, der kann das Geschenk des Lebens, das Fest, das Gott bereitet hat, nicht heute und nicht jetzt leben.

Beschäftigung als Ausrede. Ziele als Grund, die Zusagen des Augenblicks nicht einzulösen. Ich habe Zeit, die Frage ist nur wofür. Der Umgang mit der Zeit spielt eine wichtige Rolle beim Zugehen auf das Reich Gottes. Den lieben Gott auch einmal einen guten Mann sein zu lassen ist offensichtlich genau das, wozu Gott selbst uns einladen will. Unser Leben sei ein Fest, schlägt er uns heute am Sonntag als Lied, vor allem aber als Lebensprogramm vor.

Das kann Wirklichkeit beim Familienfrühstück oder beim Morgen im Bett werden. Wann und wo ich den lieben Gott einen guten Mann sein lasse, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass ich dieses Fenster in meinem Terminkalender offen halte und dass ich bewusst den diesen guten Mann als Gastgeber sehe!

Aber was ist mit mir, wenn ich die Einladung ausschlage, wenn ich meine, ich bekomme es selbst besser hin, wenn ich eben beschäftigt bin und meine, eine gute Entschuldigung zu haben? Kommt dann nicht doch wieder eher der ungnädige Vater ins Bild, einer, der die Türe zuschlägt und sagt: von jenen Männern, die eingeladen waren, wird keiner von meinem Mahl zu kosten bekommen.

Dass ich nie mehr eingeladen werde, das genau steht nicht im Text. Beschrieben wird im ganzen Gleichnis, dass die Eingeladenen es selbst in der Hand haben. Sie haben die Wahl.

Ich selbst muss einfach nur hingehen, mein Leben ein Fest sein lassen wollen. Ich muss die Einladung einfach nur annehmen. Amen.

Geduld ist eine Tugend

Worauf kommt es im Leben an?

Diese Frage stellen nicht nur wir uns heute, schon vor zweitausend Jahren fragten sich die Leute, worauf es ankommt.

Auch von Jesus wollten sie wissen, welche Antwort er bereit hat.


1 An jenem Tag verließ Jesus sein Haus und setzte sich am Meer nieder. 2 Da liefen die Leute in großen Scharen bei ihm zusammen, so daß er ein Boot bestieg und sich dort setzte, während das ganze Volk am Strand stehen blieb. 3 Und er redete viel in Gleichnissen zu ihnen und sagte: „Sieh, ein Sämann ging, um zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg – da kamen die Vögel und fraßen es auf.

5 Anderes fiel auf Felsboden, wo nicht viel Erdreich liegt, ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. – 6 Kaum stand die Sonne am Himmel, da wurde es versengt, weil es nicht hatte Wuzeln fassen können.

7 Anderes fiel unter die Dornen. Die Dornen schossen empor – und erstickten es.

8 Anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht: das eine hundertfach, das andere sechzigfach, das dritte dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!“

Geschichten und Gleichnisse als Antworten haben eine besondere Gabe. Menschen mit „ja, ja“ und „nein, nein“ zu antworten, erfordert Präzision und Mut. Mut insbesondere dann, wenn fehlende Qualitäten und Eigenschaften der Fragenden kritisiert werden müssen, um eine ehrliche Antwort zu geben.

Doch solche Ehrlichkeit verschließt oft die Herzen der Fragenden. Darum also die schöne Verpackung einer Erzählung. Sie wirbt indirekt für die Wahrheit: sie öffnet ihr Ohr und Herz.

Die Frage war: worauf kommt es an im Leben?

Die Antwort liegt auf der Hand. Wir müssen uns nur die verschiedenen Schicksale der Körner vor Augen führen.

Da sind zunächst die, die oben liegen bleiben. Sie sind auf die breite Straße des Lebens gefallen und mir ist, als fragten sie weder nach woher oder wohin des Lebensweges. Sie bleiben an der Oberfläche. Ich kenne Menschen, die bleiben ihr ganzes Leben lang an der Oberfläche. Sie fragen nicht danach, wie und was der Mensch ist, Fragen, die du nur beantwortet bekommst, wenn du bei dir selbst in die Tiefe steigst. Auch noch so viele menschliche Begegnungen bringen keine Einsicht in das Wesen des Menschen, wenn er nicht an sich selbst beobachtet und lernt.

Diese hier aber haben keinen Tiefgang; sie sind eben oberflächlich.

Das ist nicht gut, will Jesus uns sagen, denn sie werden schnell Opfer von denen, die sie benutzen wollen. Opfer solcher beispielsweise, die behaupten: ich habe dich zum fressen gern – aber in Wahrheit interessieren sie sich gar nicht für mich, sie wollen nur, daß ich ausführe, was sie wollen. Ich bin Handlanger, Stimmvieh, Punkt in der Masse und letztlich benutzen sie mich, um selbst satt zu werden.

Dann sind da die, deren Wurzeln den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Wir wissen, zarte Pilze können Teerstraßen durchbrechen und Wurzeln können Fundamente sprengen. Doch diese hier bemühen sich nicht, sie geben sich mit der dünnen Mutterkrume zufrieden, die der Wind in irgendwelche Löcher geweht hat. Sie nehmen, was kommt. Das sind die Schnellebigen. Die, die sich immer anpassen. Sie haben keine wirkliche eigene Meinung, zeigen kein Profil. Sie sind sozusagen eigentlich gar nicht wirklich. Denn wer ist, hat Ecken und Kanten, hat ein ganz einmaliges Erscheinungsbild und Wesen.

Sie haben nichts zu geben, denn in Wahrheit sind sie nichts.

Wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

Und dann sind da die armen, die im Gerangel untergehen, erstickt von den Dornen einer nach oben strebenden Gesellschaft. Die, denen die Stiche und Gemeinheiten der anderen wehtun. Empfindsame Seelen, sensible Menschen. Die, denen das Licht zum Leben genommen wird, weil andere sich über ihnen breit machen: Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, geltungssüchtige Mitmenschen oder Partner.

Sie gehen kaputt im allgemeinen Drägeln und Schieben nach oben, nach vorne, nach Geld und nach Ansehen.

Das sind die, die im Leben unter die Räder kommen, underdocks auch, Schwarze in den amerikanischen Ghettos, Kindermassen in Indien, Frauen in patriarchalischer Industriegesellschaft, Mädchen im afrikanischen Stammesislam, Bauern im aufstrebenden China, Menschen anderer Meinung in Diktaturen.

Sie werden mundtot gemacht, nicht an die Oberfläche der öffentlichen Meinung gelassen. Sie verkümmern, weil sie niemand gelten läßt oder gar fördert.

Ja und dann, dann sind da endlich die, zu denen wir so gern gehören. Denen es wohlgelingt. Offensichtlich wissen sie, worauf es ankommt im Leben. Und Glück haben sie gehabt. Die Gnade der richtigen Geburt ins richtige Land zur richtigen Zeit, liebevolle Eltern, gute Anlagen, geeignete Erzieher.

Und wissen:

– wir brauchen Tiefgang beim Nachdenken über die Zusammenhänge der Welt und darüber, wie menschliches Miteinander gut funktionieren könnte;

– wir haben Profil und dürfen unsere Persönlichkeit zeigen, tun, was ich als richtig erkannt habe, selbst wenn andere es anders machen würden;

– wir sind rücksichtsvoll und achten darauf, daß niemand unter die Räder gerät oder in unserem Schatten erstickt.

Schauen Sie sich selbst an. Ich habe ihnen das Beispiel zum Anfassen mitgebracht. Sonnenblumenkerne. Samen, die der Sämann gern streut. Es ist eine lohnende Saat. Sie trägt alles in sich. Die Kraft und das Programm, eine stattliche Blume, 1,50 m hoch und mit sonnengelbem Flammenrad zu werden.

An der falschen Stelle aber auch Vogelfutter.

Hundertfach kann sie tragen, wenn´s gelingt, oder einfach nur ein Häufchen Elend, wenn´s mißlingt.

Worauf kommt es an im Leben?

Auf die Wurzeln, liebe Gemeinde! Es kommt darauf an, woraus wir leben!

Meine Intelligenz kann ich nicht ändern und meinen geistigen Horizont nur in beschränktem Maße erweitern.

Meine Persönlichkeit habe ich ererbt. Ich kann mir vornehmen, mich anders zu verhalten, doch ich falle immer wieder in die alten Schemata zurück.

Für das Land, in das ich geboren werde und die gesellschaftliche Stellung meiner Geburt kann ich nichts.

Das eine oder andere kann ich ändern, das meiste jedoch nicht. Und doch hat dies alles: das Veränderbare vor allem aber das Unabänderliche zwei Gesichter. Und darum kann sich mein Verhalten in zwei Richtungen entfalten. Der Wille trägt dabei oft nicht weit. Meine Meinung und meine Einstellungen zu allem aber folgen meinem Glauben.

Mein Gottvertrauen entscheidet darüber, ob ich in mittelgutem Boden mehr den Fels oder mehr die Muttererde sehen kann. Ob das Glas schon halbleer oder noch halbvoll ist. Ob dies Leben ein Kampf, etwas zum besitzen ist, oder das Geschenk, mich entfalten zu dürfen.

Vertrauen in Gott, den Vater, ist das Geheimnis einer guten Lebenseinstellung.

Vertrauend kann ich Ansprüche an mich lockern und Druck auf andere lösen.

Gut dran ist ein Mensch, der Gott vertraut. Er ist wie ein Baum am frischen Wasser, wie ein Samenkorn, das gute Wurzeln schlägt.

Amen.

LITURGIE ZUR PREDIGT ÜBER MT 13, 1-9

Eingangspslam

92 im Wechsel

Text 740, S. 1169

Schuldbekenntnis

Wer hat schon die Kraft,

immer in die Tiefe zu gehen,

alles zu ergründen,

Verantwortung bis ins letzte zu übernehmen?

Wer hat schon die Kraft,

die Wahrheit gegen alle Widerstände durchzusetzen,

ihr zum Recht zu verhelfen,

selbst, wenn mit selbst schon Unrecht zugefügt wird?

Wer hat schon die Kraft,

stets zu verzeihen, Neuanfänge zu säen,

und dabei alle verletzten Seelen ausfindig zu machen

und sie zu heilen?

Herr, wir erkennen, daß wir oft zu kraftlos,

müde, selbstbezogen sind,

um Deine Welt durchzusetzen;

Herr, hilf unserer Schwachheit ab!

Gnadenzuspruch

Seid ermutigt; denn so spricht der Herr, unser Gott:

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun!“ (Hes 36, 26)

Kollektengebet

Kraft wollen wir in diesem Gottesdienst sammeln, Kraft für Aufbrüche, Aufbrüche zu mehr Tiefgang, zu nötigem Widerstand, zur Hilfe für die Schwachen und Unterdrückten, Kraft für ein Leben nach Gottes Bild.

Dann werden wir sein wie ein Baum am Wasser des Lebens.

Und unseren Mitmenschen werden die Füchte unseres Tun köstlich erscheinen.

Fürbittengebet

Wir bitten für die Oberflächlichen,

daß sie Freude am Nachdenken finden,

daß sie kritisch im rechten Augenblick

und voll Tiefe in ihren Gefühlen sind.

Wir bitten für die,

die gern den Weg des geringsten Widerstands gehen,

daß sie die Lust an der Beharrlichkeit

und den Triumph erfolgreicher Ausdauer kennen lernen.

Wir bitten für die Schwachen in jeder Gesellschaft,

daß die Dornen neben ihnen weniger stachelig

und die, die sich über ihnen breit machen

weniger ereinnahmend sind.

Uns allen schenke das Vertrauen,

das uns die tiefen Zusammenhänge erkennen,

den nötigen Widerspruch aussprechen

und den Dank für empfangene Gnade empfinden läßt;

haben läßt das

Vertrauen zu Dir, Vater Unser …