Geduld ist eine Tugend

Worauf kommt es im Leben an?

Diese Frage stellen nicht nur wir uns heute, schon vor zweitausend Jahren fragten sich die Leute, worauf es ankommt.

Auch von Jesus wollten sie wissen, welche Antwort er bereit hat.


1 An jenem Tag verließ Jesus sein Haus und setzte sich am Meer nieder. 2 Da liefen die Leute in großen Scharen bei ihm zusammen, so daß er ein Boot bestieg und sich dort setzte, während das ganze Volk am Strand stehen blieb. 3 Und er redete viel in Gleichnissen zu ihnen und sagte: „Sieh, ein Sämann ging, um zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg – da kamen die Vögel und fraßen es auf.

5 Anderes fiel auf Felsboden, wo nicht viel Erdreich liegt, ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. – 6 Kaum stand die Sonne am Himmel, da wurde es versengt, weil es nicht hatte Wuzeln fassen können.

7 Anderes fiel unter die Dornen. Die Dornen schossen empor – und erstickten es.

8 Anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht: das eine hundertfach, das andere sechzigfach, das dritte dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!“

Geschichten und Gleichnisse als Antworten haben eine besondere Gabe. Menschen mit „ja, ja“ und „nein, nein“ zu antworten, erfordert Präzision und Mut. Mut insbesondere dann, wenn fehlende Qualitäten und Eigenschaften der Fragenden kritisiert werden müssen, um eine ehrliche Antwort zu geben.

Doch solche Ehrlichkeit verschließt oft die Herzen der Fragenden. Darum also die schöne Verpackung einer Erzählung. Sie wirbt indirekt für die Wahrheit: sie öffnet ihr Ohr und Herz.

Die Frage war: worauf kommt es an im Leben?

Die Antwort liegt auf der Hand. Wir müssen uns nur die verschiedenen Schicksale der Körner vor Augen führen.

Da sind zunächst die, die oben liegen bleiben. Sie sind auf die breite Straße des Lebens gefallen und mir ist, als fragten sie weder nach woher oder wohin des Lebensweges. Sie bleiben an der Oberfläche. Ich kenne Menschen, die bleiben ihr ganzes Leben lang an der Oberfläche. Sie fragen nicht danach, wie und was der Mensch ist, Fragen, die du nur beantwortet bekommst, wenn du bei dir selbst in die Tiefe steigst. Auch noch so viele menschliche Begegnungen bringen keine Einsicht in das Wesen des Menschen, wenn er nicht an sich selbst beobachtet und lernt.

Diese hier aber haben keinen Tiefgang; sie sind eben oberflächlich.

Das ist nicht gut, will Jesus uns sagen, denn sie werden schnell Opfer von denen, die sie benutzen wollen. Opfer solcher beispielsweise, die behaupten: ich habe dich zum fressen gern – aber in Wahrheit interessieren sie sich gar nicht für mich, sie wollen nur, daß ich ausführe, was sie wollen. Ich bin Handlanger, Stimmvieh, Punkt in der Masse und letztlich benutzen sie mich, um selbst satt zu werden.

Dann sind da die, deren Wurzeln den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Wir wissen, zarte Pilze können Teerstraßen durchbrechen und Wurzeln können Fundamente sprengen. Doch diese hier bemühen sich nicht, sie geben sich mit der dünnen Mutterkrume zufrieden, die der Wind in irgendwelche Löcher geweht hat. Sie nehmen, was kommt. Das sind die Schnellebigen. Die, die sich immer anpassen. Sie haben keine wirkliche eigene Meinung, zeigen kein Profil. Sie sind sozusagen eigentlich gar nicht wirklich. Denn wer ist, hat Ecken und Kanten, hat ein ganz einmaliges Erscheinungsbild und Wesen.

Sie haben nichts zu geben, denn in Wahrheit sind sie nichts.

Wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

Und dann sind da die armen, die im Gerangel untergehen, erstickt von den Dornen einer nach oben strebenden Gesellschaft. Die, denen die Stiche und Gemeinheiten der anderen wehtun. Empfindsame Seelen, sensible Menschen. Die, denen das Licht zum Leben genommen wird, weil andere sich über ihnen breit machen: Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, geltungssüchtige Mitmenschen oder Partner.

Sie gehen kaputt im allgemeinen Drägeln und Schieben nach oben, nach vorne, nach Geld und nach Ansehen.

Das sind die, die im Leben unter die Räder kommen, underdocks auch, Schwarze in den amerikanischen Ghettos, Kindermassen in Indien, Frauen in patriarchalischer Industriegesellschaft, Mädchen im afrikanischen Stammesislam, Bauern im aufstrebenden China, Menschen anderer Meinung in Diktaturen.

Sie werden mundtot gemacht, nicht an die Oberfläche der öffentlichen Meinung gelassen. Sie verkümmern, weil sie niemand gelten läßt oder gar fördert.

Ja und dann, dann sind da endlich die, zu denen wir so gern gehören. Denen es wohlgelingt. Offensichtlich wissen sie, worauf es ankommt im Leben. Und Glück haben sie gehabt. Die Gnade der richtigen Geburt ins richtige Land zur richtigen Zeit, liebevolle Eltern, gute Anlagen, geeignete Erzieher.

Und wissen:

– wir brauchen Tiefgang beim Nachdenken über die Zusammenhänge der Welt und darüber, wie menschliches Miteinander gut funktionieren könnte;

– wir haben Profil und dürfen unsere Persönlichkeit zeigen, tun, was ich als richtig erkannt habe, selbst wenn andere es anders machen würden;

– wir sind rücksichtsvoll und achten darauf, daß niemand unter die Räder gerät oder in unserem Schatten erstickt.

Schauen Sie sich selbst an. Ich habe ihnen das Beispiel zum Anfassen mitgebracht. Sonnenblumenkerne. Samen, die der Sämann gern streut. Es ist eine lohnende Saat. Sie trägt alles in sich. Die Kraft und das Programm, eine stattliche Blume, 1,50 m hoch und mit sonnengelbem Flammenrad zu werden.

An der falschen Stelle aber auch Vogelfutter.

Hundertfach kann sie tragen, wenn´s gelingt, oder einfach nur ein Häufchen Elend, wenn´s mißlingt.

Worauf kommt es an im Leben?

Auf die Wurzeln, liebe Gemeinde! Es kommt darauf an, woraus wir leben!

Meine Intelligenz kann ich nicht ändern und meinen geistigen Horizont nur in beschränktem Maße erweitern.

Meine Persönlichkeit habe ich ererbt. Ich kann mir vornehmen, mich anders zu verhalten, doch ich falle immer wieder in die alten Schemata zurück.

Für das Land, in das ich geboren werde und die gesellschaftliche Stellung meiner Geburt kann ich nichts.

Das eine oder andere kann ich ändern, das meiste jedoch nicht. Und doch hat dies alles: das Veränderbare vor allem aber das Unabänderliche zwei Gesichter. Und darum kann sich mein Verhalten in zwei Richtungen entfalten. Der Wille trägt dabei oft nicht weit. Meine Meinung und meine Einstellungen zu allem aber folgen meinem Glauben.

Mein Gottvertrauen entscheidet darüber, ob ich in mittelgutem Boden mehr den Fels oder mehr die Muttererde sehen kann. Ob das Glas schon halbleer oder noch halbvoll ist. Ob dies Leben ein Kampf, etwas zum besitzen ist, oder das Geschenk, mich entfalten zu dürfen.

Vertrauen in Gott, den Vater, ist das Geheimnis einer guten Lebenseinstellung.

Vertrauend kann ich Ansprüche an mich lockern und Druck auf andere lösen.

Gut dran ist ein Mensch, der Gott vertraut. Er ist wie ein Baum am frischen Wasser, wie ein Samenkorn, das gute Wurzeln schlägt.

Amen.

LITURGIE ZUR PREDIGT ÜBER MT 13, 1-9

Eingangspslam

92 im Wechsel

Text 740, S. 1169

Schuldbekenntnis

Wer hat schon die Kraft,

immer in die Tiefe zu gehen,

alles zu ergründen,

Verantwortung bis ins letzte zu übernehmen?

Wer hat schon die Kraft,

die Wahrheit gegen alle Widerstände durchzusetzen,

ihr zum Recht zu verhelfen,

selbst, wenn mit selbst schon Unrecht zugefügt wird?

Wer hat schon die Kraft,

stets zu verzeihen, Neuanfänge zu säen,

und dabei alle verletzten Seelen ausfindig zu machen

und sie zu heilen?

Herr, wir erkennen, daß wir oft zu kraftlos,

müde, selbstbezogen sind,

um Deine Welt durchzusetzen;

Herr, hilf unserer Schwachheit ab!

Gnadenzuspruch

Seid ermutigt; denn so spricht der Herr, unser Gott:

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun!“ (Hes 36, 26)

Kollektengebet

Kraft wollen wir in diesem Gottesdienst sammeln, Kraft für Aufbrüche, Aufbrüche zu mehr Tiefgang, zu nötigem Widerstand, zur Hilfe für die Schwachen und Unterdrückten, Kraft für ein Leben nach Gottes Bild.

Dann werden wir sein wie ein Baum am Wasser des Lebens.

Und unseren Mitmenschen werden die Füchte unseres Tun köstlich erscheinen.

Fürbittengebet

Wir bitten für die Oberflächlichen,

daß sie Freude am Nachdenken finden,

daß sie kritisch im rechten Augenblick

und voll Tiefe in ihren Gefühlen sind.

Wir bitten für die,

die gern den Weg des geringsten Widerstands gehen,

daß sie die Lust an der Beharrlichkeit

und den Triumph erfolgreicher Ausdauer kennen lernen.

Wir bitten für die Schwachen in jeder Gesellschaft,

daß die Dornen neben ihnen weniger stachelig

und die, die sich über ihnen breit machen

weniger ereinnahmend sind.

Uns allen schenke das Vertrauen,

das uns die tiefen Zusammenhänge erkennen,

den nötigen Widerspruch aussprechen

und den Dank für empfangene Gnade empfinden läßt;

haben läßt das

Vertrauen zu Dir, Vater Unser …