Ein Leben auf der Rennebahn

Traueransprache für Richard Manz

über

  1. Kor 9, 24 am 14. August 2018 in St. Klemens, Ruwer

 

 

Das Leben manches Menschen wird in einem einzigen Augenblick entschieden. Für Richard Manz wähle ich einen Vers aus dem 1. Korintherbrief, um zu verdeutlichen, was ich meine.

 

Der Apostel Paulus bedient sich in seinem Schreiben eines Bildes, um Christen zu ermutigen, sich anzustrengen. Er schreibt „Ihr wisst doch, dass bei einer Sportveranstaltungalle sich anstrengen, dass sie in der Kampfbahn laufen, aber nur einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt“, spornt er an.

 

Nein, es geht nicht um Richard Manz, den Christen. Denn diesem Kapitel gab er eine schnelle Absage „Ich bin kein großer Kirchgänger“, bekannte er mir bei meinen gelegentlichen Besuchen.

 

Es geht darum, dass es in Richards Leben einen Moment, eine Zurückweisung gab, die bestimmte seine weitere Zukunft. Nach dem Krieg kehrte er 1946 in eben die Firma zurück, in der er nach der Handelsschule 1941 seine Lehre als Sanitärkaufmann begonnen hatte. Unter den Gebrüdern Steffen imponierte ihm besonders Walter. Ein Chef, der Richard zu motivieren verstand. Ihn nahm er sich als Vorbild.  Und dessen Tochter interessierte ihn. Doch die Mutter dieses jungen Mädchens wies den ehemaligen Lehrling und Mitarbeiter ab.

Ich verstehe diese Abweisung als Schlüsselstelle in Richards Erfolgsleben. Nun betrat er die Arena, lief in der Kampfbahn, um den Siegespreis zu erlangen. Weniger das Mädchen, dem er ein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb, als vielmehr der Erfolg sollte beweisen, dass er, der damals noch kleine Angestellte, in der Lage war, eine Familie zu ernähren, eine Firma erfolgreich zu führen.

Er verließ Leysser und Idar-Oberstein. Die Firma, in der er 1946 mit dem Karren Post gefahren hatte und wenig später in verantwortlicher Stelle 280 Mark heim brachte. Ein Stück deutscher Geschichte auch dieser Einblick.

 

Richard ging nach Soest, Westfalen; schaute sich andere Betriebe an. Zuvorderst die Firma Kersting. Der junge Manager wohnte als Untermieter bei Familie Ahlemeyer, wo er 1953 Käte kennen lernte.

Das Karriereangebot einer dritten Firma führte zu seiner Rückkehr zu Leysser, die von diesem Headhunting Wind bekommen hatte und deren Angebot überbot.

So kam Richard Manz nach Trier, wo er an dem Aufbau der Niederlassung in der Metternichstraße maßgeblich beteiligt war, schließlich die Geschäftsführung übertragen bekam, dieses Unternehmen und die, die noch dazu kamen erfolgreich führte oder begleitete.

Er war ein Chef alter Schule, setzte sich zu seinen Angestellten, war sich nicht zu schade, des Abends nachzufegen und er machte häufig als letzter das Licht aus.

Akkuratess in der Buchführung war ihm Habitus. Davon können auch seine Familienmitglieder ein Lied singen, wenn es um Krankenkasse, Haushaltsführung und Bankauszüge ging. Er hat diese Dinge einfach sehr genau genommen.

 

1957 hatte Richard Käte Ahlemeyer geheiratet, die ein Jahr später, nach der kirchlichen Trauung, an die Moselstadt nachziehen durfte.

Den beiden wurde 1964 Petra geschenkt. Und Richard, der inzwischen erfolgreich war, machte sich einen Spaß daraus, von seine Pilzwanderungen neben den begehrten Steinpilzen auch Äpfel von den wilden Wiesen mitzubringen und zu sagen: „seht ihr, ich kann meine Familie ernähren“.

 

Vielleicht liege ich mit meinem Gedanken an ein Schlüsselerlebnis auch falsch, und es sind die elterlichen Prägungen, die genetische Mitgift, die Richard zu dem machten, was er war. Denn seine Mutter, Jahrgang 1888, war eine couragierte Frau. Sie hatte neben der schwiegerelterlichen Edelsteinschleiferei in der Amethyste und Achate geschliffen wurden, einen Gastronomiebetrieb aufgebaut und verstand es, diesen auch zu führen. Sie war diejenige, die alles Geschäftliche in der Familie managte. Und von ihr könnte Richard seinen Sinn fürs gewissenhafte Arbeiten, fürs Geldverdienen, für das berufliche Avancement haben.

 

Den Ausgleich für seine Zeit der Zielstrebigkeit, für die Energie, die er in sein Evenement steckte, suchte er beim Fischen. „Nicht einfach so die Angelrute in den Teich halten“, pflegte er zu betonen, sondern das Fliegenfischen, also die auch körperlich herausfordernde Art, Raubfische zu fangen. Das war sein Ding. Hier fand er die Ruhe, die Muße und Ablenkung, die ihm Abstand von seinem Alltag schenkte.

Eine zweite, andere Möglichkeit bot ihm der Vereinssport. Dazu gehörte kurze Zeit auch das Golfen, aber hier kamen ihm immer die geschätzten Pilze in die Quere, so dass er auf dem Grün hin und her gerissen war. So entschied er sich fürs Tennisspielen. Und dafür, das Pilzesammeln ganz allein zu betreiben.

Richard wollte es wissen. Er erstieg Berge solo, kam manches mal gezeichnet aber erhobenen Hauptes ins Hotel zurück. Er war interessiert. Im neunten Jahrzehnt wagte er noch einen Tandemsprung. Diese optimistische Neugier wirft ein bezeichnendes Licht auf sein Wesen.

Dem drahtigen Richard sah man nicht an, dass er großen Wert auf gute Küche und guten Keller legte. Als Käte ihm auf dem Sterbebett die Lippen mit Wein benetzte, murmelte er noch den Namen des richtigen Winzers und fragte nach dem Jahrgang.

Sportlich war Richard und auch mit 90 einer der besten seiner Equipe. Seine gesunde Natur war dabei die eine Seite, die andere auch hier sein Ehrgeiz. Ganz der Läufer Pauli im Stadion, der Sport treibt um zu gewinnen.

 

Im Vereinsleben kam dann das Erbe seines Vaters zum Tragen. Dieser, Jahrgang 1882, war ein lebensfroher Mensch und hat Richard seine gesellige Ader vererbt. Richard, der Sportskamerad, Richard, der Gastgeber, der spendable Privatmann. Die Feste im Garten zwischen Schwimmbad und Haus sind allen unvergessen, die dort bewirtet wurden. Er schätze musikalische Unterhaltung. Und unterwegs mit seinem Hund, so erzählte er, singe er gern. In Soest freute er sich an den traditionellen Trommlergruppen und meinte, auch dieser hier Region könnten solche Erbaulichkeiten gut bekommen.

 

Zu den unterschiedlichen Facetten seines Wesens gehörte auch die Lust am Reisen. Was ein Mensch unbedingt gemacht haben müsse, wurde er gefragt. Seine Antwort war „Im Leihwagen durch Australien zu reisen“, auch liebte er orientalische Atmosphäre, die Geschichten von 1001-Nacht und reiste auf der Suche danach nach Bahrein und Djohar.

Aber genau so gut kam er weit weg von jedem lauten Bazar zurecht auf einer einsamen Insel inmitten eines Südseekorallenriffs.  In diesen Zielen spiegeln sich seine beiden Gesichter: das gesellige und das zurückgezogene meditative. Zwei Beine eben, auf denen er stand.

 

Richard wusste, dass es ihm gut ging. Dass sein Fleiß, seine Stetigkeit und eine Prise Fortune ihn weit gebracht hatten. Und dafür war er dankbar. Eine kurze Geschichte bebildert, was ich sagen möchte. „Ein reicher Mann kam einmal in den Himmel. Die Tische bogen sich dort unter den Speisen. „Was kostet dies und was das?“, erkundigte er sich bei Petrus. „Alles einen Pfennig“, antwortete dieser. „Aber wir nehmen hier nicht das Geld, das du besessen hast, sondern all das zählt hier, was du verschenkt hast“.

Richard hat gern gespendet. Seinen Vereinen und auch der Kirche.

Auch wenn er selbst nicht daran geglaubt hat, oder vielleicht gerade deswegen, möge er nun positiv erstaunt sein darüber, wie ihm das Licht der Liebe Gottes entgegen kommt und ihn willkommen heißt. Amen

Warum reisen? Neujahrsempfang

Andacht über das gemeinsame Unterwegssein, nach der Lektüre von George Sand, „Ein Winter auf Mallorca“

 

 

Zu Weihnachten bekam ich das Buch von George Sand, ein Winter auf Mallorca geschenkt. Eine aufwärmende Lektüre über ihre Zeit mit Frederic Chopin auf der bekannten Mittelmeerinsel.

„Warum reisen Sie?“

1855 stellt Aurora Dupin diese Frage ihrem Leser. Was ist es im Grunde, das „uns auf die Suche nach diesem kostspieligen, ermüdenden, manchmal gefährlichen und immer voller unzähligen Enttäuschungen Vergnügen treibt?“

Und sie, die uns als Gefährtin Chopins im Winter 1838/39 und eher unter ihrem Pseudonym George Sand bekannt ist, erweist sich als Reisende par excellence. Als Forscherin in Sachen Reisen. Denn sie verbringt mit dem Komponisten ein paar Monate auf einer Insel, die von Touristen noch nie vorher besucht worden ist: Mallorca. Heute Inbegriff teutonischen Sonnens, damals ein vergessenes spanisches Niemandsland kurz vor Afrika.

Warum reisen Sie, fragt sie und antwortet selbst: „es liegt daran, dass wir uns selbst nie an einem Ort völlig wohlfühlen;“.

Wir sind Suchende. Wir sind körperlich unterwegs, auf Reisen, weil unser Herz auf der Suche ist. Auf der Suche nach einem gesünderen Klima, einer gerechteren Gesellschaft, neuen Ideen – kurz: auf der Suche nach einer idealen Welt.

Aber diese Frau wäre nicht Vorreiterin der emanzipatorischen Idee von Frau und Volk gewesen, würde sie uns nicht auch in die Seele schauen. So ist es die Seelenforscherin, die erklärt:„Alle reisen wir, sowie wir eine kleine Gelegenheit und Geld haben, oder besser gesagt, wir fliehen, denn das Wichtige ist nicht so sehr Reisen, sondern Abreisen, weißt Du?“

Abreisen, hinter sich lassen, Abstand gewinnen vom Alltag, von Lasten, vom Gewöhnlichen, vom Überdruss. Von Orten und Befindlichkeiten eben, an denen wir uns nicht wohlfühlen.

Abreisen heißt auch mutig sein und sich Ungewohntem auszusetzen. Abreisen heißt neugierig sein und sich selbst verändern zu wollen. Ein solcher Aufbruch zehrt vom Vergangenen, von dem, was wir im letzten Jahr erlebt, gelernt haben, was wir besser machen wollen.

Wandlung eben. Die eigene Entwicklung, die ein Bild des Lebens schlechthin ist. So wollen wir – katholische und evangelische – Christen, miteinander unterwegs sein, Seite an Seite in unseren beiden Ortsgemeinden Pluwig und Gusterath durchs Jahr gehen, menschliche Begegnung und unsere Mitwelt gestalten, weil wir wissen, dass wir im Aufbruch sind. Aufeinander zu und miteinander.

Denn tatsächlich, diese Welt ist eine vorläufige, ein Land, in dem wir uns noch nicht völlig wohlfühlen.

Gerade wir ökumenischen Christen sind Suchende, sind auf der Suche nach einer idealen Welt.

Und wir wissen, miteinander sind wir diesem Ideal ein Stück näher – und drücken es auch in versöhnter Verschiedenheit dicht nebeneinander ein Stück weit besser aus!

Darum sind Abreise, Aufbruch ins neue Jahr, Ende und Anfang so bedeutsam. Weil sie für Aufbruch, für Mut und gemeinsame Ziele stehen.

Mögen uns Aufbruch, Unterwegssein und Ankunft gelingen. Mögen uns die Augen aufgehen über dem Neuen – und mögen wir uns selbst in erfrischender Weise neu entdecken.

Denn darum reisen wir doch, oder?

K rippaler Infekt

Krippaler Infekt – Andacht  (nach  einer Idee von Wolfgang Raible)

 

Jetzt in der Winterzeit kurz vor Weihnachten wünschen wir uns vielerlei. „Gesundheit!“ rufen wir dem Niesenden zu.

Nun ich wünsche Euch einen herzhaften krippalen Infekt. Jawohl, Ihr habt richtig gehört: einen krippalen Infekt.

 

Und zwar den mit „k“ vorne.

 

Also einen, der seine Inkubationszeit in der Vorfreude auf die Krippe, im Advent hat, vier Kerzen lang dauert und sich dann im provisorischen Stall, direkt an der Krippe so recht infektiös zeigt. Der sich ansteckt an der Botschaft des Mannes aus Nazareth. Und der weitergereicht werden will von Mund zu Mund, von Herz zu Herz.

 

Denn in der kalten Zeit so einen Infekt zu bekommen, das ist doch ziemlich naheliegend. Die Herzenskälte der Menschen, wie sie einander auf den Straßen an den Adventssamstagen als Konkurrenten, Parkplatzjäger und Innenstadtverstopfer empfinden, vor allem wir sie hinweggehen über das Leid, das einer dem anderen antut, wie sie ihr persönliches Wohl suchen, indem sie Geflüchtete ausnutzen, die ihre Rechte nicht kennen, wie Menschen, Frauen meist, als Leibeigene in fremde Länder vermarktet werden, wie sie Kindern die Organe entnehmen und in die erste Welt verkaufen, da kann einem schon die heiße Wut aufsteigen!

 

Die Symtome: zunächst einmal Schwäche. Schwäche für andere Menschen. Für die, die so sind, wie sie sind. Sie so nehmen zu können, weil Ihr euch dafür interessiet, wie sie sind und wie es ihnen geht. Weil Ihr sie so akzeptiert wie mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen sind.

 

An welchen Symptomen man den krippalen Infekt sonst noch erkennen kann? An Schluckbeschwerden. Wenn Ihr nicht mehr alles schlucken könnt, was Ihr an Ungerechtigkeiten und Lieblosigkeiten gesagt bekommt, wenn Ihr es Leid seid, dass Ihr nicht ernst genommen werdet.

 

Und was kann man tun, wenn man diesen krippalen Infekt hat? Nun zunächst einmal inhalieren: alles einatmen und aufnehmen, was den Geist Jesu atmet. Das ist der Gemeingeist, der, der dem Miteinander gut tut, der für Verstehen und Verständnis sorgt, der den Kontakt sucht zu Zurückgezogenen und der selbst offene Türen liebt. Sie wissen doch: wegen dem Durchzug. Frischer Wind soll wehen können in alten Beziehungen, das macht die Liebe lebendig.

 

Und dann ist es wichtig, eine gesunde Mischung zwischen Ruhe und Bewegung zu finden. Sich also einerseits selbst Ruhe zu gönnen, inne zu halten. Momente der Stille in den Tag einzubauen, Zeit zu lassen für eine Betrachtung, für ein Gebet. Und sich andererseits in Bewegung bringen zu lassen: gegen Plattes und Vordergründiges mit Tiefe, Offenheit und Wahrhaftigkeit anzureden. Aufzustehen gegen Unrecht und ehrlich zu sein.

 

Und wenn Weihnachten dann vorbei ist, dann werdet Ihr merken, dass dieser krippale Infekt keine Winterkrankheit ist, dass er das ganze Jahr zwischen den Menschen virulent bleiben und weiter gegeben werden kann. Na dann: Hatschi, Gesundheit und Amen.

… die dicksten Kartoffeln

Erntedank

(Eine Schubkarre voll Grasschnitt vor dem Altar)

 

Haben Sie schon mal mit dem Grasschnitt Bodenunebenheiten auf ihrer Wiese ausgeglichen? Das ist leichter als mit Schippe und Schubkarre irgendwo Erde abzutragen und in die Mulden zu fahren. Schließlich will der Grasschnitt auch zu Erde werden.

Ich hab ´s getan. Und tatsächlich verfestigte sich die Muldenfüllung. Tatsächlich fing neues Gras an, dort zu wachsen, wo vorher Wühlmäuse wüteten oder ich einen Wurzelstock rausgenommen habe.

Doch dann kam die Sommerhitze. Die der ersten drei Augustwochen. Wenn Sie sich bitte an den fantastischen Sommer vor dem September erinnern. Das frische Gras, nun überall auf demselben Niveau wurde dort schnell welk, wo es auf den Schüttungen entstanden war.

Ich sah mir das Elend an. Und da fiel mir folgende Bibelstelle ein:

 

Jesus sprach zu den Menschen in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seine Saat. Und während er arbeitete, fiel einiger Samen auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen´s auf. Und einiges fiel auf Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keinen tiefen Wurzelgrund hatte. Und einiges fiel unter die Dornen; und die wuchsen schneller und erstickten es. Anderes aber fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

Und Jesus sagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

Die Bibel lehrt uns Wahrheiten für unser geistliches Leben durch die Blume. Sie sagt sie uns mit der Evidenz der Erfahrung, mit der Überzeugungskraft eben des praktischen Lebens, aus dem sie ihre Bilder entlehnt.

 

Da hatte ich den Salat. Schöne Idee, wenig Mühe und schneller, scheinbar guter Erfolg. Ich blickte auf die braune Stelle im Rasen. Ein Desaster.

Schon das Schicksal des ersten Saatauswurfs hätte einen stutzig machen können. Das sind die, die auf die breite Straße des Lebens gefallen sind. Menschen im Strom, im Trend der Zeit. Sie fragen danach, was angesagt, was chic, was in ist. Religion spricht sie nur an, wo diese im Blick auf Selbstdarstellung etwas zu sagen hat, bei Hochzeiten beispielsweise – im Blick auf Tiefe, auf Geistigkeit, auf Besinnung erscheint ihnen Glaube als ein abgelegenes Feld. Abwegig im eigentlichen Sinne. Für diesen Typus liegt das, was zählt vor einem. Der Weg ist vorgegeben. Es ist sozusagen der Strom der Zeit, der sie mitreißt wie tote Fische. Und sei es durch die Medien, die alltägliche Reklame. Das sind die Samenkörner, die die Vögel fressen. Stimmvieh sind sie, denn die sogenannten Fake-News sind genau auf ihre Weltanschauung abgestimmt, um ihr Wahlverhalten zu bestimmen. Sie tun, was opportun ist. Die großen Vögel haben sie zum Fressen gern.

 

Und dann kommt der Vergleich, der mich als Gärtner hätte warnen können. Es ist von denen die Rede, die keinen tiefen Wurzelgrund gefunden haben. Menschen, die den Weg des geringsten Widertandes wählen. Dabei können Pflanzen Teerdecken aufsprengen und Wurzeln Fundamente brechen. Diese hier aber bemühen sich nicht, sie geben sich mit dem schnellen Fressen, dem Fastfood zufrieden, der dünnen Erdschicht, die der Wind in irgendwelche Bodenunebenheiten geweht hat. Sie nehmen was kommt. Die Beliebigen. Sie haben kein eigenes Profil. Der Volksmund sagt von Ihnen: nur eine Null hat keine Ecken. Sie sind ohne Ecken und Kanten. Sie sind im eigentlichen Sinne gar nicht.

Denn wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

 

Wie gewinnen wir Tiefe?

Keine Frage, wir lernen unter Schmerzen. Wir lernen z.B. am Verhalten anderer uns gegenüber wie wir es gern hätten oder wie gar nicht. Gut gelitten sind die dran, die das umsetzen können. Glücklicher noch die, denen die Eltern liebevoll das Leben mit allen Konsequenzen vorleben. Das ist eine der Lehren aus dem Gleichnis. Denn das können wir, dem Sämann den Boden vorzubereiten. Humus ausbringen, unterpflügen, Zwischensaaten säen und einarbeiten. Mutterboden verbessern eben. Der Same aber wächst von allein, wie es im ersten Gleichnis heißt.

 

Diesen Umstand bewundern wir am heutigen Erntedanktag: das Geheimnis der selbstwachsenden Saat. Für die unerwarteten Ernten danken wir. Und für die unverdienten. Erntedank ist der Feiertag der Bescheidenen.

 

Am Einbringen sind wir nur am Ende mit der Sichel und ganz am Anfang eben beteiligt. Den Boden bereiten, das ist alles, was wir beitragen können. Nicht mit faulen Tricks wie dem mit dem Grasschnitt in die Bodenunebenheiten. Denn deren Frucht hält der Wahrheit des Lebens, ihren Hitzezeiten und den Kälteperioden nicht stand.

Belastbare Vorarbeit, liebe Gemeinde, ist Kärrnerarbeit, mühselige Kleinarbeit. Das Auswählen, Vorleben (!) und Vortragen der guten Beispiele und Geschichten für unsere Kinder und Enkel, die Märchen und Gute Nacht Geschichten, die biblischen Figuren für die Lebenswelt und Glaubensvorstellung der nächsten Generationen;

das Herbeibuckeln von Mutterboden, also das miteinander Basteln, Arbeiten und Bedenken, das Befragen und Interpretieren von Ereignissen, Widerfahrnissen der Gegenwart, eben der deutschen Geschichte von morgen;

die Feldarbeit, das ist das Unkrautzupfen, das jedes Schuljahr und jedes Lebensjahr, meinetwegen auch das Vegetationsjahr gute Bedingungen schafft.

 

Keine leichte Schulter, keine faulen Tricks, wie diese hier in der Schubkarre.

Wie nah die Bibel mit ihren Texten am Puls und an der Wahrheit unseres eigenen Lebens ist, das offenbart dieses Jesuswort für den heutigen Tag.

Es spricht von der großen Spannbreite des Glücks beim Leben. Und von der handbreit Verantwortung, die wir dabei haben.

Wir sind Handlanger des Lebens. Vielleicht zum Glück können wir nicht alles machen, nicht alles steuern und manipulieren.

Das Wunder der selbstwachsenden Saat wird uns jenseits unserer Bemühungen geschenkt. Das, was wir eigentlich zum Leben brauchen, die Liebe anderer Menschen, das fällt uns einfach zu. Hundertfach empfangen wir, dürfen wir ernten.

Heute sind wir uns dessen bewusst und unendlich dankbar dafür.

 

Amen

 

vergnügt – erlöst – befreit Konfirmation 2017

„Die Zeit rinnt mir durch die Finger“, Sie kennen diese Bildrede. Ich meine mit ihr heute nicht das Zeitfenster für diese Predigt, in der ich etwa soviel sagen möchte, dass es das Maß Ihrer Geduld überstiege. Nein, ich meine heute damit nicht weniger als unsere Lebenszeit. Sie ist gemeint mit der fließend-fliehenden Zeit. Eine Metapher, die Zeit und Wasser vergleicht.

Unhaltbar beides. Flüchtig.

 

Es kann Angst machen, dass ich die Zeit nicht festhalten kann. Vom Gegenteil spricht der 31. Psalm. Und darum kann sein Ansatz trösten. „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Sie geht genau so wenig verloren wie ich selbst. Kein Ablauf des Haltbarkeitsdatums.

Keine Frist.

Keine Hast.

 

Diese andere Sicht auf die Dinge hat der gläubige Liedermacher und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in seine bekannte Übertragung dieses Psalms gefasst:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Gott nahm in seine Hände meine Zeit ...“

 

Die drei Adverbien „vergnügt“, „erlöst“, „befreit“ waren das Jahresmotto dieser Konfirmandengruppe, und sie sind am Ende ihrer Zeit Überschrift über diesem Festgottesdienst.

 

„erlöst“ – der Philosoph und Religionskritiker Friedrich Nietzsche stichelte: es fiele ihm leichter an der das Evangelium zu glauben, wenn die Christen erlöster aussähen.

Warum sehen sie denn nicht erlöst aus? Weil sie die Botschaft noch nicht verinnerlicht haben. Darum vielleicht hat Hüsch sie in seine Worte neu gefasst, denn sein Motto lautete: das Schwere, leicht gesagt.

Ja, Leichtigkeit kann einen überkommen, einen heben aus schweren Gedanken, wenn bewusst wird, dass wir – jeder – ein guter Gedanke Gottes sind. Dass wir vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben. Kein Moment geht verloren. Wider allen Anschein und wider das hektische Ticken der rasenden Atomuhren.

Unsere Zeit ist eingeschrieben in seine Hand. Keiner verlischt in Ewigkeit, darum „erlöst“. Vom Zwang, es selbst richten zu müssen.

 

Lebendig bleiben wir und unsere Zeit vor ihm. Das betrifft alle Zeiten, die guten, wie die schlechten. Der Psalter beschönigt nicht, im Gegenteil, er wird nicht müde beides zu besingen: die Hoffnung in der Not und den Dank nach der Rettung. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“, diesen Vers aus dem 23. Psalm kennt fast jeder.

 

Ein wenig erlöster dürft Ihr ruhig aussehen, denn es ist wahr, dass Gott Euch im Auf und Ab des Lebens seine Hand anbietet. Und das haben wir vom KU-Team versucht, Euch nahe zu bringen: Wir beginnen unsere Suche nach Gott als Gefundene!

 

Darum beginnt der Ostersonntagsgottesdienst mit einem Witz. Weil Christen gut Lachen haben.

 

„vergnügt“-Sein ist allerdings nicht das Verb zum Nomen Vergnügen. Das ist „Vergnügen haben“ und bedeutet Spaß. Vergnügt sein dagegen ist eine Haltung. Auf diese reimt sich Humor. Er ist der Vater der Selbstdistanz, die dazu verhilft, dass bei aller Selbstkritik das „Ich Herr im Hause bleiben kann“, wie Sigmund Freud es beschrieben hat.

 

„befreit“, ein Kernwort der Bibel. Handelt sie doch von Befreiung vom Auszug der Kinder Israel an über die Propheten und ihre Worte von der Befreiung von ungerechter Herrschaft bis eben zu Jesus und seinen Heilungswundern, die geschehen, wenn der Mensch von seinen Ängsten, seinem fehlenden Vertrauen, dem sozialen Druck befreit wird.

 

Befreiung war auch eine Triebfeder der Reformation, deren 500 jähriger Initialzündung wir dieses Jahr gedenken. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“, schrieb Luther in „Die Freiheit eines Christenmenschen“. Und umgekehrt „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Also die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gebundenheit, von Selbstbestimmung und Verantwortung.

Denn genau darum geht es auch hier wie so oft: um den Selbst- , den Welt- und den Gottesbezug.

Wir sind frei vom Zwang uns beweisen zu müssen, frei davon, uns messen lassen zu müssen. Christen müssen sich nicht selbst darstellen. Sie haben in sich genug Applaus und Annahme durch ihren Schöpfer.

Und gerade darum sind wir frei für die Zuwendung zu anderen, für Empathie und Nächstenliebe. Auf Reisen kann man das gut lernen, aber auch hier bei uns sehen: wer keine Angst um seine Habe hat, der ist ein guter Gastgeber. Und er wird umgekehrt beschenkt mit Ehrlichkeit und Menschlichkeit, die man für kein Geld kaufen kann.

Die drei bedingen sich gegenseitig: weil wir befreit sind, können wir zu erlösen helfen und miteinander vergnügt sein.

 

Das Wort „vergnügt“ kommt übrigens in der Bibel wörtlich so gar nicht vor. Doch als der Kämmerer aus dem Morgenland die Botschaft von Jesus verstanden hatte, als in seinem Herzen ankam, was Philippus ihm erzählte, da ließ er sich von ihm taufen. Und dann heißt es. „danach aber zog er seine Straße fröhlich“ (Apg. 8, 39).

Wenn Ihr heute Ja zu Eurer Taufe sagt, Euch konfirmieren lasst, dann mögt Ihr sodann ebenso „wohlgemut“ Eures Lebensweges ziehen.

 

Amen

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift
Ansprache zum Gemeindefest 2015

Die Bibel eine Bibliothek.
Die Konfirmanden haben sie uns vor Augen geführt. 66 Buchrücken eingestellt in ein Regalsystem mit zwei Flügeln, dem Alten und dem Neuen Testament. Dies Hilfsmittel unabhängig davon, dass die Texte ursprünglich auf Rollen geschrieben waren, ins Regal geschoben wurden und davor über Generationen in den Köpfen der Nomaden, die die Geschichten ihren Söhnen an den Lagerfeuern der Steppe erzählt haben.

Die Bibel ist ein Lebensmittel.
Sie hilft uns zu leben. Schwarzbrot, sagen die einen, etwas zum Kauen – kein Weißbrot, keine leichte Kost.
Wäre sie nicht nur süß im Herzen, sondern auf der Zunge, dann wäre sie keine Blockschokolade, kann nie im ganzen verzehrt werden. Als junger Theologiestudent habe ich sie einmal in den Semesterferien von Anfang bis Ende durchgelesen. Das ist wie eine Urlaubsfahrt mit dem Navi. Man hat dann vielleicht eine ungefähre Ahnung, wo man ist, aber sehr eindrücklich ist das nicht. Man muss hingucken. Die solchermaßen überflogene Bibel gibt gerade preis, dass sie packende Biographien neben fallverliebten Gesetzestexten beinhaltet; im Vorbeiflug ist registriert, dass konstruierte Figuren wie Hiob neben fleischlichen Menschen wie Jesaja stehen. Nein, man muss schon zum Fenster hinausschauen, wenn man das bereiste Land auch sehen will; noch besser ist aussteigen und zu Fuß gehen.
Die Bibelgeschichten sind also nicht in einen Block gegossen, sondern sie wollen einzeln genossen werden. Das ist wie mit einer Schachtel Pralinen. Die wählen wir auch einzeln und mit Bedacht aus. Wir wiegen sie in der Hand und entblättern das Stanniolpapier vorfreudig.
Darum ist die Bibel in Kapitel und Perikopen untergliedert.

Sie beinhaltet nicht weniger als alle möglichen Lebenssituationen.

Und doch gibt es eine Klammer, die das Vielerlei zusammenbindet. Das ist die Erfahrung von Gott. Die Erfahrung Gottes durch den Menschen. Sie ist sozusagen das Regalsystem, in dem die Bücher stehen. Damit wird keine Monographie daraus. Denn die Erfahrung des eifersüchtigen Gottes steht neben der Jesu, der den lieben Vater im Himmel predigt.
Doch billiger ist diese eine Klammer nicht zu haben.
Das Zeugnis der geselligen Gottheit, die sich zwischen uns ereignen will. Gerechtigkeit in diesem Sinne ist nicht blinder Gehorsam einer Vorschrift gegenüber. Das wäre eben die blinde Fahrt allein nach Navi. Sondern Gottes Gerechtigkeit geschieht, wenn wir einander gerecht werden. Gott will sich einstellen, wenn wir des anderen ansichtig werden, wenn wir unser Du wirklich wahrnehmen.

Die Bibel zwischen Überschrift und Unterschrift. Das ist ein Buch mit vielen möglichen Titeln „Heilige Schrift“, „Wort Gottes“, „Buch der Bücher“ sind nur die geläufigsten. Der Anspruch auf Wahrheit ist kein mathematischer. Es geht nicht um Richtigkeiten. Sondern Wahrheit hat mit richtig geführtem Leben zu tun, die Bibel nennt das wahrhaftiges Leben. Und solches Leben versucht seine Wahrheit im Dialog zu finden. Im Gespräch mit anderen und eben im Gespräch mit Gott. Hören ist dabei wichtig. „Höre Israel“, so beginnt das jüdische Glaubensbekenntnis. Verstehen kommt nach Hören.

Die Bibel ist ein Hörbuch.
Darum lesen wir Sonntag für Sonntag aus ihr vor. Bringen sie zu Gehör. Weil der Weg vom Ohr zum Herzen kürzer ist als vom Gehirn zum Herzen.
„Wort für dich“, lautet auch darum eine Bibelausgabe.

Und die Unterschrift? Wessen Namen steht unter der Bibel? Viele Bücher sind mit dem Blut der Propheten unterschrieben, deren Spur sich im Exil, zwischen den Trümmern Jerusalems verliert, andere wurden in der frühen Kirche gesammelt, weil ein gewisser Paulus sie als Briefe geschrieben hat. Wieder andere sind Kunstwerke namenlos gebliebener Schriftsteller. Von den Überarbeitungsschichten von ganzen Stäben von Theologen am Hof, am Tempel, im Exil ganz zu schweigen.
Wer setzt also die Unterschrift, die für alle gültig ist? Für die Literaten, die Märtyrer, die Schreibtischtäter, die Missionare unter den Schreibern?

Verbunden sind die Schriften durch den Geist. Den Geist, der von sich zeugt. Er schenkt uns Verständnis vom richtigen Leben und von Gott. Der Geist, der zwischen Vater und Sohn weht und – weil Geist der Verbindlichkeit – gern auch zwischen uns
und eben zwischen den Schriften und den so unterschiedlichen Erfahrungen des einen Gottes.
Ein Geist der Einheit also, geschrieben mit unsichtbarer Tinte,
so dass noch Platz ist für Deinen und meinen Namen unter dem einen großen Dokument der Erfahrungen mit Gott.

Amen

Es gibt Palaver

Grußwort Pfarrer Jens, zur Eröffnung des Integrationsladens „Palaver“

 

Normaler Weise sagt man: erfüllte Träume sind eine verlorene Sehnsucht. Im Falle der Eröffnung des Integrationsladens „Palaver“ ist das nicht der Fall.

Tatsächlich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ein von vielen Menschen in unterschiedlichen Farben und Füllungen geträumter Traum.

 

Dazu gehört auch folgende Sehnsucht:

Vor wenigen Wochen ging ich an der Promenade von Barcelona spazieren. Dort steht ein Kunstwerk. Eine Eisensäule, die ähnlich einer riesigen rostigen Zapfsäule an der Tankstelle ein analoges Zählwerk hat. Der Zähler stand auf 3.198.

Und darunter die Inschrift des Künstlers. Dies ist nicht irgendeine Zahl. Es ist die Summe der uns bekannten Menschen, die auf dem Weg in ein sicheres Europa in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunken sind.

Für die Urlauber ein Schreck – das Meer vor ihnen ein riesiger Friedhof, für jeden Menschen eine Mahnung, für uns eben hier die Sehnsucht, dass es nach glücklicher Überfahrt eine Ankunft geben möge.

 

Heimat entsteht nicht von selbst. Sie wächst durch Bekanntschaften, durch Gespräche, durch Annahme, durch Teilen, durch gemeinsam durchgestandene schwere Phasen, durch gute Erfahrung im neuen Land, sie wächst gemeinsam mit Vertrauen.

 

Insofern habe ich noch viele Träume für den Wirklichkeit gewordenen Integrationsladen. Ich sehe Menschen beim Tee und beim Schach, ich rieche internationale Küche, Gerichte aus aller Welt, ich schmecke Eine-Welt-Kaffee, ich höre vertrauensvolle Gespräche in ständig besser werdendem Deutsch.

Die Vision von einem Ort für unsere Arbeit ist Wirklichkeit geworden – die Träume aber von wachsender Integration ehemals Fremder, von einem immer besseren Miteinander von Alt- und Neubürgern, von Teilhabe und wärmender Integration, die bleiben farbig auszumalen, denn sie sind die Wirklichkeit erst von morgen. Palavern wir miteinander und packen es an.

Neue Kraft – Taufansprache für Richard von Schubert

Die aber auf den Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40, 31)

 

Lieber Richard!

 

Dein Name ist Programm. Noch bist du zart und in deiner Zukunft liegt noch, ein schneller Läufer und durchhaltender Kämpfer zu sein, wie sie der Prophet in den Versen aufzählt, bevor seine Vision in die göttlichen Bekräftigungen mündet, die auch dir mit deinem Taufspruch zugesprochen werden.

 

Doch langsam. Dein Name sei Programm, sagte ich. Rich- als Wortteil bedeutet „viel an“, „viel von“, „reich“. Wir erkennen diese Silbe im englischen „rich“ ebenso wie im deutschen „reich“. –Hard steht für widerstandsfähig ebenso wie für kräftig.

„Groß an Kraft“ ist also das Motto, das dir mit deinem Namen mit auf den Lebensweg gegeben wird.

Das kann Zuspruch aber auch Anspruch von außen sein. Manchmal wollen wir im Leben einfach nur wir selbst sein, und Ansprüche von außen sind uns eine Last. Sie können sogar als Zumutung empfunden werden.

Das heißt zwar wörtlich genommen, dass diese anderen Mut zu uns haben, uns etwas zutrauen – wir selbst aber manchmal nicht, das Abgeforderte übersteigt unsere Kräfte.

 

In solchen Momenten ist es sinnvoll, deinen Taufspruch aufzuschlagen und zu meditieren:

Die nötige Kraft soll derjenige, dem er zugesprochen wird, nicht aus sich selbst aufbringen. Das braucht er nicht! Vom Ende aller eigenen Energie selbst der Kräftigsten ist in den vorhergehenden Versen die Rede.

 

Der Prophet Jesaja hält mit seiner ganzen Ansprache eine hochpolitische Rede. Seine Zuhörer haben ihr Freiheit, ihre Autonomie, ihren Stand verloren. Sie sind Fremde im Land, deportierte Israeliten in babylonischer Gefangenschaft. „By the rivers of Babylon, where we set down …“, da saßen sie und hatten keine Hoffnung, ihre Heimat, ihre Identität und Selbständigkeit, ihr eigenes Land und ihre Freiheit wieder zu bekommen.

Das Wort der Ermutigung wird von Jesaja – selbst einem Mitgefangenen – den Entmutigten zugesprochen. Das unerwartet Gute wird eintreten, verspricht er in Gottes Namen.

 

Wir wissen nicht, wie dein Leben sich entwickeln wird. Aus der Erfahrung wissen wir aber, dass es immer ein Auf und Ab gibt. Auf frohe Stunden können auch nachdenkliche folgen.

Wenn du einmal andere enttäuscht haben solltest oder gar von dir selbst enttäuscht bist, weil du deinen Ansprüchen nicht genügt hast, nicht schnell genug gelaufen, nicht hoch genug gesprungen, nicht fleißig genug Vokabeln oder Formeln gepaukt hast, wenn es gesundheitlich nicht so läuft, wie du es dir erträumst oder in der Tanzstunde – dann schlag deinen Taufspruch auf, dieses Prophetenwort. Es spricht nämlich von einem Geschenk. Jesaja erzählt von der Unplanbarkeit, Unvorhersehbarkeit und auch Unverfügbarkeit Gottes. Von ihm fließt völlig unverhofft Kraft dem zu, der auf Gott setzt.

Das wirkt dann immer so wie ein Wunder.

So wurde das Volk Israel tatsächlich wieder frei und zurück in seine Heimat und Häuser entlassen. Historisch eindeutig verbürgt! – anders als die erste Rettung, der Auszug der Kinder Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten …

 

Kraft, die zum Ziel führt. Viel Kraft. Wie dein Name selbst sagt.

Hier reimen sich Name und Taufspruch!

„Die auf den Herrn vertrauen …“ – das sind die, die glauben. Der Glaubende sucht Gewissheit außerhalb seiner selbst.

Wer also im Dialog mit anderen steht, wer sein Leben in Bezug zu anderen versteht, wer auch an seinen Nächsten denkt – der lebt im Sinne solchen Glaubens.

Wer wir sind, das erfahren wir oft durch andere:

  • Vater und Mutter, die uns zeigen, wie sehr wir geliebt werden;
  • Tanten und Onkel, die uns erfahren lassen, dass wir Glieder einer großen Familie sind;
  • Lehrer und Freunde, die aus uns hervorlocken, was alles in uns steckt.

Aus solchem Netzwerk fließt uns Kraft zu.

Gott wirkt durch diese Verbundenheit auf uns ein. Weil er die Verbundenheit (dreifach) in Person ist.

 

Und so mögest du erfahren, dass du nicht alles selbst stemmen musst, sondern dir Kraft zuströmt. Gerade, wenn menschliche Fähigkeiten am Ende sind, ist dir verheißen zu sein, was dein Name sagt: reich an Kraft!

 

Amen

Seinem Leben eine Mitte geben

Konzentration

 

Gestern war ich im Konzert. Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis spielten für einen gemeinnützigen Zweck. Im bereits halbdunklen Saal hatten fast alle Menschen schon ihre Plätze eingenommen, da erhoben sie sich gleichzeitig unerwartet und rauschend, formierten sich neu, weg von der Bühne, wo die Künstler eilig Ons Heemecht improvisierten (die Luxemburger Nationalhymne), hin zu seiner Königlichen Hoheit Henri, der mit Ministergefolge den großen Saal der Philharmonie betrat. Aus einem im Muster von Blockschokolade gerasterten Publikum wurde ein konzentrisches Rad. Aus einem Volk Gleicher eines von Untertanen mit dem Großherzog in der Mitte der Radnabe.

Schon früher hatte ich es erlebt, wie ein ganzer quirliger Hauptbahnhof – der von Hamburg mit seinen 13 Gleisen – für Momente in seinem ameisenhaufenartigen Durcheinander innehielt und sich neu formierte, dirigiert wie von magischer Hand. Eine Mutter hatte ihre Brust entblößt und legte ein Neugeborenes an. Für Sekunden wurde diese Szene zum Mittelpunkt von tausend Lebens-Reisenden, von tausenden Augen und Herzen, die ihr Reiseziel für Momente vergaßen und der eigenen Herkunft gedachten, süße Erinnerung frühkindlicher Erfüllung, Inbegriff von Glück. Die Mutter und ihr Kind im Mittelpunkt von Anteilnahme und Besinnung.

Sich neu ausrichten, erfüllende Ziele in den Blick zu nehmen, das kann dem eigenen Leben unerwartet Struktur geben. Müde gewordene Alltäglichkeiten, ausgelaufene Wege bekommen den Stellenwert, den sie verdienen, auch im Kalender werden sie kleiner geschrieben. Im Mittelpunkt stehen Anstrengungen, die wichtig für mich sind. Die Bilder aus der Philharmonie und vom Bahnhof können auch Vorbilder für die eigene Ausrichtung sein. Mönche vieler Religionen praktizieren das in ihrer Kontemplation ebenso wie es einer hierzulande mit Gebet und Andacht versucht: durch Konzentration seinem Leben eine neue Ausrichtung und Mitte zu geben.

Lob des Schattens

ANDACHT ZUM THEMA: Schatten

(regionaler Pfarrkonvent, 09. Juli 2015, Gusterath)

 

Lieder: 296, 5; 326, 1.2.

 

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt

und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg,

mein Gott, auf den ich hoffe. (Ps 91, eg 739)

 

Schirm und Schatten sind zwei Reizworte, die uns im hitzegebeutelten Zentraleuropa unmittelbar anspringen.

Gehen wir z.Zt. durch unsere Straßen, sehen wir tagsüber alle Rollläden heruntergelassen. Verlassene Öffentlich, Emigration nach innen. Wir versuchen, die Hitze außen vor den verriegelten Fenstern zu halten. Ab Sonnenaufgang herrschen bei uns italienische Verhältnisse. Schattenplätze in Stadtcafés und unter Schwimmbadbäumen sind die begehrtesten Orte.

 

Apropos Italien. Ich verstehe das kopfschüttelnde Schmunzeln der Römer und Florentiner tief aus dem Schatten der Kaffeehöhle von Mama Leone heraus, wenn sie den kulturbeflissenen deutschen Studienrat in Hawaiihemd, Socken und Sandalen auf der Sonnenseite der Straße in den Mittagsstunden unter Kappe oder Strohhut vorbeiziehen sehen.

 

Wir haben in den letzten zwei Wochen die angenehme Seite des Schattens selbst erlebt, die Seite, die die Hebräer wie alle Nomaden der Steppenregionen als vitalen Vorteil gelobt haben. Schirm ist nicht nur Schirmherrschaft, also von der betreuenden Macht Abglanz; Schatten eines Mächtigen nicht nur etwas, aus dessen Glanz ich heraustreten will, sondern physikalischer Schatten schenkt Leben in lebensfeindlicher Umwelt.

 

Ein Lob dem Schatten!

 

„Der hat ´nen Schatten“, dagegen umschreibt umgangssprachlich, dass jemand nicht voll zurechnungsfähig ist, eine Macke hat.

Dicht an diesem Sprachgebrauch ist auch die Verwendung des Begriffs „Schatten“ in der Psychologie. Dort ist damit der vergessene Anteil von unserem Selbst gemeint, der auch Auswirkung auf Verhalten und Persönlichkeitsauftritt hat. Ein Schatten, der dadurch entsteht, dass wir durch Erziehung und Übernahme ausgesuchter Werte bestimmte Persönlichkeitszüge auf Kosten von anderen bevorzugen. Die vernachlässigten aber, die drängen ins Licht und sie sind unser Schatten. Sie lassen sich nicht unter der Oberfläche halten. Sie stören unser Bild von uns selbst. Darum versuchen wir, sie ins Dunkel zurück zu drängen, sie unter den Teppich zu kehren. Niemand soll sie wahrnehmen können. Hier gilt für Anteile unserer Seele, was Brecht über die Verwerfungen zwischen oben und unten in unserer Gesellschaft geschrieben hat:

 

„Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht.

Man sieht nur die im Lichte,

die im Dunkeln sieht man nicht.“

 

Dies geschieht in uns, wenn wir perfekt sein wollen.

Wenn wir mit unserer Schokoladenseite prunken wollen.

Doch je heller diese Seite beleuchtet wird,

desto deutlicher wird auch der Schatten geworfen.

 

Der Fehler ist: vollkommen sein zu wollen.

Die Lösung heißt: vollständig sein zu können.

 

Auch das mag schweißtreibend sein – aber es ist der Mühe wert.