nicht mehr alles geschluckt

Traueransprach für Lore Schaer am 11. November 2019 in Grünhaus

Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung; aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Lore Schaer, geb. Meyer-Haake, ist ein Kind der Weimarer Republik. Sie ist dies nicht nur von ihrem Geburtstag her, dem 05. April des Jahres 1923, sie ist es von ihrem Wesen, vor allem von ihrem taffen Mut zur eigenen Emanzipation her. Die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit, neues zu wagen einerseits, Frauen an den pädagogischen Hochschulen zuzulassen, sie Autos fahren und Flugzeuge fliegen zu lassen – und der gerade abgeworfene kaiserzeitliche Rahmen, das feste Gefüge der Rollen und Aufgaben andererseits, in diesem Spannungsfeld verstehen wir auch Lore Schaer. Sie war eine beherzte Frau, die dieses Feld in einem langen erfahrungsreichen Leben für sich auslotete.

Den Mut dazu mag sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Denn wenn sie von ihrer Herkunftsfamilie sprach, dann immer von einem behütenden Elternhaus und von Großeltern, bei denen zu Hause Annahme und gesellige Familie gelebt wurden. Ihren Vater beschrieb sie als jemanden, der seine Tochter verwöhnt habe. Und die Brüder des Vaters hätten abwechselnd mit den Nichten und Neffen gespielt. Meist geschah das im Haus der Großeltern, die der Sammelpunkt der Großfamilie waren.

Aus diesem frühkindlich erworbenem Selbstbewusstsein erklärt sich manche spätere Entscheidung. Zum Mut kamen bei ihr eine geistige Klarheit, die sie vernünftig planen und überblickend argumentieren ließ.

Als Lore in die Schule kam, genoss sie es, dass diese dicht neben dem Elternhaus lag und sie schnell nach Hause laufen konnte. Wenig später freute sie sich über ihr erstes Fahrrad, weil sie nun den längeren Schulweg sparen und mit dem Rad die kurze Strecke durch den Park nehmen konnte.  Sie berichtete von den Laubsägearbeiten, mit denen sie sich beschäftigte, von selbst hergestellter Weihnachtsdekoration, die jahrelang zum Einsatz kam. 

Das geliebte Rad benutze sie, um zum ersten mal in ihrem Leben ins außerschulische Vereinsturnen zu fahren. Und hier liegen bereits die ersten Konstanten, die sich über fast neun Jahrzehnte durchziehen: die hohe Bedeutung, die Familie für sie hatte und der Vereinssport, der immer wieder Haltepunkt für sie wurde.

Als der Vater reaktiviert und an den Flugplatz von Fassberg beordert wurde, zog die ganze Familie mit ihm in die Heide. Der dreijährige Aufenthalt bedeutete für Lore, ihre Schulkameradinnen hinter sich und sich selbst auf ein neues Leben einzulassen. Sie erzählte, mit 14 aus dem Klassenverband gerissen worden zu sein. Das war ein schmerzliches Erleben, denn sie ging gern in die Schule.

Auch in Fassberg besuchte sie eine Schule. Aber bald folgte der Umzug nach Berlin. Sie blieb dort nicht lange bei den Eltern, sondern entschied, dass sie ihr Pflichtjahr in Göttingen verbringen wollte. Als sie zurück kam, stand die Welt bereits in Flammen. Sie begann auf der Handelsschule und erlebte die ersten Bombardements der Reichshauptstadt. In dieser Phase wurde der Vater nach Wien versetzt. Das war 1941. Ein weiteres mal in ihrem Leben war es ihr nicht beschieden, Freundschaften in der Schule zu entwickeln und sie pflegen zu können.

Erst in Wien fand sie eine gute Freundin, Auguste Panhans, die mit ihr auf der Dienststelle des Luftwaffencorps arbeitete. Durch ihren Vater war sie dort in die Schreibstube gekommen. Dieser selbst flog die Strecke Wien – Zagreb und brachte begehrte Lebensmittel mit nach Hause.

Auch die Stationierung weit ab vom Brennpunkt Berlin schenkte zunächst noch einmal „Frieden“, Kultur und die Freuden gemeinsamer Unternehmungen. Mit den jungen Kameraden ging sie tanzen, ihr Chef führte sie in die Oper aus. Sie erzählte von Theateraufführungen und Konzerten. Aber immer auch von den Wegen dorthin und zurück. Zunächst noch in der Straßenbahn. Doch dann, als auch die Bomben auf Wien fielen und die Schienen zerstört waren, wieder mit dem Fahrrad.

Unvergessen sind die Ausflüge und die Gebirgswanderungen. Ihre Einheit belegte gemeinsam einen Segelkurs. An diese Momente hatte sie eine lebendige Erinnerung.

Nicht minder detailliert beschrieb sie die Auflösung der Dienststelle, den Verlust ihrer letzten Habe, den Koffer, der nie dort ankam, wohin sie floh. Mit nichts anderem als dem, was sie auf dem Leib trug, fand sie sich ein am verabredeten Ort der Familie, einer Hütte in den österreichischen Bergen. Aber sie mussten als Deutsche das Land verlassen, wurden nach Bayern abgeschoben. Fast ein Jahr lebte sie mit ihren Eltern unter kümmerlichen Bedingungen am Schliersee. 1946 kehrte sie in ihre Geburtsstadt Bremen zurück. Die weitläufige Verwandtschaft brachte die Familie unter. Schnell fand sie eine Stelle als Bürokraft bei den Amerikanern. Doch als Lehrer gesucht wurden und dies ihr die Möglichkeit bot, eine Berufsausbildung mit gleichzeitiger Unterrichtserteilung zu machen, schrieb sie sich im Lehrerseminar ein. Lore war schon immer ein kulturinteressierter Mensch. Nicht zuletzt darum entschied sie sich für den Beruf der Lehrerin.

In dieser Zeit lernte sie beim Faschingsfest Hermann kennen. Zum 05.04.1947 erhielt sie von ihm einen Armreifen aus rausgeklaubtem Wehrmachtsaluminium als Geburtstagsgeschenk, der heute noch getragen wird, und Weihnachten desselben Jahres verlobte sich das junge Paar. Nachdem es zweieinhalb Jahre später im Juni 49 den Bund der Ehe einging, konnte es auch in ein erstes gemeinsames Zimmer in Bremen ziehen. Tante Trudel und Tante Friedel hatten das möglich gemacht.

Im Jahr darauf, 1950, wurde den beiden der Sohn Bernd geschenkt, und vier Jahre später kam Siegrid zur Welt. Lore erzählt von den dramatischen Umständen der zweiten Geburt, denn parallel zu ihr lagen Vater und Mutter im selben Krankenhaus. Die Mutter hat es nicht lebend verlassen, sie starb drei Tage nach der Geburt ihres zweiten Enkels.

Lange dagegen hatte Lore von ihren Großeltern, ein Umstand, auf den sie mit Dankbarkeit schaute.

Inzwischen hatten Sie, Herr Schaer, Arbeit bei einem Elektrogroßhandel gefunden, der eine Neubauwohnung zur Verfügung stellen konnte. Dort lebte die junge Familie und wuchs 1957 um Sohn Helmut.

Ein neuer Arbeitsplatz führte die fünf zunächst nach Gütersloh, aber wenig später schon nach Achern in Baden. An diese Zeit gibt es von allen lebendige Erinnerungen. Und hier geschah es auch, dass Lore zum ersten mal aufbegehrte, gleiches Recht auf Urlaub und Wochenende für beide Eheleute einklagte. Sie reiste Ihnen einfach mit Kind und Kegel nach, als sie mit Freunden zum Skiwochenende weggefahren waren. Sie demonstrierte unter großem Aufwand Gleichberechtigung. Und sie unternahm auch etwas dafür, von den Skiwochen nicht ausgeschlossen zu bleiben. Sie lernte selbst das Skifahren.

Zuhause führte sie in aller Rationalität das Kassenbuch, denn ihres Mannes Wünsche gingen höher hinaus als der Kontostand. Sie war die Rechnerin der fünfköpfigen Familie, ihre Maxime war Sparsamkeit.

Noch einmal zog die ganze Familie um. Dieses mal nach Lübbecke, in die Stadt des elterlichen Betriebs von Großvater Schaer. Unter hohen Reibungsverlusten wurde dort eine Existenz erstritten. Auch ein eigenes Haus konnte für die Familie 1967, sechs Jahre nach dem Zuzug, bezogen werden. Auch dies war eine Frucht von Lores finanziellem Überblick.

Lore, die Abbrüche und Neuanfänge in ihrem Leben gewohnt war, hatte zur Strategie entwickelt, sofort dem Turnverein beizutreten und dadurch schnell einen Bekanntenkreis aufzubauen. Als aber die verbleibende Tageszeit ihres Mannes nach der Arbeit mehr und mehr in den Vereinsaufbau floss, kriselte es in der Ehe. Konstruktiv suchte Lore nach Freiräumen, um sich zu emanzipieren. Sie erlernte Französisch und besuchte einen Literaturkurs, sie widmete sich neben der Familie ebenfalls dem Vereinsleben, pflegte ihre Doppelkopfrunde. Freundschaften entstanden. Familie Fritz und Familie Czerwinsky gehörten in den Wochenplan, der Hund Purzel bereicherte die Familie. Vor allem aber machte sie sich unabhängig von den Fahrkünsten ihres Mannes. Und dies auch gegen seinen Willen. Sie erwarb den Führerschein. Anlass war nicht zuletzt der lange Aufenthalt der kranken Tochter Siegrid im Klinikum von Hannover. Weiter begann Lore, eigene Gaben zu entdecken und zu entwickeln.

Ihr Großvater war Porzellanmaler in Meißen gewesen und ihr Urgroßvater Kunstmaler. Auch der Vater konnte gut zeichnen. So besann sie sich mit 55 auf diese Gaben und begann zu malen. Volkshochschule und Ferienakademien wurden ihr Eldorado und sie versuchte sich in verschiedenen Techniken. Sie verteidigte für sich den Freiraum, einer eigenen Malgruppe anzugehören.

Über all dem vernachlässigte sie weder Familie noch Haus. In diesem tapezierte sie selbst, sie strich die Fensterrahmen, sie sorgte mehr und mehr für die Möblierung. Der Garten war ihr gleichzeitig Ort der Beschäftigung und der Erholung.

Jenseits des Alltags war ihr die Beschäftigung mit Kultur ein Herzensanliegen. So verging kein Urlaub nach Österreich, ohne dass Mann und Kinder in Klöster und Kirchen geschleppt wurden. Der Alpen müde, entschied sie, ohne Hermann nach Marokko zu reisen. Gemeinsame Fahrten führten sie nach Griechenland, auf die Inseln und nach Kreta. Die Museen wurden abgeklappert und es entstanden Aquarelle, manchmal auch erst später auf der Basis von Ansichtskarten. In die Zeit hier in Ruwer gehört die große Donaukreuzfahrt bis zum imposanten Durchbruch bei Passau, dem eisernen Tor.

Am Leben der Kinder nahm Lore intensiv Anteil. Eine ihrer größten Tugenden und vielleicht auch das Geheimnis ihres langen Lebens ist ihr Interesse, ihre bleibende Neugier.  Sie blieb offen für junge Menschen, fragte nach ihren Ansichten und hatte selbst jung gebliebene Ansichten.

Mehr und mehr setzte sie sich damit ab von klassischen Klischees. Bei der Grundentscheidung, ob man die eigenen Kinder mit dem Lebensunterhalt der Eltern belasten solle, stellte sie sich hinter die Kinder.

Mit Klugheit, lebenslanger Demut und Liebe zur Familie hatte sie ihre Aufgabe auch im Vermitteln gesehen. Nun aber leistete sie Widerstand. Der Buchtitel Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“ mag Ihnen dazu einfallen. Denn genau zwischen diesen Polen hatte sie ihr Leben ausgespannt.

Nicht zuletzt aus Glauben wurde sie ihrer Verantwortung für andere gerecht. 

Das waren zuallererst die Kinder, die sie überall auf der Erde und in allen neuen Lebensumständen besuchte, um Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Sei das eine neue WG in Deutschland oder geschätzte 10 – 15 Reisen zum Ältesten nach New Mexico.

Da war auch die Rolle, ihren Mann verantwortungsvoll zu versorgen.

Aber mehr und mehr machte sie deutlich, dass sie nicht alles zu schlucken bereit war. Dieser widerständige Impuls wurde am Ende gar manifest und drückte sich körperlich wahrnehmbar als ihr Abwehrreflex aus.

Lore Schaer hat sich begeistert und mit Initiative in den Neuaufbau des Seniorenkreises der Kirchengemeinde eingebracht.

Sie hat über mehr als zwei Jahrzehnte hier die Gottesdienste im Raum besucht und mir das Kreuz über dem Altarraum als ein Symbol beschrieben, das sie schätze. Es komme nicht nur dem Menschen als Bild einer Liebe entgegen, die vergeben könne, die sich selbst opfernd einbringe, es schien ihr auch die Wände zu weiten, die begrenzenden Mauern zu sprengen.

Und tatsächlich: Lore ist gegangen ohne Groll. Sie konnte nicht alles verstehen, aber in ihrem großen Herzen alles verzeihen.

Und ebenso hat sie für sich Räume erobert, die ihr ein eigenes Leben garantierten. Es gelang ihr, sich abzugrenzen und deutlich zu emanzipieren. Zum Schluss sogar einen Weg allein zu gehen.

Darum ist es wichtig, genau dies zu akzeptieren. dass sie sich aufgemacht hat in eine Welt, die wir noch nicht kennen. Sie ist uns verheißen. Und die Navajos drücken das Unsagbare mit irdischen Bildern strahlenden Lebens aus:

„Ich bin nicht dort.

Steht nicht an meinem Grab und weint um mich, ich bin nicht dort.

Ich wehe als Wind auf blauer See,

ich strahle als Diamant auf weißem Schnee.

Ich scheine als Sonne auf reifes Getreide,

ich regne im Frühling auf grüner Weide.

Ich strahle als Stern in dunkler Nacht

und wenn ihr im Morgenlicht erwacht,

ich bin der Vogel, der himmelwärts fliegt,

aus dem Schwarm, der dort seine Kreise zieht.

Steht nicht an meinem Grab und trauert,

ich bin nicht dort – weil die Ewigkeit dauert.“

Erntedank

Lk 12, 13 – 21

Ich liebe den Herbst. Im Anprall tiefstehenden Lichtes flammt das Laub in rot und gelb auf. Andere Blätter, bereits am Boden, legen einen sanften Mantel aufs Erdreich. Noch hat die Sonne Kraft, doch die Nächte sind bereits kühl.

Der Herbst ist die Zeit zwischen den Zeiten. Die Sonnentage gehören noch dem Sommer – die Nächte bereits dem Winter. Der Herbst mahnt mit seinem unübersehbaren  Ablauf an den Fluss der Zeit. Pilzduft und Modergeruch mischen sich. Letzte Rosenblüte und erste Blattlosigkeit. Walnüsse, Pilze und Wein protzen mit Geschmack und prallem Leben – doch zugleich feiert das Leben sein letztes Fest – der Winter wird alles erstarren, zum Rückzug, zum Schlaf auffordern. Leben und Tod – auch das ist der Herbst. Seinen Reiz macht aus, dass beides so dicht beieinander liegt.

Unüberhörbar spricht auch unser heutiger Predigttext von beidem:

13 Da sagte einer aus der Menge: „Meister, sag meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilen soll!“ 14 Er entgegnete: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch eingesetzt?“ 15 Und er sagte zu ihnen: „Gebt acht und hütet euch vor der Habsucht! Denn auch wenn jemand im Überfluss lebt, so ist sein Leben doch nicht durch das gesichert, was er besitzt!“ 16 Dazu sagte er ihnen ein Gleichnis: „Einem reichen Mann hatte sein Land eine reiche Ernte beschert. 17 Und er überlegte bei sich: „Was soll ich tun? Denn ich habe nicht genug Lagerraum für meine Frucht.“ 18 Da sagte er: „Ich weiß, was ich tue: ich reiße meine Scheunen ab und baue größere, in denen ich all mein Getreide und all meine Ernte unterbringen kann! 19 Und dann will ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du viele Güter daliegen, auf viele Jahre hinaus. Nun ruh dich aus, iss, trink und sei guter Dinge!“ 20 Da sagte Gott zu ihm: „Du Tor – heute Nacht noch wird man dir deine Seele abfordern! Wem wird dann gehören, was du hier gespeichert hast?“ 21 So geht es dem, der sich Schätze ansammelt, aber keinen Reichtum bei Gott hat!“

Jesus stößt uns vor den Kopf.

Er ist für Gerechtigkeit bekannt. Ein Mann sorgt sich um seinen Anteil aus der Erbmasse – doch Jesus verhilft ihm nicht nur nicht zu seinem Recht, er weist ihn regelrecht zurecht.

Und dann: was muss das für ein schlechter Bauer sein, der nicht vorausplant, der seine Ernte nicht sicher unterbringen will. Ein vernünftiger Mann ist das hier im Gleichnis Jesu: er ist fern von aller Habgier, er freut sich über seinen Erfolg, er plant Investitionen und wird ganz ruhig über seinen Gedanken an die Zukunft. Eine Ruhe, die ihn innerlich frei macht für neue Einfälle.

Und dann ist sie plötzlich wieder da: die Zwiespältigkeit des Lebens zwischen Sein und Nichtmehrsein. Den Mann überfällt der Gedanke an den eigenen Tod. Auf einmal reimt sich auf Lebensplanung Todesahnung.

Herbst des Lebens. Verändert er meine Einstellung zu den Dingen? Zu den Ernten meines Lebens? 

Egal, ob sie Früchte der Hände oder des Kopfes waren. Mauerwerk, Dachgestühle, Zeichnungen oder Berechnungen, egal ob Text oder Zahl, sie haben ebenso meinen Fleiß verdient, wie sie auch wenn gelungen, befriedigten.

Ich bekenne: auch die Frucht einer Leistung kann für eine Weile sättigen. Die Freude über den Erfolg. Ein Ziel erreicht, ein Musikstück gespielt oder gar komponiert zu haben, ein Land bereist, ein Buch geschrieben, einen Acker gesät und auch geerntet zu haben.

Ja – auch ein Herz gewonnen zu haben.

Denn die Landwirtschaft, liebe Gemeinde, ist an Erntedank in unserer spezialisierten Gesellschaft nur ein Bild. An ihrem Beispiel wird deutlich, was der Mensch vermag, und was er nicht kann. An ihr wird klar, wessen der Mensch bedarf und was ihm an allem wirklich Wichtigem im Leben einfach auch zufällt. Am Schauen in die Landwirtschaft schärft sich der Blick für den Gabencharakter des Lebensnotwendigen.

Erntedank konfrontiert den Menschen mit sich selbst.

Der Bauer in Jesu Bildrede gerät in eine Krise. Diese Krise, ausgelöst durch den Todesschrecken, ist eine Krise der Einstellung zu seinem bisherigen Dasein, ist eine Infragestellung insbesondere seiner Beziehung zu seinem Eigentum. Er erntete offensichtlich für sich selbst.

Durch des klugen, des gottnahen Josefs Rat, gelingt es dem Pharao

verantwortlich für seine Untertanen zu planen und vorzusorgen. Und so ist biblisch bereits gefüllt, was Jesus hier zwischen den Zeilen sprechen läßt: was nämlich solche „Schätze bei Gott“ sein können.

Keiner der Arbeiter wird dabei verworfen, weder der mit der Hand, noch der mit dem Herzen, noch der mit dem Hirn arbeitet. Es geht allein um die Grundeinstellung:

leben von oder leben für.

Dieses „oder“ ist die Krise des reichen Bauern. Sie kann so oder so ausgehen. Wird es ihm gelingen, seine Habe dafür zu gebrauchen, wofür sie gedacht ist, nämlich damit zu helfen, dass auch andere leben können? Weiß er etwas von der sozialen Verantwortung des Eigentums?

Er könnte es begreifen, denn wer in der Krise steckt zwischen Leben als Leistung oder Leben als Leihgabe, der hat es schon weit gebracht. Davon bin ich in meinem Alltag oft überzeugt.

Das ist der Herbst des Lebens mit seinen beiden Wegen, den in den Winter und den in den Sommer.

Wenn wir haben wollen um zu haben, dann stößt Jesus uns vor den Kopf. Gerechtigkeit hin, Gerechtigkeit her. Denn es geht um nicht weniger als ein Leben im Sinne Gottes. Und das wird tatsächlich manchmal erst gewonnen durch den Verlust der Habe.

Weil Haben uns am Sein hindert.

Das ist wie mit den Kinder. Sie zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist jedes Mal ein Geschenk. Sie „haben“ sie nicht. 

Aber mit ihnen zu sein, das ist geschenkte Freude. Und die Freude mehrt sich mit der Verantwortung, die sie als Eltern und Betreuer wahrnehmen. Denn der Sinn des Lebens wächst im Miteinander.

Jesus hat uns Menschen gezeigt, wozu wir da sind: Nicht haben zu müssen – sondern Sein zu dürfen.

Amen.

der Himmel geht heute auf – von der Schwierigkeit der richtigen Übertragung

über Mt 5, 13 – 17

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten abzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Mit dieser Definition hat Ludwig Wittgenstein unsere Sprache als etwas Lebendiges beschrieben. Ein Wort bleibt nicht das, was es einmal bedeutet hat, es verändert seine Bedeutung eben dadurch, wie es in der Sprache verwendet wird. Gerade Jugendliche füllen den Inhalt eines Wortes neu, indem sie dem alten Wort einen neuen Sinn geben. Sie tun das durch Einsatz des Wortes in ihrer Sprache. „Geil“, im Sinne von sexuell begierig wird bei ihnen zu einem emotionalen Ausruf der beipflichtenden Begeisterung, der Zustimmung. „Wie toll!“, oder einfach nur „toll!“ bedeutet es danach heutzutage.

Richtung umgekehrt gilt das für die Auslegung von alten Texten. Wir müssen den zur Zeit des Sprechers üblichen Gebrauch kennen, um den Inhalt richtig zu verstehen. 

Das bedeutet: wir können z.B. biblische Zeugnisse nicht einfach „übersetzen“, Wort für Wort nach einem Lexikon, eine Sinneinheit wie der Fährmann seine Passagiere von Ufer einer Landessprache zum gegenüberliegenden einer anderen Landessprache übersetzen. Wir müssen sie übertragen. Das heißt: die heutige Sprache einer Übersetzung soll möglichst nah am damaligen Gebrauch der Worte liegen und umgekehrt.

Der Schreiber der Worte Jesu spielt in unserem Text mit den Begriffen. Sie sind jeweils von einem Wortfeld umgeben. Das Wort „auflösen“ (katalyo) schwingt zwischen „gänzlich überholen, ablösen“ und „außer Kraft setzen“. Und das Wort „erfüllen“ beinhaltet sowohl „voll machen“ als auch „überbieten“.

Offensichtlich legt Jesus in seiner Botschaft Wert darauf, in der Tradition von Mosebüchern und Propheten zu stehen, vom „Gesetz“ der Juden und den Sprüchen Gottes durch seine Gesandten, diese Weisungen alle wörtlich ernst zu nehmen und in seinem Leben vollumfänglich Wahrheit werden zu lassen.

Exegetischer Leichtsinn, wie ich ihn z.B. in der Übersetzung von „bis dies alles geschieht“ gefunden habe, wird als Leichtgewicht bewertet werden. Denn eine solche Übersetzung vertröstet, verschiebt auf eine ferne Zukunft, in der Gott alles zurecht bringen mag. Wo also übersetzt „bis alles geschehen ist“, der verkennt, dass hier das Reich Gottes als eine Zeit von Jesus beschrieben wird, die gerade durch ein soziales Miteinander, wie es die Gebote empfehlen und durch ein politisch verantwortliches Regieren auch den Armen gegenüber, wie es die Propheten einklagen, definiert ist. Und dass dies hier und heute geschehen soll. Ein Leben in gegenseitigem Vertrauen, das auf dem Acker der Ehrlichkeit wächst und ein Leben mit Rücksicht auf die sozial Benachteiligten, die ganz besonders im Focus der Regierung stünden, macht die Zeit des Gottesreiches aus.

Wenn Sie also heute dem Prediger aufs Handwerkszeug schauen, wenn Sie mit ihm in den Urtext schauen und verstehen, dass unterschiedliche Übersetzungen kritisch befragt werden dürfen, dann sind Sie den ersten Schritt mitgegangen.

Doch was ist eine angemessene Übersetzung?

Zu dieser Frage habe ich Ihnen einen Witz auf die Plätze gelegt.

(Zeit zum Betrachten geben) …

Auf Deutsch sagt Jesus etwa: „So, liebe Leute, jetzt bitte genau aufgepasst, hingehört! Ich möchte nicht, dass nachher wieder vier verschiedene Versionen in Umlauf sind!“

Ein Witz eben. Denn wir haben ja mindestens vier Versionen der Worte Jesu. Eben die vier Evangelien, die in den Kanon der Bibel aufgenommen worden sind. Und darüber hinaus kursieren noch die Apokryphen, also Evangelien und Texte, das Thomasevangelium zum Beispiel, die den Zugang zur Bibel nicht gefunden haben.

Auch dieser Entscheidungsvorgang, diese Auswahl, ist selbst ein Akt der Interpretation.

Sie wissen, dass Martin Luther, Kriterien für den evangelischen Bibelkanon entwickelt hat. Ob nämlich ein Bibelbuch das Evangelium predige, also die frohe Botschaft von der Bedingungslosigkeit der Liebe Gottes. Keine Werkgerechtigkeit bitte – Selbsterlösungsfahrpläne unmöglich machen. Darum galt der Hebräerbrief bei ihm auch als „stroherne Epistel“. Sie drischt das Stroh vom möglichen Gerechten, vom Gutmenschen gar – und hat als Werkgerechtigkeit predigende Schrift trotzdem den Zugang zu evangelischen Bibel gefunden.

Hier also nun der Witz, der uns über unsere Übersetzerohnmacht lachen lässt. Denn die Wahrheit ist umgekehrt die, dass wir immer in Lebensumständen sind, uns Fragen auf der Seele brennen, die uns die Bibel mit bestimmten Augen lesen lassen. Auf diese unsere Fragen hin legen wir die Worte der Schrift aus. Denn nur dann hat sie Bedeutung für uns.

Es ist eben auch eine hermeneutische Tatsache, dass die Frage die Antwort, sprich die Übersetzung, mitbestimmt.

Darum ist es wichtig, was Jesus an dieser Stelle gesagt haben soll. Dass nämlich die Zeit nach dem Vergehen von Himmel und Erde bestimmt ist durch die Gerechtigkeit Gottes. Das ist eine durch und durch positive Sicht auf die Zeit nach den irdischen Tagen.

Dass zweitens Interpreten, die die Deutlichkeit und das Gewicht der biblischen Vorgaben verwässern oder abschwächen, kleine Lichter sind. Wer die biblische Wahrheit relativiere, habe keinen großen Anteil an ihr.

Und darum Jesu Schluss. Wieder einmal ein Satz leicht überlesen oder überhört: „Wer es aber tutund lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“. Mit Wahrheit ist Wahrhaftigkeit gemeint, liebe Gemeinde. Also das Übereinstimmen von Wort und Verhalten. „Wer es tut“, sagt Jesus, besonders gut wiedergegeben durch Dorothee Sölles Maxime „Die Liebe ist immer konkret“.

Die Tat kann klein sein, sie kann von anderen übersehen werden, noch nicht einmal die linke kann bemerken, was die rechte tut. Aber der gemeinte Mensch tut das richtige. Er folgt seinem Herzen, seinem Gewissen. Er hängt es an keine große Glocke.

Er redet aber eben auch nicht anders als er tut. 

Dieses Reimen von Verhalten und Bekennen nennen wir Wahrhaftigkeit.

Sie ist nahrhaft. Denn auf ihrem Boden sprossen Dankbarkeit anderer und die Bereitschaft, sich ebenso zu verhalten. Das ist wie Brot.

Sie ist heilsam. Hilft dem Zweifler und dem ungerecht Behandelten. Das ist wie der Wein, der mit seinen Anteilen desinfizierend wirkt.

Weil die Wahrheit des heutigen Textes eine einfache ist. Weil es aber nicht immer einfach ist, ihr zu folgen, feiern wir heute Abendmahl. Brot und Wein wollen von uns aufgenommen werden, dürfen in uns wirken, uns stärken bei unseren Vorhaben.

In ihrer Einfachheit sind sie Zeichen dieser schlichten aber eben für das Werden und Wachsen des Gottesreiches unverzichtbaren Wahrheit. Dass es nämlich hier und heute Wirklichkeit werden will. Zwischen Dir und mir.

Amen

Nachklang

Traueransprache für 

Regina Israel

über 1. Joh 4,16

14. September 2019

Osburg

Liebe trauernde Familie,

liebe mittrauernden Freunde und Kollegen,

Sie alle werden über der Traueranzeige gesonnen, den zitierten Worten Grönemeyers zugestimmt haben „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet“. Denn tatsächlich, Regina hatte etwas Erleuchtetes und Erleuchtendes. So wie der Strahlenkörper der Sonnenblume Garten und Raum erfüllt, so war sie bescheiden zwar aber unübersehbar präsent, erreichte die Herzen, wenn sie im Raum, wenn sie Gastgeberin war, wenn sie konzertierte und wenn sie sich einfühlsam dem Menschen zuwandte.

Sie schätzte nicht nur die empathische Brücke zu den Menschen, sie liebte es, von Natur umgeben zu sein, von Feld, Flur und Katzen; nahm stets in der ihr eigenen Art eine besondere Beziehung zu allem auf. Mit unglaublich geschickter Hand verstand sie es dann umgekehrt, das Gesehene darzustellen in Zeichnung, Gemälde oder in hingezauberter Plastik, denn das jeweilige Imago entsprang zweifellos direkt der Mitte ihres Herzens. Letztlich gehörte auch die Töpferscheibe zu ihren Instrumenten, sie gab dem Ton Klang und belebte das Irdene.

Am 23. November 1956 wurde dieses Mädchen ihren Eltern in Grefte geboren. Das ist ein Dorf in Hessen, 10km südlich von Kassel und nicht weit weg von der damaligen Zonengrenze gelegen.

Regina war etwa zwei Jahre alt, als die Familie in die nahe Stadt zog. Als einzige Tochter unter vier Jungs lernte sie mit ihnen Radfahren und spielte ihre Spiele. Aber bald wurde deutlicher, dass sie nicht nur wegen ihres Geschlechtes besonders war. Ja, alle fünf Kinder profitierten von der Musikalität der Eltern, doch Regina, die wie ein Schmuckstein in der Mitte der Geschwisterkette prangte, offenbarte eine besondere Begabung.

Die Eltern waren bei der Namensgebung einer Eingebung gefolgt. Denn während die Orgel als Königin der Instrumente firmiert, war die Harfe spätestens seit den Tagen König Davids zum Instrument des Königs avanciert. Sie blieb dies in den Burgen des Mittelalters, und so wirkt die Namensgebung wie eingetroffene Prophetie, denn so kam eine Königin (lat. Regina) an der Harfe zu sitzen.

Das musikalische Erbe beider Eltern kulminiert in Reginas Begabung. Die Großmutter väterlicherseits war Organistin bis in ihr 92. Lebensjahr und der Vater Spielmannszugführer und kreativer Musiker auf fünf Instrumenten. Die Mutter nicht minder musikalisch, von ihrer Seite floss noch die Disziplin ein. (Von Ihren Kindern, Frau Israel, weiß ich, dass „aufgeben“ in Ihrem Wortschatz nicht vorkommt).

Absolutes Gehör, geschenkte Musikalität und Fleiß waren also zusammen. Vom Vater hatte Regina noch die Tiefe in ihrer doppelten Schwere ererbt. Früh erkannte und förderte dieser die Begabung seiner Tochter. Er schaffte ein Auto an, in dem die Harfe transportiert werden konnte und stellt die Brüder an, das Instrument zu tragen.

Inzwischen lebte die Familie seit 1963 in Wiesbaden. Zum ersten mal tauchten bei Regina die Schatten der Multiplen Sklerose auf. Aber die Diagnose wurde verschwiegen, als könne man damit die Schübe selbst ungeschehen machen.

In der Wiesbadener Schulzeit ließ Regina in intelligenter, aber eben doch pubertärer Renitenz ihre Laufbahn am humanistischen Gymnasium enden, um sodann auf dem Konservatorium ihrer Leidenschaft den richtigen Kanal zu öffnen. Obwohl sie nicht minder gut Klavier spielte, wurde die Harfe zu diesem Zeitpunkt ihr primäres Instrument. Mentor war der Harfenist des Wiesbadener Stadtorchesters Günther, der eigentlich keine Schüler annahm, aber bei Regina die eine Ausnahme machte, und für beides, das Mentorat und Reginas wachsende Erfolge unter seiner Egide wurde der Begriff „musikalische Adoption“ gefunden.

Die scheinbare Leichtigkeit ihres Spiels korrespondierte mit ihrer ätherischen körperlichen Erscheinung. Dieser schwebte ebenso schleierleicht durch den Raum wie eben die Melodien, die sie ihrem Instrument zu entlocken verstand.

Im Schicksalsgefüge mit einer ersten kurzen Ehe kam sie nach Trier und wurde hier 1980 Mitglied des Orchesters der Stadt. Seit kurzen war sie dessen dienstältestes Mitglied.

Und Sie, Herr Müller, der Sie sie seit 37 Jahren kennen, trafen bildlich gesprochen, genau den Ton, um Harfe und Flöte ins Gespräch zu bringen. Es entwickelte sich nicht nur eine musikalische Ehe, in der beide sich harmonisch ergänzten. Es wurde Ihnen ein Vierteljahrhundert Gemeinsamkeit geschenkt, das besonders durch den Gleichklang der zusätzlich beherrschten Sprache Musik reich war. Leichtfüßige Harmonien waren es, die Sie besonders im Miteinander schätzten. Wie selbstverständlich waren sie mit ihr herzustellen.

Mehr als eine und eben doch eine Metapher für das, was im gemeinsamen Haus in Osburg ab 1999 geschah. Nachbarn wurden zu Freunden, Geschäftsbeziehungen verstand Regina ebenfalls zu Freundschaften geraten zu lassen, dieses Heim füllte gepflegte Kultur und geschenkte Miteinander, es war ein Gewächshaus für den Sonnenschein von Reginas Wesen.

Sie ging auf die Menschen zu, hatte eine Ader für die jeweilige Art; eine geradezu spirituelle Sensibilität lies sie den Nächsten erkennen in seinen Stärken und Bedürfnissen. Von sich machte sie nicht viel Aufhebens. Auch das machte sie einladend. Doch  der Hintergrund war eben die Tiefe des Vaters und die Disziplin der Mutter, mit der sie sich selbst zurück nahm. Sie gönnte sich scheinbar sehr wenig. Lebte aus der Begegnung. Lebte aus dem Beitrag, den sie als Mensch, den sie als Lehrerin und den sie als Musikerin mit ihrem Instrument zum Zusammenklang der Vielen leisten konnte. Auch gehandicapt humpelte sie allein zur Probe, um dann wieder schwebend und tatsächlich unverzichtbar zum guten Akkord, zum Zusammenklang beizutragen.

Ja, sie fand sich im Yoga, wusste aus intensiver Selbstbeobachtung, wo sie hilfreich hingreifen musste, um zu heilen. Verstand es, den Nächsten über einen Teil als Ganzen zu erreichen. Darum war die Harfe ihr Instrument, weil sie Seiten zum Schwingen bringen konnte, das sich eingliedern möchte in ein größeres Ganzes.

Regina war dabei von einer hohen Grundspannung. Ihre Amplitude schwang zwischen Altruismus und Selbstverleugnung, zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, zwischen Selbstdisziplin und Dünnhäutigkeit, zwischen ansteckender Fröhlichkeit und Schwermut.

Sie war in allem von dem geleitet, was die Bibel Nächstenliebe nennt. Über eben diese will Gott selbst verstanden werden, über das nämlich, was wir einem dieser seiner geringsten Brüder getan haben. Und weil diese Erkenntnis Reginas Glauben entspricht, steht der Vers aus dem 1. Johannesbrief über ihrer Würdigung heute:

Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

Besonders der Nachsatz will uns trösten. Denn er spricht davon, dass wir nicht verloren gehen; davon, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist und wir als solche vor ihm dem Ewigen bleiben. Und Regina war ein besonders guter Gedanke Gottes. Aber wir sehen auch, dass sie sich in dieser Bezogenheit und in ihrem Einsatz für den Nächsten verzehrt hat, dass sie letztlich alles gegeben hat, dass sie ihre Energie verbraucht und dem Schöpfer zurück gegeben hat; und in unserem Gemüt die Wärme ihrer Sensibilität nachstrahlt, wie die Kraft der Sonne am Abend auf der Haut.

Wenn wir also hier vielleicht mit einem Dichterwort, das besser zu sagen vermag als ich, mit dem „Memento“ von Mascha Kaléko trauern

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da

sind?

Allein im Nebel tast ist todentlang

Und lass mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie

das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

  • Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muss man

leben.

dann wollen wir eben dies nicht vergessen. Denn Reginas Verständnis und Zuneigung zu uns darf in unserem Herzen weiterhin die Melodie der Dankbarkeit spielen.

Sie ist nicht mehr sichtbar, aber sie ist spürbar und will nachklingen in der großen himmlischen Musik. 

Amen

Anderen Sinnes werden …

Predigt anlässlich des Gemeindefestes 2019

Metanoia – Sinneswandel

Wir haben die Sommerferien gerade ausklingen lassen und der eine froh der andere widerwärtiger die Arbeit wieder aufgenommen. Es gibt im Neuen Testament eine seltsame Geschichte von den Sommerferien. Wir können sie nennen „als Jesus einmal Urlaub machen wollte“. Und die geht so:

Von da brach er auf und zog in das Gebiet von Tyrus. Dort zog er sich in ein Haus zurück und niemand sollte das wissen.

Aber es blieb nicht unentdeckt. Im Gegenteil: eine Griechin aus Phönizien hatte davon gehört, deren Töchterlein unter einem unreinen Geist litt. Diese Frau suchte ihn nun auf und bat, er möge den Daimon aus ihrer Tochter austreiben.

Doch er wollte sie abfertigen und sprach: „Lasst zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, der Kinder Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Doch sie erwiderte: „Gewiss, Herr. Aber auch die Hunde unter dem Tisch fressen von den Brosamen der Kinder.“

Da sagte er zu ihr: „Um dieses Wortes willen geh hin: der Daimon ist aus deiner Tochter ausgefahren!“ Sie ging nach Hause. Und tatsächlich, sie fand die Tochter auf dem Bette liegen; der Daimon war von ihr ausgefahren. eÜ

Eigentlich ist gar nichts so besonders an Jesu Verhalten, seinem Urlaubswunsch, denn wenn wir die Bibel genau lesen, dann stoßen wir oft auf Stellen, nach denen Jesus sich zurück gezogen hat. An ruhige Orte, in Gärten, um zu beten oder er entzieht sich der Menge, indem er einfach mit einem Boot ans andere Ufer übersetzt. Und auch hier macht er es so wie wir es für gewöhnlich tun, wenn wir Urlaub nötig haben. Er verlässt die gewohnte Umgebung, Tapetenwechsel, reist über eine Grenze ins Ausland (, denn Tyrus liegt nicht in Israel, sondern im Nachbarland) und zieht sich zurück.

Das besondere an dieser Geschichte ist nicht Jesu Verhalten, sondern das der Frau, die ihn ausfindig macht.

Nicht nur, dass sie offensichtlich Handlungsbedarf hat, ihn in seinem Urlaubsort aufspürt, sie ist auch hartnäckig. Und schlagfertig. Sie gibt nicht auf. Und da ist es das erste mal, dass von einer Veränderung in dieser kurzen Perikope erzählt wird. Jesus überlegt es sich anders. Zunächst ist er ziemlich barsch, erklärt sich nicht für zuständig. Er will die Frau abwimmeln. Doch die gewinnt seine Aufmerksamkeit, denn sie gibt dem Gottesmann intelligente Antworten. Jesus horcht auf. Er steht sozusagen von seinem Liegestuhl auf und setzt sich zu der Frau an den Tisch. Er lässt sich vom Ernst der Lage überzeugen und sieht nun die Situation mit neuen Augen.

Es ist bemerkenswert, dass der, von dem wir gewöhnlich meinen, er wüsste ganz genau, wo es lang geht, anderen Sinnes werden kann. Jesus wächst. Denn zunächst will er seine Ruhe haben, aber die Not ist offensichtlich international groß. Seine Absicht, jenseits der Grenze seiner Zuständigkeit zur Ruhe zu kommen, gibt er vorübergehend auf, weil er merkt, die Not von Menschen hat nichts mit Ländern und deren Grenzen zu tun, sie kann immer und überall nach uns greifen. 

Und dann ist die Bittstellerin eine Frau. Von der möchte der Mann aus Nazareth sich schon gar nicht stören lassen. Und auch hier überlegt er es sich anders. Er sieht den Menschen und nicht mehr die gesellschaftliche Rolle. Vielleicht ist dies der Moment, in dem Jesus zum Freund der Frauen geworden ist.

Aber eben auch auf deren Seite geschieht etwas wesentliches.

Denn nicht nur Jesus versteht die Not dieser Mutter, sondern auch umgekehrt kommt die Frau zu einer ihr Leben verändernden Einsicht. Es ist gerade das Bestehen Jesu auf seinen begrenzten Kräften und der Bemessenheit überhaupt, das für diese Frau aus Phönizien die wichtigste Wandlung mit sich bringt. Möglicherweise wurde ihr erst in diesem Augenblick deutlich, dass selbst derjenige, von dem sie alles erwartet, und den sie Retter und Heiland nennt, ein Recht hat, zu seinen Grenzen zu stehen.

Um wie viel mehr dann sie selbst: auch sie darf zu den Grenzen ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten stehen. Für sie eine völlig neue Einsicht.

Wer ist diese Frau, die das in diesem Moment versteht? Die Bibel zeichnet von den Menschen, die Jesus begegnen, nur jeweils eine Skizze. Ein Blitzlicht. Sie ist eine Frau alleine. Von einem Mann ist keine Rede, sei es, dass es ihn nicht gibt, dass der Vater des Kindes inzwischen verstorben ist, oder dass er sich tatsächlich einfach nicht um die Familie kümmert.

Auf den Schultern der Frau ruht die ganze Verantwortung für ihr Kind. Sie kennen Mütter, die ihre Kinder aus der Schule abholen, die sie nach den Hausaufgaben zum Sport und dann zu ihren Freunden bringen. Sie kennen Eltern, die ihren Sinn daraus ziehen, die Kinder, ihr „Ergänzmichdu“, zu verwöhnen. Sie nennen es Liebe. Aber sie tun ihren Kindern nichts Gutes. Denn sie bereiten sie nicht auf das wahre Leben vor und verhindern, dass diese Kinder eine realistische Einschätzung dafür bekommen, wie viel Aufwand sie für welchen Erfolg betreiben müssen. Wieviel sie selbst dafür tun müssen.

Vielleicht ist es bei dieser Frau auch anders. Vielleicht entwickelt das Mädchen sich nicht so, wie die Frau es erhofft und erwartet. Vielleicht schiebt sie sie und wendet ihre ganze Kraft auf, damit aus dem Kind etwas wird. Die Tochter ist gleichzeitig Gegenstand ihres Stolzes und ihrer Sorgen und schlaflosen Nächte.

Die Mechanik, die hier wirkt, ist unerbittlich und unausweichlich: je intensiver die Mutter hinter der Tochter her ist, je mehr sie sich kümmert und je mehr sie bevormundet und ihr abnimmt, das Mädchen wird immer renitenter. Nachbarn würden vielleicht sagen: sieh mal, dieses undankbare Kind.

Es hat auch allen Grund zu Verzweiflung, denn Erfahrungen darf sie nicht selbst machen. So kann sie nicht lernen, an sich selbst zu glauben.

So wagt sie am Ende, keine zwei Schritte mehr zu tun, ohne die Mutter um Erlaubnis zu fragen. Denn so ist sie es gewohnt, an deren Zuneigung zu kommen.

Gleichzeitig braucht sie die Mutter, wird sie aber auch hassen, weil sie ihr nichts zutraut, keine Chance gibt, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und selbst zu tun.

Alles Selbstleben ist dem Mädchen genommen.

So verdichtet sich das, was die Bibel einen Daimon nennt. Wir sagen dazu Teufelskreis. Aus lauter Panik wird die Frau alles falsch machen: je mehr Verantwortung sie auf sich nimmt, desto schlimmer wird es mit der Tochter.

Diese Frau lernt im Augenblick der Begegnung mit Jesus von ihm, dass auch sie zu ihren Grenzen stehen darf, den Grenzen ihrer Verantwortung und den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Sie kapiert, dass die Tochter ein eigener Mensch ihr gegenüber ist, mit eigener Verantwortung für das eigene Leben.

Ausdrücklich wird dieser Mutter zugesichert: Der Daimon ist von deiner Tochter ausgefahren. Sie ist gesund.

Und es scheint, dass es dieses Wort der Beruhigung an die Mutter ist, das die Tochter heilt!

Gedicht 2, Thomas R. Schmitt

Es ist der Zuspruch der Beruhigung an die Mutter, das die Tochter befreit. Denn die Mutter sieht ihr Kind fortan mit neuen Augen. Die Frau ändert ihre Einstellung zum Kind!

Und ihre Einstellung entscheidet über die Entwicklung und das Schicksal des Kindes.

Ihre frisch gewonnene Zuversicht löst den Spuk aus Renitenz und Fremdbestimmt auf. Beendet den Automatismus von Zuwendung und Abwehr.

In Zukunft wird die Liebe der Mutter die autonome Liebe Jesu sein. Eine Liebe zum vollkommenen Du.

Eine Geschichte mit seltsamen Veränderungen. Menschen lernen, die Welt, sich selbst, ihre Nächsten mit anderen Augen zu sehen. Liebe Gemeinde, das ist wirklich ein guter Grund, ein Fest zu feiern!

Amen

Die vier im Ballon

Ansprache Ballontaufe, 16.08.2019

Föhren, Flugfeld, anlässlich der Moselballonfiesta

Matthias  J e n s

Ich heiße nicht Johannes – bin aber der Täufer dieser vier flammneuen Ballone. Ein Ereignis, das wir mit Ihnen, den Crews, dem freundlichen Veranstalter, den Stiftern und Ihnen allen aus dem Publikum feiern möchten.

Darum beginne ich gleich mit der Publikumsfrage: Wie hieß das erste Trier im Weltraum?

Ja, es ist die zweijährige Mischlingshündin „Leica“ gewesen, die gleichzeitig mit ihrer Mission im Sputnik 1957 zu Weltruhm und einem schrecklichen Tod verurteilt wurde.

„Leica“ ist also das erste Tier im Weltraum.

180 Jahre vorher war es in der Ballonfahrt ähnlich. Menschen hatten sich überlegt, dass es mit dem Fliegen möglich sein müsste. Joseph Michel und Jaques Etienne Montgolfier hatten beobachtet, dass Papier- und Leinensäcke über einem Feuer zu schweben beginnen. Einen Sack aus Papier und Leinen ließen sie erfolgreich im Juni 1783 in eine Höhe von fast 2.000m aufsteigen.

Nun hörte König Ludwig XVI davon und wollte sich das Experiment vorführen lassen. Lebendige Passagiere mussten her. Und schon damals griff der Mensch zu Tieren in seiner Nähe. War es 1957 ein Hund, so waren es fünfzehn Jahre vor der Revolution den Franzosen ihre greifbaren Tiere aus der Landwirtschaft: ein Hahn, ein Hammel und eine Ente.

Ich erzähle allen Ballonfahrern nichts neues, wenn ich an die erste bemannte Ballonfahrt erinnere. Sie begann im Vorhof von Versailles. Der König und seine ganze Familie waren anwesend. Auch mehrere tausend Adlige. Und natürlich das Volk, das sich aus Paris und dem Umfeld der Stadt eingefunden hatte.

Gleich nach dem Start ging der König in sein Schlafgemach und beobachtete durch ein Fernrohr den Flug. Der dauerte 8 Minuten und führte immerhin über 1.800 Faden in nordöstliche Richtung (1.800 x 1,62 = 2.916m) also fast 3km.

Die Schwester des Königs aber, die neunzehnjährige Elisabeth setzte sich aufs Pferd und galoppierte hinterher.

Als sie am Waldrand ankommt, wo dem Ballon die Puste ausgegangen ist, grast der Hammel schon friedlich, die Ente ist wohlauf, nur der Hahn hat einen ramponierten Flügel. Der Hammel soll sich bei der Landung auf ihn niedergesetzt haben. Elisabeth verarztet das Tier. Sie ist diejenige, die einen Musterbauernhof bei Versailles aufbauen wird – und alle drei Tiere erhalten lebenslanges Gnadenbrot bei ihr.

Da haben wir nun vier Tiere zusammen, den Hund, den Hammel, den Hahn und die Ente. Denn vier Flugpioniere brauchen wir heute, weil sie bei den vier einzuweihenden Ballonen Paten stehen möchten.

Vielleicht denkt auch jemand bei der Vier-Zahl an die vier Elemente. Feuer, Wasser, Luft und Erde, sie stehen schon Jahrhunderte vor unseren Pionieren für die Erde schlechthin. Für jedes Element ein Strich gemacht und zu einem Quadrat zusammengezeichnet haben wir das alchemistische Zeichen für Erde. Nun wollen diese vier Ballone nicht auf der Erde bleiben, sondern ihr Zweck ist die Luftfahrt darüber. Für den Himmel hatte dieselbe alte Formensprache den Kreis bereit. Denn der Kreis steht für Unendlichkeit, eben den Himmel und auch für Gott.

Der Übergang zwischen beidem, zwischen Erde und Himmel, zwischen Quadrat und Kreis ist das Achteck. Es ist das Zeichen unseres heutigen Initiationsfestes. Es ist das Zeichen für Taufe. Sie wissen wahrscheinlich, dass die alten Taufkapellen alle einen achteckigen Grundriss haben. Das bekannteste Oktagon ist das Baptisterium von Florenz auf dem Domplatz.

Nun hat fast alles für diesen Festakt seine Ordnung. Nur die Zuordnung der Pioniertiere zu den einzelnen jungfräulichen Fluggeräten fehlt noch. Und tatsächlich für jeden Ballon hier möchte eines der Tiere Maskottchen sein:

  • Der Hammelist wie die Ziege im chinesischen Tierkreiszeichen bekannt für sein Mitgefühl. Er gilt als warmherziges Tier. Das steht auch für die Aufgabe der „Caritas“, die sich das Wohl des bedürftigen Menschen zur Aufgabe gesetzt hat.
  • der Hahnzeigt sich in ganzer Pracht. Er zieht die Aufermerksamkeit auf sich und ist auf Respekt der anderen bedacht. Er ist ein verlässlicher Gastgeber und Hofherr. Er ist das geborene Maskottchen für die Organisatoren von Gästebetten und die öffentlichkeitswirksame Schutzherrin des traditionellen Riesling. Der Hahn steigt in den Korb der „römischen Weinstraße“.
  • Wer würde nicht intuitiv wissen, dass der Hundfür die Treue steht. Heute sogar für die Kundentreue. Der Hund ist ein sympathischer Charakter, hat darum viele Follower. Ihm liegt am Wohl seines Rudels. Er ist loyal. Wenn er sprechen könnte, würden wir ihn oft sagen hören: „Bitte ein Bit“.
  • Die Entekommt im chinesischen Tierkreiszeichen nicht vor. Die Schamanen haben sich ihrer angenommen. Diese verstehen sie als ein Wesen, das Kräfte zu geben versteht. Die Ente hilft also aufzuladen, bei sich anzukommen und sie lässt schädliche Energie wie Wasser abperlen. Das erleben wir im eigenen Zuhause, dort kommen wir wieder zu uns und zu Kräften. Logisch, dass dieses Geflügel das Maskottchen für das „Streifhaus“ sein möchte.

Vielleicht haben Sie beim Zuhören schon gemerkt, dass zwei dieser Tiere von sich aus fliegen können. Nun aber gilt für das gesamte Kleeblatt aller vier Ballone, das in ihren Körben nicht nur die Tiere, sondern auch die menschlichen Passagiere allzeit eine glückliche Fahrt haben sollen. Darauf stoßen gleich die Crews an und die Ballone werden getauft mit einem kräftigen:

„Mit Glück Ab – Und Gut Land!“

Zum Schluss darf ich ihre Aufmerksamkeit noch auf das seltsame Taufgeschirr am Ballon der „römischen Weinstraße“ lenken. Da stehen doch glatt eine Tüte Milch gleichwertig neben dem Rieslingsekt. Und beide haben ihren Platz auf einer Wage gefunden. 

  • Die Wage der Justitia ist das Symbol dafür, dass Frau Rechtsanwältin  Weides Mitsponsorin dieses Fluggerätes ist. 
  • Und die Milch, die die Crew zusammen mit Sekt trinken wird, ist Milch vom „Engelshof“, also im Grunde einem weiteren Tier auf unserer fröhlichen Farm, denn der Engelshof ist ebenfalls Mitsponsor an diesem Luftfahrzeug. Nun dann ein lautes „Muh!“ und ein frohes „Prosit!“

Sabbatjahr für Kirchengemeinden

Andacht Auszeit

Die Sommerferien liegen hinter uns. Die meisten dieser Gruppe hatten Zeit auszuspannen, manch eine/r war ein paar Wochen weg aus dem Alltag, die Arbeit durfte ruhen. Vielleicht kennt Ihr das 3 Wochen Phänomen. Die erste Urlaubswoche benötigt der Mensch, um dann endlich die Uhr ausziehen zu können, die zweite, um das lange Angestaute ablegen zu können, die dritte ist dann reine Erholung. Und mit ein bisschen Glück freuen wir uns nach drei Wochen Fremde auf das eigene Zuhause, die lieben Gewohnheiten, das eigene Bett.

Sie kennen den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen? Urlaub will Abstand vom Alltag, dem Gewohnten und Gewöhnlichen sein. Wir können ihn in Italien oder im Garten verbringen. Reisen ist eine Lebenshaltung. Hat mit Entbehrungen zu tun schenkt gern Bildung.

Einige hier im Gremium haben es noch miterlebt, dass ich sieben Jahre gekürzte Bezüge erhielt, sechs davon habe ich 100% gearbeitet und im siebten bei denselben Bezügen 100% frei gehabt. Man nennt das ein Sabbatjahr.

Im Gegensatz zum Urlaub dient es weniger dem Abspannen als der Anregung. Neue Einblicke in die Lösungsansätze anderer Menschen, anderer Völker, angesichts anderer Haltungen und anderer Herausforderungen.

Es gibt kaum ein probateres Mittel um eigene Fähigkeiten zu entdecken als solch eine Einrichtung. Ideen wachsen wie aus einem brachliegenden Feld die Vielfalt an Vegetation.

Ein Sabbatjahr ist ein Antiburnout.

Es ist jedem zu empfehlen, der meint, sich im Kreise zu drehen, der unter dem immer gleichen seines Alltags leidet, der meint, ihm gingen die Ideen aus und das Leben würde schal.

Nicht nur Individuen, auch Einrichtungen können ein Sabbatjahr leben. Gerade Kirchengemeinden. Denn ist das Gebot des Sabbats nicht eine ureigene Empfehlung Gottes? Geht er nicht selbst mit gutem Beispiel voran und ruht am Ende einer immens schöpferischen Phase?

Tatsächlich wird das Sabbatjahr selbst in der Bibel geboten, 2. Mose 23, 10-13. Sechs Jahre wird ein Feld bestellt, im siebten sollst du es ruhen lassen.

Kein Gedanke mag einem Leitungsgremium wie diesem fremder, abwegiger und die eigene Aufgabe in Frage stellender sein als ein Sabbatjahr für die Kirchengemeinde. Denn wir haben uns wählen lassen, um den Acker zu bestellen, um etwas zu bewegen, Gemeinde aufzubauen – nicht brach liegen zu lassen.

Im Vers 11 steht wörtlich: Im siebten Jahr sollst du das Feld brachliegen lassen und den Ertrag nicht anrühren, damit die Armen deines Volkes sich davon ernähren können. Was diese übrig lassen, mag das Wild des Feldes fressen. Ebenso sollst du mit deinem Weinberg und mit deinem Ölbaum verfahren.

Den Weinberg des Herrn brach liegen lassen, liebe Presbyterinnen und Presbyter?

Die Begrenzung des eigenen Tuns hinnehmen lernen, sich auf das Wesentliche zu besinnen und das Unnötige zu entschlacken, das sind doch durchaus spirituelle Ansätze, die uns im persönlichen Leben begegnen.

Eine Kirchengemeinde hat es versucht mit einem Sabbatjahr. Christoph Pistorius berichtet im EKIR.infoüber die erstaunlichen Erfahrungen der Kirchengemeinde Waren: „sie hat das Veranstaltungskarussell langsamer fahren lassen, nur noch absolut notwendige Baumaßnahmen durchgeführt, andererseits die Öffnungszeiten der Kirchen ausgedehnt, um Raum für Stille, Ruhe und Besinnung zu schaffen“.

Unterm Strich bedenkenswert war, dass Seelsorge und Begegnung ein wesentlich größeres Gewicht bekommen haben. Gespräche mit Menschen kamen zustande und blieben lebendig, die zuvor wenig mit Kirche in ihrem alltäglichen Leben anfangen konnten. Ein Sabbatjahr kommt der Sehnsucht der Menschen nach Entschleunigung entgegen. Mensch, werde wesentlich, das wurde in Waren gelebt. Der Gemeindevorstand dort berichtet, dass Lebendigkeit und Tiefe des geistlichen Lebens eindeutig zugenommen haben.

Gewinner solch eine brachliegenden Gemeindefeldes sind die, die man im normalen Ertragsbetrieb nicht auf der Rechnung hat. Die Tiere des Feldes, die Armen im Volk. Sie sind plötzlich im Berit der Gemeinde anzutreffen, weil sie dort etwas finden, von dem sie normaler Weise ausgeschlossen werden.

Ein solches Projekt setzt Offenheit voraus und es scheint eine neue Offenheit  zu schenken.

Mich dünkt, ein Sabbatjahr für die Gemeinde ist mehr als eine Übung, es öffnet uns für das Wirken Gottes und bekennt sich zu den unvorhersehbaren Wegen des Heiligen Geistes. Ein mutiger Schritt. Ein kalos ho kindünos, wie Platon sagt: eine schöne Herausforderung!

Amen

Gehe hin und tue desgleichen

Traueransprache für Hans Doneck

über Lk 10, 25 – 36

25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus eine Falle zu stellen. »Lehrer«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 

26 Jesus erwiderte: »Was steht denn im Gesetz Gottes? Was liest du dort?« 

27 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.«2 

28 »Richtig!«, erwiderte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« 

29 Aber der Mann wollte sich verteidigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

30 Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. 

31 Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Straßenseite weiter. 

32 Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen großen Bogen um ihn. 

33 Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm. 

34 Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte. 

35 Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

36 Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« 

37 Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«, forderte Jesus ihn auf.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine Geschichte für Hans Doneck. Denn sie stellt die ambitionierten Gutmenschen, Berufsgläubige auch, sie stellt diejenigen, die die Schrift studiert haben und sich entsprechend orthodox verhalten einem gegenüber, der allein sich richtig entscheidet und verhalten hat.

Hans Doneck war kein Kirchgänger, aber er hielt es mit dem Geist der Schrift. Denn dieser wird im Takt des menschlichen Herzschlages buchstabiert. Liebe möchte nämlich immer konkret sein. Sie übersieht keinen einzelnen. 

Die Familienangehörigen haben ihren Mann und Vater als jemanden erlebt, der von der Maxime bestimmt war: es soll allen gut gehen. Hans hatte ein Auge darauf, dass jedes Kind genauso viel Glück, Freude, Erfüllung hatte und empfand wie die anderen. Keiner sollte zurück gesetzt sein.

Diese Einstellung von ihm, dieses Ethos war früh erworben, ein mit Kindesbeinen angetretenes Erbe, unfreiwillig eingeübt bei den eigenen Geschwistern, denn Hans Gerd war das erste, das älteste Kind vor seinen Geschwistern und musste früh Verantwortung für die jüngeren übernehmen.

Er war kurz vor Jahresende 1936 geboren und verlor seinen Vater mit sechs Jahren. Zehn Jahre lang blieb die Mutter verwitwet. Eben die Phase, in der ihr Erstgeborener die Verantwortung zu Hause zu übernehmen hatte, wenn sie arbeitete. Und es waren hungrige Jahre damals in Celle. In ihnen lernte und praktizierte Hans das Teilen und Abgeben, das Verantworten und Versorgen.

Dafür gab es auch später viele Beleggeschichten. Eine war die mit der fehlenden Kinokarte beim Familienausflug. Seine Kinder erlebten daran, wie selbstverständlich Hans ihnen seine abgab, wie die Fürsorge zu einem bestimmenden Teil seiner Persönlichkeit geworden war.

Eine andere war die mit den Glückspfennigen im Weihnachtskuchen. Es gab eben nicht nur den einen Glücksbringer sondern ganz viele, für jedes Familienmitglied einen.

Und vielleicht wirft auch sein Umgang mit seiner Mutter ein bezeichnendes Licht auf ihn. Denn als die Mutter nach ihrer zweiten Ehe in England abermals verwitwete, nahm Hans sie selbstverständlich zu sich hierher nach Pluwig und bemühte sich darum, sie in den Freundeskreis der Familie zu integrieren.

Der Mann wäre aber völlig missverstanden, wenn wir seine Haltung auf Mitleid reduzierten. Seine nächstenliebende Einstellung war stets auch rational begründet und ruhte auf dem Fundament eines dezidierten Humanismus.

Er sah stets den Menschen, unabhängig von Stand und Stellung. Genau so selbstverständlich begrüßte er die Putzfrau mit Handschlag wie den empfangenden Geschäftspartner.

Das Befreiende und Provozierende zugleich, zu dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter aufruft ist doch ein Liebesgebot, das Grenzen aufhebt!

Mit seiner einfachen Ethik überbietet einer, auf den die religiösen Nachbarn herabschauen deren kodifizierte Rechtsordnung und widerlegt ihr unangemessenes Selbstbewusstsein.

Halten wir fest, Doneck hatte keine Berührungsangst vor solchen, die „einfach“ nicht dazu gehören. Denn er wusste und lebte die Geschwisterlichkeit aller Menschen!

Sie ist die Essenz der Bibel.

Zweitens: die englische Attitüde. Der Eheschluss mit ihrem zweiten Mann, einem englischen Kaufmann, blieb nicht ohne Einfluss auf deren Kinder, auf Hans und die Familie. Nicht nur, dass England zunächst zum Wohnort wurde, es blieb auch für die Kinder von Hans ein gern und mit Selbstverständlichkeit aufgesuchtes Land.

Hans selbst streute diese Insel reich an spleenigen Leuten Würze in seine Persönlichkeit. Ganz so wie das Salz in der Suppe, war seine englische Manie. Rote Socken und Peter-Scott-Pullover waren ein Muss für ihn, der englische Jaguar später setzte dem ganzen die Krone auf.

In den Nachkriegsjahren erwarb sich Hans Schritt für Schritt die Kompetenz für seinen Beruf. In Hamburg besuchte er die Fachschule, in England bildete er sich auf der Abendschule weiter. Er wurde Chemiker und verdiente seinen Lebensunterhalt bei Firmen in Hannover, Hamburg und Celle. Mit seinen Fähigkeiten als Graphiker wurde er Anfang der 70er technischer Leiter eines Betriebs ins Trier. 1977 machte er sich selbständig. Das war schon lange sein Ideal, ein freier Mann zu sein. Die Familie war inzwischen gewachsen, Jörg kam 1962 in die Familie, in Celle wurden 1966 Dennis und 1967 Sonja geboren, in der Trierer Zeit kam 1974 schließlich Maren dazu. Es war das Jahr, in dem die Wohnung in Trier zu klein wurde und das Haus in Pluwig zum neuen Familiensitz avancierte.

Gut 15 Jahre später gab Hans Doneck die Firma ab. Er wollte sich seinem Hobby, der Kunst, intensiver widmen. Seine raumgreifende Beschäftigung war es weniger, mehr der Geruch der Farben im ganzen Haus, der zur Anmietung eines Ateliers in der Kloschinskystraße führte. Ausstellungen in der TuFa, in China, auf Helgoland und in Kiew zeigten seine Werke. Partner bei diesen Vorhaben war der befreundete Kunstverein „Paradox“.

Was auch immer Hans anfasste, betrieb er mit Emphase. Das begann bei seiner Lehrzeit, ging über sein berufliches Engagement, seine stete Neugier, das lebendige Interesse am Entwickeln von Neuem, die Kunst, der Sport, vor allem das Schwimmen. Alles das betrieb er hochenergetisch. 

Er hing der Frage nach, wie kommt das Gute in die Welt. Dachte intensiv darüber nach, so dass auch Freunde ihn gern angesichts von Problemen in Anspruch nahmen.

Er förderte den Samariterbund und unterstützte die Kindernothilfe. Was er tat, tat er ganz.

Und darum ist die Krankheit, die vor 17 Jahren, zunächst unentdeckt, auftauchte der Antagonist zu seiner Persönlichkeit. Sie nahm diesem energiereichen Mann seinen Antrieb, seine wache Aufmerksamkeit, die Kraft zur Umsetzung seiner Ideen.

Was ihm das Leben zu Beginn geschenkt hatte, und was ihn in hohem Bogen mit Freundlichkeit und voller Anregung leben ließ, was ihn zu einem anerkennenden Menschen, einem Optimisten machte, einem Chef und Mitmenschen, der die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen verstand, das nahm ihm die Krankheit am Ende. Sie machte ihn müde.

So haben wir einen wahren Philanthropen verloren, den einfühlsamen und fürsorglichen Vater, einen anregenden Mitmenschen, den Künstler, einen besonderen Menschen mit liebenswerten angelsächsischen Besonderheiten, eben einen nach dem Bilde Gottes. Und dürfen gewiss sein, dass er als ein guter Gedanke Gottes in all seiner irdischen Vorläufigkeit vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben wird. 

Und genau genommen ist die Perikope vom barmherzigen Samariter als eine Geschichte von bleibender Bedeutung nicht nur eine für Hans Doneck, sondern sie ist die Geschichte des Humanisten Doneck. Amen

vor wem sollte ich mich fürchten?!

Nothing for Tears

Beerdigungsansprache über Ps 27,1

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

für

Gloria von Schubert

03.08.2019

von Pfarrer Matthias  J e n s

Gefragt, wie lange sie noch zu leben gedenke, antwortete Gloria in ihrem 96. Lebensjahr: meine gegenwärtige Lektüre ist so hinreißend, dass ich dieses Buch gern noch zu Ende lesen möchte. Dieser Wunsch verrät nicht nur etwas über ihre geistesgegenwärtige Selbsteinschätzung, ihren feinen Humor, sondern sagt vor allem aus, wie sehr ihr Leben durch die Literatur bestimmt worden ist. Und dies nicht nur in den Jahren, in denen durch Krankheit und Alter ihr Aktionsradius eingeschränkter geworden war und Literatur das Fenster zur Welt bedeutete, sondern von Kindesbeinen an spielt die Welt der Bücher eine entscheidende Rolle in ihrem Leben.

Das kam so.

Gloria wurden ihren Eltern Lally und Fred Horstmann am 21.11.1923 geboren. Sie blieb deren einziges Kind. Und während die Eltern in Berlin am Steinplatz residierten, verbrachte die kleine Gloria sehr viel Zeit bei den Großeltern von Schwabach im Knobelsdorff-Palais in Kerzendorf. Dort fühlte sie sich geborgen, dort erlebte sie glückliche Monate und Sommer, und noch über ihrem Sterbebett hing ein fotografisches Abbild des Gutshauses, wie sie es auch mit Kinderaugen in ihr Herz aufgenommen hatte. Der Ort war zu ihrem Arkadien geworden und blieb bis zum Einzug in Grünhaus ihr Sehnsuchtsort.

Als Tochter eines Botschafters lernte sie schon früh die Regeln des Gesprächs kennen und verstand es seither, eine einbindende Konversation zu führen. Bald schon nicht nur auf deutsch, sondern ebenso auf englisch und französisch, später auch noch auf schwedisch, in jeder dieser Sprachen so bewandert, als sei es ihre Muttersprache.

Geübt für fremde Sprachen war ihr Ohr auch durch die Aufenthalte der Familie in anderen europäischen Ländern. Der Vater war als Diplomat in Brüssel und später nach Lissabon entsandt. Die Villen und Strände von Cascais waren der neun- bis elfjährigen Gloria geschätzte und ebenfalls unvergessene Spielgründe.

So war die Welt von Gloria nun tatsächlich polyglott, denn ihre Mutter, Lally Horstmann, geb. von Schwabach las Literatur grundsätzlich in der Zunge des Autors und gab dieses Erbe an ihre Tochter weiter. Der literarische Salon der Mutter lebte gleichsam in der Literaturbegeistertheit der Tochter weiter, die sie es später schätzte ihrem Mann vorzulesen und dieser ihr, und die eben tatsächlich bis in ihre letzte Lebenswoche anhielt.

Die Kehrseite der Lebenswelt ihrer Eltern ist aber, dass die Botschaftergattin kaum Zeit für ihre einziggeborene Tochter hatte. Sie kümmerte sich um den eigenen Berliner Salon, schätzte und bereicherte gleichzeitig die diplomatische Gesellschaft, führte mit ihrem Mann ein gastfreundliches Haus sowohl in Berlin als auch nach 1942 auf dem Landsitz in Kerzendorf, folgte gesellschaftlichen Einladungen, sammelte Kunst und las. Konversation, Beziehungsnetzarbeit, Kunstbetrachtung, davon verstand sie viel. Muttermilch dagegen, körperliche Wärme und Nähe, Annahme aber hatte sie nicht zu vergeben. Im Buch der Mutter über die bittersten deutschen Jahre kommt ihre Tochter Gloria nicht vor. Diese ging im wahrsten Wortsinn mutterseelenallein zur Blinddarmoperation, einhundert Reichsmark im Schuh versteckt. Denn die Mutter, die Bankierstochter, war ein Kind der Kaiserzeit und von deren Vorstellung von Bildung und Kindererziehung geleitet. Solche Dinge delegierte man an die Amme, an das Kindermädchen, die Erzieherin. Denn Kinder sind nach dem preußischen Erziehungsbild kleine Erwachsene, die beim Klang der Marschmusik nur noch zu dem gemacht werden müssen, was sie bereits angeblich sind. 

So erfolgte für Gloria die erste Bildung in der Privatschule von Fräulein Mommsen, der Tochter des Philosophen; später besuchte sie das Caecilien-Gymnasium in Charlottenburg. Die anderen Bedürfnisse lagen in der Obhut der Erzieherin Hedwig Oldag. Hübsch bettfertig gemacht, war das höchste der Gefühle nicht der Gutenachtkuss, so erinnerte sich Gloria an die abendliche Zeremonie, sondern ein Knicks in Richtung der Eltern. Konsequenter Weise war es Hedwig Oldag, die Gloria später mit nach Schweden nahm; von ihr sprach sie immer mit glaubwürdigster emotionaler Verbundenheit.

So liegt es nahe, dass zunächst das junge Kind, später die junge Frau ihr soziales Leben wärmer, anregender durch die Figuren ihrer Bücher machte. Literaturbegegnungen brachten sie ins Gedankengespräch mit den Protagonisten. Diese wurden ihr zu einem Gegenüber, zu lebendigen Teilnehmern an ihrem Leben, so wie sie, bedingt durch die schmerzlichen Lücken, die die abwesenden Eltern offen ließen, in die Lebenswelt der literarischen Figuren schlüpfte, mit den Helden litt und siegte. Fleischerne Gesprächspartner sah sie umgekehrt gern auch durch die Brille ihrer literarischen Bewandertheit. Ihr Kosmos war durch die Literatur größer geworden, ihr Herz bewohnter. 

Tatsächliche Schicksale aber verschwisterte sie mit der lebhafteren Bühne ihrer Helden. Sie pflegte sich schnell ein Bild von Menschen zu machen. Schnell einerseits durch ihre erfahrene Auffassungsgabe, das geübte gesellschaftliche Auge, andererseits aber auch, weil sie die offen gebliebenen Aussagen und Abschnitte mit ihrer Fantasie füllte. Es gehörte schließlich zu dem trainierten Repertoire ihrer professionellen Gesprächsführung, dass sie von Begegnungen in den buntesten Farben zu berichten verstand. Da entstanden dann Portraits, in denen sich die Beschriebenen nicht immer wiederzufinden vermochten. 

Gehörte Erzählungen wurden lebendiger, dramatischer ausgestaltet wurden. Sie ergänzte ihr fragmentarisch gebliebene Bilder von anderen.

Es mag Familienmitglieder geben, die glaubten, sie würden von ihr gegeneinander ausgespielt. Ich bin aber überzeugt, dass der literaturbegeisterten Gloria das Zusammenleben wie ein Stück von Moliere erschien, durch die Würze ihrer Fantasie erst recht lebens- vielleicht sogar aufführenswert vorkam.

Denn Gloria erlebte das gastfreundliche Elternhaus, später die Berliner Salons als große Bühne. Und in ihrer eigenen Familie führte sie dann gern auch mal die Regie.

Bekanntlich sind die Kriegsberichte Betroffener immer von so mitreißender Lebendigkeit, weil sich der Herzschlag der Erzähler bei den Gedanken an ihre Widerfahrnisse selbst erhöht. So konnte ich es auch bei Gloria erleben.

Aus dem von den Russen fast eingenommenen Berlin flüchtete sie in einem Fahrzeug, das Goldreserven gen Westen zu evakuierten hatte. Sorgsam war Treibstoff gehortet und zusammengetragen worden. In aller Heimlichkeit erfolgte die Abreise. Allein – der Wagen war überladen, die Achse brach. Der Fahrer brachte die junge Gloria in einer Gastwirtschaft unter, versprach, sie nach erfolgreicher Reparatur wieder auszulösen. Die Minuten kamen ihr wie Stunden vor und es waren tatsächlich einige Stunden, ehe der gedanklich bereits aufgegebene Chauffeur tatsächlich wieder auftauchte und sie Richtung Hannover weitertransportierte; eine Flucht, die in Brüggen vorübergehend glücklich strandete im zunächst noch leeren Haus der Familie von Cramm. Bald schon sollte es überfüllt sein vom Strom der Flüchtlinge, viele aus dem Osten.

So wie es dann auch in Grünhaus war als Gloria und Andreas von Schubert dort ihre Familie gründeten.

Andreas kannte sie schon aus ihren Kindertagen. Er war ein langjähriger Freund, der ihr in den Kriegstagen näher kam. Spaziergänge im Tiergarten. Durchtanzte Nächte. Das allgegenwärtige Pervitin kostete die Ledersohlen manches Tanzschuhpaares. Man war sich bewusst, dass es der Tanz auf dem Vulkan war. Unabhängig voneinander erzählten beide von den unvergessenen Begegnungen, aber auch der unvergesslichen Prägung durch die Bombennächte in Berlin. Beide konnten den späteren Sylvesterlärm nicht von den Bildern der brennenden Hauptstadt trennen und mieden, wenn möglich, das laute Geschehen zum Jahreswechsel. Zu Fuß sei er durch die zerstörte Stadt geirrt, um Gloria aufzusuchen und glücklicherweise jedesmal unversehrt am Steinplatz und anderen Wohnorten zu finden.

Doch Andreas wurde Soldat und die Kontakte reduzierten sich auf Feldpostbriefe.

Zu Glorias Flucht gehört nicht nur die aus dem unter Beschuss stehenden, aus dem ruinierten Berlin, sondern auch die aus den unbeholfenen Händen ihrer Mutter. Sie schrieb Briefe an die Söhne einer befreundeten Diplomatenfamilie. Einer der beiden Männer fühlte sich angesprochen und kam zu Besuch an die Spree. Durch die Freundlichkeit eines französischen Generals durfte der junger Schwede drei Tage nach Berlin einreisen. Der französische General traute das junge Paar am 15. September 1947 standesamtlich. Glorias Mutter konnte an der Zeremonie nicht teilnehmen, sie lag an Typhus erkrankt im Seuchenhaus. 

Das junge Ehepaar reiste nach Schweden aus. Axel Edelstam, ein schöner Mann und ein geistreicher Erzähler, bot der gerade 23-Jährigen nicht nur eine Scholle ersehnten Friedens sondern er sprach auch deren geistige Welt gekonnt an. Und Gloria ihrerseits ist die Frau gewesen, die stets das Positive sah, sich sodann entschieden in diese Richtung auf den Weg machte. Bald schon wurde die Frucht der jungen Liebe geboren. Ellinor kam am 30. Juni 1948 auf die Welt.

Die Familie weiß, wie sehr Gloria die Zeit im Gut Älfsjö schätze, wie sie die dortige Familie mochte und wie herzlich sie aufgenommen wurde; sie weiß aber auch, warum Gloria Schweden bereits nach zwei Jahren verließ und ein Jahr getrennt von Tisch und Bett in Hamburg verbrachte. Danach galt sie als geschieden und Andreas von Schubert tauchte wieder auf, er hielt um ihre Hand an und beide heirateten am 15. März 1951.

Prosaisch schreibt Gloria in ihren biographischen Notizen in der dritten Person von sich: „In Deutschland holte sie Andreas von Schubert als seine Frau nach Grünhaus … Hier wurde ihr Sohn Carl … und ein Jahr Später ihre jüngste Tochter Andrea geboren“.

Diese ihre Auflistung von Lebensstationen wird dem bunten Leben in Grünhaus nicht gerecht. Verschweigt das Gedränge im Schloss ob all der hierher in den Westen geflüchteten ehemaligen Gutsbesitzer und Bekannten, rührt nicht an die Zeit der französischen Besatzung mit all den Erlebnissen, die inzwischen zu Anekdoten geraten sind und besonders gern von Andreas zum besten gegeben wurden. Die knapp zweiseitige Biographie überspringt ihre kurze Studienzeit in Göttingen, sie verschweigt den tragischen Hintergrund, warum sie nun doch mit Andreas an die Ruwer ziehen kann. Sie lässt das Leben und Gedeihen der Familie unerwähnt, die hier wuchs. All deren Abenteuer und Anekdoten. Sie summiert lediglich buchhalterisch. „Über 60 Jahre lebte Frau von Schubert in Grünhaus. Sie hat 12 Enkel und 12 Urenkel“. Das sind biblische Zahlen, die vom Segen in ihrem Leben sprechen.  Und lassen uns noch einmal auf den Psalm selbst hören

Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meins Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?

Denn tatsächlich widerfuhr Gloria bei allem äußeren Unbill Bewahrung, gelang ihr immer der glückliche Ausweg in schwieriger Situation, tatsächlich hielt jemand die Hand bewahrend über sie und schenkte ihr Jahre weit über das ebenfalls biblische Maß von „unser Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig“.

Denn er segnete sie mit einer zuversichtlichen Haltung, die der Volksmund am besten auf den Begriff bringt mit dem Satz: Hilf dir selbst – dann hilft dir auch der liebe Gott.

So wie innere Haltung und glückliche Fügung ein Bündnis zu ihren Gunsten eingingen, so schloss sich auch rein äußerlich ihr Lebensring zu einem abgerundeten Ganzen.

Die Erinnerungsbilder an das „gemütliche Landhaus“ (wie sie es nannte) von Kerzendorf durften die Brücke schlagen zum Schloss Grünhaus. Das in Jugendtagen vermisste Familienleben gedieh um so lebendiger hier bei Mertesdorf.

Und so konnte sie am Ende tatsächlich mit Mörike danken, beten und loslassen:

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,

Ein heilig Willkommen …

In Ihm sei´s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

Des Himmels bewegt.

Du Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei alles gelegt!