Jesus erweckt Lazarus zum Leben in dieser Welt

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und köstliches Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Vor seinem Portal aber lag ein Armer mit Namen Lazarus, der war über und über mit Geschwüren bedeckt. Der hätte gern etwas gegen seinen Hunger vom Tisch des Reichen abbekommen. Doch umgekehrt kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 
Nun starb der Arme und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Bei den Toten angekommen hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah in der Ferne Abraham und Lazarus auf seinem Schoß. Und er rief: „Vater Abraham, erbarm dich meiner und schicke Lazarus, dass er seine Fingerspitze in Wasser tauche und meine Zunge netze, denn ich leide Qualen in dieser Glut.“ Abraham erwiderte: „Bedenke, Kind, dass du dein Gutes bereits empfangen hast – zu Lebzeiten nämlich. Lazarus aber das Schlimme. Hier nun erhält er Trost und du das Schlimme. Außerdem klafft zwischen euch und uns eine tiefe Schlucht, so dass niemand hinüber oder herüber gelangen kann.“ 
Darauf sagte der Reiche: „So bitte ich dich wenigstens, lass ihn in meines Vaters Haus gehen. Denn ich habe fünf Brüder, die soll er warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual hier gelangen.“ Doch Abraham gab ihm zur Antwort: „Sie haben Mose und die Propheten – auf die können sie doch hören.“ Darauf er noch einmal: „Nein, Vater Abraham, wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, dann werden sie umkehren!“ Doch er sagte: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht!“

Lasse ich mich von der Auferstehung überzeugen? Diese Quintessenz will uns dieser Text mit auf den Weg geben.

Denn die Geschichte erzählt von einem, der darum bittet, es möge jemand aus dem Totenreich zu den Lebenden kommen, um diese zur Umkehr zu bewegen. Und sie endet mit der Ablehnung der Bitte. „Sie haben Mose und die Propheten. Wenn sie auf die nicht hören, dann werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht!“

Aber sie wird nicht irgendwem erzählt. Sie wird Christen erzählt. Darin liegt ihre Pointe. Dass sie denen weitererzählt wird, die nach Ostern zu verstehen begonnen haben. Diese Hörer wissen, was Auferstehung ist. Und sie wissen um die bleibende Schwierigkeit zu überzeugen. Es hat sich tatsächlich bewahrheitet, dass dem Auferstandenen zu folgen nicht leichter ist als Mose und den Propheten zu glauben.

Der Kern der Geschichte selbst war schon in Ägypten beliebt. Ein Märchen erzählte vom Aufstieg eines armen Frommen und vom Sturz eines reichen Gewalttäters. Das Märchen wurde im Judentum schnell zum Gleichnis, weil es in eingängigen Bildern deutlich macht: die Entscheidung über das Geschick nach dem Tode fällt vorher im Leben. Vom Gehorsam gegenüber der Schrift kann man sich nicht entbinden lassen und jeder bleibt unvertretbar für sich selbst verantwortlich.

Und auch wenn es keine Hölle in der Verlängerung des erhobenen Zeigefingers der Kirche mehr zu finden gibt; so schreit doch die Ungerechtigkeit nicht minder zum Himmel. Lazarus und der Reiche sind auch 2021 noch gesellschaftliche Wirklichkeit. Während Karl Marx in England wetterte, dichtete in seiner französischen Verbannung Heinrich Heine, hört ein deutsches Mädchen singen…

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder …

Auch vor unserer Tür sitzt Lazarus. In Trier haust er in der Tyrsusstraße. Und lebt der Reiche in Europa schlechthin, so sitzt der Arme auf einer Fußmatte, die Afrika heißt.

Egal wie dicht wir mit der Lupe auf unser eigenes Leben herunterzoomen oder wie weit wir uns bei unseren sozialkritischen Vergleichen über die Erde erheben, es scheint immer um die Alternative zu gehen,

  • Einem Appell zur richtigen Entscheidung in der Gegenwart um des Lebens nach dem Tode willen zu folgen
  • Oder Gehorsam Gottes Gebot gegenüber an den Tag zu legen durch tätige Nächstenliebe jetzt und hier.

Nun schließt sich das nicht aus, wie eine Erzählung schnell erklärt. Ein Eremit wird gefragt: Warum bedarf es noch der Nächstenliebe, wenn ich doch schon Gott über alles liebe? Und er antwortet dem Fragenden, er solle doch auf einem Bein bis zu einem Ziel am Horizont hüpfen.
Auf zwei Beinen steht und geht sich eben besser, vor allem wenn wir ein so fernes Ziel vor Augen haben, wie Frieden, Gerechtigkeit und erfülltes Leben.

Und zumindest ein Bein droht uns immer wieder wegzurutschen. Darauf macht uns der Bibeltext unmissverständlich aufmerksam: Wer sich durch mosaisches Gesetz und die Propheten, also durch von Menschen vermittelten Anspruch und Zuspruch Gottes nicht aus seiner Selbstgenügsamkeit aufwecken lässt, wird auch durch Erscheinungen nicht aufmerksamer werden. Er wird sie mit Argumenten liebloser Vernunft weginterpretieren.

Wer sich des Nächsten nicht annimmt und seinen stummen oder auch laut vorgebrachten Ruf nach Liebe  und Hilfe überhört, nur, weil sein ganzes Leben nur um sich selbst kreist, der wird nicht erfahren, dass sich unser Leben wahrhaft in der Liebe erfüllt. Wer solcherart sein Leben bewahren will, der wird es eben verlieren.

Auch wenn unser Gleichnis die Folgen unseres Verhaltens bildreich bis in eine andere Welt erhöht, so spricht er eigentlich genau von dieser Konsequenz. Wer sein Leben einsetzt für andere, wer den anderen sieht und liebt, der wird sein Leben gewinnen.

Wer sich aber über die Not des anderen hinwegsetzt, sich nicht einlassen will, der tut das, weil er kein Vertrauen in das eigene Leben hat, weil er den Grund unter seinem Leben nicht kennt. Er lebt inmitten seines Egoismus im wahrsten Wortsinn grundlos.
Er wird ein Opfer seiner eigenen Vergänglichkeit werden. Wer den Tod im Herzen hat, kann anderen nicht helfen.

Auch die leisen Zurufe eines Nächsten aber nimmt wahr, wer sein Leben in Gott gegründet weiß. Und diesen Grund zu erkennen, das ist wie vom Tod zum Leben durchstoßen, das ist so etwas wie mitten im Leben noch einmal lebendig zu werden.

Ich hoffe, niemand hat sich vorschnell mit Lazarus identifiziert und nur auf sein Leiden im Leben gebannt geblickt; und niemand ist rot geworden über der Einsicht, dass er wohl eher der reiche Mann sei.
Denn wir sind nicht entweder der eine oder der andere. Sondern wir sind im Leben mal der eine, dann wieder in des anderen Position. Der reiche Mann und der arme Lazarus sind zwei Seelen und Erfahrungswelten in unserer einen Brust. Wer das zusammen bringt und einsieht wird viel leichter vom Egoisten zum Christen. Wer zusammen schaut, dass wir nicht auf die eine oder andere Seite gestellt sind, der ist dem Reich Gottes tatsächlich auf beiden Beinen einen Schritt näher gekommen. Denn er erkennt im Nächsten sich selbst. Amen.

Blüten schauen

Andacht anlässlich der Beisetzung

von

Bodo Engel

21. Mai 2021

Bregenz

über O-Hanami

oder die Klugheit, die Vergänglichkeit zu akzeptieren

Sie waren vielleicht schon einmal zur Zeit der Kirschblüte auf den japanischen Inseln oder wissen zumindest über die Bedeutung des Kirschblütenfestes für die japanische Kultur. Hanami oder höflicher O-Hanami bedeutet „Blüte“ „betrachten“. Es ist ein Familien und Freunde zusammenführendes Ritual.

Gleichzeitig schenkt sein philosophischer Hintergrund uns Aspekte, die für die Bewältigung des heutigen Tages und der Schritte, die wir zu tun haben, hilfreich sein wollen.

Da ist zunächst die Würdigung des Ästhetischen und des Ästheten. Die Wertschätzung der Vergänglichkeit der Schönheit der Natur ist nicht nur für empfindsame Asiaten ein Ausweis ihrer vollumfänglichen Menschlichkeit. Auch wir lieben diese Woche, in der die Magnolienblüte aus scheinbar totem Holz bricht und das Leben wieder zu bringen scheint. Sie erzählt uns etwas über unser eigenes Leben und Sterben.

In der Kultur, die ich heute bemühe, um unsere eigene Situation verständlicher zu machen, ist die „Sakura“, die Kirschblüte Inbegriff der vollkommenen Schönheit, die gleichzeitig fällt im Augenblick vollendeter Entfaltung. 10 Tage dauert das Fest, dann ist es vorrüber, so wie die Blüten sich entfalten und dann gefallen sind.

Das lehrt uns dem Kommen und Gehen des Geschöpflichen ins Auge zu sehen. Es spricht vom Einatmen und Ausatmen, es zeugt von Leben und Vergänglichkeit.

Dann ist da der Ästhet. Architekten bezeichne ich als Berufsästheten, denn jenseits aller Statik und Rechnerei, jenseits von Zweckmäßigkeit geht es ihm und ihr um Schönheit. Niemand in dieser Fakultät kommt um die japanischen Einschreibungen auf seinem Gebiet herum. Auch, wenn Gebäude meist errichtet werden um zu bleiben, lehrt uns die Kunstgeschichte nichts anderes als O-Hanami, dass alles seine Zeit hat und auch die Blüten des Geschmacks, Stils und Zeitempfindens dem Werden und Vergehen unterworfen sind.

Dieses Foto, das ich nicht in Japan sondern in Shanghai machen konnte, ermahnt uns gleichzeitig, sehr reflektiert mit dem menschlichen Bemühen umzugehen, die Dinge nicht nur zu bewundern sondern festhalten zu wollen. Bodo hat ebenfalls gern fotografiert. Dem fotografierenden Liebhaber geht es so, dass er sich entscheiden muss. Entweder schlendert er durch die besuchte Stadt oder Landschaft und ist offen für den Eindruck, den Moment der Begegnung mit etwas Wunderbarem oder er ist auf der Suche nach Motiven, was ihn in eine völlig andere Haltung zwingt. Er kann nicht gleichzeitig genießen, in vollen Zügen aufnehmen und ein Bild gestalten. Denn die Komposition verlangt Abstand, Reflexion, zumindest Routine, also das Gegenteil von Ekstase oder Begeisterung.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir sehen, erleben, erleiden, lieben, uns beindrucken lassen wollen, oder ob wir eine distanzierte Haltung, vielleicht die eines empfindungsfreien Betrachters einnehmen wollen.

Ich ermutige Sie also, sich dem Schmerz auszusetzen. Dem Schmerz, der dadurch kommt, dass das Schöne anscheinend so flüchtig ist, das wir es miteinander erlebt, wenn wir es über eine Generation fast immer ungetrennt miteinander genossen haben. Dazu gehört auch die Phase der schmerzlichen Entwicklungen, der Häutungen, die Auseinandersetzung und das kurze Befremden.

Aber ebenso die Freude, das Einvernehmen, das geteilte Glück, gemeinsam genossene und gestaltete Tage.

Aber sehen wir nicht nur den Architekten Bodo, der konstruiert hat, um es überdauern, oder zumindest dauern zu lassen;

sehen wir auch den Gärtner, der sich der Vorläufigkeit seines Tuns bewusst ist, der pflanzt, um etwas anderes irgendwann geschehen zu lassen: das Wachstum, die Blüte, den Herbst und die Winterruhe.

Halten wir es mit Bodo, dem Gärtner, der sich der Vorläufigkeit seines Tuns bewusst war. Er lebt für den im doppelten Sinne bedeutsamen „Augenblick“.

Für diese Momente sind Sie dankbar. Für die fordernden, für die schönen Stunden, für das Miteinander-wirken-Können, für das Aneinander-wachsen-Dürfen, für die gemeinsamen Skiurlaube, für die Reisen, die Stunden über und unter Wasser auf den Malediven. 

Lassen Sie sich nicht beirren. Nur scheinbar hat der Tod diese Zeit genommen. Er betrübt und macht den Blick trüb. Denn die Wahrheit ist, diese Gemeinsamkeit ist nicht nehmbar.

In allem, was wir erlebt und geteilt haben, ist Gott in höchst eigentümlicher Weise dabei gewesen. Ja, er erfindet sich geradezu leidenschaftlich in den Zeiten, die wir geteilt haben. Gott ist Gemeingeist, also der Geist, der lebendiges Miteinander will. Ich behaupte, es ist seine eigentümliche Art, so durch Menschen und zwischen ihnen Wirklichkeit zu werden.

Und wenn einer sich an solche Gemeinsamkeit im Herzen erinnert, dann sind alle drei dabei: Du – ich und – Gott.

Darum ist O-Hanami die Zwillingsschwester von Ostern. Dem Sieg des Lebens über den Tod. In beiden Fällen gibt es tatsächliches Sterben, das Ende des Weltlich-körperlichen.

Das Blatt fällt, das Winterholz vergeht wie der Leib.

Wenn aus scheinbar totem Holz aber die Blüte kommt, wenn Maria und Martha angesichts des Grabes ihrem Leben eine Kehrtwende vollziehen und neu auf Jesus zugehen, dann ist von einer Wirklichkeit die Rede, nach der kein Mensch verloren geht, nach der vor Gott bleibt, was wir vor ihm in Wahrheit sind.

Wir sind und bleiben in dieser Angelegenheit auf Metaphern angewiesen.

Vielleicht sage ich es am besten mit den Worten von Jörg Zink, meinem Kollegen, der in seinem Buch „Ufergedanken“ angesichts der atlantischen Brandung schreibt: „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.“

Amen

paulinische Tugend gelebt

Traueransprache über 1. Kor 16, 13

für

Bodo Engel

gehalten am 28. Mai 2021 in der Konstantin-Basilika zu Trier

Der Apostel Paulus hatte mit dem jungen Missionsgebiet Kleinasien seine liebe Mühe. Besonders die gewonnenen Gläubigen der Welt- und Hafenstadt Korinth mit ihrer pluralistischen Gesellschaft drohten der jungen Gemeinde in alle Strömungen der Philosophie, Kanäle des Synkretismus und durch Sektierer verloren zu gehen. Darum schreibt er in einem Brandbrief: „Macht die Augen auf! Bleibt mit Eurem Verhalten im Rahmen des Glaubens, aufrecht, und bleibt stark!“

Und hier hat das Stoßgebet des antiken Schreibers das erste Mal etwas mit dem Leben von Bodo Engel zu tun. Denn als er im Dom zu Quedlinburg mit 13 konfirmiert wurde, da atmete in diesem ersten Jahr nach dem Krieg die Übersetzung noch den Zeitgeist „Seid wachsam! Steht fest im Glauben! Seid männlich und bleibt stark!“ heißt es auf seiner schwarz-weißen Urkunde unter dem Foto des Dominnenraums.

Hunderte Kilometer weit weg von diesem Ort war Bodo am 01. November 1931 zur Welt gekommen. In Straelen / Westfalen. 

Sein Vater arbeitete beim Zoll. Neben dem Soldatenleben ist es das des Zöllners, das dessen Familie zur Heimatlosigkeit verurteilt, Bodo einen häufigen Schulwechsel bescherte, ihm immer nur die Anfangsgründe der Fremdsprachen erschloss – erst Russisch in Sachsen-Anhalt, dann Französisch im Saarland und schließlich Latein in Rheinland-Pfalz – das nicht Ansässigkeit genug gönnte, um seinen Bekannt- und Kameradschaften die starken Wurzeln bleibender Freundschaft wachsen zu lassen. 13 mal ist Bodo umgezogen, um schließlich hier in Trier eine bleibende Statt zu bekommen.

In frühen Lebensjahren ging es an den Fuß des Harzes, wo auch seine Mutter herstammte. 

Dem Heranwachsenden gab also der Pfarrer diesen Konfirmationsspruch mit auf seinen Weg. Intuitiv vielleicht, denn die Tugenden spielten schon für den jungen Bodo eine große Rolle. 

Nicht alle von ihnen stehen ganz oben im christlichen Tugendkatalog. Seine nüchterne Religiosität hatte er von seiner Mutter, einer klassischen Protestantin. Vom Vater hatte er eher Lebenswitz und praktischen Sinn. In den bitteren Hungerjahren nach dem Krieg wusste dieser, wie man „organisiert“, wie man an Brot und ab und zu auch mal an Butter herankam. Der Katholik hatte ja von Kardinal Frings die Absolution erteilt bekommen, die sich nicht nur aufs Kohle-“fringsen“ bezog, sondern auf vieles, was eine Familie satt machte und nötig hatte. Trotzdem erinnerte sich Bodo an den Hunger, den er als Heranwachsender in Saint-Avold und  Quedlinburg erlitten und durchgestanden hatte. Das paulinische: „bleibt standhaft“, ja, das lag ihm.

Auch später im Beruf, einer komplexen Tätigkeit, die nur ein Mensch mit Leidenschaft für die Sache auszufüllen und auszuhalten vermag, blieb er den Ermutigungen seiner biblischen Mitgift treu.

Gern wäre er gleich Architekt geworden. Auch von der Tätigkeit des Bühnenbildners war er angetan.

Doch der Vater mit seiner Erfahrung der Aufbaujahre war es, der seinem Sohn riet: „Werde doch Maurer, Maurer braucht man immer“. Im Rückblick dürfen wir sagen, Bodo habe seinen späteren Beruf von der Pike auf gelernt. Der Architekt, der er dann mit 29 Jahren tatsächlich war, konnte mit seiner Vorerfahrung genau einschätzen, was man von einem Maurer erwarten könne, und was man seinerseits zu leisten habe.

Mit dem Gesellenbrief in der Tasche hatte der junge Mann an der damaligen Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Trier studiert. 1959 heiratet er zum ersten Mal. Eine Anstellung in einem Architekturbüro schenkte frühe praktische Erfahrungen. 1960 ließ er sich als Freier Architekt nieder. Parallel war er Mitglied des Trierer Stadtrates geworden, später ging aus dieser Ambition seine Mitgliedschaft im Architektur- und Städtebaubeirat hervor. 

Es mag dieser vielgleisig engagierten Arbeit zusätzlich zu seinem eigenen Architekturbüro geschuldet sein, dass er eines Tages ganz unverhofft allein mit seinem 1964 geborenen Sohn Christian da stand und sich als alleinerziehender Vater mit einer neuen Rolle konfrontiert sah.

Der Architekt Bodo folgte jedenfalls der Aufforderung seines Konfirmationsspruches: Macht die Augen auf, seht hin.  

Als ich mir einige seiner Werke in Trier anschaute, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus natürlich, aber auch die Gebäude der BVT Vermietungsgesellschaft, den Neubau des ehemaligen Elisabeth-Krankenhauses, dessen Kapelle und die Prinzipalstücke daselbst, das Verwaltungsgebäude der kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer, last but not least das Fachbereichsgebäude E auf dem Campus, verstand ich, dass Bodo Engel auf nicht weniger als die Menschenwürde bei seinen Entwürfen achtete. Vom Abort bis zum Zugang, jeder Raum hat seinem Anspruch nach natürlich beleuchtet und belüftet zu sein. Eben auch die Nutzungen, die ein auf seine Ansprüche fixierter Bauherr übersieht, hatte der Architekt im Blick. Beispielsweise Wartebereiche für angehende Patienten im Krankhaus und solche bei Versicherungen sollten dem wartenden Menschen den Blick in die Natur gewähren. Nicht lieblose Bilder sondern gewachsene Bäume sollten Durchhaltevermögen schenken, nicht graue Wände sondern grüne Wiesen. 

Der im Treppenhaus aufsteigende Besucher wechselt zwischen zwei Welten. Er kommt von außen und geht in eine Wohnung. Er soll idealer Weise auf diesem Weg noch den Kontakt zur Außenwelt behalten können. Gern machte Bodo das erlebbar kraft großzügiger Glasfassaden.

Gebäude und Freiraumgestaltung gehörten für Bodo Engel zuhauf. Ein Haus ist ein Gebäude in einer Landschaft.

Die Weite seines Blicks für diese Zusammenhänge, die man z.B. unschwer im Innenhof der BVT Vermietungsgesellschaft nachvollziehen kann, hat ihre Wurzeln in seiner Liebe zur Natur und besonders zur japanischen Gartenkunst.

Überhaupt die Natur! Von allen Reisen brachte er sich Pflanzen mit. Wo andere das Souvenir als Beweis ihres da-gewesen-Seins vorzeigen, schätzte Bodo es, besondere Pflanzen auszugraben, und verstand es, seinen Gästen von ihrer Herkunft, Standortvorlieben und Bedeutung zu erzählen. 

Die Kiefern zuvorderst, weil sie im Gespräch mit Azaleen und Rhododendren von der japanischen Gartenphilosophie Zeugnis ablegen, dann aber auch, weil sie die Wälder seiner Heimat zitieren, dort, wo sie vom Fuße des Harzes in die Magdeburger Börde übergeht, dort wo auf den Sandern vornehmlich diese Kiefern gedeihen. 

Aber auch das Wasser hatte es ihm angetan. Über und unter seiner Oberfläche. Und natürlich abermals als Abbild des Meeres im japanischen Garten.

Unter den Wasserspiegel abzutauchen, das war für ihn wie ein Dimensionenwechsel. Vom oberflächlichen Bild zur vielschichtigen Tiefe. Bespielter Vordergrund und pittoresker Hintergrund hatten ihn schon bei seinem Traum vom Bühnenbildner fasziniert. Und mit diesem Changieren von Fläche und Raum spielte er auch bei einem weiteren Hobby, der Fotografie.

Es bedurfte der tiefen Einfühlung seiner zweiten Frau, dass die offene Tür in der Wand sein Empfinden von Fläche und Raum störte. Es bedurfte überhaupt eines wunderbaren Einvernehmens, um Bodo in Gänze zu verstehen. Denn natürlich war auch Schatten bei soviel Licht. Störungen der Ordnung konnten ihn ganz mürrisch machen. Nachtragend war er und ungeduldig. Setzte voraus, dass andere mit dem gleichen handwerklichen Geschick gesegnet seien wie er. Hier war er ganz das typische Einzelkind, das sich von früh auf an der vermeintlichen Perfektion der Erwachsenenwelt orientiert.

Seinen Gästen verstand er auf schnurrige Art und mit heimlicher Selbstironie zu erzählen, welch liebe Mühe er mit den Bilchen in Garten und Haus hatte. Mit ihnen plage er sich im Privaten ebenso herum, wie ihn die Hausmeister im Beruflichen zu erregen verstanden, wenn sie angesichts eines gelungenen Architektenwurfs den Blick nicht für Sinn und Meisterschaft hatten, sondern an das Aufstellen von Hydrokulturkübeln und die Unterbringung des Staubsaugers dachten. Hausmeister konnten ihn genauso aus der Fassung bringen wie Bilche, die sich in Räumen häuslich gemacht hatten, die er doch anders konzipiert hatte.

Neben Büro, Meer und Garten gab es für ihn noch die Berge. Beim Skifahren hat Bodo Sie, Ilse-Maria Tizian kennengelernt. Genau genommen haben Sie alle drei sich dort gefunden. Als Architektin zogen Sie vor fünfzig Jahren nicht nur ein miteinander betriebenes Büro, sondern in das Haus seines Lebens ein. Mit Christian wurde das Haus in der Heinrich-Kemper-Straße, dem 13. Wohnsitz, das gemeinsame Haus.

Weil alle genau wussten, wie der andere tickt, gelang dieses Miteinander. Auch wegen der großen Deckungsfläche der Interessen.

Ich habe Sie nicht gefragt, aber vielleicht würden Sie als symbolisches Werkzeug für Ihren Mann die Wasserwaage wählen. Nicht etwa, weil er ausgeglichen gewesen wäre, sondern seiner Liebe zur Genauigkeit wegen. Auch eine Tugend, die er hochhielt. Die Präzision.

Qualität schätzte er. In Sachen Rotwein war er ein Kenner; und öffnete für Freunde und Bekannte seinen Keller, wissend welche Geschichten und Anekdoten er zu dieser und jener Lage zu erzählen habe. Bodo der Grandseigneur. 

Er verstand zu erzählen, auch von den Marotten der anderen, ohne zu verurteilen.

Ebenso leichtfüßig hat er die eigenen Schwächen – denken Sie an seinen Konfirmationsspruch –  gern klein geschrieben. Noch vor vier Jahren, schon vom Alter gezeichnet, bestand er in Paris darauf, seiner Frau den Koffer zu tragen. Bodo der Gentleman, der nicht klagte. Denn seine Mitgift hieß ja, stark zu bleiben.

Ehrlichkeit stand ebenfalls in seinem Tugendkatalog ganz oben. Bodo war mit sich im reinen.

Das paulinische Konfirmationswort hat sich in ganzer Breite in Bodos Leben entfaltet.

Wir verabschieden heute den Architekten, der um des Menschen willen die Natur mitbedachte,

den Gesellschafter, der sich selbst dabei bescheiden zurückgenommen hat,

den Weinkenner, Weltreisenden und Wertebedachten,

den Freund der Präzision und deren Schattenseiten,

den Gärtner, der sich auf die Philosophie fernöstlicher Gartenkunst verstand.

Wir denken gern an ihn – müssen aber nun Abschied nehmen. 

Die Liebe sagt – und diesen Satz spreche ich besonders in Ihre Richtung „wer liebt – kann lassen“.

Seine Freunde, wir alle wissen, jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und also solcher bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Amen

Macht der Vergebung

Da wurden die Jünger froh, als sie den Herrn sahen. Und Jesus sagte nochmals zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ Und nach diesen Worten hauchte er sie an und sagte zu ihnen: „Nehmt den Heiligen Geist! Wem immer ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben. Wem ihr sie nicht abnehmt, denen bleiben sie aufgeladen.“

Heute steht die Vergebung als besondere Gabe des Heiligen Geistes im Mittelpunkt der Bedeutung dieses Festtages.

Die Perikope beschreibt die Situation der Aussendung der Jünger nach den Ostererkenntnissen. Und da der Evangelist Johannes im Jahr 120 n. Chr. schreibt, dürfen wir in diesen Zeilen die Herauskristallisierung der ersten Ämter der jungen Kirche beobachten. Vergebung und Behalt der Sünden. Den Beauftragten der Gemeinde wird Macht zugesprochen. Hier wird vielleicht der erste Sündenfall der sich etablierenden Kirche beschrieben.

Andererseits wird Vergebung als allgemeines Kennzeichen christlichen Lebens gelobt. Darum möchte ich heute die positive Seite dieser Aktivität betrachten und verstehe sie ganz bewusst als Keim jedes neuen Pfingstgeschehens.

Pfingsten lebt auf mit der grundsätzlichen Wahrheit, dass Vergebung neues Leben, Lebenkönnen und neue Beziehung schenkt. Sie ist ein Teilaspekt eben jenes Geistes, über dessen Werk – eben die kirchliche Gemeinschaft – wir uns heute freuen und dies feiern.

Dieser Teilaspekt ist besonderer Würdigung wert.

Verhärten sich nämlich Fronten, ziehen sich die betroffenen Individuen in ihr Schneckenhaus zurück und in eben den Bereich, in dem sie meinen Recht zu haben. Sie lassen sich nicht mehr kritisch befragen, noch gehen sie mit sich selbst kritisch ins Gericht. Beziehung ist gestört und Interaktion zwischen den Beteiligten beschränkt sich auf das Allernotwendigste.

Erst der Sprung über die Mauer, die Überwindung des Ego und die ausgestreckte Hand, die dem anderen, dem Gegenüber hingehalten wird, setzt eine neue Dynamik frei. Selbstüberwindung überwindet auch Beziehungsbarrieren.

Auch auf der Gegenseite war Verhärtung eingetreten. Gesprächsunfähigkeit, Rechthaberei oder schlimmer noch: Schuldgefühle, die einmauern. So bewirkt aktive Vergebung Erlösung aus – nicht immer – selbst verschuldeter Isolation.

Der Evangelist redet zwar von Sünde, also der Schuld Gott gegenüber, doch dürfen wir den Begriff ohne weiteres auf den der Schuld anderen Menschen gegenüber anwenden. Denn zu Pfingsten geht es um das, was Beziehung stiftet im weitesten Sinne. Es geht um nicht weniger als die dritte Person Gottes, den Geist eben, der nicht nur Gottes Wesen als Beziehungsgeschehen generell definiert, sondern um den, dem am Gelingen von Beziehung zwischen allem und allen liegt.

Die entgegen gestreckte Hand, die glaubwürdig gemachte Gesprächsbereitschaft, ja mehr noch, das Hinwegnehmen des Steines des Anstoßes sind der Quellgrund neues Verhältnisse, neuer Beziehung, neuer Gespräche, neuen Miteinanders. Sie sind das initiative Verhalten, das in Bewegung setzt wie eine endlich gelöste Handbremse.

Die Selbstüberwindung Jesu in Form seiner Selbsthingabe wird in diesem Zusammenhang richtig als das Urgeschehen von Beziehungsermöglichung verstanden. Selbstaufgabe bedeutet eben nicht Ende aller Beziehungen. Sondern am Ostermorgen ist klar geworden, dass die gottgewollte Beziehung lebendig ist und bleibt.

Wir erfahren heute zu Pfingsten, dass es eine Ermutigung, ein Auftrag gerade an Christen ist, sich so zu verhalten. Wir könnten es ein Charakteristikum des Christentums nennen. Gnade vor Recht ergehen zu lassen, das ist im Alten Testament ein Zug Gottes; Gnade vor Recht ergehen zu lassen, das erkennt Martin Luther als den Keim der Rechtfertigung; Gnade vor Recht, dieses Prinzip ist die reformatorische Urentdeckung. Es will als Gottes Entgegenkommen Ur- und Vorbild gelingenden Miteinanders sein.

So wie es schon ein Wunder ist, wenn Eltern dem Mörder ihres Kindes vergeben können, so ist es erst recht ein Wunder, was solche Vergebung auf der Seite des Schuldigen bewirken kann.

Aber es gibt noch einen Aspekt:

Für die verletzte Seele ist zu vergeben oft der einzige Weg, selbst wieder Herr des Geschehens zu werden. Die Kraft der Vergebung ist der Münchhausenzopf, an dem ein Mensch sich aus der Ohnmacht herausziehen kann. Ansonsten würde die Tatsache, Opfer geworden zu sein, die Verurteilung zur Passivität bedeuten, zum Erleiden und bloßen Zuschauen.

Wer in solch einer Situation diese Kraft erkennt, der begreift, dass er mit diesem Weg nicht auf sein Recht verzichtet, sich nicht unbedingt als das Opfer sehen muss, sondern er oder sie wird Handelnder, gewinnt die Souveränität zurück. Wird im Sinne Gottes ich. Der Vergebende wird mit neuer Kraft, neuer Perspektive, Freiheit und Handlungsspielräumen beschenkt.

So (!) kann ein Mensch durch Vergebung auch sein Gegenüber sodann glaubwürdig befreien, ermutigen und neue Kraft, Perspektive, Freiheit und Handlungsspielräume schenke.Frohe Pfingsten!

aus Gnade entsteht Recht

Predigt über Jer 31, 31 ff. am 16.05

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen; ein Bund, den sie nicht gehalten haben, obwohl ich ihr Herr war – sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit: ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihre Anstrengungen legen, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den anderen, noch ein Bruder den anderen belehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr, denn ich will ihnen ihre Missetaten vergeben und ihrer Sünden nimmermehr gedenken.

Wie gehe ich mit ungehorsamen Kindern um?, das ist eine Frage, die alle Eltern zu ihrer Zeit beschäftigt hat, ein Titel darum auch für so manchen Erziehungsratgeber. In den großen Buchhandlungen ist dieses Regal besonders lang und gut bestückt, wo derlei Ratgeber feilgeboten werden. Vor kurzem gab es in schneller Folge mehrere Artikel auf der letzten Seite des Volksfreundes, unserer Regionalzeitung, gute Tipps, wie man mit schreienden, mit widerspenstigen Kindern umgehen könne und vor noch kürzerer Zeit wurde eine Kinderpsychologin zitiert, die ihren Rat gab, wie man mit ungeduldigen Kindern umgehen und ihre Geduld fördern könne.

Die Kinder Israel, nicht umsonst heißen sie so, werden hier als die Menschengruppe beschrieben, die an der Hand eines erfahreneren und mächtigeren aus der Not herausgeführt worden seien. Und sie hätten sich nicht an die zehn Angebote zum Leben gehalten, die ihnen am Sinai geben worden seien.

Wie gehe ich mit ungehorsamen Kindern um? Eine Frage so alt wie der Eingottglaube und eine Frage tagesaktuell für jede neue Generation erziehender Eltern.

Wie geht Gott mit seinen ungehorsamen Kindern um? Aus dem Augenwinkel betrachtet hält er es auch mit Versuch und Irrtum. Auch er geht diesen Weg ein zweites mal. Ich will es noch einmal versuchen, sagt er laut dem Propheten Jeremia, ich will einen neuen Bund schließen, einen zweiten Anlauf nehmen. Geduld ist offensichtlich eine Tugend, die auch bei erwachsenen „Kindern“ weiterführen möchte und avanciert hier geradezu zu einer göttlichen Eigenschaft.

Zum zweiten geht es auch um nicht wenig. Ja, ich möchte sagen: es geht um die größte Vision, die die Menschheit überhaupt entwickeln kann. Es geht um nicht weniger als den ideellen und ethischen Zusammenhalt der gesamten Menschheit. „Mein Gesetz“ will ich in ihr Herz legen, also das was nach Gottes Plan gut ist für gelingendes Leben, für ein Miteinander in Frieden, ohne Neid und ohne Mord und Totschlag. Es geht um die großzügige Vernachlässigung der Unterschiede. 

„Mein Gesetz will ich in ihren Sinn schreiben“. Menschen prüfen also, bevor sie handeln, ob diese ihre geplante Aktivität im Sinne der Nächstenliebe ist, ob sie das Leben fördert, der Nachbarschaft förderlich ist und dem Mangel anderer abhilft. 

Das ist doch ein Maß, das sich auf den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant reimt. Das ist eine Messlatte unter der hindurch keine religiöse Ethik laufen sollte!

Das Wohl des anderen im Herzen – alle Belehrung, alle moralische Überheblichkeit  dagegen seien fern. Was für eine Vision! Jeder rechthaberische Mund schweigt, die Besserwisser sind ausgestorben („Gott ist aber soundso und nicht anders“) und Fanatismus jeder Couleur von den ewig Gestrigen mit ihrem Nationalismus bis zu den Islamisten mit und ohne Sprenggürtel ist ausgestorben. Wahabismus und orthodoxes Hardlinertum, evangelikale Mission und staatliche Verfolgung von Religionen, all das gehört ins Geschichtsarchiv, denn alle sind sich einig: Mein Gott ist unser Gott und unser Gott ist mein Gott. Da sprechen wir alle dieselbe Sprache: Er will das Gelingen von Leben und ihm liegt an einem jeden von uns. Wenn wir uns entsprechend verhalten, erfüllen wir sein Gebot.

Friede auf Erden ist die Konsequenz. Jesus hat diese Vision gepredigt und er nannte sie „Reich Gottes“, also die Zeit und solches Zusammenleben, in der und demgemäß  Gottes Gesetz das Maß aller Dinge ist.

Wie gehe ich mit ungehorsamen Kindern um? Warum machen sie schreiend auf sich aufmerksam? Warum genügte den Kindern Israel nicht die unsichtbare Hand, die in die Freiheit führt. Warum riefen sie nach einem König, einem starken Mann, einem sichtbaren Regierungssitz?

Weil der Mensch fürchtet und oft erfahren hat, dass er zu kurz kommt. Weil er danach schielt, wie es die Nachbarreiche tun. Weil er darunter leidet, nicht wahrgenommen, nicht anerkannt zu werden.

Weil der Mensch so ist, verdient der zweite Versuch Gottes heute und auch bitte morgen noch unsere besondere Beachtung. Dieser Friede auf Erden, den wir als Folge der ins Herz eingegebenen Ordnungen Gottes, erwarten dürfen, er steht auf dem Fundament einer für jeden von uns erlebbaren Erfahrung.

So schnell überhört ist dieser letzte Halbsatz. Das ist kein Nachklapp kurz vor dem Schluss der Lesung: „…, denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben …“. Es ist eine Schlüsselhandlung.

„Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“. Das ist für mich mehr als reinen Tisch zu machen und vor allem etwas anderes als alten Groll zu vergessen. Denn Gott nicht im Blick zu haben, ihm fern zu stehen – nichts anderes heißt „Sünde“ – tritt nicht ihm, Gott, auf den Schlips, verärgert nicht ihn – sie betrübt ihn, aber der Schaden ist ganz und gar auf Seiten des Menschen, seiner Beziehungen. Wenn Israel und Juda sich anderen Göttern zugewandt hatten, dann hieß das, dass sie andere Werte hatten leben wollen.

So schadet ein frommer Götzendiener dem anderen auf Basis seiner Defizite, seines eingeengten Blickes, seiner gekränkten Seele, seines Geltungs- und Gewinnbedürfnisses.

Vergeben und vergessen, das heißt hier von Gottes Seite, dass der Mensch Anerkennung erhalten soll, dass er den Wert seines Beziehungslebens mit den anderen, mit Gott und mit sich selbst schätzen und hochhalten wird, dass auch er selbst einen Neuanfang machen kann, der ihm Zukunft schenkt.

Das ist das vorbildliche am neuen Bund, den Gott schließen wird. Das ist das Visionäre an seinem zweiten Versuch. Er verspricht, das Belastende wegzunehmen. Er glaubt an das Gute im Menschen. Keine Gebote und roten Linien mehr, kein Geländer auf steinernen Tafeln. Dagegen hier ein Neubeginn auf der anderen Seite solcher Linien. Auf unserer Seite heute. Unsere Einsicht, unsere Erkenntnisse, unsere Eingebung werden dankbar auf diese Vergebung reagieren. Also alles durch die Erfahrung von geschenkter Gnade.

So schließt sich der Kreis, wie man mit ungehorsamen Kindern umgehen solle. Sie Erfahrungen machen zu lassen, auch die von Grenzen. Es sodann aufs neue zu versuchen. Großzügig einen Anfang zu schenken. 

Ein gutes Unterfangen! Amen

Der Weg ist das Ziel

Beerdigungsansprache über

Joh 10, 27

für

Carina Lemm-Gussner

09. April 2021

ev. Gemeindehaus Gusterath

Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben

Ein sehr österlicher Text. Gerade haben wir Ostern gefeiert und die erlösende Wahrheit, dass das Schwere, das scheinbar Unmögliche, das Belastende nicht das letzte Wort spricht, sondern Hoffnung, Vision und Leben den Sieg davontragen.

Was heißt das in Ihrer und Eurer Situation. Carina, Eure liebe Mutter, Ihre Schwester, Ihre Schwiegermutter und Oma ist gestorben und wird wie Lazarus begraben. Aus dieser Lazarusgeschichte ist das Wort Jesu überliefert, der spricht „Ich bin die Auferstehung und das Leben“; und zwar ist das seine Antwort auf das Bekenntnis der Martha, dass sie an die Auferstehung der Toten am Ende der Zeit glaube.

Es ist ganz anders, sagt der Mann aus Nazareth mit dieser Zeile. Wo man lebe wie ich es tue, wo man mit Gott verbunden ist, wie ich es bin, betont er, da sind Auferstehung und Leben im eigentlichen Sinne vorhanden. Wenn wir so leben, dann ist beides da.

Das hieße, die Befreiung von Angst und aus tiefer Trauer gelänge, wenn wir leben wie Jesus?

Genau das meint er.

Carina und ich fühlten uns herzlich verbunden. Ihren Glauben hat sie aber nicht in der Kirche gelebt. Sondern täglich mit jedem neuen Projekt, das sie begann. Carina ließ sich von Ideen und begeisternden Impulsen anregen. Für sie war das Beginnen eines Vorhabens wichtig, nicht unbedingt, es zu Ende zu führen.

Sie mögen lächeln über das Chaos, diese Ansammlung von Angefangenen und liegengelassenen Projekten.

Aber ist der Orden für die Disziplin wirklich so viel wert, beispielsweise ein langweiliges Buch bis zur letzten Seite zu Ende zu lesen?

Davon spricht Jesus mit dieser seiner Selbstbeschreibung. Wir haben im Deutschen das Wort für seine Charakterisierung: „der Weg ist das Ziel“. Eine fernöstliche Weisheit, die vom Mann aus Nazareth genau unterschrieben worden wäre, wie sie vielleicht von Buddha selbst her kommt.

Immer dann also, liebe Gemeinde, wenn Carina ganz bei der Sache war, wenn sie hingerissen etwas begann, dann war sie Gott ganz nah.

Sein Name musste dabei nicht unbedingt fallen und es musste keinesfalls Sonntag sein, wenn dies geschah.

Im Gegenteil, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen, dazu hatte Carina eine eigene Strategie entwickelt:

  • Einerseits eine Einstellung, die sich wunderbar in jenem Schild ausdrückt, das Ihr gerade in ihrem Haus abgehängt habt: „My home was clean last week, sorry you missed it“.
  • Andererseits hatte sie Ordnungssysteme entwickelt, an denen man nicht rühren durfte, ohne sie nervös zu machen. Auf der anderen Seite also auch bei ihr die Angst vor dem Chaos, die Sorge, etwas nicht mehr finden zu können oder aus dem Takt gebracht zu werden.

Hier also hatte sie den Zuspruch Jesu nötig: lass doch geschehen, es wird schon gut werden.

Zwischen diese Pole war Carina eingespannt. Licht und Schatten.

Es ist in dieser Würdigung nur möglich, Schwerpunkte zu setzen. Sie alle wissen, dass zu ihrer Persönlichkeit noch die Freude am guten Essen und die am Trinken gehörte. Dass sie ein Genussmensch war. Dass sie Traditionen einen besonderen Stellenwert beimaß und sie für alle möglichen besonderen Anlässe bestimmte Geschirrservice vorhielt.

Es wäre zu bedenken, dass ihre Sammlung von Gartenwerkzeugen auch darüber Zeugnis ablegt, dass sie neben der mütterlichen auch noch die männliche Rolle im Elternhaus ausfüllen wollte.

Man könnte darüber nachdenken, warum sie zu den Menschen gehörte, die nicht um Hilfe zu bitten verstehen, denen es schwer fällt einzusehen, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr hinbekommen, zumindest nicht allein. Vielleicht gehört hier auch dazu, wie wichtig es ihr war, Recht zu behalten.

Man könnte alleine eine Predigt über ihr Motto halten, ein Leben ohne Hunde ist möglich, aber es lohnt sich nicht.

Wichtig aber ist heute noch etwas, das ihr viel bedeutete. Ich stelle es unter die Überschrift Lebensbejahung. Sie hat sich gewünscht, dass nach ihrem Tod nicht gejammert und getrauert wird. Ganz nach dem Liedtext von Jaques Brel „Ich will Gesang und Spiel und Tanz, wenn man mich untern Rasen pflügt“. Ein herausforderndes Vermächtnis. Aber wir bemühen uns, es zu beherzigen. Dass die Familie nämlich nach Art der römischen Lebensfeste zu bestimmten Anlässen zusammenkommt, ihrer gedenkt, das Glas auf die erhebt und das Fest des Lebens feiert. Familienzusammenkünfte war ihr ein und alles.

Um Gemeinschaft geht es auch bei meinem letzten theologischen Zuspruch.

  • Immer wenn Carina begeistert bei der Sache war, war Gott ihr ganz nah
  • Immer wenn Carinas Ordnungssysteme versagt haben, hat sie nach etwas gefragt, was Halt gibt.

Jetzt, liebe Familie, ist es umgekehrt. Gott ist ihr ganz nah. Denn vor ihm ist und bleibt sie lebendig. Er ist da, der ihr letzten Halt, immerwährenden Aufenthalt schenkt. Direkt bei ihm.

In dieser Gewissheit dürfen wir den irdischen Teil von ihr verabschieden.

Amen

Nehmt das Licht!

Osterpredigt 2021 über die Emmausgeschichte Lk 24, 13-34

Ostern 2020, wie war das? Die Botschaft vom leeren Grab verhallte in einer leeren Kirche. Ja, die Kirchen waren leer. Sie waren es, weil vieles verboten war. Vor allem alle Formen von Versammlungen.

Aber passte das nicht zusammen? Waren nicht die Jünger an jenem denkwürdigen Tag zu Hause hinter verschlossenen Türen? Saß ihnen nicht noch der Schock in den Knochen, dass der, dem sie gefolgt waren, dem sie geglaubt hatten, auf den sie gesetzt hatten bei der Hoffnung auf die Nähe einer besseren Welt, dass der hinter Gefängnismauern verschwunden war und dann in Golgatha öffentlich exekutiert wurde?

Schlotterten ihnen nun nicht die Knie, dass die Geheimpolizei an ihre Tür trommeln und „aufmachen!“ brüllen könnte?

Saßen auch wir nicht vor einem Jahr ängstlich zu Hause, hatten die Gummihandschuhe auf dem Autositz liegen und den selbstgenähten Mundschutz allzeit bereit. Wurde nicht später eine FFP 2 Maske daraus?

Glichen wir in unserer Angst nicht den Jüngern? Derselbe Rückzug, dieselbe Versteckerei, der innige Wunsch, dass das alles vorbei sein möge?

Jeder Mensch, egal ob er sich politisch verfolgt weiß oder ob er ein zu oft tödliches Virus draußen vor der Tür halten möchte, verspürt inmitten seiner noch so aufrechten Haltung:  Angst.

Liebe Gemeinde, ein Leben lang war Jesus nicht müde geworden, die Angst der Menschen aufzuspüren, sie als Ursache ihrer körperlichen Leiden zu identifizieren, dem bis dahin unbekannten Erreger einen Namen zu geben, ihn aus dem Keller der Verdrängung zu holen und Macht über ihn zu gewinnen.

Ein Leben lang war er den Aussätzigen selbst entgegen gegangen, hat keinen Bogen um das Leid gemacht, sich vor strittigen Präzedenzfällen nicht gescheut, hat den Kontakt zum Kranken selbst am Sabbat gesucht,  – warum? Um der Priorität des Vertrauens zu ihrem Recht zu verhelfen. Um die Angst zu nehmen! Um gerade durch sein Verhalten, sein Entgegenkommen, seine Nähe das keimen zu lassen, was die Angst verfliegen lässt. Denn anders käme sie wie durch eine zu dicke Schneedecke nicht ans heilende Licht, an die Oberfläche. Durch Jesu diagnostisch sicheren Blick aber schmilzt sie im Licht der Zuversicht, der Nähe der Hoffnung, in der Nachbarschaft des Glaubens.

Ein Leben lang lebte der Mann aus Nazareth die Überzeugung vor, dass sein Vater im Himmel das Leben will und dessen Gelingen liebt. Ein Verkündigungsleben lang ließ er die Menschen spüren, dass es der unbändige Geist der Verbindlichkeit ist, der Miteinander grünen lässt. Eine irdische Lebenszeit machte er glaubhaft, dass es mehr als diese Tage und eine unsterbliche Wahrheit in jedem Ich gibt, die keine Angst vor Folter und körperlichem Ende haben muss.

Nun darf sein himmlischer Vater auch unser Herr genannt werden. Denn er hat sein Siegel unter Jesu berechtigtes Hoffen auf den Sieg des Lebens gesetzt. Gott bestätigt: Jesus, du mein Menschkind, deine Haltung soll weiter unter den Menschen lebendig bleiben.

Gehet hin, heißt es nun in den Ostererzählungen der Bibel, dorthin, wo er euch vorausgegangen ist. Das ist nach Galiläa. Die Gegend der Herkunft der Jünger. Geht hin, wo ihr arbeitet. Geht hin, wo ihr zuhause seid. Dort wird euch Jesus begegnen.

Im Alltag nämlich. 

Immer dann, wenn Ihr vor Menschen steht, die nicht über ihren Schatten springen können, die eingemauert sind in unverschuldeten inneren Gefängnissen, wenn Ihr solche Hemmnisse des Lebens entdeckt, innere Emigration und Spätfolgen früheren Leids –

dann dürft Ihr nun erfahren, wie gut es tut, Nähe zu schenken, Vertrauen wach zu küssen, Brücken zu bauen, den Schlüssel anzubieten für die Tür ins Freie.

Ihr selbst könnt es nun wissen. Und darum sollt Ihr es sein, die gerade im Gewöhnlichen, im Alltag, im Nächsten dem Leben zum Sieg verhelft.

Auch das ist die Osterbotschaft, Ihr selbst dürft Emmausjünger, Ihr dürft Boten sein sollt die frohe Botschaft in die Häuser und in Euer Umfeld bringen.

Sie will sich nun im guten um die Welt verbreiten, in einer völlig anderen Richtung als wir es vor genau einem Jahr befürchteten und beobachten mussten. Ostern stellt die Wegweiser neu auf.

Nehmt das Licht! Brecht auf, seid anregend, seid „ansteckend“ in hinreißendem Sinn, seid hilfreich, vorbildlich. Das ist der neue Weg ab Ostern, seit heute, Euer Weg. 

Amen

Gebet

Ach, Herr, gern hätten wir auf Ostern 2020 als etwas Vergangenes geschaut.

Immer noch Geduldsproben, immer noch Einschränkungen, gefangen in Isolation.

Roll den Stein weg, dieses winzige Virus, das uns den Zugang zu anderen, zum unbeschwerten Miteinander verstellen will.

Lass uns frei von Angst selbst zu Boten des Lebens werden,

den ersten Schritt wagen,

die Tür aufstoßen,

ermutigen.

Suoruus und Sisu

Traueransprache für Ritva Pikulik, geb. Farin

über Spr. 14, 1. und 2.

gehalten am 23. Februar 2021 in Niederweiler, Eifel

141Frauen bauen in Weisheit Haus ´und Familie` auf,

aber Unverstand macht ´alles` gewaltsam zunichte.

2Wer gradlinig seinen Weg geht,

hat Ehrfurcht vor dem HERRN,

wer aber krumme Wege geht, verachtet ihn.

Die Sprüchesammlungen der sogenannten Weisheit sind Fingerübungen an den Höfen der Königszeit. Volksweisheit gleichsam, in den Dienst des rechten Jahweglaubens genommen.

Im Finnischen gibt es das Wort Suoruus. Es steht Pate bei der Übersetzung des Verses „Wer geradlinig seinen Weg geht“. Er beschreibt einen Persönlichkeitszug von Ritva. Niemand drängt einen Geradlinigen dazu, seinen Kurs im Laufschritt zu absolvieren. Ritvas Lebensziele und –linien tauchen eher wohltuend wie Tonnen auf einer Seekarte auf, anstatt dass sie durch ständige Wiederholung beschworen, sich darüber abnutzen und unglaubwürdig werden.

So ist es ein weiteres finnisches Wort, das Ihnen kennzeichnend schien im Blick auf ihr Wesen: Sisu, also die Beharrlichkeit, das langfristige Durchhaltevermögen. Sie verausgabte sich nicht im Augenblick, war nicht exaltiert. Ritva hörte erst einmal zu. Bei ihr kein Verhalten der Orientierungslosigkeit, sondern ihrer Gabe des Geltenlassens geschuldet, einer Tugend, die beim anderen zu denken anfängt, und damit als ein Edelstein im Gewand der Liebe blinkt.

Ritva Pikulik, geb. Farin war eine stille Person, hat dem Gegenüber den Raum gegeben, sich einzubringen, sich zu entfalten. Sie verstand es, sich zurück zu nehmen. Das war kein Verzicht, denn Fülle empfand sie zur Genüge in sich selbst.

Ihre Mitwelt war für sie belebt. Blumen, Pflanzen, Gärten, die Natur und die Tiere und natürlich jeder Mensch, der sie umgab. Woher wir das wissen? Weil sie die Empfindung für die Blumen und Blätter in ihre Studien, in ihre Zeichnungen hineinzugeben verstand. Expressiv statt exaltiert, könnte man sagen. Ihre künstlerische Hand bewies sie auch in Figuren, in Schnitzarbeiten. Und all diese Arbeiten seit Studienzeiten, vielleicht seit Kindertagen regten ihrerseits die Menschen an, zuallermeist ihre Familie.

Ritva Maria, am 29. August 1932 in Helsinki geboren, blieb das einzige Kind ihrer Eltern Armas und Aune, besuchte die Schulen und legte daselbst das Abitur ab. Danach begann sie eine Ausbildung als Künstlerin und studierte an der dortigen Kunstakademie. Ihre Begabung regte in einer Zeit ihre Kinder an, als sie schon längst andere Abschlüsse vorzuweisen hatte. Die Begeisterung für bildende Kunst den einen, die für die geordnete Natur die andere. Sie blickte da auf eine Zeit in der Bank und vor allem das Ökonomie-Studium der Pflanzengeographie in Reading bei London zurück. Eben jene Zeit, die sie Gartenökonomin werden ließ, eine Entscheidung, die ebenfalls einen bezeichnenden Blick auf ihr Wesen, auf ihre Liebe zur Natur frei gibt, und eben jene Zeit, die Ritvas Lebenswege bestimmten. Denn sie lernte Sie, Lothar, kennen und lieben. Sie beschlossen, beieinander zu bleiben, was zu den vielfältigsten Aufenthaltsorten zunächst des jungen Paares in England, dann der werdenden jungen Mutter bei ihren Eltern in Finnland, dann der jungen Familie ab November 1971 mit Joachim und wenig später mit Volker in Bonn führte. Zeiten in der Schweiz schlossen sich an. Anja machte die Familie in Basel komplett. Aufenthalte in Florida, Schottland, Spanien, Italien, China und besonders Polen folgten. Sie machen deutlich, dass hier eine weitere Entscheidung Ritvas gefallen war, nämlich ganz der klassischen Rollenaufteilung von lehrendem Mann und Kinder und Haushalt versorgenden Frau zu folgen.

Dann machte das Familienschiff 1973 in Trier auf Dauer fest. Hier war der Ort, an dem Ritvas Kinder groß und flügge wurden. Sie stellte ihre Holzfiguren auf und gestaltete den Garten. Alle Pflanzen kannte sie auch mit dem von Linné gegebenen Namen.

Bei Garten- und Hausgestaltung, bei der Sorge für die Kinder, beim Bewirten der gern gesehenen Gäste, immer trat ihre verlässliche Kontinuität, das Durchhaltevermögen eines Langstreckenläufers an den Tag und bewies sich als stabilisierendes Moment. Gelegentlich konnte aus dem Schatten des Sisu auch ein finnischer Sarkasmus treten, und sie machte sich Luft mit spitzer Zunge. Auch diese Seite soll nicht verschwiegen werden.

Ritva lud ihre Akkus auf beim Wandern, in der Schweizer Zeit und später gern in den Bergen. Die Naturnähe gab ihr Kraft, denn in Blumen, Büschen und Bäumen hatte sie selbst ihre Wurzeln.

Ihre Gaben haben manchen von Ihnen beeinflusst. Nun ist es an Ihnen, eine von Ritvas Tugenden selbst in ihrem Leben wirksam bleiben zu lassen. Nämlich die Fähigkeit lassen zu können.

Man sagt, wer liebt, kann lassen. Nachdem Ritva Maria am 10. Oktober einen schweren Schlaganfall erlitten hat und ihr ihr Leben, ihre Lieben und Neigungen mehr und mehr entglitten, ja entrissen worden sind, sie am 07. Februar ihren Körper zurückgelassen hat – ist es an Ihnen, sie gehen zu lassen, ihre sterbliche Seite der Natur zurück zu geben.

Auf der Suche nach Heimat

Traueransprach über Gen 12, 1.4.5.

für

Viktor Spomer

18. Februar 2021, Trier

Gott sprach zu Abram: „Ziehe fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhause in das Land, das ich dir zeigen werde. … Da zog Abram fort, wie ihm Jahwe befohlen hatte, und mit ihm zog Lot … So brachen sie auf, um in das Land Kanaan zu ziehen und dort kamen sie an.

Seine Heimat zu verlassen, aufzubrechen und sich eine andere zu suchen, das ist Menschheitsschicksal. Im ersten Buch der Bibel wird am Beispiel der Figur des Abraham davon erzählt, aber schon im zweiten Buch vom Auszug der Kinder Israel geht dieses Schicksal weiter, später berichtet das Buch der Bücher von der Gefangenschaft in Babylon, dem Exil, und bei Jesus von der Flucht nach Ägypten.

In einem Land wohnen und bleiben zu können, es als Heimat verstehen und erfahren zu dürfen, das ist nicht unbedingt das normale. Darum ist die Abrahamserzählung so etwas wie eine Überschrift. Eine Überschrift über dem Leben von Millionen von Menschen.

Auch Viktor ist einer von Ihnen. Im Wolgagebiet geboren am 02. Februar 1939 musste er mit den anderen Deutschen seine erste irdische Heimat verlassen. Er war gerade etwa zwei Jahre alt. Und bis ins hohe Alter konnte er sich über die Lüge aufregen, die in der Aufforderung lag „Nehmt für zwei Tage Lebensmittel mit, das genügt“, denn in Wahrheit hat die Reise ins Exil viel länger gedauert. Und schon da fing der Hunger an. Der Hunger quälte ihn und sein Geschwister sodann, wenn sie allein zu Hause warteten, bis die Mutter endlich wieder von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Und er erzählte, dass sie in dieser Zeit gefroren haben.

1945 kam der Vater aus der Gefangenschaft zurück. Die Lage verbesserte sich ein wenig.

Viktor wurde erst etwa mit neun Jahren eingeschult. Auch das ein Stück Schicksal seiner deutschen Herkunft und seiner Umsiedlung nach Sibirien. 

Aber auch Glück wartete dort auf ihn. Er lernte Katharina kennen. 1957 heirateten die beiden. „Aus der Kälte wollten wir in die Wärme“, erzählte er mir, „also gingen wir nach Kasachstan“. Das war zwei Jahre nach der Hochzeit. Doch in Kasachstan war es zu heiß. In diesem Jahr hatte es keine Ernte gegeben; und der Umzug wurde wieder rückgängig gemacht. Allein, in Sibirien hatte ein anderer Kommandant das Sagen und er lehnte den Zuzug ab. Noch im November desselben Jahres zogen die Spomers nach Kirgisien. Sie glaubten fest an einen Neustart. Häuser wurden gebaut. Sie schienen angekommen.

Doch der Ruf der Schwiegermutter führte sie noch einmal für 16 Jahre nach Kasachstan.

Die Familie war gewachsen. Noch in Kirgisien waren nach 1959 die Kinder Viktor und Eugen zum Erstgeborenen Andreas dazu gekommen; 1967 und 1970 folgten nun noch Irina und Alexander.

Noch einmal hoffte man auf ein freies und klimatisch erträgliches Leben in Kirgisien und zog für 10 weitere Jahre dorthin. Aber die Bedingungen hatten sich verändert. Obwohl noch einmal ein Haus gekauft und für die Söhne Häuser in gemeinschaftlicher Anstrengung errichtet wurden, war die Einladung von Tochter Irina, nach Deutschland zu emigrieren ein Hoffnungsschimmer am Horizont, denn die Bedingungen für Deutsche wurden unter den Kirgisen immer unerfreulicher.

1991 dann also ein erneuter Aufbruch. Vieles wurde zurückgelassen. Und ein Stück weit ist wahr, dass Viktor auch sein Herz dort in Kirgisien zurück gelassen hat. Er sprach oft von der Selbstständigkeit, mit der er leben konnte, er träumte von der Landschaft, ihrer Weite und der Begriff der Freiheit verklärte sich. Denn Viktor meinte nicht die politische, sondern die, mit der er sich im eigenen Haus bewegen durfte.

Für ihn war das zu Beginn in Deutschland erschreckend anders. Kasernierung, dann Mitbewohner in Mietshäusern, die ihn einengten. Nach dem Aufenthalt in der Dasbachstraße von 1991 – 93 und der Zeit in Heilig Kreuz konnten die beiden Spomers nach Lorscheid ins Haus der Tochter ziehen.

Hier hatte er einige wenige glückliche Jahre. Dann kamen die ersten Krankheiten. Er verlor die Lebensfreude. Auch wenn die große Familie um ihn war und ihn nicht vergaß, schweifte er in vergangene Zeiten, dachte an glückliches Überleben in Russland, weil die Familie dort Hühner gehalten, auch mal Kühe gehabt und ein Schwein ihr eigen nannte.

Es ist Viktors Schicksal, dass die Aufbrüche und Versuche, in einem der vielen Länder Heimat zu finden, immer ein Stück von ihm behalten haben. Seine Kraft, sein Leben und auch ein Stück von seinem Herzen.

Abraham war eine Ankunft in Kanaan verheißen. Er wurde zum Stammvater eines ganzen Volkes. Wir dürfen sagen, dass er also an ein irdisches Ziel gelangt ist.

Viktor ist erst jetzt in einer Heimat angekommen. Nämlich dem Land, das Gott ihm nun öffnet. Das Land seiner Vervollkommnung. Denn der Himmel erst hat Viktor ein Zuhause geschenkt, an dem es keine schmerzlichen Erinnerungen, keine Entbehrungen, keine Ablehnung gibt, sondern es ist der unphysikalische Ort, an dem Gottes Liebe alles zurecht bringt, ihm die Annahme und Liebe schenkt, die er verdient hat.

Und dies in Ewigkeit.

In diese Welt wollen wir Viktor aus unserer irdischen entlassen.

Denn dort wird er endlich volles Genügen und seine wahre Heimat haben.

Amen.

gehalten

Traueransprache für

Wolfgang Ströher

über

Ps 73, 23.24.

Nun aber bleibe ich auf immer bei Dir. Du hast mich an meiner rechten Hand ergriffen. Nach Deinem Ratschluss wirst Du mich leiten und am Ende nimmst Du mich auf in die Herrlichkeit.

Zu Gott zu gehören, hat etwas ungemein Tröstliches. Der Konfirmationsspruch Wolfgangs nimmt das Bild von Mutter und Kind auf. Wenn ein kleiner Mensch nicht mehr weiter weiß, dann hilft es, seine Hand zu nehmen und das Kind zu führen. So einfach kann das für eine souveräne Kraft sein. 

Gott ist erst recht gefragt, wenn wir ganz und gar ohnmächtig, nämlich gestorben sind, dann unsere Hand nicht zu lassen sondern dahin zu führen, wo es gut für uns ist.

Zu unseren Lebzeiten kann so etwas auch durch die Hand von Freunden oder die der Eltern geschehen, so kann Gott in unserem Leben erlebbar sein, dass Eltern unser Leben so bahnen, dass wir vor Schaden bewahrt werden, dass wir diese elterliche Leitung als wohltuend erleben. So war das im Leben von Wolfgang.

Am 11. Dezember 1938 in Traben geboren, wuchs er dort auf, besuchte die Grundschule und dann in Traben Trarbach das Gymnasium. Dass er sein Abitur aber am Gymnasium von Zell absolvierte, diesen Wechsel verdankte Wolfgang der Aufmerksamkeit seiner Eltern. Entschieden hielten sie Schaden von ihrem Sohn fern, nahmen ihn gleichsam an seiner rechten Hand und schulten ihn um. Sie wissen warum. Und auch er dankte rückblickend für Sensibilität und Durchsetzungsfähigkeit seiner Eltern.

Eben diese Erfahrung von aufmerksamer Geborgenheit hat ihn später auch als Vater geleitet. 1961 hatten Sie, Helga, und er in Trarbach geheiratet. „Was macht einen Menschen glücklich?“ dieser Frage ging er als Vater von Ihnen beiden, Michael, geb. 1962 und Kerstin, geb. 1967 nach. Und die Antwort kennen Sie: er folgte der Maxime, fördere die Interessen Deiner Schützlinge, ermutige sie, lass sie in die Zukunft schauen, denn genau dieses Land von morgen gehört ihnen, wenn sie sich darin verwirklichen können.

Das ist so hilfreich anders als viele andere Eltern ihre Kinder leiten. Sie folgen ihren Interessen und ihrem Ehrgeiz.

Wolfgang dagegen sah von sich selbst ab. Nun ist ihm das nicht schwer gefallen. Denn er war von Natur aus ein Mensch, der von sich nicht viel Aufhebens machte. Einmal im Jahr die nötige Kleidung besorgt, das spricht eine klare Sprache gegen jeden Verdacht von Eitelkeit. Darstellung war ihm unwichtig.

Wichtig dagegen war ihm, seinen Prinzipien folgen zu können. In dieser Hinsicht war er sehr strukturiert. Ja, vielleicht war sogar der Kleidungskauf ein feststehender Eintrag in seinem Kalender.

In anderen Dingen dagegen war er sehr offen und visionär. Menschen und ihrem Verhalten gegenüber war er tolerant, sah das Herz, der betrieblichen Entwicklung sah er mit optimistischer Freude entgegen und arbeitete genau einer solchen glänzenden Zukunft in die Hand. In menschlichen wie beruflichen Dingen können wir ihn einen Optimisten nennen.

Er dachte das Gute von den anderen.

Und selbst verhielt er sich ihnen gegenüber fair, gerecht und immer großzügig. Gern zu geben, das war ebenfalls eine seiner Tugenden.

Anzunehmen dagegen, das fiel ihm etwas schwerer. In Umkehrung der Volksweisheit „geben ist seliger denn nehmen“ möchte ich vorsichtig zu bedenken geben, dass auch nehmen zu können eine Persönlichkeitsfrage ist. Vielleicht gehört es zum Licht von Wolfgangs positiven Charakterzügen, dass auf der Schattenseite die Befürchtung lag, in irgendjemandes Schuld zu stehen.

Nach den Jahren der Ausbildung in Bernkastel, den ersten Arbeitsplätzen in Mainz, dann in Frankfurt, Oberroden, Mannheim kam 1969 die Zeit in Luxembourg, die genau dieses freie Feld für eine aufzubauenden Zukunft anbot. Eine Generation lang, 30 Jahre, gestaltete Wolfgang an verantwortlicher Stelle die Entwicklung und Blühte der Deutschen Bank an diesem Standort.

Kurz nach Einführung des Euro verabschiedete er sich in den Ruhestand. Noch einmal eine halbe Generation lang war Ihnen beiden ein erfülltes Leben, Reisen auf den Spuren anderer Kulturen und ein Alltag begleitet durch ein angenehmes Kunstprogramm beschieden.

Dann warf die Krankheit ab 2014 ihre Schatten voraus. Zunächst kaum wahrzunehmen, dann zunehmende Unruhe und hörbarere Sprachstörungen.

So gut oder so belastend es auch verlief, im Grunde ist Wolfgang nun an der Demenz verstorben.

Er ist aus der Welt gegangen, für die ihm mehr und mehr die Begriffe fehlten.

Darum ist das Vertrauen in den festen Griff Gottes so wichtig. Auch wenn wir körperlich sterben, gehen wir nicht verloren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Gewissheit Wolfgang seinem Schöpfer zurückgeben können.

Ich bin mir gewiss: jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes; und als solcher bleiben wir, die Sterblichen, vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Lassen Sie sich trösten, dass mit uns auch Wolfgang fest zu Gott gehört. Er nicht aus seiner Hand fällt; im Gegenteil, dass sein Konfirmationsspruch genau jetzt Wahrheit ist und wird und Wolfgang erlebt: und am Ende nimmst Du mich auf in Herrlichkeit.

Amen.