Konfirmanden an die Quelle!

Konfirmationsansprache über „Wasser des Lebens“, 2019

Ich habe hier eine Flasche „Aquavit“ mitgebracht. Große Feste laden auch gern dazu ein, sich miteinander zuzuprosten. Allerdings geht es bei dieser Flasche nicht um den Inhalt, sondern zunächst nur um den Namen auf dem  Etikett. Und um das zu entziffern brauche ich – so wie überhaupt in diesem Teil des Gottesdienstes – Helfer. Wir brauchen hier, um weiterzukommen, einen Lateiner. Wer kann Latein?

Gut: Aquavit heißt also Lebenswasser.

Es gibt also Getränke, von denen hat man tunlichst eine kleine Reserve im Apothekenschrank. So haben das die Menschen schon lange gemacht. Angefangen bei den irischen Mönchen, die die Kunst des Brennens überhaupt entdeckt haben. Im Schottischen heißt das Getränk ebenfalls Lebenswasser – „uisge beatha“ in der alten Sprache. Und aus „uisge“ ist dann Whisky geworden. 

Weiß jeder. Hat aber nicht jeder heute mehr im Haus.

Was aber jeder im Haus hat ist eine Heizung.

Könnte mir ein weiterer Predigthelfer sagen, was sich bei ihm zu Hause im Heizungskreislauf befindet?

Da haben wir es schon wieder: Wasser. Warum ist Wasser in der Heizung? Weil kein anderer Stoff Wärme so gut aufnehmen und transportieren und wieder gern abgeben kann wie Wasser. Es ist das ideale Medium für unsere moderne Heizung.

Meere wirken temperaturausgleichend, weil sie im Sommer die Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen und in der kalten Zeit wieder abgeben. Darum sind die Meere für eine ausgeglichenes Klima so wichtig.

Vielleicht haben Sie nicht nur eine Heizung, sondern auch einen kleinen Fischteich zu Hause. Und in diesem Teich gar Goldfische? So ein Teich sollte dann mindestens 1.20m tief sein. „Warum?“ ist abermals die Publikumsfrage.

Nun, Sie können nicht alles wissen, darum hat man einen Pastor, er weiß gemeinhin über die letzten Dinge des Lebens bescheid. Und Pastoren haben nicht nur mit Schafen zu tun, sondern auch Fische und Fischer spielen in ihrer Hauptlektüre eine bedeutende Rolle.

Die Antwort! Wasser hat seine größte Dichte bei 4°C. Das heißt bei dieser Temperatur ist Wasser am schwersten. Eis dagegen, bekanntlich mindestens 0°C kalt, ist wieder leichter, bleibt weiter oben, wird gleichsam getragen von der schwereren Schichten flüssigen Wassers. Und genau das ist eines der Geheimnisse des Lebens auf dieser Erde. Denn in diesem tieferen Wasser überleben die Fische nicht nur den europäischen Winter sondern auch eine ganze Eiszeit.

Nach der Frage an die Physiker noch eine an die Mediziner. Wie hoch ist der Anteil Wassers im Blut?

(55% des Blutes macht das Blutplasma aus; und dieses besteht zu über 90% aus Wasser)

Warum ist das Wasser im Blut ein so bedeutender Stoff? Weil es durch seine Molekülstruktur: zwei Wasserstoffatome an einem Sauerstoffatom ein V ergibt, das sich in einem Winkel von 105° spreizt. Da verhakt sich nichts, es ist einfach gut flüssig. Das ideale Medium, um andere Stoffe, hier Nährstoffe zwischen sich zu transportieren.

Wo wir schon mitten im Physikunterricht und Sie zu meinen Predigthelfern geworden sind: Kennen Sie die vier Aggregatzustände des Wassers: flüssig, fest, gasförmig und – die Hollandtomate.

Ich fragte also die Konfirmanden: Was ist das denn hier im Text: „lebendiges Wasser“ – und einer sagt: das ist Sprudel, da sind doch die Blasen drin, steigen auf und machen das Wasser lebendig. Das spürt man noch, wenn man es getrunken hat, und mancher lässt es dann auch hören.

Lebendiges Wasser liegt nicht nur einfach so da, so etwas nennen wir Pfütze oder in meiner Heimat Brackwasser. Nein lebendiges Wasser ist etwas Appetitliches. Mindestens also so etwas wie „Tafelwasser“.

Aber auch das ist nur ein Gesicht von Wasser. Denn Wasser kann Freude machen. Warum fahren wir denn im Urlaub an den Bergsee oder ans Meer?

(Wasserspritzer in die Gemeinde – Aufschrei). Na, Sie hören es doch alle selbst: Wasser bereitet Vergnügen!

Schales, abgestandenes Wasser macht keine Freude. Die Frau am Brunnen, sie weiß das. Quellwasser ist so viel besser. Hier am Brunnen gibt es normaler Weise nur das Zisternenwasser. Das mag für Kamele gut genug sein. Aber lebendiges Wasser, also sich bewegendes frisches Wasser, das ist etwas anderes. Da hat auch der Konfirmand recht: stille Wasser mögen tief sein, aber ein Wasser mit Sprudelbubblen kommt meist besser.

So ein mitreißendes Wasser führte auch die Ruwer, in der wir Hannah kurz vor der Konfirmation tauften. Das war ein Moment, den keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird. Hannah wurde drei mal in die Ruwer getaucht. Sie hat „ja“ dazu gesagt, so wie Jesus bei seiner Taufe im Jordan. In diesem Moment an der Hochwasser führenden Ruwer wurde deutlich, um was es hier geht. Jesus hat sich gleichsam ertränken lassen. Der alte Adam wird ersäuft, sagt Martin Luther zu dieser Bedeutungsebene von Taufe. Und Jesus sagte „Ja, Gott, dir traue ich zu, dass du mich empor ziehst, hier auf Erden, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, und darüber hinaus. Denn Gottes Ja gilt seinerseits ein für alle mal und über dieses irdische Leben hinaus.

Weniger nicht. Das wissen diese Konfirmanden, die heute alle Ja zu ihrer Taufe sagen. Als religionsmündige Christen.

Sie stellen dieses Vertrauen, nennen Sie es Glauben, über die Angst. Denn das sind die beiden großen Kräfte in unserem Seelenleben: Vertrauen und Angst.

Darum traktieren wir in diesem Eurem Jahrgang und in diesem Festgottesdienst das Wasser so ausführlich. Weil es nicht weniger als ein Symbol ist für den Menschen, der dadurch definiert ist, dass er im Spannungsbogen zwischen

Mangel und Erfüllung

Angewiesensein und Entgegenkommen

befürchteter Bedürftigkeit und erhofftem Segen

steht.

Johannes, der Philosoph unter den vier Evangelisten, spielt bewusst und an vielen Stellen mit Missverständnissen.

Liebe Gemeinde, jedes von diesen ist eine Herausforderung. Das Missverstehen der Samariterin steht für die Herausforderung jedes einzelnen: nämlich zu entziffern, was das Lebensnotwendige für Sie und mich, für Euch ist.

„Gib mir das Lebensnotwendige!“, auf diese Auflösung läuft das johanneische Rätsel hinaus. Glaube an das Gelingen des Lebens kann nicht erworben – nur geschenkt werden. Wer aber mit ihm beschenkt wurde, der weiß, dass der Glaube auch dann trägt, wenn das ansonsten Nötige fehlt; dass einer das Miteinander gelingen lassen  w i l l, auch wenn es gerade Differenzen gibt; dass ich lieben kann und geliebt werde – unter allen Umständen.

Solcher Glaube zieht Kreise – ganz wie das Wasser.

Weil ihr im Apothekenschrank Eures Lebens solch einen Schluck Lebenswassers stehen habt, weil Ihr dieses Vertrauen in Euch tragen dürft, lasst Ihr Euch heute segnen.

Fast möchte ich sagen „Prost“. Aber hier heißt es immer noch Amen.

Rückblick aus der Baumkrone

Predigt anlässlich des Festgottesdienstes 50 Jahre DRK Kreisverband, Waldrach 02. Juni 2019

über Jes 44, 23

Jauchzet, ihr Himmel, denn Gott hat gehandelt! Frohlocket, ihr da unten auf der Erde, brecht in Jubel aus, du Wald und all ihr Bäume darin!

Mit diesen Worte klingt das Paar „im Himmel wie auf Erden“ an, allumfassend soll die Feierlaune sein, die Begeisterung über die Tatsache, dass etwas gelungen ist.

So wie hier im Leben des DRK-Kreisverbandes, denn wir dürfen Gratulanten sein. Zum 50. Geburtstag laden zu können, ist ein Hinweis darauf, dass der Jubilar offensichtlich etwas richtig gemacht hat.

Vor kurzem ging die Frage um, was lässt uns denn lange und zufrieden leben? Die Antwort darauf lässt sich leichter merken, wenn wir die Überschrift beachten. Die Antwort lautet: das Beherzigen der „fünf L“.

Diese fünf „L“ stehen für:

lieben, lachen, lernen, laufen und leichter essen.

Es bedarf vor Ihnen keiner Vertiefung, dass das Deutsche Rote Kreuz wirkt im Umfeld von Gesundheit. Um um diese geht es bei den „L“. Lieben und lachen halten die Seele gesund, was auch nachgewiesener Maßen körperliche Auswirkungen hat; lernen den Geist; und laufen steht für Kondition und Beweglichkeit; schließlich auch die Art des Essens. 

Keine schlechte Faustformel, wenn unser Geschäft die Lebensqualität im Alter und bei Krankheit, die Genesung und Unterstützung bei der Rehabilitation ist; und im Kreisverband die Verantwortlichen mit der Organisation all dieser Ziele und Werte zu tun hat.

Das verlesene Bibelwort ist ein Festlied. Wir haben allen Grund zum Feiern und in ein Ständchen einzustimmen.

Auffällig ist die eine Metapher „Baum“. Wald und Bäume stehen im Festlied für Natur im allgemeinen.

Nicht schlecht, mit dem Bild eines Baumes zu gratulieren. Denn man sagt dem Geburtstagkind oft, es habe einen Jahresring zugelegt. Mit fünfzig Jahresringen ist ein Baum schon ein stattliches Gewächs. Hat manchem Sturm und manch dürrer Jahreszeit getrotzt. Mit seinen 50 Jahresringen ist auch ein Kreisverband wie ein imposanter Baum.

An einem Tag wie diesem ist das Geburtstagkind gut beraten, einmal in das Geäst dieses Gewächses in Gedanken emporzusteigen. Schaut es von dort oben zurück, wozu die Grußworte guten Anlass bieten, dann überschauen wir eine abgewanderte Strecke. Möge das Gefühl Zufriedenheit sein, das sich durch den Rückblick ergibt. Dankbarkeit vielleicht auch über die glückliche Passage schwieriger Wegstrecken. Und Freude im Blick auf die erlebte Gemeinschaft, das Glück des Gelingens, die Frucht der Arbeit.

Wendet sich nun der Betrachter dort oben und hält Ausschau, dann mögen die Verantwortlichen Ziele ausmachen, für die es sich lohnt, sich zu engagieren. Ziele im Sinne der guten Absichten des DRK, Visionen von gelingendem Miteinander, Aufgaben, für deren Erfüllung alle gern in die Hände spucken.

Und wenn dann Rückblick und Ausblick genossen wurden und der Abstieg herunter in den Alltag ebenfalls gelungen ist, dann möge sich die Einsicht einstellen, dass Gelingen und Erleben dürfen auch mit der nötigen Portion Fortune gesegnet sein müssen.

Hier sind wir an den Anfang des Festliedes zurückgekehrt: Gott hat gelingen lassen, auch sein Segen hat auffällig glücklich oder ganz klammheimlich dazu beigetragen, dass wir heute hier stehen.

Diesem Aspekt trägt nicht zuletzt der Gottesdienst selbst Rechnung. Wir danken, weil Gott geholfen hat und sein Quäntchen Segen den richtigen Gedanken, die Lösung, den notwendige Ausdauer, das rechte Wort zur rechten Zeit geschenkt hat.

Insofern stimmen wir in Gedanken genau in das Lied aus Jesaja ein.

Amen

nicht allein schlicht BROT

Gedanken zum Sakrament des Abendmahles nach der Lektüre von Gen 41 und Joh 6, 1-15

E s war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

So erzählen Grimms Märchen, hier in „Sterntaler“, von der Armut.

Kein Brot mehr zu haben, gilt bei uns als Inbegriff von Hunger und Not. Und wir verstehen sofort den Zynismus, der in der Antwort von Marie Antoinette steckt, die auf die Erklärung der Minister, dass das Volk aufbegehre, weil es kein Brot mehr habe, gesagt haben soll „Dann sollen sie doch Kuchen essen“.

Allein, die Bedeutung von Brot muss noch etwas anders erzählt werden. Das wurde mir klar, als ich kürzlich bei Ali zum Essen eingeladen war. Er hatte mich zu seinen arabischen Freunden gebeten und natürlich gab es reichlich zu essen. Das Essen wurde in Schüsseln auf die Mitte des Tischtuchs gestellt. Und zwischen die Schüsseln waren Stapel von Fladenbrot gelegt. Besteck gab es keines. Man reißt sich ein Stück Fladen heraus, etwa zwei Handteller groß und greift sich damit den Inhalt aus den Schüsseln, sei es Hammel, sei es Salat, sei es Getreide.

Kein Brot zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nichts zum Essen zu haben, sondern nichts zum Essennehmen zu haben. Das war schon zu Zeiten Josefs und des Pharao so, das bliebt im Mittelmeerraum im römischen Reich das probate Mittel zum Essen, das war in Persien so und ist in den arabischen Ländern so geblieben. Brot heißt Fladenbrot und dient in weiten Teilen der Welt seit 10.000 Jahren als Instrument zum Essen und als Speise gleichzeitig.

Vor diesem Hintergrund dürfen wir die Ideen des Josef noch einmal neu in ihrer grundsätzlichen Bedeutung einordnen.

Mit Getreide wurde Politik gemacht. Die Kornspeicher im römischen Reich waren die besseren Wahlplakate. Denn die zur Wahl anstehenden Konsuln pflegten nicht nur in die Thermen oder die Arena an den Tagen vor der Wahl freien Eintritt auf ihre Kosten zu gewähren, sondern sie öffneten auch die Kornkammern und gaben den Scheffel zu Dumpingpreisen oder gar kostenlos aus.

Brot ist also nicht nur Grundnahrungsmittel, Getreide ist nicht nur die Basis der Tischkultur, sondern es ist zu allererst eines: Macht!

Davon erzählt unsere heutige Perikope. Die Speisung der Fünftausend. Denn, jetzt nach der Josefsgeschichte verstehen wir: auch zur Zeitenwende war es üblich, das Fladenbrot bei jeder Mahlzeit zu verwenden. Die Leute kannten ihre Abhängigkeit vom Mehl. Und die Leute wussten, dass die hohen Herren in Rom und in den Herrscherpalästen Jerusalems die Hand auf die Vorräte hielten. Brot und Macht waren für sie ein Synonym, waren für sie untrennbar verbunden.

Und nun das! 

Eine Geschichte, die zeigt, wie Jesus mit der Macht umgeht.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leibwerden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Sie hatten sozusagen ihre Handies filmbereit und hofften auf einen Skandal. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das ist das eigentliche Wunder! Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht loszulassen, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf selbsterrichtete Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – weil? Ja, weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Tomaten, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Obst. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden und tatsächlich: alle werden satt!

Wir verstehen: dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: „Halte was du hast“, und: „Genug ist nicht genug.“ Diese Stimmen in uns verstummen.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Dafür steht Jesus in Person. Er ist das Gottvertrauen selbst. Sohn des Vaters. Er bringt sich nicht in Sicherheit. Er gibt sich hin.

Und die Leute verstehen immer noch nicht. Sie wollen ihn zum König machen. Das ist verständlich. Dass endlich die Menschlichkeit das letzte Wort behalte und die Drangsaliererei durch die Mächtigen aufhöre. neue Regeln für diese Welt, neue Gesetze, einen anderen König!

Doch, was Jesus will, ist etwas anderes. Sein Vertrauen soll ansteckend sein. Er will nicht König sein, will vielmehr, dass alle die Souveränität des Vertrauens erlernen. Eines Vertrauens, das Menschlichkeit gebiert. Er will die Hefe sein, die überall in uns aufgeht.

Daran denken wir bitte, wenn wir das Brot in uns aufnehmen, den Wein trinken, dass wir der Teig sein sollen, in dem Jesus als der Sauerteig aufgehen und Frucht bringen möchte. Es geht – er hat es gelebt.

Amen

Was die Mauer in Mexiko mit der Auferstehung zu tun hat

Eine Predigt über Lk 24, 13-32

Ostern feiern wir das Ende irdischer Begrenztheit.

Dass dieses Irdische ein Ende hat, gehört zu den bitteren Wahrheiten unseres Lebens. Wenn es gut geht, dann sehen wir zuerst unsere Großeltern sterben, eine Generation später folgen die Eltern, und wir verstehen, dass Sterben zum Menschsein gehört. Wenn unser Leben von besonderen Härten angepackt wurde, dann haben wir mitten im Leben Kinder hergeben müssen, gute Freunde verloren.

Wer geboren ist, ist alt genug zu sterben, sagte mir ein erfahrener Arzt.

Alles Irdische ist also Werden und Vergehen, weil diese Schwingungen auf und ab mit dem Sein der Materie untrennbar verbunden sind, Materie ein Kind von Schwingungen ist. Die Zeit selbst, wie Physiker jüngst gelernt haben, fügt sich in die Rahmenbedingungen dieser materiellen Welt.

Ostern feiern wir das Ende irdischer Begrenztheit.

Das ist ein Versprechen.

Es wächst aus dem schweren Acker der seufzenden Schöpfung. Also eben jener Welt, die entsteht um wieder zu vergehen, die unter ihrer Vorläufigkeit leidet. Die – noch kleiner buchstabiert – unter der Mühe leidet, die sie aufwenden muss um zu überleben, die nur hoffe darf auf noch offene Vollendung.

Und – das ist besonders wichtig – die sich aus Angst vor dem Tod vor ihm verbeugt. Denn eine Welt, die das Ende als Bedrohung empfindet, also alles tierisch-biologische Leben, steht unter dem Diktat dieses schlechtesten aller Berater: der Angst.

So vorteilhaft einerseits Angst die Vorsicht gebiert: das Individuum sich nicht vom Wolf erwischen lässt und auch nicht über jede lebensgefährliche Tiefe lehnt, sondern sich zu bewahren und fortzupflanzen vermag;

so lebens- und gemeinschaftswidrig rät diese Angst dem reichen Kornbauern in uns, größere Scheunen zu bauen, uns zu versichern, Zäune hoch zu ziehen und aufzuhäufen, was wir längst nicht mehr alles essen können.

Sie ist nicht nur eine Münze mit zwei Seiten, sondern sie rät uns zu bewahren, was in Wahrheit nicht bewahrt werden kann.

Dieser Widerspruch, diese Einsicht ist das Samenkorn von Ostern. Ostern grünt die Erkenntnis, dass physikalisches Leben zwar endlich ist – Wahrheit dagegen immerwahr.

Das hat Jesus zugleich begriffen und gelehrt. Diese Einsicht befähigt den Prediger aus Nazareth im nächtlichen Garten von Gethsemane, sich in Gottes Hand zu legen. Im Augenblick höchster Bedrohung für Leib und Leben bringt er dieses nicht in physische Sicherheit, schielt nicht auf die verbleibenden irdischen Jahre, sondern spricht: Nicht mein Wille geschehe, Vater, sondern Deiner!

Ein spirituelle Selbstüberwindung legt Zeugnis in diesem Gebet ab. Kraft des Vertrauens in Gottes führende Hand wird Jesus seine irdische Seite an dieser Stelle wohltuend los. Wahrhaftigkeit dürfen wir das nennen, dass einer das lebt, was er lehrt. 

Und tatsächlich erzählen seine Jünger und Zeitzeugen, dass man ihn gefangen, gefoltert und zu Tode gequält habe, dass Jesus aber nicht verloren hat, was ihn leben ließ, dass seine ansteckende Gemeinschaft, seine selbstlose Zuwendung, die so viele hat gesunden lassen, dass sein Vertrauen, seine Wahrheit nicht im Loch des Grabes verschwanden.

Als helle und quicklebendige Erscheinungsform Gottes konnte dieses wahrhaftige Leben auf einmal gelesen werden. Als weiterhin zwischen den Menschen lebendig und möglich. Nicht länger am gewohnten Gesicht des Nazareners zu erkennen, wie die Emmaus-Jünger erfahren haben, aber an der Haltung zu den Lebensgaben. Am Segen für Brot und Wein. Diese Jünger und später alle Nachfolger erkannten das; und sie verstehen in dieser Haltung zu den Lebensgaben den lebendigen Jesus zu sehen, den sie hinfort Christus nennen, weil die besondere Verbundenheit Gottes mit diesem Wahrhaftigen deutlich geworden ist.

Materielles Leben hat Grenzen. Aber es gibt ein Leben unabhängig von diesen Grenzen. Darauf setzte Jesus und seine Worte haben Kraft bis heute. 

Sie führen die Menschen hinaus aus ihrer Armut und den engen Grenzen, sein Eingreifen macht sehend und gesund, beflügelt das Miteinander und ermutigt, die Wahrheit des eigenen Lebens gegen alle alten Widerstände zu leben. Die Vision solcher Freiheit ist dem Volk Israel seit den Tagen des Aufbruchs aus den Baulagern der Knechtschaft unter dem Pharao mitgegeben. Der Jude Jesus hat diese Vision in seinem alltäglichen Tun verkörpert.

Die durch Ausgrenzung und andere Erfahrung kleinmütig Gewordenen hat er nicht übersehen sondern zurück ins Leben gezogen. Über die unzähligen Genesungsgeschichten hat die Bibel eine Überschrift gesetzt: Jesus ruft den toten Lazarus aus dem Grab ins Leben zurück.

Es ist also diese Haltung, dieser Glaube Jesu an den Vater im Himmel, an eine größere Welt als die sichtbare, an einen stärkeren Willen als den unseren, an die Wahrheit, die mehr als das optisch Sichtbare erhellt. Zeit Lebens hatte Jesus dafür ein Bild. Das Reich Gottes. Und wiedas Reich die Menschen miteinander leben lässt, dafür schätze er abermals ein Bild: das vom himmlischen Gastmahl.

Im PUBLIK-Forum von Ende Januar 2019 finden Sie ein dpa-Foto. Es ist vom Grat einer Grenze aus aufgenommen. Sozusagen die Kamera mittig quer auf den Grenzzaun aufgesetzt. Es ist der zwischen Mexico und den USA. So hebt sich die metallene Anlage wie ein Strich mitten durchs Foto, bis sie oben in der Bildmitte mit dem staubigen Horizont in der Ferne verschwimmt.

Ja, unser irdisches Leben hat Grenzen. Und meist richten wir sie selbst auf.

Aber das ist noch nicht alles. Auf beiden Seiten des Zaunes haben sich Gemeinden versammelt. Gleich in weiß gekleidete Priester sitzen links und rechts des Grenzwerks am äußern Kopf der Tafel. Und sie haben die beiden Tische zu einerTafel zusammengeschoben. Von beiden Ländern ragt sie auf den Zaun zu. An ihm berühren sich die Schmalseiten der Tafeln. Weißes Linnen ist über den Tisch geworfen und die amerikanische Gemeinde hüben und die mexikanischen Gläubigen drüben bilden je einen Halbkreis, so dass sie gemeinsam Schulter an Schulter einen perfekten Kreis um die Tafel bilden.

Vom Standpunkt der Kamera erscheint die Oberseite der Grenzkonstruktion nun wie ein Stamm und die weiße Tafel wie der Querbalken eines Kreuzes.

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Sie sind die gedeckte Tafel im Himmel, jene Brücke, die aus dieser begrenzten Welt, aus der Angst vor dem Tod, aus der Welt des Todes mit seiner Logik hinüber führt in eine Welt, in eine Tischgemeinschaft der Geschwister. Hier sitzt weiß neben schwarz und gelb neben rot. Die Passdokumente der Nationalstaaten haben keine Gültigkeit in diesem Reich. An dieser Tafel gilt die Logik der Liebe.

Sie bindet die Enden zusammen und führt in das Reich dessen, dessen Wille geschehen möge. Denn seine Wahrheit krankt nicht an der Endlichkeit sondern bleibt in Ewigkeit. Amen.

Das Böse

Karfreitag über Mk 14

Text: 6 Zum Fest pflegte er ihnen einen Gefangenen freizugeben, den sie sich ausbitten durften. 7 Nun saß da einer mit Namen Barabbas im Gefängnis, zusammen mit anderen Aufständischen, die beim Aufruhr jemanden umgebracht hatten. 8 So zog die Volksmenge herauf und begann zu bitten, er möge verfahren wie gewohnt. 9 Da reagierte Pilatus und fragte sie: „Wollt ihr, daß ich euch den König der Juden freigebe?“ 10 Er war sich nämlich klar darüber, daß die Hohenpriester ihn aus Mißgunst übergeben hatten. 11 Doch die Hohenpriester hetzten das Volk auf, er solle ihnen lieber den Barabbas freigeben. 12 Da fragte Pilatus nochmals: „Und was soll ich mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt?“ 13 Darauf schrieen sie: „Kreuzige ihn!“ 14 Da fragte Pilatus: „Was hat er denn Böses getan?“ Doch sie schrieen noch lauter: „Kreuzige ihn!“ 15 Da ließ Pilatus, um die Menge zufriedenzustellen, Barabbas frei. Jesus aber ließ er auspeitschen und übergab ihn zur Kreuzigung.

Wie kommt das Böse in die Welt?

Darauf gibt es sicherlich einige gültige Antworten.

Wohlgemerkt: es ist nicht vom Unglück die Rede, von Naturkatastrophen, sondern vom Bösen, das Menschen Menschen anttun.

Die Bibel hat darauf kluge Antworten bereit.

Es besteth ein eigentümlicher Zusammenhang zwischen dem Leiden eines Menschen und der Haltung derer, die dieses Leiden zu verantworten haben.

Immer wieder im Leben begegnen uns Verantwortliche, die wie Pilatus dem Druck der Menge, den angeblichen oder tatsächlichen Sachzwängen nachgeben müssen und so dem Unglück freien Lauf lassen. Wir erkennen uns auch selbst manches mal in solcher Situation, daß wir höchstens das kleinere Übel wählen können.

Unsere Karfreitagserzählung macht offenbar, daß weder Pilatus der Hauptschuldige ist, noch hat das Volk die Verantwortung zu tragen; das Volk, dem ja häufig unterstellt wird, sie hätten sich enttäuscht von Jesus abgewandt und voller Hoffnung auf einen baldigen Befreiungsschlag dem gewaltbereiten Barabbas zugewandt.

Das ganze Markusevangelium gibt ständig Fingerzeige, daß das Verhältnis zwischen den Hohenpriestern und Schriftgelehrten einerseits und Jesus andererseits gespannt ist. Von Anbeginn seiner Tätigkeit betrachten sie Jesus mit Mißtrauen. Die Freiheit, mit der er predigt macht ihnen Angst.

Es ist dies der Konflikt zwischen Ordnungssystemen und der menschlichen Freiheit. Ordnungssysteme, wie die Amtskirchen beispielsweise verselbständigen sich und beanspruchen irgendwann ein Existenzrecht um ihrer selbst willen. 

Menschliche Freiheit dagegen bedarf solcher Zwangssysteme nicht, solange der Freie auf die Stimme der Verantwortung hört. Freiheit lebt, die ihre Grenze an der des anderen findet. Oder Freiheit, wie Christen sie meinen, die überhaupt erst frei durch das Nahesein beim Nächsten wird. So lebt und lehrt sie Jesus. Sein Menschenbild baut auf Gott als Vater auf. Er stellt sein Leben auf den Grund Gottes.

Für die InstitutionKirche dagegen wird Gott zu einem Instrument ihrer Macht.

Sie setzen nicht auf ihn – sie setzen ihn ein.

So ist der Konflikt vorprogrammiert. Quasi nebenbei läßt Markus die Information einfließen, daß es am entscheidenden Punkt vor Gericht die Hohenpriester sind, die Stimmung gegen Jesus machen.

Das Volk, das Jesus nachfolgte, verkommt zum manipulierten Stimmvieh.

Interessant ist, daß die Verursacher des Leids nicht ihre Tat, sondern nur die vermeintliche Schuld des Opfers sehen. Eine eigenartige Verschiebung der Wirklichkeit tritt ein. Die Hohenpriester hatten in Jesus am Vortag den Hochstapler, den Gotteslästerer gesehen, der aus dem unendlich weit entfernten Heiligen einen väterlichen Ansprechpartner und sich gar zu seinem Sohn gemacht hatte. Ein Vorgang, der der Amtskirche, der Institution des Tempels die Grundlage entzieht, denn wer braucht noch ihre Richtlinien und Vermittler, Opferregelungen und professionelle Fürsprecher, wenn er selbst Gott als „Abba“, als lieber Vater ansprechen kann.

Die Angst um die eigenen Pfründe macht Menschen zu solchen, die andere fürchten müssen.

Dadurch werden sie zu solchen, vor denen andere sich fürchten müssen.

Aber es sind im Leben mit Sicherheit nicht nur materielle Hintergründe, die Angst auslösen.

Der wahre Grund für die Angst der Herrschenden ist die EigenständigkeitJesu, das, was die hohen Herren als Vollmacht bezeichnen. Selbst überlegen, selbst entscheiden und selbst verantworten, darauf kommt es an. Eine eigene Meinung haben, eine Persönlichkeit sein, das kannst du. So lebt und predigt Jesus. 

Das ist diesen Menschen unheimlich.

Un-heimlich im wahrsten Wortsinn: dort haben sie keine Heimat, sind sie nicht heimisch. Denn sie richten sich immer nur nach dem, was angemessen oder vorteilhaft ist.

Nie aber nach dem Extremen, das Gott in uns als Ziel und Möglichkeit erfüllten Lebens angelegt hat.

Entscheidend für das Ergehen der Welt; entscheidend dafür, ob es immer und immer wieder Leiden, Karfreitage gibt, ist, ob sich Mensch vor solche Karren spannen lassen. Ob sie selbst Angst haben, ohne eigene Meinung und Haltung sind und sich anpassen, ob sie aus eigener Angst sich den angstgeborenen Plänen der anderen fügen.

Wieder und wieder hatte Jesus gegen die Angst vor der Angst der anderen gesprochen und gehandelt.

Aber immer wieder erklären sich die Täter zu Opfern, eilen mit ihren Verdrehungen jeder Anklage voraus. Und schon haben sie sich selbst mißverstanden und reingewaschen, indem sie nicht ihre Verantwortung sehen, sondern angeblich „nur“ reagieren; ein paar Beispiele:

Der Mann, der nicht verdient, daß man seinen Namen nennt, erklärte den Weltkrieg, begann ihn, indem er sagte, es werde nun zurückgeschossen.

Ehemänner, die ihre Frauen schlagen, behaupten zum überwiegenden Teil, sie tun dies, weil die Frauen sie in eine Zwangslage gebracht, sie zum Handlen genötigt hätten.

Vergewaltiger gestehen die Tat mit dem Verweis auf die Unwiderstehlichkeit des Opfers, dem Zwang zur Tat.

Ob politisch oder privat, ja sogar wirtschaftlich erkennen die Täter sich nicht als Täter, sondern sehen in sich das Opfer:

Entscheidungsetagen, die Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen, sehen sich unter dem Zugzwang, um die Firma zu retten, weil sie sonst dem Konkurrenzdruck erliegen würden etc.

Deutsche, serbische, nordkoreanische und syrische Lageraufseher mißhandeln und mißhandelten angeblich nur, um das eigene Leben zu retten, taten nur ihre Pflicht und behaupten nicht zu wissen, was sie begingen oder welches Rädchen sie im Getriebe waren.

Das ist zunächst einmal ein erstaunlicher Befund:

Die Täter sehen in sich in erster Linie unter Zwand und als Opfer.

Das Karfreitagsgeschehen dieser Welt ereignet sich, weil die Täter das Maßnicht kennen, es aus den Augen verlorenhaben, weil die Wahrnehmung einer Verbiegung erlegen ist.

Solcher Verlust der rechten Einschätzung ist mir selbst nicht fremd. Jeder Mensch ist eingespannt in ein Geflecht von Meinungen, Ansprüchen anderer und Erwartungen. Selbst mein Gewissen ist eine gewachsene, ja erlernte Instanz. Meine Erziehung und die Gesellschaft, in der ich lebe, bestimmen meine Werte und meine Entscheidungen.

Jesus hat viele bürgerlichen Normen über Bord geworfen. Das übersehen wir heute gern und vereinnahmen ihn als Bürgerlichen. Das war Jesus nicht!

Alle Entscheidungen hat er an drei Kriterien gemessen:

            – der Stimme seines Herzens,

            – seinem Gewissen

            – und dem Willen Gottes.

Soruhte er in sich selbst. So vermied er Fehlentscheidungen, die andere zu Opfern gemacht hätten. Vor allem wußte er, solche Fehlurteile werden geboren aus der Angst vor der Angst der anderen.

Ein guter Maßstab ist immer nur ein individuell verantworteter.

Denn je vielfältiger, diese angstmachenden anderen sind, je größer sie sich gebärden, desto kindlicher und unentwickelter wird die eigene Moral.

Der Psychologe Le Bon hat der Masse eine Seele zuerkannt und nachgewiesen, daß deren Wesen auf der Entwicklungsstufe eines Kindes stehenbleibt. Ethisch reif kann nur die Entscheidung und Entschiedenheit eines wahren Individuums sein.

Wer also nach der Meinung der anderen schielt, wer versucht zu gefallen, indem er sich nach dem richtet, was die anderen vermeintlich von ihm erwarten, der setzt einen solchen Massenpsychologieprozeß in Gang, an dessen Ende nie eine wahrhaft erwachsene Entscheidung oder Haltung stehen kann.

Er kann auch eine an ihn gerichtete Erwartung niemals erfüllen, weil es viele andere gibt, die in Wirklichkeit unterschiedlicher, ja gegenläufiger Erwartung an ihn sind. Und so befindet er sich häufig in innerem Widerspruch.

Das mag Ihnen logisch erscheinen. 

Doch bei einem Verhalten, das aus Tätern subjektiv Opfer macht, geht es nicht um Logik, sondern um Angst.

Die Angst als die Ursache jeden Karfreitagsgeschehens saugt Vertrauen auf.

Vertrauen aber brauchen wir Menschen, um wahrhaft Mensch zu sein, um verantwortungsvoll zu leben.

Die Kadenzgeschichte des Menschen, der fremden Einflüsterungen seine Eigenständigkeit opfert beginnt mit Adam. Und Eva war natürlich schuld.

Wir verstehen jetzt, wie diese Ketten der Schuldabweisung entstehen.

Nur die Haltung des Vertrauens in einen himmlischen Vater, der mich so hält, wie ich bin, wie ich mich entwicklen darf – ohne Pfründe, ohne Gehorsamszwang anderen gegenüber, ohne Zug- und Sachzwänge gebiert aus sich heraus eine eigenständige verantwortungsvolle Persönlichkeit.

Wenn ein Mensch sich in dieser Weise findet, ist es jedesmal für ihn wie eine Wiedergeburt, wie der Durchbruch zum eigentlichen Leben. Doch dies ist eine Ostersonntagserfahrung. Eine Geschichte erst für Übermorgen. Oder?

Amen.

Vor der eigenen Tür kehren

Predigt Palmsonntag über Mk 14

Als Jesus in Bethanien war im Hause Simon des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverdünntem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da regten sich einige der Gäste auf und meinten: Was soll diese Verschwendung des Salböls? Man hätte es für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben! Und sie fuhren die Frau an.

Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden und macht sie nicht traurig! Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt Arme allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit bei euch. Sie hat getan, was sie vermochte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: wo auch immer das Evangelium gepredigt werden wird, da wird man auch ihr zum Gedächtnis erzählen, was sie getan hat. (eÜ)

Verhältnismäßigkeit ist ein wichtiger Grundsatz. In der Juristerei regelmäßig angewandt, aber auch eine Entscheidungshilfe bei unseren tagtäglichen Abwägungen:

Kann ich diese 400m nicht lieber zu Fuß gehen, als dafür das Auto anzuschmeißen?

Für zwei Wochen Urlaubs 10.000€ auszugeben, das ist mir eindeutig zu viel!

Zu des Freundes 50. Geburtstag bis nach Flensburg zu reisen, das ist es mir allemal wert! usw.

Wir wägen ab; und so auch diese anonymen Gäste im Hause Simons. Vielleicht auch Jünger unter ihnen oder gar ihr Schatzmeister. Die Verhältnismäßigkeit stimme nicht, empören sie sich. Den Ehrengast zu ehren mit einem Salböl, dessen Preis für Arme mehr als ein Jahr Brot bedeuten könnte.

Vor solchen Fragen stehen wir in Politik und Gesellschaft: Ausstieg aus der Kohle oder Vollbeschäftigung? Verlust von Arbeitsplätzen oder Export von Waffen in Krisengebiete? Mehr Windenergie nutzen, dafür aber den Tod von Vögeln und Fledermäusen in Kauf nehmen?

Vor solchem ent-oder-weder stehen wir oft auch bei unserem persönlichen Entscheiden. Stehen Aufwand und Nutzen, stehen Vorteil und Folgen in verantwortbarem Verhältnis?

Am heutigen Palmsonntag, dem Sonntag vor der Karwoche, wird bei der Auslegung Jesu Bemerkung in den Vordergrund gestellt, dass er nur noch kurze Zeit unter den Menschen sein werde; dass diese Salbung seine Totensalbung gleichsam vorwegnehme.

Aber überhört wird, was Jesus wirklich zum Verhältnis der Menschen zu den Armen sagt.

Gesehen wird vielleicht auch, dass die Salbung ein Bekenntnisakt ist, den die Juden schon seit den Davidtagen pflegten, dass der Salbende den Gesalbten zum von Gott erwählten König Israels erklärt.

Aber übersehen wird, dass Jesus im Haus eines Aussätzigen zu Tische liegt.

Ja, Jesu Tischgemeinschaft selbst will uns schon etwas sagen. Ebenso wie er die Kritiker deutlich in die Schranken weist, weil er das Herz, den guten Willen der Frau sieht; und dass die Kritik sie beleidigt.

Und dann schließt er gleich an, was wir gern überhören, vielleicht, weil wir es ungern hören: Arme habt ihr allezeit bei euch; und wenn ihr wollt, könnte ihr (!) ihnen Gutes tun!

Immer wieder verblüfft Jesus die Menschen; unvermittelt hält er ihnen den Spiegel vor. Was kritisiert ihr die angebliche Unverhältnismäßigkeit der Freizügigkeit dieser Frau?! Seid doch selbst großzügig zu denen, die ihr vor Augen habt! Schiebt Wohltätigkeit nicht auf andere ab, auf das Sozialamt, die Kirche und ihre Einrichtungen, auf den Staat, dem ihr dafür eure Steuern gebt. Ihr selbst seid gefragt bei dem, was ihr hier vorschlagt!

Schon einmal hat Jeus so unerwartet schlagfertig reagiert, als seine Gegner ihn auf seine jüdische Loyalität prüfen wollten und fragten, ob der Steuergroschen dem Kaiser abzugeben sei, oder nicht besser ihm, diesem römischen Besatzer, zu verweigern sei.

Dem Kaiser das Geld, meinetwegen. Aber liebe Pharisäer, liebe frommen Leute, euer Herz, eure wohltätige Hand, eure offenbare Frömmigkeit, euren ganzen Einsatz für Gott, für sein Reich!

Wahrhaft Jude zu sein erweise sich im Glauben, in der Wohltätigkeit und der Nächstenliebe, nicht in Steuerfragen.

Hier nun verblüfft Jesus die Gäste mit ähnlichem Denken. Dem heutigen Hörer legt er gleichsam den befriedenden Satz vor: jeder kehre vor seiner eigenen Tür.

An andere hohe Anforderungen zu stellen ist billig. Die Nächsten zu kritisieren kann sogar völlig unangebracht sein.

Aber diese Maßstäbe an sich selbst anzulegen, das ist das Gebot des kommenden Reiches. Und nah ist es immer dann, wenn wir das tun!

Das ist die hintergründige Quintessenz dieser heutigen Perikope über das Setzen des richtigen Schwerpunkts im Zusammenhang des Begriffs „Verhältnismäßigkeit“.

Dass wir die hohen Maßstäbe an andere schlicht erst einmal an uns anlegen dürfen. 

Amen

Holocaust

Predigt über Opferung Isaaks (Gen 22)

Gott mehr zu lieben als alles andere, ihn mehr zu lieben als alle anderen, auch die Liebsten. Mögen wir nie in diese Versuchung kommen. Wie schwer! – und wie weit mögen wir davon oft entfernt sein.

In einer historischen Apotheke in Trier, vis a vis des Kaufhauses Sinn & Leffers hängt ein köstliches Bild. Es nimmt uns mit seinem Humor ein wenig die Last dieser Geschichte. Denn es stellt die Opferung des Isaak durch Abraham anders dar. Der gehorsame Vater ist hier ein Füsilier.  Er hat sein Gewehr auf den Sohn angelegt und ist bereit zu feuern. Isaak hockt gefesselt und mit verbundenen Augen auf einem Stoß Feuerholzes. Die wundersame Lösung in diesem entscheidenden Moment – ein von der Wolke pinkelnder Engel – findet die Form folgender Verse:

„Abraham, du druckst umsunst – ein Engel dir aufs Zündloch brunst“

Humor mit seinen erleichternden Noten nimmt mir allerdings nicht die Assoziationen und die Anfragen, die der Text mit sich bringt.

 – Erstens: Der Glaubensgehorsam. In der hebräischen Bibel wird Abraham als Musterknabe gehorsamen Glaubens dargestellt. So wurde er für viele Rabbiner zum Vorbild und letztlich auch zum Inbegriff christlichen Glaubens. Den einzigen Sohn opfern, den, der auch noch von einer Frau empfangen wurde als sie eigentlich schon keine Kinder mehr bekommen konnte. Also ein Wunsch- und Wunderkind, für das es nie mehr einen Nachfolger wird geben können. Und dieses eine Kind steht für das Versprechen Gottes auf Nachkommen „so zahlreich wie Sand am Meer und wie die Sterne am Wüstenhimmel“. Mit der Preisgabe Isaaks gibt Abraham in seinen Augen auch diesen Vertrag Gottes an diesen zurück, annulliert alles.

Im Koran stellt sich neben Abraham auch noch der Sohn als Leuchte in Sachen Glaubensstärke. Dort wird erzählt, Abraham träumte vom Befehl Gottes zur Opferung. Und als er Isaak diesen Traum erzählte, antwortet dieser: „Was dir befohlen ist, musst du tun. Und du wirst sehen, dass ich ein geduldiger Sohn bin.“ In der koranischen Fassung übertrifft Isaak als vorgesehenes Opfer sogar seinen Vater noch an Glaubensgehorsam.

 – Zweitens: Das christliche Bild vom Glauben. Die Perikope von einem Abraham, der seinen Sohn zu opfern bereit ist, wird gern als Bild genommen, um den Wendungen vom Opfertod Jesu erklärend zur Seite zu stehen. Die Geschichte dient gleichsam als verdoppelnde Verstärkung des Ausrufes aus Johannes 3: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, so dass alle gerettet würden, die an ihn glauben!“ Die beiden Geschichten scheinen übereinander geschrieben zu sein, um ebenso beide dann von der unverhofften Rettung her lesen zu dürfen. Gehorsam Abrahams hier, Gehorsam Jesu dort, Engel hier, Auferstehung dort. Das Neue Testament wird am Modell der hebräischen Bibel weitergeschrieben.

– Drittens: Der Opfergedanke. Die Geschichte von Abraham und Isaak darf von Wissenschaftlern als kultaitiologische Legende verstanden. Als eine Erzählung, die erklärt, wie die Menschheit vom Menschenopferkult zum Tieropferkult gekommen sei. Dass man aufgehört habe, Kinder zu opfern, weil Gott selbst eingegriffen habe. Kann sein, dass sie so menschheitsgeschichtlich gelesen werden darf.

Juden lesen den heutigen Predigttext traditionell am Neujahrstag. Und sie bitten darum, in diesem anbrechenden Jahr nicht sterben zu müssen, sondern leben zu dürfen, das Leben geschenkt zu bekommen wie Isaak.

Sie nennen diese Erzählung „Akeda“, das Gebundensein. Und verstehen seit langem, sich selbst in der Rolle des gebundenen Opfers zu sehen. Erwählt zu sein ist für Juden nicht Grund eitler Freude, denn Erwählung kann auch Leiden bedeuten. Juden erlebten dieses Gebundensein am Tag als die Synagogen brannten und Juden erlitten es, als sie ihre Angehörigen durch die Schornsteine der Konzentrationslager rauchen sahen.

Sie verstanden sich in der Rolle des abrahamitischen Opfers. 

Ein solches kultisches Opfer wurde in alten Tagen entweder teilweise von den Menschen oder Priester verzehrt oder es konnte ein Ganzopfer sein; dann wird der Kadaver als ganzer auf dem Altar verbrannt. So wie es eben in dieser Geschichte von Abraham und Isaak vorbereitet wird.

Der KZ-Überlebende Elie Wiesl hat eine starke Metapher geprägt für das Schicksal seines Volkes zur Zeit des Nationalsozialismus. Er nahm ein altgriechisches Wort aus dem Kultus auf. Der griechische Begriff für Ganzopfer lautet nämlich „holocaust“.

Im Meer all dieser berührenden Assoziationen ist mir abschließend noch etwas ganz andereswichtig: nämlich an die unbedingte Einheit, an die Unaufteilbarkeit Gottes trotz seines trinitarischen Namens zu erinnern. Denn die Überzeugung, dass Gott ein und dieselbe Person in drei Erscheinungsweisen sei, die uns in Gott Vater, seinem Sohn und dem Heiligen Geist begegnen, hat eine wichtige weitere Konsequenz. Die Einheit Gottes hier vor Augen zu behalten, die Unterscheidung von Vater und Sohn hier zu vermeiden, erlaubt den weiterführenden Schluss, dass Gott zwischen Karfreitag und Ostern nicht ein Stück von sich selbst, gleichsam sein Bestes gegeben hat, sondern nicht weniger als sich selbst.

Sich selbst rein zu geben, über seinen Schatten zu springen – das sagen wir, wenn jemand über sich selbst hinauswächst. Und dabei kommt neue Größe heraus. Im Blick auf Gott ist das nicht weniger als die neue Gerechtigkeit, die an dieser Stelle geboren wird. Die, von der Paulus im Römerbrief schreibt, dass sie vor Gott Gültigkeit hat. Gottes Gerechtigkeit eben. Und deren Urteil verdanken wir es, dass sie den Menschen in all seiner Unvollkommenheit annimmt. 

Wir entdecken in dieser Geschichte vom Opfer und vom über seinen Schatten springen, dass es die Liebe ist, die diese neue Gerechtigkeit hervor bringt. Sie ist der Cantus firmus hinter der Gerechtigkeitsvorgabe durch Gott. 

Weil Gott über seinen Schatten springt, sein altes Bild vom über Generationen strafenden Herrschers von sich selbst fahren lässt und sich selbst gleichsam aufgibt, wird er zum gnädigen Gott, setzt neue Maßstäbe – und Isaak kann vom Feuerholz springen, kommt davon wie ein jeder von uns, der das zu glauben vermag!

An dieser Stelle wird aus dem tyrannischen Gott der liebende Vater im Himmel.

Dies ist die größte Entdeckung Jesu. Und mit ihr setzt er hier einen wichtigen Akzent auf eine seiner Maximen, nämlich auf sein „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Ein federleichter Akzent, der die Waage zwischen Nächstenliebe und verantwortungsvollem Umgang mit sich selbst nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Aber dieser Akzent rät, wenn du dich zwischen deinem alten, vielleicht selbstverliebten Bild von dir selbst  und deinem Nächsten entscheiden musst, dann spring über deinen Schatten und entscheide dich für das „Du“.

Die heutige Perikope erzählt also davon, dass Liebe geradezu dadurch bestimmt ist, dass sie ein Einsehen hat. Dass sie vielleicht dadurch erst zur Nächstenliebe wird.

Sehen wir also in der Opferungsgeschichte nicht zuallererst Abraham, der uns sogar wie ein Fanatiker vorkommen darf, der – ein Glaubensberserker eben – bereit ist, für den Glauben zu töten und zu sterben. 

Sehen wir zuallererst Gott. Den einen, der sich selbst einbringt. Sehen wir den lebendigen Gott, der offen ist für Veränderungen.

Und fragen wir uns, woher wir denn wissen, ob Gott nicht von Anfang an andere Pläne mit Abraham hatte, als er sie zunächst mitteilte. Fragen uns, ob er nicht andere Pläne mit uns hat, als wir zunächst annehmen. Wir Menschen wissen nie genau, was Gott vorhat. Diese Einsicht möchte uns die heutige Geschichte mahnend schenken.

Aber vielleicht war es tatsächlich ganz anders: und Gott hatte im Laufe der Ereignisse ein Einsehen. Amen.

Unterwegs das Leben finden

Traueransprache über Gen 12, 1-3

für

Wolfgang Eisel

13.03.2019

Zewen

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die Bibel ein Buch voller Geschichten von Menschen ist, die unterwegs sind. Den einen wird eine neue Heimat andernorts ans Herz gelegt, wie eben Abraham. Andere sind unfreiwillig unterwegs, weil Krieg oder Hunger sie vertreiben. Ein ganzes Volk macht sich auf die Reise durch karge Gegend um endlich ein Leben in Freiheit führen zu können.

Die Bibel scheint damit sagen zu wollen, das Glück, das, was dich ausmacht, was dich wesentlich sein und leben lässt, das findest du nicht unter einem festen Dach, in einer einzigen Wohnung. Es will unterwegs gefunden werden. Und Heimat ist kein Ort sondern Beziehung und Gefühl.

Vieles davon scheint mir im Leben von Wolfgang Eisel umgesetzt, gelebt worden zu sein.

Als Sie beide sich mit 18 Jahren kennen lernten, da hatte Wolfgang unfreiwillig schon einiges erlebt. Als 1940 in Mülheim Geborener, wurde er im letzten Kriegsjahr mit vielen anderen evakuiert. Seine Mutter, seinen Bruder und ihn führte der Weg nach Breslau. Auch dort hatte er keine bleibende Statt. Was er als Fünfjähriger von Evakuierung, Flucht, Bombardements und Vertreibung mitbekommen hat, wissen wir nicht genau. Viel hat er über diese ersten Eindrücke nicht gesprochen. Er kehrte jedenfalls nach Mülheim zurück, besuchte dort die Schule und begann als Vierzehnjähriger seine Ausbildung als Schlosser. Im Aufzugbau verdiente er sein erstes Brot, um schließlich bei Mannesmann als Industriemeister Kräne zu bauen.

Seine Laufbahn entsprach seinen technischen Interessen und Fähigkeiten. Kein Gewerk war ihm fremd, er liebte nach Männerart seine Werkzeugsammlung, und Konstruktion und Reparatur waren für ihn ein Leben lang schöne Aufgaben, in denen er völlig vertieft für Stunden versinken konnte.

Aber das allein zeichnet nicht seine Persönlichkeit, denn bei ihm gab noch die freundlich-gesellige Ebene. Wolfgang war ein offener, ein an Menschen interessierter Mensch. Zuneigung zu zeigen war ihm nicht fremd. Darum verstand er es, schnell Freundschaften zu schließen; und besonders die Seinen nahm er in den Arm, vermochte seinen Gefühlen für sie Ausdruck zu verleihen.

Darum ist es kein Wunder, dass er mit dieser emotionalen Seite ein guter Tänzer war. Denn hinzu kam noch, dass sein Vater ihm seine Musikalität vererbt hatte.

Damals also, als Sie sich auf dem Tanzboden kennen gelernt haben, war schnell klar, dass Sie beide gut miteinander klar kamen. Sie schätzten es auch weiterhin zu Tanzveranstaltungen zu gehen; und Ihre Mutter ermöglichte das, in dem sie die Tochter hütete. Vom ersten bis zum letzten Tanz hätten Sie diese Abende genutzt und das gemeinsame Hobby bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt, später mit Leidenschaft Tournier-Tanzen betrieben.

Ob Wolfgang, der gute Tänzer dabei immer auch führte, darüber dürfen wir schmunzelnd nachdenken. Denn er war jemand, der sich ganz auf andere einstellen konnte.

Als er sich anschickte, den Industriemeister zu machen, war der Deal der Eheleute, dass er den Meister, Sie den Führerschein erwerben sollten. Wir alle wissen, er machte den Meister, er aber blieb Chauffeur, und besonders nach seinem Rentenbeginn fuhr er seine Frau zu jedem Termin und holte sie ebenso gern auch wieder ab, denn Sie machten den Führerschein nicht.

Wolfgang war ein Mensch, der sich gut in eine Beziehung einfügen konnte. Er war weiterhin mit der Gabe gesegnet, nicht nachtragend zu sein. Also jemand, mit dem ein ersprießliches Zusammenleben gut möglich war.

Und so gestalteten Sie es sich auch. Erst in den Berufsjahren und dann in all den Jahren des Ruhestands, die Ihnen miteinander vergönnt waren. Sie haben etliche Schiffsreisen miteinander unternommen, sind nach Ägypten mit der ganzen Familie verreist, die Fahrräder waren dabei, wenn es um Radurlaub an Mosel und Ruhr entlang ging. Sie liebten es, das Jahr in Mülheim auf sechs Monate zu beschränken und die restliche Zeit woanders zu verbringen, einen großen Teil davon nahmen die Aufenthalte in Fredeburg ein, aber gern sind Sie auch in Zewen gewesen. Oft wechselten Sie mehrmals im Jahr das Quartier.

Also durchaus seit einem Vierteljahrhundert, seit seinem Ruhestand, so etwas wie ein Wanderleben, ein Unterwegssein im eingangs genannten biblischen Sinne. Sie waren gemeinsam auf einem Weg, dessen Ziel bewusstes tägliches Leben ist.

Wolfgang hat das bestätigt „Ja, es war gut und richtig, dass wir hierher nach Zewen gezogen sind“. Er hat jedem Tag mit positivem Geist den Sinn abgerungen.

Auch im Blick auf die Beziehung hat er es gehalten wie die Stachelschweine in des Philosophen Schopenhauers Gleichnis. Dieses geht so: In einem kalten Winter froren die Stachelschweine und so suchten sie die Nähe der anderen, drückten sich aneinander. Aber da fuhren ihnen die Stachel der Nächsten in die Haut. Erschrocken stoben sie auseinander. Aber auf Abstand im kalten Winterwald fror es die Tiere wieder. Und so lernten sie es, den richtigen Abstand zueinander zu finden. Den, bei dem sie sich nicht verletzten und den, der ihnen durch die Nähe der anderen gut tat.

So haben Sie Ihre Beziehung gelebt, den richtigen Abstand immer wieder neu gesucht und gefunden. Wolfgang war ein Mensch, der gerade heraus war, also jemand, von dem man wusste, woran man mit ihm war. Natürlich gab es Differenzen, aber eben auch schnell wieder Frieden. Natürlich gab es Funkenflug und Emotionalitäten, aber eben immer wieder den Abendfrieden, den versöhnlichen Kuss vor dem Zubettgehen.

Und nun ist er ein letztes mal eingeschlafen. Und in einer Genesungsphase nicht wieder aufgewacht, in der niemand damit gerechnet hat, dass er sich auf die Reise zu seinem Schöpfer macht, dass er sich auf den Weg in das Land macht, das von Gottes Liebe erhellt wird. Eben jenes Reich, das weniger in Ort als vielmehr Beziehung selbst ist.

Denn Gott hat Wolfgang lieb. Er schätzt sein lebensfrohes Wesen, seine Art, in der er immer für einen Scherz zu haben war, seine hilfsbereite Gesinnung, sich gern mit seinen Fähigkeiten einzubringen; mit seiner Gabe, schnell zu verzeihen, mit seiner technischen Passion und seiner herzlichen Zuneigung.

Im Land seiner Liebe ist Wolfgang am Ziel angekommen. Dort darf er in Ewigkeit bleiben.

vom Planen und Gottes Plan

Traueransprache für Gerhard Scharfenberger

 

Höre auf Rat und wachse aufrecht,

dass du am Ende weise bist;

im Herzen eines Mannes sind viele Pläne,

Bestand hat aber nur der Plan Gottes.

Spr. 19, 20+21

 

Liebe Trauergemeinde,

 

Pläne zu haben und sein Leben nach diesen Vorstellungen auszurichten, das kennzeichnet nicht nur den Menschen seither, auch schon in biblischer Zeit, es ist in besonderer Weise ein Signum für Gerhard Scharfenberger. Denn ihm war es im Laufe seine Lebens zum Charakteristikum geworden, seine Entscheidungen, auch die für die Familie, seine beruflichen Leitlinien an der Maxime seiner Pläne auszurichten.

Eine frühe Prägung für seine beruflichen Entscheidungen mag durch das Vorbild des Vaters entstanden sein. Dieser war Chemiker zunächst bei IG-Farben. Die Heimat der Familie war die Pfalz. Ihre Verbindungen waren in der pfälzischen Region verzweigt, worauf Gerhard bei Gelegenheit gern zurückgriff.

Der Vater wurde allerdings nach Leuna versetzt, wo Gerhard nach seinem Bruder Heinz am 30. März 1930 zur Welt kam.

Die prägende Phase seiner Kindheit und Jugend erlebte er in Merseburg, von wo die wunderbare Geschichte kolportiert wird, wie er und seine Angebetete sich auf dem Schulweg liebevolle Kassiber zuschoben, denn sie ging aufs Lyzeum, er besuchte das Jungengymnasium, und nur auf dem Weg bestand die Möglichkeit des Austauschs. Dieses Fundament war gut gelegt, belastbar, wie die Folgejahre bewiesen. Denn Gerhard verließ nach dem Abitur Merseburg, setzte sich nach Westberlin ab, nahm dort ein Studium auf, um sodann den großen Sprung nach Mannheim zu wagen. Dorthin folgte er dem Angebot der großen Pfälzer Familie und nahm Wohnung bei Verwandten.

Und dorthin kam Margot nach, nachdem die beiden sich 1954 in Meersburg (nota bene nicht Merseburg, sondern am Bodensee) verlobt hatten. Im späten Dezember 1955 heirateten Margot und Gerhard.

Gerhard liebte es, seine Pläne wie Gleise zu verfolgen. Nach dem Diplom fing er an, sein Geld mit Mineralöl zu verdienen und ist dieser Branche ein Berufsleben lang treu geblieben. So hatte er es sich vorgestellt. Die häufigen Ortswechsel folgten, weil es an der ein oder anderen Arbeitsstelle nicht ganz so aussah, die Aufstiegsmöglichkeiten nicht ganz so geglättet waren, wie er es sich vorstellte.

Zum Zeitpunkt der Geburt des ältesten Sohnes, Thomas, 1957 lebte die junge Familie in Ludwighafen, bald folgte Mainz. Den Kindergarten besuchte Thomas dann schon in Frankfurt und seine Einschulung erfolgte in München.

In Gerhards Zeit dort bei AGIP wurde 1964 Tobias geboren, um noch in  Windeln nach Hamburg umzuziehen. Hier fasste die vierköpfige Familie erstmals für längere Zeit Wurzeln. Sie kam an, so dass sich Freundschaften entwickelten, die bis heute gehalten haben. Ein knappes Jahrzehnt später folgt Gerhard den Möglichkeiten, die Rheinbraun verhieß 1973 nach Köln.

Aber der nächste Geschäftsführerposten war nicht der erhoffte in München, sondern die Wege führten Gerhard nach Trier. Der Provinzort wurde kritisch beäugt und langsam aber zunehmend für gut befunden. 1977 zog die Familie an die Mosel nach und man mietete im Engelborn ein Haus.

Und hier in Irsch verwirklichte Gerhard, was er schon lange im Herzen trug, nämlich ein eigenes Haus zu gestalten und zu errichten. Das geschah eine Straße weiter höher in der Wendelinusstraße und 1980 war Richtfest.

Aller anfänglichen Skepsis zum Trotz erlebte Gerhard in der Trierer Phase eine beruflich erfüllende Zeit und auch im Haus war die Welt so, wie er sie sich innerlich entwickelt hatte.

Im sozialen Leben führte Margot den Kalender, und sie war es auch, die Miteinander und kulturelles Leben beatmete,  die die vielfältig belegten Gästezimmer managte, sei es Chorbesuch, seien es die Gaststudenten aus China, England, Taiwan oder Amerika.

Gerhard dagegen stütze sich hier gern auf die sozialen Kompetenzen seiner Frau, denn er bekannte sich offen dazu, kein Verbindungs- oder Vereinsmensch zu sein. Er schätzte seine individuelle Freiheit.

Fürsorge verstand er als finanzielle Vorsorge. So sorgte er beispielsweise früh für eine Studienrücklage der Enkel. Liebe und Leistung reimten sich für ihn.

 

Und er liebte dieses Haus.

Ja, am Ende, fiel es ihm schwer, aus genau diesem Haus auszuziehen, weil er es als einen Ausdruck seiner Selbstverwirklichung verstand. Er zögerte nach dem Tod von Margot seinen Auszug hinaus, denn dies entspricht einem weiteren Charakterzug von ihm. Gerhard war ein ausgesprochen sturer Mensch. Er konnte die Argumente, die nicht in seine Entschlüsse passten, schlichtweg überhören. So den Wunsch seiner Frau nach dem dritten Hund in ihrem Leben, denn, so Gerhard, ein Hund konnte auf dem Spaziergang um die Riveristalsperre einem die ganzen Pläne durcheinanderbringen, wenn er ungehorsam entlief und man auf ihn warten musste.

So war Gerhard, er hatte Vorhaben und an denen richtete er sich gern genau aus. Zu diesen Bildern gehörte auch seine Vorstellung, wie er mit der Familie umzugehen habe und diese mit ihm.

Analog zu den Verträgen, die er beruflich entwickelte, legte er seinen Kindern in der Schulzeit solche Abmachungen vor, damit sie eine bestimmte Note in einem Fach in einem bestimmten Zeugnis erreichten.

Und umgekehrt erwartete er von den Enkeln, dass sie ihn besuchten und er nicht umgekehrt zu ihnen reiste, um sie zu sehen, zu erleben, wie sie wuchsen und auch gelegentlich mit ihnen zu spielen.

Für diese Art, Vorstellungen zu entwickeln und auszuarbeiten, deren Verwirklichung anzustreben, gibt es ein Symbol, ein Möbelstück, das Gerhard durch sein Leben begleitete: einen riesigen Schreibtisch.

So wie schon Thomas Mann seinen Schreibtisch bei jedem Umzug mitnahm und sogar nach England ins Exil verschiffen ließ, so begleitete Gerhard ein mächtiger Sekretär mit ausladender Arbeitsplatte und vielen Schubladen.

Auch auf seine vorletzte Station in die Frauenstraße nahm er ihn mit. Und dieses Möbel legt traurig Zeugnis ab von seiner Alzheimererkrankung, die er so gern vor anderen verborgen hätte. Denn so wie das imposante Möbel eine eindrückliche Fassade der Arbeit darstellt, so versuchte er seine abnehmenden Fähigkeiten vor anderen Menschen zu verbergen. Die Schraubenzieherspuren an den Schlössern und Schubladen geben aber Hinweise ab, dass er die Schlüssel verlegt und vergessen hatte wohin.

 

Dem Mann, der so gern seinen selbstgelegten Spuren folgte, geriet das Leben aus der Spur. Geblieben war ihm die Freude an der Natur, die er bei Spaziergängen und Wanderungen, die er beim Skifahren in den Bergen so geliebt hat. Zuletzt war es der Blick auf die wunderbare Mosellandschaft bei Bernkastel-Kues, den er immer noch zu genießen wusste.

 

Am 10. Januar ist Gerhard gestorben.

Gottes Pläne sind natürlich die, die Bestand haben. Aber, welches sind seine Pläne? Dass die Liebe das letzte Wort hat, das ist Gottes Wille.

 

Darum spricht das Amen das Gedicht von Rilke, das Sie über die Anzeige gestellt haben:

 

Wenn du an mich denkst,

erinnere dich an die Stunde,

in welcher du mich am liebsten hattest.

Der Gott der Zwischentöne widerspricht allen Extremisten – auch denen, die ihn verkündigen

Ist unser Evangelium verdeckt, so ist´s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher das Ebenbild Gottes ist. Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn der Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. (2. Kor 4, 3 – 6)

 

Religiöse Erkenntnis durch intellektuelle Einsicht. Das ist das Programm der Aufklärung. Was vernünftig ist, kann geglaubt werden, und was geglaubt wird, muss vernünftig sein. So dachte man von Leibniz bis Goethe.

Im Pendelschlag der Geschichte war dieser Ansatz die Abwendung des klassischen „credo quia absurdum“ (ähnlich Tertullian), der Trennung von Vernunft hier und dem unerklärlichen Glauben dort. Einem Glauben, der geglaubt wird,  w e i l  er nicht logisch ist, weil ihm mit Vernunft nicht auf die Spur zu kommen ist.

 

Zwischen diesen Extremen hat jeder von uns seinen Ansatz für den eigenen Glauben gefunden.

 

Evangelium verstehen, das ist auch das Thema Pauli. Er schreibt den Korinthern, dass es verdeckt, also unverstanden sein kann. Und Paulus webt diese Gruppe von Menschen, die es nicht verstehen, ein in den großen Zusammenhang von Heil und verloren gehen.

Die Guten, das sind wir hier in der Gemeinde, bzw „ihr lieben Gläubigen in Korinth“, die anderen, das sind die Verlorenen. Und ihr Schicksal sei Verblendung. Das ist starker Tabak. Und als Siegel klebt der Apostel gleich noch den Teufel auf die Verpackung. Der Gott dieser Welt verblende die anderen, schreibt er.

 

Das ist ja nicht falsch, dass unsere Haltung über unser Leben, unsere Lebenseinstellung über unser Ergehen mitbefindet, dass unser Glauben Einfluss darauf hat, wie es uns geht und wie wir Situationen verstehen. Und, ganz im Sinne der Kritik des Apostels ist hier oft gesagt worden, dass unsere Sehnsucht nach Sicherheit, unsere Bemühen um größere Scheunen und bombensichere Verstecke für uns und unser Geld, dass unsere Angst als Berater und ihre Instrumente, die Versicherungen und Alarmanlagen schlechte Paten sind für ein Leben in Erfüllung, Offenheit, Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und Liebe.

Aber Paulus pauschaliert. Er macht es sich mit seiner plakativen Briefpredigt zu einfach. Und, besonders kritisch zu sehen, er polarisiert.

 

Er hebt die einen in den Himmel und verteufelt die anderen. Ich bin der Ansicht, dass er damit grundsätzlich falsch liegt, dass Kinder des Lichts hier und Kinder der Dunkelheit dort weder der Wirklichkeit entsprechen noch gar diese Schwarzeißzeichnung im Sinne Gottes ist. Nicht seinem Wesen entsprechen würde.

Eines Gottes, der Verbindung in Person ist: Eben Vater und Sohn, bezogen aufeinander durch den Geist.

Und wenn es wahr ist, dass Gott geschieht!, er also ein dynamischer Gott sein will, dann sind Beziehungen, Zwischentöne und Einstellungsänderungen sein Metier. Von wegen „letzte, höchste und alleinseligmachende Wahrheit“! Ein Leben in solchem Glauben bleibt im Gespräch. Sucht das Gegenüber, versucht zu verstehen, kann zuhören. Und bemüht sich, die Augen von Kurzsichtigen zu öffnen.

Da gibt es nicht schwarz und nicht weiß. Die Guten hier und die Verlorenen dort, das ist eine Fabel. Denn gerade nach Weihnachten kamen wir doch dem Gott emotional nah, der Mensch wird, damit wir Menschen endlich verstehen, wie er es meint;

der unsere Sprache spricht, damit wir sein „Du bist mein geliebtes Kind“ hören, seine Liebeserklärung;

damit wir überzeugt sein können, dass Leben sich im Leben für andere und mit anderen erfüllt, auch wenn sie anderer Ansicht oder Grundeinstellung sind.

 

Paulus, der ehemalige Christenverfolger, der vom Hohenpriester abgesegnete Hort der Rechtgläubigkeit, hat die Seiten gewechselt. Er ist zum Zeitpunkt seines Briefes an die Korinther ein ebenso überzeugter und eifernder Christ, jetzt ein Hort christlicher Rechtgläubigkeit. Man nennt ihn einen Konvertiten, jemanden, der seine Religion gewechselt hat. Und manchmal sind Konvertiten wie ehemalige Raucher. Sie werden zu den besonders eifrigen Bekämpfern ihres ehemaligen Lagers. Abgestillte Raucher können die heftigsten Kritiker der Noch-Raucher sein.

Darum ist der Schwarz-weiß-Zeichner Paulus ein Extremist, ein Radikaler.

 

Wir haben ihm viel zu verdanken. Weil er den Geschenkcharakter der Liebe Gottes, den Jesus zeitlebens nicht müde wird zu betonen, konsequent herausgearbeitet hat, weil er selbst immer wieder schreibt, dass man diese Liebe nicht erdienen, nicht erkaufen kann. Auch nicht durch fleißiges Einhalten der jüdischen Gebote.

Aber er hat sich auch als Kritiker des jüdischen Glaubens profiliert und die Zwischentöne nicht gesehen und natürlich die Konsequenz nicht sehen können, dass sich der Antisemitismus seiner Judenkritik bedienen wird.

 

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Denn seine scharfe Grenzziehung im Brief an die Korinther wird abgemildert, ja ihr prinzipiell widersprochen durch seinen Ansatz, dass alle Welt Empfänger der guten Nachricht sein soll. Dass nicht nur ehemalige Juden gute Christen werden können, sondern auch die sogenannten Heiden in Rom.

 

Und da haben wir sie doch erst recht, liebe Gemeinde, diese Dynamik, dass aus solchen, die vielen Göttern geopfert haben, die vor allem auch dem Mammon dienten, eben auch Glaubende werden können, dass das Leben im Sinne Jesu gelebt werden will.

Das wäre doch genau die Brücke: der römische Blick auf die Götter, ihr „do ut des“-Denken, also diese Geschäftsbeziehung: ich opfere, damit du meine Wünsche erfüllst, kann sich ändern zu einer Haltung, die nicht nur geschäftstüchtig sondern von Herzen sozial ist. Aus dem Heiden, der in uns allen steckt, kann der hervortreten, der ein erfülltes Leben durch ein Leben für andere führt. Aus den Slogans „Geiz ist geil“, „Amerika first“ und „nimm dir was, so haste was“ können bessere Tugenden und Prinzipien erwachsen, die zu teilen verstehen, die zu kommunizieren verstehen, die tolerant sind und die auch kein Problem mit Bescheidenheit, Genügsamkeit und einer Regionalität haben, die der ganzen Schöpfung weltweit hilft.