Gott erfindet sich selbst

Trauansprache über Hld. 3, 4
für
Claudia Gerhard und Lars Jansen
17. Juli 2010, Grünhaus

Da fand ich, den meine Seele liebt

Märchen sind voll von Hinweisen auf Bestimmungen und voller Erzählungen über Bewährung, Bewahrung und Erfüllung. Vor allem erzählen sie vom Finden.
Hans findet sein Glück; Hänsel und Gretel den Weg aus dem Hexenwald und der tapfere Bauernsohn den Weg ins Herz der Königstochter.

Da fand ich, den meine Seele liebt.

Das ist, auf den Begriff gebracht, der verdichtetste Satz über solch eine in Erfüllung gegangene Bestimmung. Nur stammt die Aussage nicht aus Grimms Märchen sondern der Bibel. Dem Buch aus dieser Bibliothek, das vom märchenhaften Glück erfüllter Liebe fabuliert. Von Kirschaugen und 1000 und einer Nacht, von Frauenbrüsten, die mit Rehwildzwillingen verglichen werden, so dass es den Konfirmanden die Schamröte ins Gesicht treibt.
Und dieses Hohelied der Liebe dichtet vom Mut zueinander. Von der Dankbarkeit, jemanden gefunden zu haben, dem ich mich zumuten darf. Der Mut zu mir hat, so dass ich Vertrauen habe.

In diesem Paradiesgärtlein ist auch der Trauspruch von Euch beiden gewachsen. Denn tatsächlich: die Ehe birgt das größte Risiko – gelingt sie, so schenkt sie aber die reichste Erfüllung.

Eure Aussage im Traugespräch, dass es schön und überraschend zugleich war, wie unspektakulär das Zusammenziehen nach elf Jahren über die Bühne ging, ist hier ein erster Hinweis.

Denn angeblich führt in die Ehe die Liebe mit traumwandlerischer Fähigkeit. Mutet ihr Geleit nicht wie eine Blindenführung an?
Denn der Volksmund sagt doch, dass Liebe blind mache. Blind für die Risiken einer Beziehung und blind für die Schwächen des anderen.
Doch sosehr der Volksmund ansonsten den Nagel auf den Kopf trifft – hier irrt er.
Verliebtsein macht blind – das stimmt. Der Verliebte fiebert seinem Ergänzmichdu entgegen. Er überschaut gar nicht das Potential einer Zweierbeziehung. Er sieht durch eine rosarote Brille und er sieht, den anderen vergötternd, nur sich. Er verliert den Boden unter den Füßen, auf dem beide gleich gut gehen können.
Liebe dagegen macht sehend. Eminent sehend sogar: sie sieht den anderen, wie er ist. Mit seinen Licht- und Schattenseiten; und sie spricht ihr „ja“ zu beiden von ihnen.

Du, Claudia, bewunderst an Lars sein enzyklopädisches Wissen; und Du, Lars, an Claudia ihr hohes Maß an Gelassenheit und Selbstdisziplin.
Aber Du, Claudia, bangst auch angesichts seiner Gespräche über Gott und die Welt, dass er sich verlieren könnte; und Du, Lars, beklagst Eure unterschiedlichen Vorstellungen von Ordnung und weißt, dass ein Übermaß an Selbstkontrolle auch die Lebensfreude und Spontanität unterdrücken kann.

Und genau in dieser Spannung von angeblichen Licht- und Schattenseiten kann fruchtbar das wachsen, was Beziehung gelingen, Ehe stark werden und Liebe immer wieder neu finden lässt: der Dialog.

Er ist der Boden, und sei das Gelände noch so unwegsam, auf dem beide gleich gut gehen können.

Über der Ehe liegt Gottes Segen aus einem Grund besonders. Er hat Mann und Frau nach seinem Bilde geschaffen. Und das heißt nun nicht, dass er irgendwie so aussähe wie ein weißbärtiger Mann oder so wäre, wie in jenem Witz: she is black! Sondern Gott ist in dem nah, was zwischen Mann und Frau geschieht. Wo Mann und Frau sich begegnen, da will Gott sich ereignen. Und zwar in allem, was zwischen Mann und Frau passieren kann. Da mögen die Konfirmanden nun rot werden oder nicht. Gerade zwischen Liebenden erfindet er sich am liebsten immer wieder neu. Dialog der Eheleute und überhaupt Dialog zweier Unterschiedener ist Prozess, schafft Zukunft.
Ein einziges mal hat Gott sich in der Bibel selbst beschrieben. Dem Mose gegenüber hat er gesagt: Ich bin der, der sich im Werden offenbart. „Ich bin, der ich sein werde!“
Dialog schafft ihm Zukunft. Er schafft sie durch Krise und Auseinandersetzung hindurch, er schafft sie über sich Einlassen, Wachstum und gewonnene Einigkeit. In diesem Prozess blitzt noch einmal von seiner Zielrichtung auf, warum ehelicher Dialog etwas mit Gott und Gott so viel mit Ehe zu tun hat, weil er die gewonnene, weil er die Einheit selbst ist.

Da fand ich, den meine Seele liebt.

Seelenverwandtschaft hat nichts mit Ordnungsvorstellungen zu tun, mit Frühaufstehern oder Langschläfern, nicht viel damit, welche oder wie viele Bücher jemand liest. Den mit derselben Wellenlänge gefunden zu haben steht über dem Weltlichen. Unspektakulär und unaufgeregt ist der Zusammenzug zweier Seelenverwandter.
Darum war Eure Beschreibung des Zusammenzugs ein Hinweis: weil eine Beziehung fließen muss. Der Alltag darf selbstverständlich, das Besondere aber muss besonders sein. Das Du muss das Besondere bleiben. Dann bleibt der Dialog wichtig, witzig, weiterführend und lebendig.

Ein Bild dafür mögen Eure Reiseziele sein. Wie Ihr Eure Urlaubsgestaltung als Folie für Euer Seelenzusammenspiel entdeckt habt. Ob Kauz oder Kontenance spielt dann keine Rolle. Kultur interessiert beide.
Eure Trauzeugin hat den libanesischen Dichterphilosophen Khalil Gibran bemüht und sein Bild von den beiden Instrumentensaiten, die jede für sich schwingen will, deren Zusammenklang aber Harmonie ergibt.

Diesen Gleichklang Eurer beiden Seelen wünsche ich Euch – immer ganz im hier und jetzt in den Jahren, die Gott Euch reichlich schenken möge. Amen.

Erfahrung mit der Erfahrung

Beerdigungsansprache über Ps 43, 3
für
Paula Hammen
*22.04.1922 +08.06.2010
14. Juni 2010
Johanneskirche zu Mertesdorf-Grünhaus

Liebe Familie Hammen,
die Sonne im Mittelpunkt Eures Familienkreises scheint erloschen.
Paula, Ihre liebe Frau, Eure Mutter und Großmutter, lebt nicht mehr. Ich habe sie als eine außerordentliche Frau kennen gelernt. Klein an Statur, doch von großem Herzen. Ich möchte einen Menschen mit meiner Trauerrede würdigen, der offen und einladend war, aber von distinktem und klar konturiertem Charakter.
Zwischen einem Vater mit den Wertemustern der Kaiserzeit und einer liebevoll fördernden, bedachten Mutter wuchsen drei Kinder auf: Paula und ihre beiden älteren Brüder. Zwischen kaufmännischem Betrieb und familienfreundlicher Dorfgemeinschaft wurden die Fähigkeiten und Werte gesät, die es heute bei Paula zu würdigen gilt.
Zuallererst trieben die älteren Brüder ihr jegliche Zimperlichkeit aus. Sie war hart im Nehmen und sicher auch von den Spielen der Geschwister mitgeprägt. Drahtig und sportlich wurde sie. Die Sportlichkeit hat sie bis ins hohe Alter beim Bergwandern und Skifahren unter Beweis gestellt.
Sie wuchs in einer familienorientierten, doch männerbestimmten Welt auf. Zweifelsohne war es der Vater, der das letzte Wort sprach. Handwerkliche Qualität, die kaufmännischen Qualifikationen des Kalkulierens, Messens, Rechnens hat sie von seiner Seite mit auf den Weg bekommen und ein Leben lang zum Wohle ihrer Familie eingetragen. Ihre hohe soziale Intelligenz, der ausgeprägte Familiensinn zeitigten sich als weibliche Mitgift und tragen Früchte heute bis in die dritte Generation.
Die in der Weimarer Republik geborene Paula besuchte in Kirchberg von 1928-36 die Schule. Als sie die Schule verließ und konfirmiert wurde, trug ihr Konfirmationsdokument den Spruch: „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten“ (Ps 43, 3). Dieser Vers, sowie die Ermutigung Jesu, anzuklopfen und mit Berechtigung auf Antwort zu hoffen, bestimmten ihre Hoffnung und Haltung. Es war zeitlebens die Haltung eines unermüdlichen Menschen. In ihre Sprache übersetzt, lautete das Motto „Man muss nur wollen!“
Schon im Arbeitsdienst war es immer Paula, die zu den Verletzten gerufen wurde. Sie konnte verbinden und aufhelfen. Spätestens hier trat ihre Gabe zu helfen zu tage. Sie träumte laut davon, den Ärmsten der Armen, den Obdachlosen in Bangladesch zu helfen. So brachte sie ihre soziale Ader auf den Begriff. 1946 mündete diese Sehnsucht in eine Ausbildung als Krankenschwester. Allein – die große Fördererin ihrer Pläne, ihre Mutter, starb plötzlich noch vor ihrem Examen. Trotz dieser Belastung schloss sie mit Auszeichnung ab und begann in Bad Hersfeld im Krankenhaus. Hier wurde sie mit den Republikflüchtigen konfrontiert, die im Todesstreifen ernsthaft verletzt worden waren und erste ärztliche Versorgung erfuhren. Hier bewährte sie sich in der Praxis, dem Motto ihrer Ausbildungsschwester getreu: „Es gibt nicht: es geht nicht. Es geht!“ Ein Prinzip, das sie für ihr Leben übernahm, und das den Schein von jenem Geist aufleuchten lässt, der sie selbst ein Leben lang leitete.
Rückgrat hatte sie auch nötig, denn 1948 rief sie der Vater an den verwaisten Familienherd zurück. So blieb es ihr einerseits versagt, einen ihrer Intelligenz entsprechenden Beruf zu ergreifen, andererseits konnte sie dadurch ihre Flexibilität unter Beweis stellen. Es gehört zu ihren grundsätzlichen Charakteristika, dass sie sich nicht entmutigen ließ, Ziele mit langem Atem und großer Geduld verfolgen konnte.
Vornehmlich in ihrer eigenen Familie legte sie diese Tugenden an den Tag. Denn, nun wieder in der Heimat, beginnt ihre eigene Familiengeschichte. Sie verlobt sich mit dem Rechtsreferendar Heinrich Hammen und heiratet ihn 1953. Der ehemalige Schulkamerad aus der Klasse unter ihr kann jedoch nur am Wochenende in Kirchberg sein, denn sein Arbeitsplatz ist Trier. Erst 1955, nach der Geburt des ersten Kindes, Horstens, zieht die gesamte Familie in der Römerstadt unter ein Dach am Linzplatz, später in der Nikolausstraße. Im Mai 1956 wächst die junge Gemeinschaft um Tochter Gabi.
In den sechziger Jahren führt Familie Hammen gezwungenermaßen noch einmal einen doppelten Haushalt. Die Arbeit des jungen Staatsanwalts lässt ihn unter der Woche nach Bad Kreuznach pendeln.
Paula spielt ihre Talente als Familienmanagerin aus. Sie näht und kocht. Das Nähen – quasi eine natürliche und überlebensnotwendige Begabung ihrer Generation – praktiziert sie noch gemeinsam mit den Enkelkindern; und ebenfalls durch die Enkel stand sie noch bis vor kurzer Zeit bei telefonisch erfragten Rezepten Pate, noch aus dem Krankenbett und fernab jedes Kochbuches diktierte sie ihnen Rezepte.
Überhaupt war sie ein überaus praktischer Mensch. Sie war patent und schätze auch die handwerkliche Arbeit anderer. Sie hatte eine hohe Meinung vom Handwerk – ebenfalls ein familiäres Erbe; und sie legte Wert auf gediegene Ausführung. An der Wohnungseinrichtung kann man dies bis hin zu ihrer letzten Ausgestaltung eines Nestes, der Wohnung in der Residenz am Zuckerberg, belegen.
Zuhause – 1967 in Koblenz in der Johannes-Müller-Straße und ab 1978 wieder in Trier, jetzt Auf Mohrbüsch 69 – war sie leidenschaftlich gern Gastgeberin. Sie verstand es zu planen und war kulturbeflissen.
Am meisten schätzten ihre Freunde aber ihre unbestechliche Gradlinigkeit. Für andere nicht immer nur ein angenehmer Zug, denn im Gegensatz zum Wohnungsinterieur verpackte sie ihre Meinung nicht immer aufwändig. Meinung, das Wort sagt aus, dass jemand sich etwas zu eigen gemacht hat, angeeignet hat, so dass es zu einem Teil von ihm selbst, eben „meins“ geworden ist. Paula war geradeheraus. Jeder wusste, wo sie steht. Sie kehrte nichts unter den Teppich. Im Dialog mit ihr konnten Familienangehörige und Freunde wachsen. Denn gleichzeitig strahlte sie eine stichfeste Annahme aus, so dass ihre andere Position keinesfalls einer Ablehnung gleichkam. Im Gegenteil: ihre offene Herzlichkeit war einladend und mütterlich. Man mochte sich ihr anvertrauen.
Diese Kombination von wahrhaftiger Direktheit und warmherziger Annahme kommt mir wie ein Reim vor auf jenes „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten“ von ihrer Konfirmation.
Denn Gottes Wahrheit ist nichts Absolutes, sondern will wieder und wieder zwischen den Menschen dialogisch gefunden werden. Sie hat weniger mit Führung als mit Gemeinschaft zu tun. Diesbezüglich ist Paula wirklich jung geblieben. Sie war offen für Neues. Ob das die Musik der Kinder und gar Enkel war oder technische Errungenschaften, wie sie sie interessiert durch das Fenster ihrer Frankfurter Allgemeinen wahrnahm. Um die Ihren kümmerte sie sich und sie vertiefte ihr Verständnis dessen ernsthaft, womit die Ihren sich beschäftigten. Hier reicht ihre Dynamik ihrer Hilfsbereitschaft wieder die Hand: ein Hilferuf der Kinder aus Berlin, Haan oder Frankfurt und sie machte sich auf den Weg. Praktische Unterstützung und emanzipatorische Ermutigung, beides war ihres. Bezeichnend ist für sie die Frage angesichts des Marmorgrabes des von ihr geschätzten Freiherrn von Goethe: und wo bitte ist das Grab von Christiane Vulpius? Paula Hammen, die Gradlinige, die in sozialen Bezügen Denkende. Die Unermüdliche, die immer noch einen Berg mehr erklimmen, immer noch für eine kulturelle Stätte weiter das Pflaster treten konnte, sie ist am Ende ihres irdischen Weges angekommen. Sie hatte einen Hausheiligen, das war Goethe. Im Blick auf das Lebensende reimten sich ihre Einstellungen mit den Gedanken des Freiherren. Er schreibt: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur. Er ist Fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit; der Sonne ähnlich, die nur vor unseren irdischen Augen unterzugehen scheint, aber in Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit fortleuchtet.“ Amen.

Entwicklungsstufe (Konfirmation)

Konfirmationsansprache „Stufen
über Gen. 28, 10 – 18
St. Martinus, Mertesdorf
03. Juni 2010
Jakob zog aus von Beerscheba und ging Richtung Haran. Er gelangte bis zu jenem Ort und blieb dort über Nacht, weil die Sonne schon untergegangen war. Er nahm einen von den Steinen des Ortes, machte ihn zum Lager für sein Haupt und legte sich an jener Stätte schlafen. Da träumte ihm: Siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, deren Spitze den Himmel berührte. Und siehe, Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und Gott selbst stand oberhalb von ihr und sprach: „Ich bin Jahwe, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du ruhst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommenschaft soll wie der Staub der Erde werden … und durch deine Nachkommen sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden. Siehe, ich bin mit dir; ich will dich überall behüten, wohin du gehst, und dich in dieses Land zurückführen. Denn ich werde nicht von dir lassen, bis ich vollendet habe, was ich dir verheißen.“ Jakob erwachte von seinem Schlaf und sprach: „Wahrlich, Jahwe ist an dieser Stätte, und ich habe es nicht gewusst!“ Ehrfurcht überkam ihn und er sagte: „Wie ungeheuer ist dieser Ort. Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und hier ist die Pforte des Himmels!“ Als Jakob früh am anderen Morgen aufgestanden war, nahm er den Stein, den er zum Lager für seinen Kopf gemacht hatte, richtete ihn als Denkstein auf und goss Öl darüber. Er gab jener Stätte den Namen Bethel, das heißt „Haus Gottes“.


„Ich bin dann mal weg“, dieses Buch Harpe Kerkelings hat Pilgerreisen wieder in gemacht. Rom, Lourdes, Jerusalem und Santiago de Compostella sollen Ort der Gottesbegegnung sein, wie eben auch dieser Ort, der die Gottesnähe schon im Namen trägt: Bethel – Haus Gottes.
Was es mit den sogenannten heiligen Orten und vor allem, was es mit der Anwesenheit Gottes auf sich hat, das lehrt diese Geschichte von Jakobs Traum. Sie mag zwar Interessierten eine Erklärung dafür anbieten, warum der alte Ort Lus seit 3600 Jahren Bethel heißt, doch viel wichtiger ist, was diese Legende aus uralten Zeiten mit Dir und mir heute zu tun hat.
Mit einer Vorgängerform von Pilgerreisen im Pulman hat sie nämlich nichts zu tun. Jakobs Widerfahrnis ist wahrlich keine Ferienreise. Ein kurzer Blick auf die Vorgeschichte dieser Nacht beleuchtet, warum der Mann ein so unbequemes Nachtlager improviserit. Das Schlitzohr Jakob hatte die erdverbunden-stumpfe Art seines älteren Bruders, seinen physischen Hunger ausgenutzt, um ihm gegen ein Linsengericht das Erstgeburtsrecht abzuknöpfen; er hatte die Blindheit seines alten Vater missbraucht, um dessen Segen zum neuen Familienoberhaupt zu ergattern. Einen Sterbenden betrogen, seine eigene Familie übervorteilt, eine ganze Sippe in Rage gebracht hat dieses Muttersöhnchen. Und die Mutter, die schöne Rebekka, hat mitgemischt und angesichts der Mordswut des älteren Bruders die Idee von der Reise zum Zwecke der Brautschau aus dem Hut gezaubert, um ihren Filius in sichere Distanz zu bringen.
Sein plötzlicher Aufbruch ist nichts anderes als eine Flucht, ein Untertauchen, bis der Zorn des düpierten Bruders verraucht ist. Das Muttersöhnchen hatte Vaters Liebling wirklich nach allen Regeln der Kunst abgezockt.
Jakob, dieser hebräische Name heißt auf Deutsch: „Trickser“, „Betrüger“
Wenn Sie also heute einen rednerischen Zuckerguss über die heimischen Geschenktische und das Familientreffen erwartet haben, muss ich Sie enttäuschen. Vom Ernst des Lebens ist die Rede: von Intrige, Familienzwist und Gewaltandrohung. Fast so, wie im wirklichen Leben.
Mit solchen Charakteren will Gott seine Geschichte verwirklichen? Mit solchen Leuten will er zu tun haben? Gerade den auf Erfolg Gierigen verheißt er Erfolg? Solche Fragen verdienen die nähere Betrachtung, wie Gott sich diesem Mann offenbart. Denn stellen wir uns unter Gott nicht die Macht vor, die die Benachteiligten, die Übervorteilten, die Randexistenzen wieder ins Recht setzt?
Jakob dagegen ist ein Karrierist, ein Erfolgsmensch, einer, der für seinen Vorteil andere austrickst. Er hat sein Vorankommen im Blick und darum ist er ein typischer Vertreter auch unserer Zeit.
Ein wenig Workaholic, der den Bogen überspannt, der hat sich verrannt hat. Im Augenblick geht es ihm eigentlich gar nicht gut. Die Nacht fällt in diesen Breiten schnell über das Land herab. Sie ist gleichsam ein Bild dafür, dass es dem flüchtenden Jakob bald schwarz vor Augen werden könnte. Eben hat er mit ihnen noch die Steppe nach dem richtigen Weg abgetastet, hat nach gefährlichen Tieren Ausschau gehalten, jetzt fallen sie ihm zu. Es könnte ein böses Erwachen geben. Doch es kommt anders.
Er sieht mit geschlossenen Augen. Ausgerechnet in dieser Phase, äußerlich gefährdet, körperlich erschöpft, materiell kaum ausgestattet, psychisch schwer belastet, ausgerechnet in der Wehrlosigkeit seines Schlafes und in dieser wirklich glanzlosen Situation, ausgerechnet sozusagen in der Wüste seines Lebens würdigt ihn Gott seiner Aufmerksamkeit.
Das gibt zu denken. Es lehrt, dass unsere Bedürftigkeit und unsere Würde vor Gott dicht beieinander liegen. „Wir sind Bettler, das ist wahr“, sollen Luthers letzte Worte gewesen sein. In erlebter, erlittener und erkannter eigener Armut kommt uns Gott entgegen und will uns nah sein. Nicht die Erfolge, die wir für unser Ego brauchen, die wir inszenieren, um vor anderen gut da zustehen, bringen uns Gott näher – im Gegenteil. Aber offensichtlich regiert Gott nicht in unsere diesbezüglichen Fehlentscheidungen, groß rauszukommen hinein. Der erfolgsorientierte Jakob ist wirklich nicht in einer Situation, in der er mit Gott gerechnet hätte.
Aber auch er, der keine Chance ausgelassen hat, nach oben zu kommen, der ehrgeizig durch seine Jugend gehetzt ist, macht an diesem Abend intuitiv etwas richtig: er legt sich schlafen, obwohl er es eilig hat; er entspannt sich, obwohl er angespannt ist; er gönnt den Füßen Ruhe, obwohl er sie rennen lassen möchte; er macht sich lang, obwohl er auf dem Sprung ist – kurz: er macht das, was wir tun, wenn wir sagen „Ich muss noch mal darüber schlafen“.
So gewinnen wir Abstand, Draufsicht auf eine Sache, Überblick.
Liebe Gemeinde, die ganze Jakobserzählung ist eine Erfahrungsgeschichte. Sein ganzes Leben ist ein Reifungsgeschick. An die Nacht in Bethel werden sich zwanzig Jahre im Exil anschließen. In deren Verlauf wird der Betrüger selbst zum Betrogenen. Sein Schwiegervater gibt ihm in der Hochzeitsnacht nicht die ausgemachte, die angebetete Geliebte zur Frau, sondern die ältere Tochter, die unvermittelbare schiebt er ihm unter. Das war wohl in Zeiten, als die Frauen noch Schleier trugen, möglich. Jakob muss den Perspektivenwechsel lernen. Er erfährt jetzt die Warte des Betrogenen.
In dieser Nacht, von der unsere Perikope erzählt, lernt er ebenfalls mit anderen Augen zu sehen. Eine Leiter verbindet Himmel und Erde. Und der Karrieretyp und Himmelsstürmer kommt nicht einmal im Traum auf die Idee, diese Leiter empor zu klettern. Er hat sich gleichsam über Nacht verändert, denn er erkennt: ich muss nicht hoch hinaus, Gott kommt zu mir. Offensichtlich war der Mann reif für diese Erfahrung.
Jakob entwickelt sich, er steigt eine Erfahrungsstufe empor und seine Perspektive ändert sich.
Der Träumer Jakob ist dem tragenden Grund seines Lebens und dessen wahrem Ziel begegnet. Indianer ziehen sich an einsame Orte zurück und warten auf die Inspiration, bis sie ihr Totem finden. Jakob geschieht dies, ohne dass er es geplant hat. Gott widerfährt ihm.
Er hat bisher im Leben ohne ihn gerechnet. Auch hier verändert sich sein Leben. Denn als er am anderen Morgen die Augen öffnet, sagt er nicht: Träume sind Schäume und wischt seine nächtliche Wahrnehmung vom Tisch. Sondern er weiß es. Er hat Wesentliches geschaut: dass nämlich Himmel und Erde verbunden sind. Der Himmel ist offen. Gott nah. Er weiß sich ihm verbunden. Jakob ist mit dem inneren Kern seiner Persönlichkeit in Kontakt gekommen, seinem spirituellen Ich.
Wo ein Mensch das erfährt, ist nicht entscheidend. Ob auf dem Weg nach Santiago de Compostella oder in der Schlange morgens im Auto auf dem Weg zur Arbeit.
Der gnadenlos austricksende Jakob wird durch diese Erfahrung zum Begnadeten. Oft wirft so eine Entwicklung alles über den Haufen. Solch eine Stunde ist dann schon einen persönlichen Ort der Erinnerung wert, und sei es so improvisiert, wie Jakob es tut. Aber der wahre Ort des Geschehens ist und bleibt das Herz des Menschen. Jakobs körperliche Augen waren gen Haran ausgerichtet, aber er lernt, dass das Eigentliche unsichtbar ist und wir nur mit dem Herzen gut sehen.
Kirchen können nicht automatisch solche Erfahrungen vermitteln; auch ein Konfirmandenunterricht kann das nicht leisten, und sei er noch so gut. Hin zu gehen oder hin zu pilgern genügt nicht. Unsere katholischen und evangelischen Kirchen sind nur ein Symbol. Mit ihren Türmen erinnern sie an die Himmelsleiter und wollen zeigen, dass der Himmel offen ist, dass Gott da ist, auch wenn Ihr nicht mit ihm rechnet, dass allein die von ihm vorgesehenen Lebensstufen, dass allein der Perspektivenwechsel uns weiter bringt. Das Ziel Eures Lebens zu finden, dazu öffne Euch Gott die Augen. Amen.

der Gemeingeist von Pfingsten ist ökumenisch

Predigt
Pfingsten 2010
über 1. Kor 12, 4 – 11, 13a
Gehalten am: 23. Mai 2010 in: Gusterath und Grünhaus
24. Mai 2010 Eitelsbach (14 Nothelfer)
Gewiss, es sind uns verschiedene Geistesgaben zuteil geworden, aber es ist ein und derselbe Geist, und verschiedene Weisen zu dienen, aber ein und derselbe Herr; und verschiedene Geist-erweise, aber ein und derselbe Gott, der alles in allen zur Geltung bringt. Jedem einzelnen aber wird seine besondere Weise, wie der Geist sich durch ihn zeigt, so gegeben, dass es zum allgemeinen Nutzen ist: dem einen wird durch den Geist gegeben, dass er Weises spricht, dem anderen, dass er das Wissen vergrößert, einem dritten ein unerschütterlicher Glaube, wieder einem anderen die Gabe durch Geisteskraft zu heilen, noch einem anderen, über göttliche Kräfte zu verfügen und wieder einem anderen die prophetische Rede; einer vermag diese Geister zu unterscheiden und ein anderer beherrscht das Zungenreden, wieder ein anderer, dieses auszulegen. All dies bewirkt ein und derselbe Geist, der jedem einzelnen zuteilt, wie er will. Durch ein und denselben Geist sind wir alle zu einem Leib getauft.
Hätten es meine Eltern gewusst, es wäre ihnen sehr peinlich gewesen. Sie hätten befürchtet, man würde ihnen unterstellen, sie würden ihren Kindern zu wenig zu essen geben. Es muss mitten in der Grundschulzeit gewesen sein, als ich auf einem Kindergeburtstag vierzehn Stücke Kirschkuchen gegessen habe. Das sind zwei Stücke mehr als die Mutter des Geburtstagskindes aus einer dieser leckeren Bisquitböden geschnitten hatte. Es traf keinen Armen, und wir Jungs hatten eine Freude daran, die Geburtstage dieses Mitschülers zu feiern. Wir aßen alle gut in jenen Jahren, wollten wachsen und aus den kurzen Lederhosen ragten unten von Abenteuern zerschundene und viel zu dünne Beine heraus.
Ob ich es inzwischen gelernt habe, mich auf Einladungen zu benehmen?, das dürfen Sie am Ende meiner Ansprache beurteilen. Denn auch hierher folge ich einer Einladung. Ich bin ihr genauso gern gefolgt wie damals der zum Kindergeburtstag. Auch wenn ich weiß, dass ich heute als evangelischer Christ in dieser schönen katholischen Kapelle weder etwas zu essen noch vom Wein des Festes zu kosten bekommen werde.
Was begehen wir an diesem kirchlichen Festtag heute eigentlich? Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu, Ostern feiern wir seine Auferstehung, aber was feiern wir Pfingsten? Pfingsten ist für viele zur Verlegenheit geworden: ein Sommerfest, ein Ausflugsfest – oder doch ein christliches Fest?
Die Bibel erzählt, dass Gottes Geist am Pfingsttag über die Jünger kommt und ein großes Sprachwunder bewirkt; dass Petrus eine große Predigt hält, die zur Gründung der ersten Gemeinde führt.
Sie, die Sie hier versammelt sind, wissen, dass Pfingsten dadurch zum Geburtstag der Kirche geworden ist. Das ist der Grund dieses Festes: auch eine Geburtstagsparty also.
Diese Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte, sie verrät, wes Geistes Kind Kirche eigentlich ist. Dass sie eben kein Kind bewusster menschlicher Planung, kein Spross gründlichen Unternehmertums, kein Produkt menschlichen Willens ist. Sie ist ein Wunder.
Denn ist es nicht immer wieder ein Wunder, wenn Menschen ihre Ängste hinter sich lassen, wenn Jünger aus den Kellerlöchern ihrer Angst auftauchen, wenn sie die Depression nach Jesu Tod, wenn sie ihre Zweifel, vielleicht einem Versager nachgelaufen zu sein, wenn sie ihre Befürchtungen, nun selbst gesucht und verfolgt zu werden hinter sich lassen und in der Öffentlichkeit das Wort ergreifen?
Keine Frage, die Jünger Jesu waren in einer existentiellen Krise. Und wie zu Pfingsten geht es auch bei der von Paulus angesprochenen Taufe um das Wunder des Wiederauftauchens. Sie haben einen inneren Weg in dieser Zeit des Untergetauchtseins hinter sich gebracht. Die Vorgeschichte dieses Festtages lässt eine Krise als Quellgrund neuen Lebens deutlich werden, den Konflikt als Kraft für Wachstum, die Infragestellung als Chance für die weiterführende Antwort. Die Jünger kommen heraus als Kinder eines anderen Geistes. Sie wissen um das, was wirklich trägt: Jesu angebliches Scheitern verstehen sie jetzt als großen Durchbruch, als Basis wahrhaftigen Lebens. Ihr Miteinander wird vom Geist unbändiger Verbindlichkeit durchweht. Davon wollen sie erzählen, dafür wollen sie werben. Die tiefe Wahrheit des Pfingstwunders ist, dass Sprachgrenzen überwunden werden. Alle Welt versteht sich.
Das, liebe Gemeinde, ist auch der Auftrag von Pfingsten. Wunder und Aufgabe zugleich, immer wieder: dass Mensch sich auf ihrem Flecken nicht genügen, nicht selbstbezogen bleiben, dass sie aus sich herausgehen, dass sie etwas riskieren, das Gemeinsame suchen, dass sie sich aufeinander einlassen, dass sie sich mitteilen. Und schließlich Verständigung gelingt. Der Geist neuer Verbindlichkeit eben regiert.
An diesem Geburtstag der Kirche werden keine Gründungsurkunden gesiegelt und keine Verfassung erlassen. Wenn Sie heute einen evangelischen Pfarrer eingeladen haben, dann lohnt es sich offensichtlich, gemeinsam auf diese Geschichte zu schauen. Denn Pfingsten verlassen Menschen ihre engen Grenzen, springen über Zäune und gehen aufeinander zu. Und das Tollste: mit Pfingsten hat niemand rechnen können. Das ist es eben: machen lässt sich Kirche, wie sie eigentlich ist und sein will, nicht. Unvorhersehbar, glaubwürdig und ausdrucksstarkDas ist damals nicht anders gewesen als heute.
Pfingsten befragt uns. Uns als Menschen unterschiedlicher Konfessionen – aber als Mitglieder der einen Kirche. Uns als Christen, die wir wissen, dass die Abendmahlsgemeinschaft das deutlichere Zeichen wäre. Wir wissen um unsere gegenseitige Geschichte, wir sind stolz auf sie und definieren uns durch sie. Zu Recht. Aber wir leiden auch an ihrer gegenwärtigen Unvollkommenheit, am Allzumenschlichen, das eine Institution immer mit sich bringt; und doch: Pfingsten selbst predigt uns, dass wir auf ein Wunder hoffen dürfen! Wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts haben das vor kurzem lernen können. Denn, Hand aufs Herz, wer hat mit der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands zu Lebzeiten gerechnet? Wer hat auf die Wirkung der Gebete von Leipzig und Berlin gesetzt?
Genauso hören in diesen Tagen des 2. Ökumenischen Kirchentages erstaunte Massen die zölibatkritischen Worte eines deutschen Bischofs. Auch das habe ich zu Lebzeiten nicht erwartet. Hans Küng, ein enger Freund meines Tübinger Familienteils, hat alle Bischöfe zu einer Besinnung auf den Wert der Konzilstradition aufgerufen. Miteinander reden, aufeinander hören, sich hineinversetzen in das Gegenüber, gegenseitiges Verstehen: immer wieder ein Wunder, immer wieder ein Stück Pfingsten. Und immer wieder Kirche im eigentlichen Sinne, nicht die menschengemachte, die verfasste Kirche, sondern die, in der der Geist Gottes weht.
Liebe Gemeinde, eine Institution – und ich spreche da ausschließlich aus der eigenen Erfahrung mit meiner Amtskirche – neigt dazu, sich selbst wichtig zu nehmen, wichtiger als Jesu Botschaft, neigt dazu, sich selbst erhalten zu wollen.
Sie ist als verfasste Kirche selbst nicht anders als einer dieser Jünger, der zwischen Ostern und Pfingsten in den Untergrund geht in der Hoffnung, dass der Suchscheinwerfer der römischen Fahnder nicht auf ihn fällt und er sein Leben so rettet.
In diesen scheinbar unwichtigen vierzig Tagen werden die beiden großen Kräfte offenbar, die uns Menschen bestimmen, zwischen die wir eingespannt sind, um uns zu bewähren: Angst und Vertrauen. Haben oder Sein. Sich bewahren, retten zu wollen und sich zu verschließen oder sich zu öffnen, sich anzubieten und etwas zu riskieren; die Faust zu schließen oder die Hand zu öffnen. Zurückzuhalten oder zu geben.
Bleiben zu wollen, wie man ist und halten zu wollen, was man hat, das ist der Ungeist unserer und einer jeden Zeit. Ist der Geist, der Gott zuwider läuft.
Denn Gott will sich erweisen, sich ereignen. Und am liebsten tut er das zwischen Menschen. Gerade auch in seiner Kirche. Darauf dürfen wir uns verlassen. Gott sei Dank. Er ist der eine tragende Urgrund. Wir dürfen Tänzer nach seiner Melodie des Lebens sein. Seien wir es auch. Lassen wir uns bewegen. Wie damals zu Pfingsten, als Menschen aus sich heraus gingen, den Mund aufmachten und als Zaungäste zu Begeisterten wurden, eben Feuer und Flamme für die Sache Jesu wurden.
Im Vertrauen auf ihn, den All-Einen, der zusammenführt, was verstreut ist, lassen Sie uns reden und handeln. Wesentlich ist Gott Geist. Und dieser sein Geist ist der Gemeingeist. Ein Geist, der Verständnis füreinander weckt und Gemeinschaft miteinander entstehen lassen will, weil Gott wesentlich Einheit ist. Ein Geist, der bei aller Unterschiedenheit sich auch in Einheit und Einigkeit ausdrücken will.
Jeder von uns ist dabei in seiner Besonderheit gefragt. Das ist wie bei den großen Fußballspielen, die vor uns liegen. Erst im Miteinander werden die großen Einzelbegabungen erfolgreich und dann fällt ein Tor. Hätte Paulus schon den Fußball gekannt, dann hätte er vielleicht nicht „ein Leib“, sondern „eine Mannschaft“ gesagt. Denn das ist gemeint: Eins zu sein im Geist unseres gemeinsamen Sakraments: der Taufe. „Durch ein und denselben Geist sind wir alle zu einem Leib getauft“.
Und jedes Mal, wenn dieser Geist befreiender Verbindlichkeit in uns herrscht, ist Pfingsten, feiert die Kirche neu Geburtstag. Ein guter Grund nicht für 14 Stücke Kirschkuchen sondern heute für alle 14 Nothelfer. Wie gesagt, ich bin gern Ihrer Einladung gefolgt. Gott, gib uns deinen Geist. Amen.

Ausweglos?

Predigt über Joh. 7,53 – 8,11
gehalten: 28. März 2010 in: Gusterath und Grünhaus

Lieder: 452, 1-3 Lesung: Mk 14, 3-9
659
262, 1.2.6. Liturgie Nr.36
644
98
Das Kirchenjahr zeichnet den Lebensweg Jesu nach. Mit dem heutigen Palmsonntag ist er mit seinen Jüngern in Jerusalem angekommen. Die Evangelisten machen deutlich, dass sowohl Jesu Tätigkeit seinem Höhepunkt entgegen strebt als auch, dass die Situation zu eskalieren droht. Alles starrt auf den Kulminationspunkt Jerusalem. Noch einmal verdichtet sich das, was der Mann aus Nazareth lebt und lehrt.
Jesus aber stieg auf den Ölberg. Am nächsten Morgen ging er wieder in den Tempel. Das ganze Volk kam zu ihm, und er saß da und lehrte sie. Da führten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herein, die man beim Ehebruch ertappt hatte. Sie stellten sie vor ihn hin und sagten: „Lehrer, diese Frau wurde beim Ehebruch ertappt. Mose hat uns im Gesetz aufgetragen, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?“ Das war eine Fangfrage, die einen Vorwand zur Anklage liefern sollte. Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger etwas auf den Boden. Als sie weiter in ihn drangen, richtete er sich auf und sagte: „Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, soll als erster einen Stein auf sie werfen!“ Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter. Als sie seine Worte hörten, gingen sie beschämt davon, die Ältesten zuerst. Jesus blieb allein zurück, die Frau stand immer noch vor ihm. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: „Frau, wo sind deine Ankläger? Hat dich keiner verurteilt?“ Sie antwortete: „Keiner, Herr.“ Da sagte Jesus: „Auch ich verurteile dich nicht. Nun geh und sündige nie wieder.“
Nicht nur Jesu Wege und Worte verdichten sich in dieser Geschichte, sondern auch der Konflikt mit der einen großen anderen Lebenseinstellung eskaliert. In den anonymen Personen der „Schriftgelehrten und Pharisäer“ bezieht eine Weltanschauung Position, der das Leben und Lehren Jesu ein Dorn im Auge ist. Schon ein halbes Evangelium, oder ein halbes Verkündigungsleben Jesu lang empören sie sich über ihn, stellen ihm nach und versuchen, ihn mundtot zu machen. Seine Freiheit um nicht zu sagen Freizügigkeit, sein unbändige Eigenständigkeit, um nicht zu sagen ständige Unbändigkeit, seine Vollmacht, wie sie das Volk bestaunt, bringt die Law-and-order-Typen kirchlich geregelten Glaubens, bringt die professionellen Heilsvermittler in Rage. Denn Jesu Leben führt ihnen ständig vor Augen, was ihnen fehlt: die Unmittelbarkeit Gottes!
Nun ist Jesus in Jerusalem. Und es ereignet sich dies. Eine ungeheuerliche Geschichte. Keiner der anderen Evangelisten hat gewagt, sie aufzuschreiben, hat sich zu erinnern gewagt.
Die Amtskirche, die Heilsverwalter treiben Jesus in die Enge. Sie stellen eine Fangfrage. Eine Fangfrage ist dadurch gekennzeichnet, dass es keine Lösung, kein Entkommen gibt. Wendet sich Jesus gegen das Gesetz des Mose, kann er zur eigenen Steinigung gleich an Ort und Stelle bleiben. Stimmt er aber den mosaischen Vorschriften zu, dann verleugnet er sein ganzes Leben, seine Zuwendung denen gegenüber, die unter den Zwängen einer institutionalisierten Gesellschaft, vor allem einer dirigistischen religiösen Ethik leiden und krank geworden sind. Am Leben bedroht ist diese Frau, es hängt an einem seidenen Faden. Sie hat keine Stimme im juristischen Sinne und wahrscheinlich sitzt ihr die Todesangst dermaßen im Nacken, dass sie keinen Mucks herausbringt. In einer Männerwelt ist sie Opfer eines Diebstahls geworden. Ehebruch ist hebräisch gesehen ein Eigentumsdelikt. Aber vom Dieb keine Spur. Nur sie, das arme Würstchen hatten die Herren am Wickel.
Sie scheint in ihrer vollkommenen Hilflosigkeit das ideale Gegenüber für Jesu Engagement am Einzelnen. Und somit der ideale Speck, um die Maus aus Nazareth in die Falle zu bekommen.
Doch die Maus ist ein Fuchs. Jesus lässt sich nicht ein auf die Ebene seiner Häscher. Er verlässt schon deutlich sichtbar an seiner Haltung diese Ebene. Er hockt sich hin. Einmal mehr erkennen wir, dass kein Wort der Bibel überflüssig ist, so nebensächlich es zu sein scheint. Er entzieht sich den herausfordernden, den vielleicht schon siegesgewissen, den schadenfrohen Blicken.
Und er schreibt. Er schreibt gegenan. Die Zehn Gebote sind das Gesetz. Aber Jesus schreibt am eigenen Gesetz. Es ist das göttliche Gebot der Menschlichkeit. Es ist das von: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Das ist das neue Gebot. Dafür steht Jesu gesamtes Verhalten. Und genau für dieses steht jetzt seine Haltung als der, der das Gesetz neu schreibt.
So(!) und einmal mehr öffnet Jesus die Tür zum Reich Gottes. Indem er nämlich den Kontakt mit den Provokateuren abbricht, sie mit ihrer List und in ihrem Spaltungsversuch „ja oder nein!“ einfach stehen lässt, allein lässt. So unterbricht er eine Automatik, aus der es eigentlich kein Entkommen gab. Es war neben der Falle auch die Automatik derer, die aus Angst vor der Sexualität, aus Angst vor ihrer Unkontrollierbarkeit lieber einen Menschen über die Klinge springen lassen, als dass sie den Dammbruch durch Liberalität, Gleichberechtigung, Freiheit oder auch nur Großzügigkeit riskieren. Man könnte ja einen Präzedenzfall schaffen. Wenn das jeder machen würde…
Ihrer Empörung entzieht sich Jesus. Ich stelle mir vor, wie sie sich ereifern und in schäumender Rechthaberei fast abheben. Jesus aber macht sich klein, vor allem: er erdet sich. Seine Haltung symbolisiert, dass er sich auf den Grund der Wirklichkeit begibt. Nicht der Mensch ist für den Sabbat, für das Gebot da, sondern umgekehrt. Was dient dem Leben? fragt er sich.
Und als er sich erhebt, hören die Umstehenden eine unvermutete Weisheit: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“.
Der Hauptankläger in jüdischen Kapitalverbrechen muss auch den ersten Stein werfen, den Dammbruch zur Steinigung eröffnen. So will es das hebräische Gesetz. So will es klug eine Hemmung vor vorschnelle Klage einbauen und doch das Recht wieder leuchten lassen.
Könnt ihr Schuldigen das Recht auf diese Weise wieder zum Leuchten bringen? fragt Jesus. Aber die Situation ist noch lange nicht geklärt. Denn sein Verweisen auf die eigene Schuld der Ankläger muss nicht aufgehen. Sie haben die Freiheit. Jesu Lösungssatz lässt ihnen die ganze Freiheit.
„Die Auseinandersetzung mit der eigenen inneren Wirklichkeit tritt an die Stelle einseitiger Identifikation mit dem betrogenen Ehemann“ (Hein, 258).
Das Volk wird wohl den Atem angehalten haben. Jeder spürt, dass es hier um nicht weniger als eigene Wahrhaftigkeit geht. Werden die Geistlichen sich wie üblich auf die Seite der Verdrängung, der Abwehr, die auf Vergeltung drängt, schlagen, auf die Seite platter Moral; werden sie, wie wir es von ihnen gewöhnt sind, glauben, dass sie die Neigung zum Gesetzesbruch töten, indem sie den Gesetzesbrecher töten? Wird um der Unschuld willen Blut fließen?
Wir wissen, wie die Geschichte bei Johannes weiter erzählt wird. Wir erfahren, einmal mehr hat die Wahrhaftigkeit gesiegt, die tiefe Einsicht, dass schon der Weg das Ziel sein muss, dass jeder einzelne Schritt schon vom Maßstab des Zieles her dieses nicht unterbieten darf. Niemals heiligt der Zweck irgendwelche Mittel, die nicht gewaltfrei sind. Aber wir spüren auch der Erzählung ab, dass die Handlung alle Akteure in der Schwebe des Lebendigen hält. Es gibt kein Leben nach Schema F. Darum geht der Konflikt mit anderen Lebenseinstellungen auch weiter. Denn es ist einfacher, sich am Geländer der Vorschriften und Ordnungen entlang zu hangeln als diese auf ihren tiefen Sinn hin zu befragen; es ist leichter, eigene Verantwortung abzugeben und so zu tun wie alle tun, als sich dem Widerstand der Law-and-order-Gewohnten auszusetzen.
Schade im übrigen, dass die durch Jesu Spiritualität und Genialität in dieser Geschichte mühsam gewonnene, alles selbst verantwortende Freiheit mit dem Nachsatz des Evangelisten wieder verloren geht. Als hätte Johannes Angst vor des Nazareners Courage bekommen, legt er ihm – völlig deplatziert dieser Frau gegenüber, die gerade mit dem Leben davon gekommen ist und bestimmt auf Wiederholungen keine Lust hat – eine neue unerfüllbare moralische Last auf: „Geh und sündige hinfort nicht mehr“.

Predigt über Mt 17, 1 – 13

Vers. 2

gehalten am:             09. Februar 2003     in: Gusterath (AM)

16. Februar 2003     Hetzerath und Schweich

16. November 2003 Zewen und Ehrang

01. Februar 2004     Grünhaus (AM)
29. Januar 2009 (Vers.2) Gusterath und Grünhaus

Lieder:                       455                             Lesung: 1. Kor. 13, 1-3.12+13 (GD menschl.)

152                                                                                                               358 1.3.5.                  Liturgie: Nr. 25 und eigene

70 1.3.4.

664

Sechs Tage danach nahm Jesus  Petrus, Jakobus und seinen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg; nur sie allein. 2 Dort wurde er vor ihren Augen verwandelt, und sein Angesicht strahlte so hell wie die Sonne, und seine Kleider wurden so weiß wie das Licht. 3 Und siehe, es erschienen vor ihnen Mose und Elia. Die waren im Gespräch mit ihm. 4 Da fiel Petrus ihnen ins Wort und sagte zu Jesus: „Herr, schön ist es, hier zu sein! Wenn du willst, mache ich hier drei Zelte, für dich eins, für Mose eins und für Elia eins.“ 5 Während er so redete, da hüllte eine lichthelle Wolke sie ein; und siehe, aus der Wolke sprach eine Stimme: „Dies ist mein Sohn, dem meine Liebe gehört; ihn habe ich auserkoren: hört auf ihn!“ 6 Als die Jünger das hörten, erschraken sie fürchterlich und ließen sich auf ihr Angesicht fallen. 7 Doch Jesus trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“ 8 Als sie ihre Augen erhoben, sahen sie niemanden mehr ausser Jesus allein. 9 Und beim Abstieg vom Berge befahl Jesus ihnen: „Sagt niemandem etwas von dieser Erscheinung, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist!“ 10 Da fragten ihn seine Jünger: „Was hat es auf sich mit dem, was die Schriftgelehrten sagen: Zuerst müsse Elia kommen?“ 11 Er antwortete: „Gewiß, Elia kommt und bringt alles zurecht. Doch ich sage euch, Elia ist schon gekommen. Aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern ihn in ihrer Willkür abgetan. Genau so wird auch der Menschensohn unter ihnen zu leiden haben.“ 13 Die Jünger verstanden, dass er zu ihnen von Johannes dem Täufer sprach.

Wir befinden uns auf verbotenem Terrain. Es ist eine seltsame Geschichte mit dieser Geschichte. Denn diese Geschichte zu erzählen, hat Jesus den Begleitern verboten. Er wusste, was er tat, denn zuviel Nähe zum Ereignis tut dessen Verständnis nicht gut. Geschichte will aus der Distanz bewertet werden. Petrus liefert mit seinem kurzsichtigen Missverstehen den Beweis dafür. Im Wissen darum hat Jesus verboten von der Schau zu erzählen, bis er auferstanden sein wird.

Nun, Matthäus schreibt seine Botschaft lange nach Jesu Tod auf. Das Verbot ist für ihn zum Gebot geworden. Jetzt muss er von allem erzählen, was sich zugetragen hat.

Wie der Rückgriff auf einen Traum begibt er sich in die

Szene von übernatürlicher Schönheit. Sie ist so unglaublich, dass sich ihr Gehalt gleichsam mit in den Wolken dieser Region hoher Wahrheit zu verbergen droht.

Andere Wundergeschichten sind da auf den ersten Blick zugänglicher:

Die Erzählung vom Seewandel erschließt sich uns schnell in ihre eigentlichen Aussage. Sie will uns sagen: Glaube trägt!

Oder eine Blindenheilung: Jesus möchte dem betroffenen Menschen die Augen wieder öffnen für die Welt, wie sie ist; ihn auffordern, die Welt mit offenen Augen zu sehen und diese nicht mehr zuzumachen vor den Dingen, die dem Betroffenen Angst machen. Glaube hilft die Angst zu überwinden, lebensfähig und kritisch weltzugewandt zu sein!

Doch hier bewegen Protagonisten und Zeugen sich wie in den Wolken. Unsicherheit ergreift die, die dabei sind. Die Akteure machen solche Umstände töricht. Und wie zum Beweis dafür spricht Petrus. Der auch sonst als der Vorlaute, der sich selbst Überschätzende, der Direkte und Erdverbunde dasteht – er muss wieder einmal vorpreschen. Stellvertretend für jeden, der die wahren Umstände dieser Gipfelstunde nicht versteht,  schlägt er vor: Ach, lass uns doch bleiben, wo gut Sein ist! Denn das bedeutet der Wunsch, Hütten zu bauen. Bleiben, erhalten, ewig so weitermachen, es sich gut gehen lassen.

So sind wir Menschen. Kein Urlaubsende am schönen Meer, kein Aufenthalt bei guten Freunden, an dessen Ende wir nicht auch vom Moment sagen würden: Ach bleibe doch, du bist so schön!

Petrus, das ist das so ganz und gar nicht Faustische, das weder Forschende, noch Weiterdrängende in uns. Petrus ist beharrend und bequem. Er denkt direkt und unverstellt. Er kann sich nicht vorstellen, dass es sich um die Schau von etwas anderem handelt als der einen Wirklichkeit, die er kennt.

Doch Verklärung, was ist das eigentlich? Wir haben aus dem Wortfeld im Deutschen nur noch „verklärt“ im Zusammenhang von „verklärter Blick“ im Gebrauch. Jemand träumt, ist gleichsam nicht von dieser Welt. Der Blick verrät, dass er anderes schaut, als das, was seine körperlichen Sehorgane vor Augen haben. Verklärtes Sehen ist Schauen einer anderen Welt.

Auch hier geht es um eine Welt, die nicht von dieser Welt. Der unerbittliche Geschichtsstrahl, auf dem wir unerwünscht schnell älter werden und dem wir meinen nicht entkommen zu können, ist hier außer Kraft gesetzt. Historische und zeitgenössische Figuren agieren miteinander, stehen auf derselben Bühne. Es scheint eine Welt zu sein, in der es auf die Bedeutung ankommt, auf die Wahrheit und nicht die historische Abfolge.

Denn was soll das Dreigestirn von Mose, Elia und Jesus? Was soll gar ein einvernehmliches Gespräch zwischen diesen dreien, die so denkbar weit auseinander liegen und für so diametral entgegengesetzte Werte stehen?

Da ist zunächst Mose, der das Gesetz bringt. Er, der Israelit, der es nicht erträgt, dass sein Bruder gequält und geschlagen wird. Mose, der Jähzornige, der über seinem Gerechtigkeitsempfinden zum Mörder wird. Er ist der Mann, der aus der Hoffnung lebt, der nicht aufhört, sich dem Ziel von Freiheit und Gerechtigkeit für sein versklavtes Volk entgegenzusehnen, bis es das Land der Knechtschaft hinter sich gelassen hat. Ein Mann, der an seinen eigenen Qualitäten zweifelt, oft zagt, aber eine Vision hat. Mose steht hier als Person für die Hoffnung!

Dann ist da Elia. Der schreckliche Mörder von 70 Baalspriestern. Er ist ebenfalls ein Eiferer. Doch für die gute Sache. Er will die Menschen wegbringen von ihrem ständigen Setzen auf die falschen Götter. Insbesondere die, die Fruchtbarkeit, das stete Weiterwachsen predigen, sind ihm ein Greuel. 3%-Wachstum jedes Jahr für die Wirtschaft. Die Propaganda unbegrenzten Wachstums in einer begrenzten Welt. Der Griff nach dem Öl als dem Schmierstoff der Volkswirtschaft; der Blick ständig ins Portemonnaie, die Sucht nach Konsum – das geißelt ein Prophet wie Elia als den falschen Glauben, als Setzten auf´s falsche Pferd, als sündigen Aberglauben.

Elia steht für die richtige Entscheidung bei der Wahl der eigenen Götter.

Elia steht für den Glauben.

Und schließlich Jesus. Er wird durch die ganze Erzählung hindurch beleuchtet. Der Fokus eine übernatürlichen Scheinwerfers ruht auf ihm. Die Stimme aus den Wolken vertont diesen Spot. Wie schon bei der Taufe, bekennt sich Gott zu ihm, spricht aus, dass Jesus ihm wie ein lieber Sohn ist. Er, der besonders Hervorgehobene unter den geliebten Menschen.

So wird der Mann aus Nazareth ins rechte Licht gesetzt: Jesus steht für die Liebe, wie Gott sie meint.

Da haben wir sie alle beieinander: Hoffnung, Glaube, Liebe.

Die Liebe aber ist die größte unter diesen dreien. Denn sowohl Hoffnung als auch Glaube haben sich für ihr gutes Ziel bei der Wahl der Mittel vergriffen.

Mose erschlägt in seinem Eifer einen, Elia gleich siebzig Widersacher. Mose setzt auf das Korsett der Gebote, Elia auf die Gewalt beim Durchsetzen des einen rechten Glaubens.

Allein die Liebe beginnt bei anderen zu denken und bezieht auch den Feind der Freiheit, den Unterdrücker, bezieht auch den Andersgläubigen, den im Irrtum mit ein. Allein die Liebe ist integrativ.

Jesus ist die Liebe in Person, für ihn gilt: nicht der Zweck heiligt die Mittel, sondern schon der Weg muss der Qualität des Zieles entsprechen. Denn es ist wahr, dass der Weg das Ziel bereits ist. Darum kann Jesus an anderer Stelle sagen: sieh, das Gottesreich ist schon mitten unter Euch. Jeweils und jedes mal, wenn Du das Richtige tust, das Falsche lässt, dem Nächsten gerecht wirst, ist das Himmelreich angebrochen.

Darum spricht Jesus auch mit Ernst in unsere politische Stunde: es gibt keinen Weg zum Frieden ausser dem Frieden selbst. Gewalt ist kein Mittel.

Nur so ist Friede, nur so ist Leben, wie Gott es meint, möglich. Darum, weil Liebe und Leben sich reimen, wird in dieser Anfangs so nebulösen Szene Jesus, die personifizierte Liebe als die Kraft offenbar, die über aller Zeit steht. Liebe ist stärker als der Tod. Sie allein bleibt.

Doch den bitteren Tod hat Jesus in diesem Augenblick geschichtlich noch vor sich. Darum sollen die Jünger nicht jetzt schon, sondern erst dann über ihre Wahrnehmung sprechen, wenn sie Zeuge der Auferstehung, des Sieges über den Tod geworden sind.

Damit die Jünger – damit wir! – das zusammenbringen, sollen die Zeugen erst auch noch Zeugen der Auferstehung werden, ehe sie als Überzeugte sprechen.

Das gibt uns Zeit, gibt dem Zweifler Langmut, dem Gläubigen Gewissheit, uns allen die Muße, noch einmal in Ruhe darüber nachzudenken, was unserem Leben letztendlich Bestand gibt. Vor allem aber nimmt dieses Verbot vorschnellen Bekennens allem kämpferischen Missionarismus die Spitze. Sprich erst über Auferstehung, wenn du weißt, wovon du sprichst.

In diesem Moment der Glückseligkeit müssen die drei Zeugen gewesen sein wie die Träumenden. Jesus holt seine Vertrauten in die Wirklichkeit zurück. Mir ist, als ob Jesus sie nicht nur berührt, sondern selbst ganz angerührt ist von ihrer Einfalt.

Er fasst sie kräftig bei der Schulter und bringt sie auf den Boden der Tatsachen zurück.

Noch deutlicher, noch schmerzhafter geschieht dies beim Abstieg von jenem Berg der Erkenntnis.

Wir Menschen müssen der Tatsache ins Auge blicken, wie empfindlich, wie zerbrechlich die Welt, wie Gott sie sich vorstellt, ist. Elia kommt nicht hochherrschaftlich auf einem Feuerwagen dahergebraust, dessen Hitzeschweif schmilzt nicht Schwerter zu Pflugscharen. Die Verletzlichkeit des Gottesreiches ist geradezu sein Qualitätsmerkmal.

Im Gegensatz zu allen anderen vollmundigen Epiphanieankündigungen kommt das Reich Gottes in so ganz anderer Art und Weise, als wir Menschen uns das vorgestellt haben. Es kommt in Jesus so ganz und gar menschlich zu uns, dass wir es mit unseren Vorstellungen von Allmacht und Vollkommenheit nicht zusammenbringen können mit dem, was die Zeugen erleben. Liebe nimmt sich so unscheinbar aus gegenüber dem Auftreten dieser Welt.

Steigen auch wir nun wieder hinab vom Berg des Schauens, der Theorie, der Vision; und besinnen uns aufs Handeln. Nehmen wir aus dem Sonntag diese Einsicht mit in den Alltag.

Denn das sollen wir in der kommenden Woche leben: dass wahres Christsein wahres Menschsein heißt!

Amen.

Liebe ist leichter zu leben als Hass zu heben

Predigt über 2. Kor. 4, 6 – 10
Gehalten am 24. Januar 2010 in: Gusterath (AM)
Lieder: 66, 1.2.5. Liturgie: aus 79 u. 80
73, 1.2.10.
179, 1 Lesung: Mt 17, 1-9
70, 1.+2.
222
Denn Gott, der gesagt hat: „Aus der Finsternis leuchte das Licht!“ der hat es in unseren Herzen Licht werden lassen, um die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi zum Strahlen zu bringen. Doch wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Tonkrügen; denn die überlegene Kraft soll Gottes sein und nicht etwa von uns selbst ausgehen. In allem sind wir bedrängt, aber doch nicht eingeengt. Wir wissen nicht, wo aus noch ein, aber den Weg verlieren wir dennoch nicht. Verfolgt werden wir, aber nicht im Stich gelassen; zu Boden geworfen, aber nicht zunichte gemacht. Immer tragen wir den Tod Jesu an unserem Leibe umher, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.
Der Psychologe Manfred Lütz schreibt in seinem gut lesbaren Buch „Irre“, dass Depression die psychische Erkrankung ist, die den Therapeuten noch die größten Rätsel aufgibt. Die Pharmakologen können helfen, ohne genau zu wissen, wie.
Anders das Posttraumatische Stresssyndrom. Da helfen Pillen nur wenig. Psychotherapeuten sind bei Frank S. gefragt.
Er starrt stundenlang gegen die Wand und wirkt dabei wie ein Tagträumer. Er kann aber auch plötzliches Herzrasen bekommen, Schweißausbrüche. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals und er würde am liebsten fliehen. Aber wohin und vor allem warum?
Wenn er seine grauen Bilder an die innere Wand wirft, dann sind es die von seinem Konvoi mitten im Chaos. Frank war Soldat in Afghanistan. Mit seinem Fahrzeug ist er in einen Hinterhalt geraten. Ein Auto aus dem Konvoi fuhr auf eine Mine. Er kannte die Insassen schon aus Deutschland.
Immer wieder sieht er das Auto sich aufbäumen, sieht es brennen, hört die Schreie der Verletzten und der Verbrennenden. Immer wieder erlebt er den Angriff und seine äußersten Reaktionen – und doch liegt er körperlich ruhig auf seinem Bett.
Aber ein lautes Wort in seinem gesicherten Alltag hier in Deutschland kann den Alarm auslösen, den Kreislauf an die äußerste Grenze hochfahren und den ganzen Körper in Unordnung bringen.
Liebe Gemeinde, es ist immer wieder wie ein Wunder, wenn ein Licht im Herzen aufgeht, wen ein Depressiver, zunächst seine Angehörigen, dann er selbst spürt, wie der vereiste Stein seines Gemüts auftaut und zu einem lebendigen, empfindsamen Inneren wird und die ganze Palette der Gefühle wieder Einzug halten darf.
Und es ist wie ein Wunder, wenn Frank S. eines Tages wieder seinen normalen bürgerlichen Beruf ausüben kann.
Kann man denn überhaupt wieder normal werden, wenn man den Wahnsinn erlebt hat?
Paulus sagt, es gibt Licht am Ende des Tunnels, weil Gott selbst das Licht gemacht hat. Licht hat er zugunsten des Lebens geschaffen. Sein Wort hat er dafür gegeben. Diesem Licht ist alles Leben geschuldet. Weil es sich ihm verdankt, ist unsere Sprache voller Bilder für das Licht als tiefem Grund für Verstand und Hoffnung, als Herkunft und Heimat. Worte darüber sind Licht-Bilder. Licht-Blicke unseres Glaubens
So wie am Anfang, so wird Gott auch am Ende und in Ewigkeit Licht werden lassen.
Das ist ein Trostwort für Frank. Doch keine Rechtfertigung, ihn und die anderen, offiziell 417 deutschen Soldaten, solches Schicksal, das Posttraumatische Stresssyndrom, erleiden zu lassen.
Von den körperlich versehrten und den ganz toten Heimkehrern aus Afghanistan einmal völlig zu schweigen.
Was machen deutsche Soldaten dort, was haben sie dort zu suchen?
Auf den 11. September hin hat der UN-Sicherheitsrat im Dezember 2001 die Intervention dort beschlossen. Die eindeutige Mehrheit der Deutschen und mehr als zwei Drittel ihrer politischen Vertreter standen hinter der deutschen Beteiligung, auch mit Soldaten.
Wenn wir an Frank denken und welchen Preis er persönlich stellvertretend für uns alle zahlt, dann wollen die Vision nicht vergessen, die zum damaligen „Ja“ geführt hatte.
Es war die Vision von einem von Armut und Anfälligkeit für die Hasshetze einiger weniger muslimischer Prediger befreiten Land.
Es war die Vision von einem durch Soldaten wie Frank letztlich geschützten Aufbau.
Es war die Vision von einer vom Zwang zum Mohnanbau befreiten Bauernschaft.
Es war die Vision von einer auf den Frieden und Normalität zuwachsenden Gesellschaft. 20 Kriegsjahre hatte sie damals schon hinter sich gelassen. Es war eben die Hoffnung auf Licht am Ende des Tunnels.
Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Das ist eine Formel, die das Unsichtbare sichtbar, einsichtig machen soll. Unsichtbar bis unvorstellbar sind die dortigen Trainingslager, in denen auch Attentate in Deutschland vorbereitet werden.
Gelingt es dieser Formel „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“ nicht, deutlich zu machen, warum und wieviel für Aufbau und Frieden getan wird, dann gerät der Satz zum schlechten Witz.
Damit das nicht passiert, müssen unsere gewählten politischen Vertreter deutlich und ohne von zur Vertuschung verführender Angst missleitet zu sein, mit uns reden.
Sie müssen vom für und wider, von den Teilerfolgen und vom Preis reden. Sie müssen mit Frank S. und über ihn sprechen. Sie müssen es selbst vertreten und glauben, warum wir die Hoffnung haben, dass es auf dem eingeschlagenen Weg in Afghanistan tatsächlich besser werden wird.
Alle anderen Gründe zählen angesichts des Preises nicht. Das Beschwören von Bündnistreue zählt nicht. Denn manchmal zeichnen sich doch Bündnispartner und Freunde gerade dadurch aus, dass sie nicht mitmachen, dass sie raten und Fehler vermeiden helfen.
Denn ein „Ja“ zum waffengeschützten Einsatz muss sich messen lassen dürfen an dem Bekenntnissatz deutscher Kirchen: „Krieg soll um Gottes Willen nicht sein!“
Ein Krieg, der vom Zaun gebrochen wird nicht, aber auch einer, der Gegenwehr darstellt, nicht. Und schon gar keiner, der der Prävention dient.
Und als Vorbeugung, als Verhinderung von Terrorismus wird dieser Einsatz eingeschätzt.
Die christliche Position ist dem gegenüber radikal. Die andere Wange hinhalten. Aufbauhilfe ohne Schützenhilfe.
Die andere Wange hinhalten. Das hängt die Latte verdammt hoch.
Um so hoch springen zu können, muss sich einer seines Glaubens ganz sicher sein. So sicher, dass er sich um seines Standpunktes Willen gern zum Narren vor den Vernünftigen, den Taktikern und Rechnern macht und das aushält.
So wie Susanne Geske. Deren Mann, Pfr. Tilman Geske, inmitten seiner Aufbauarbeit einer christlichen Gemeinde, von Männern, die sich in seine Gemeinde eingeschlichen hatten, brutal gefoltert und ermordet wurde. Sie hat in der Türkei öffentlich gesagt, dass sie den Mördern ihres Mannes vergibt.
Sie und die drei Kinder werden dort wohnen bleiben. In aller Trauer, in aller Arglosigkeit und Ungeschütztheit.
Das Kreuz ist in den Augen der Vernünftigen eine Torheit. Aber ist nicht eine Haltung wie die von Frau Geske werbender, leuchtender
als es alle deutschen Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras und Gefechtsfeldbeleuchtungen zusammen sein können.
Prävention ist eine vernünftige Idee. Die Bibel aber spricht nicht vom Licht der Vernunft sondern vom Licht des Herzens.
Entscheiden Sie selbst. Amen.

Gott fängt klein an

Heilig Abend 2009
„Gott fängt klein an“
Gehalten: 24. Dezember 2009 In: Grünhaus 15.30 und 18.30
Gusterath 17.00
25. Dezember 2009 Schweich
27. Dezember 2009 Ehrang
Das Volk, das im Finstern wandelt, schaut ein großes Licht, und über denen, die im Finsteren wohnen, scheint es hell; … und jeder Soldatenstiefel, der dröhnend marschiert und jeder Militärmantel voll Menschenblut, soll verbrannt und Speise des Feuers sein. Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Man nennt seinen Namen: Wunderrat, starker Gott, Ewigvater, Friedensfürst. Groß ist die Herrschaft und endlos der Friede für Davids Thron und sein Königreich, das er aufrichtet mit Recht und Gerechtigkeit. Gott fängt klein an weiterlesen

Der Geist der Ankunft

Predigt über Phil. 4, 4 – 7
gehalten am: 20. Dezember 2009 in: Gusterath (T)
Lieder: 17 Liturgie:
596, 1.+3.
272 Lesung: Lk 1, 39 – 45
7, 1-3
8, 1-3
1, 1-3.5

Freut euch im Herrn allezeit. Und immer wieder will ich es euch sagen: Freut euch! Lasst die Menschen eure Güte erfahren. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern worum ihr zu bitten habt, das lasst in Gebet und Fürbitte mit Dank vor Gott kommen. Und Gottes Friede, der weiter reicht als alle Vernunft, halte die Wacht über eure Herzen und Gedanken in Christus Jesus.
Sonntagschristen sind Menschen, die sich montags anders verhalten als sie es am Tag zuvor bekannt haben.
Der Zusammenhang von Verhalten und innerer Haltung wird im Philipperbrief Thema.
Nur dieser Zusammenhang kann auch eine glaubwürdige Verbindung zwischen Sonntagseinstellung und Alltagsverhalten herstellen.
Die Wahrheit, dass es so aus dem Wald schallt, wie es hineinschallt, ist eben dieselbe, die auch für den Zusammenhang von eigener Einstellung und eigenem Wirken gilt.
Dies praktisch zu leben, dem steht unsere Zerrissenheit entgegen.
Nicht nur die Zerrissenheit von innerem und äußerem Menschen; nicht nur jene Versuchbarkeit, die Folge unserer Neigung zur Bequemlichkeit, zur Oberflächlichkeit ist und die sich so häufig gegen das „eigentlich müsste man“ durchsetzt; sondern vor allem die Zerrissenheit zwischen anständigem, verantwortungsvollem, höchst gewissenhaftem und praktisch engagiertem Menschen und der rechten Spiritualität.
Denn der Verantwortungsvolle fragt: Freue dich, freue dich – wie soll das angesichts all der traurigen Wirklichkeit funktionieren. Wie soll ich mich freuen können angesichts der krebskranken Nachbarin, angesichts der suchterkrankten Tochter meines Kollegen, wie angesichts der Schlächtereien in Afrika, wie angesichts der Kriege, die Europa und Amerika in der dritten Welt führen, angesichts der traumatisiert oder gar im Leichensack zurückkehrenden Deutschen aus Afghanistan? Ja, er fragt sich, – und das finde ich wichtig – ist es nicht gerade meine eigene Haltung der Nachlässigkeit und des Nichtstuns, des unterlassenen Widerspruchs gewesen, die das mit ermöglicht hat?
Gegen die absolute Notwendigkeit, das Gute unbedingt und ohne wenn und aber zu tun, steht die weise Frage nach der Machbarkeit des Guten. Gute Taten ohne gutes Fundament sind so wenig haltbar wie wert. Es ist die Spannung zwischen der augenblicklichen Notwendigkeit das Gute zu tun und geradezu dem Verbot es tun, solange es nicht auf der richtigen Haltung beruht, solange es bloßer Gehorsam einer Erziehung zur Verantwortung, vielleicht sogar bloß Selbstdarstellung sein will.
So ein „Freut euch!“ können wir als Teilnehmer an einer Fernsehshow erleben, in der nur fürs Publikum Schilder hochgehoben werden wie „Jetzt klatschen“ oder „Jetzt lachen!“ Lächerlich ist solche Freude. Ebenso wissen wir um die Aufgesetztheit von Freundlichkeit, wenn wir in Geschäften kaufen oder Restaurants essen, in denen die Bedienung mehr als die Hälfte ihres Einkommens durch Trinkgelder erzielen muss.
„Brav“, kann ich da nur sagen, wenn wir uns wohl erzogen, formell korrekt verhalten.
Anders aber als der Verantwortungsvolle erlebt diese Aufforderung zur Freude ein spirituell orientierter Mensch.
Er lässt die Wahrheit tief an sich heran, dass Gott zur Welt kommen will. Dass seine Nähe möglich ist in dieser Welt. Er ist mir persönlich nahe.
Kommt Gott bei dir gut an? Kann er bei dir landen?
Das hat mit Typ und Gestimmtheit, mit Stimmung schon gar nichts zu tun. Es geht um eine Grundhaltung. Das wird deutlich bei der Einstellung zum Beten. Verstehe ich etwas von der Haltung des Bittens?
Oder bin ich jemand, der grundsätzlich alles selbst machen muss; der sich schämt, andere um etwas zu bitten; der über Sehnsüchte und Wünsche nicht reden kann; der immer jetzt schon am Ziel sein will und notfalls Erfüllungen auch übers Knie bricht; der sich immer selbst beschenkt, weil er nicht abwarten kann und nicht sieht, dass ich mit Wünschen auch anderen die Möglichkeit gebe, aufmerksam und zugewandt zu sein? Weil er nicht zuvorderst sieht, dass es nicht um Materielles sondern Beziehung geht. Beziehung zu leben!
Oder vermag ich das zu leben, was eine Gebetshaltung ausdrückt: mit leeren, mit zu füllenden, mit offenen Händen dazustehen?
Diese Gebetshaltung ist Spiegel einer Lebenshaltung. Solche Haltung einzuüben lohnt sich spirituell.
Gerade die Zeit vor Weihnachten mit seinen herausgeputzten vollgeladenen Schaufenstern und den täglich ins Haus flatternden Katalogen, die skandieren „Jetzt ist die Zeit materieller Wunscherfüllung“ ist einerseits besonders schwer für solches Einüben. Ein Strandtag im T-Shirt macht es viel leichter, die Nähe zur Bedürfnislosigkeit und die Bedeutungsarmut der Bedürfnisse zu erleben.
Andererseits macht es diese Zeit jetzt wirklich leicht zu wünschen und Wünsche bewusst offen zu halten. Freude dabei zu empfinden, während ich etwas bastle, organisiere oder kaufen, von dem ich weiß, dass es Freude auslösen wird.
Dieses adventliche Geraschel ist das Spiel mit Wunsch und Erfüllung. Im Leben des übrigen Jahres geht es um den tieferen Hintergrund dessen, was in dieser Zeit angedeutet wird. Es geht um die Einstellung zum Gebet, um Haben, Erhalten und Geben. Die Wahrheit, die hinter den Worten des Paulus steht ist: offen zu bleiben für des Nächsten und für das eigene Herz. Und Vertrauen zu haben, das mir das Nötige schon zufallen wird. Und vor allem die Dankbarkeit, dass es mir wieder und wieder bereits zufallen ist.
So wird Gott geboren. Im Herzschlag zwischen den Menschen. Denn bekanntlich erfindet Gott sich zwischen Menschen am liebsten neu. Im Advent wird noch einmal deutlicher beleuchtet, mit jeder Kerze eindringlicher, dass es dabei um die Menschen geht, die sich mögen und die, an die wir denken und die ihrerseits an uns denken. (Dafür haben wir ja ausgebaute Rituale entwickelt).
Ich finde, in dieser Zeit ist doch gar nicht so schwer zu verstehen, was so ein gewichtiger theologischer Satz sagen will wie: Ein Individuum wird erst durch Selbstaufgabe, d.h. Offenheit, und durch Selbstüberschreitung, d.h. Liebe, Mensch im eigentlichen Sinne.
Da kann der wahre Mensch doch kommen! Amen.

Ein erstes Licht leuchtet

Predigt über Röm 13, 8 – 12a
gehalten: 29. November 2009 in: Gusterath und Grünhaus
1. Advent je Taufe und Abendmahl

Gust. Grnhs.
Lieder: 1, 1.+5. 316, 1.2.4. Lesung: Lk 10, 25 – 37
Chor 178,6
596, 1.+3. 596, 1.+3. Liturgie: Nr. 1 (und S. 12)
Chor 16, 1-3
147 147
Chor 538
7 AM
Chor (?) 7, 1-4
Ihr seid niemandem etwas schuldig – außer der gegenseitigen Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat die Gebote erfüllt. Denn die Gebote: du sollst nicht ehebrechen; nicht töten; nicht stehlen und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: liebe deinen Nächsten als dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses: also ist die Liebe die Erfüllung der Gebote. Und handelt so in der Überzeugung, dass jetzt die Stunde da ist, um vom Schlaf aufzustehen…Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag ist nahe herbeigekommen.

Das neue Kirchenjahr beginnt gut. Die dunkle Zeit lichtet sich. Es besteht Grund zur Hoffnung.
Dass es in einem Menschen dunkel sein kann, das haben wir am Beispiel von Robert Enke, dem Torhüter der deutschen Nationalelf erkennen müssen. Er nahm sich das Leben, indem er sich vor einen Zug warf. So etwas tun in Deutschland jeden Tag etwa vier Menschen. Und weil wir lasen, dass er krank an seinem Gemüt war, haben wir in Deutschland die Chance, ganz offen und neu über das Tabuthema Depression nachzudenken. Denn Erkrankte schämen sich oft, und verheimlichen ihre Erkrankung.
In dem oft abfälligen Begriff „geistige Umnachtung“ wird eine Dunkelheit Thema, endlich Thema, die das Gemüt ergreift mit dem Schmerz der Hoffnungslosigkeit und dem bissigen Grauen der Traurigkeit. Die Totesser der Harry-Potter-Romane beschreiben sehr anschaulich, wie es einem Menschen innerlich kalt wird, er seine Lebensfreude und –kraft verliert, wenn sie sich nähern. Wie Emke ist dann der kranke Mensch bereit, alles zu tun, wirklich alles, nur um dieses Gefühl los zu werden.
Ein Mensch kann erkranken, wenn zur körperlichen, oft im Kindesalter erworbenen Disposition Stress kommt.
Solcher Stress kann sein, dass er eine unvermutet auftauchende, aber für ihn schier nicht zu bewältigende Trauerarbeit leisten muss. Der Abschied, um den es geht, ist so unannehmbar schwer, dass die Seele herunterfährt, sich abdunkelt und meist (leider nicht immer), ganz langsam, die Wahrheit und neue Perspektive einsickern lässt. Solcher Abschied kann der von einem lieben Menschen sein, aber auch von einer bisher geglaubten Wahrheit, vor allem aber kann es der schwer akzeptable Abschied vom gern geglaubten Bild von sich selbst sein.
Das deutsche Wort „Enttäuschung“ spricht im ersten Atemzug vom Schmerz, im zweiten Atemholen aber von etwas Positivem: dem Loswerden einer Täuschung.
Grund zur Hoffnung. Ein Licht geht auf. Es ist das Licht des wahren Menschen, der uns entgegen kommt.
Und der Advent gibt uns Zeit, ihn auf uns zu kommen zu lassen. Er gibt der Seele in unserer hektischen Welt Zeit genug, diese Wahrheit ankommen zu lassen.
Wenn wir wollen.
Wenn wir uns selbst ernst nehmen.
Wenn wir erwachsen genug dafür sind.
Denn so einfach, wie Paulus das darstellt, ist es nicht. Es ist eine logische Richtigkeit, die er da von sich gibt: „die Gebote wollen nichts anderes, als was die Liebe sowieso tut. Wenn ihr also liebt, dann habt ihr alle Gebote schon erfüllt“.
Diese Richtigkeit übersieht, dass wir Menschen zu lieben vermeiden. Jawohl, vermeiden. Die Erzählung vom gesetzestreuen Gesetzeslehrer hält uns den Spiegel vor mit seiner Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“. Es ist eine taktische Frage von diesem Mann. Sie will seine Unterlassungen entschuldigen. Die Neigung zu solchen Unterlassungen ist menschlich, sehr menschlich.
Warum? Am Maß des auf uns zukommenden wahren Menschen gemessen, lieben wir uns selbst nicht genug, um andere wahrhaft annehmen zu können.
Denn, wenn es an Elternliebe fehlte, hat es der Mensch ein Leben lang schwer, sich selbst liebenswert zu finden.
Unser eigenes Gerangel und Gehechel nach Anerkennung, Zuwendung und Geliebt werden lässt wenig Raum für die Sicht auf die Bedürfnisse des Nächsten. Wir bemühen uns beruflich, Anerkennung zu bekommen, Ansehen; wir strengen uns im eigenen Haus an, liebenswert zu erscheinen, wir streichen es nach außen freundlich und putzen es innen blank, wir waschen unsere Autos, wir geben uns sympathisch, beherrscht und nett, wir tragen eine Fassade zur Schau, die sagt: schau, wie lieb ich bin, wie liebenswert. Dafür wenden wir viel Kraft auf. Und nehmen uns viel Zeit für solche Selbstdarstellung.
All diese Zeit fehlt uns doppelt. Nämlich um uns selbst gut zu tun, um uns zu erkennen und entwickeln. Und um zu erkennen, wer unser Nächster ist und was er nötig hat.
„Liebe deinen Nächster als dich selbst“, das ist eine gute Übersetzung Heinrich Albertz´. Nicht „wie dich selbst“. Sondern behandle ihn so als wäre er du.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ist zum Selbstwort geworden. Gerade das scheinbar Geläufige macht es so schwer, seine geradlinige Wahrheit zu erkennen. Weil wir uns selbst nicht genug lieben.
Die Bösen. Das sind die anderen. Bettler und Penner sind peinlich und lästig. Bahnhofrüpel und Baader-Meinhof sind Terroristen. Der z.Zt. vor Gericht stehende Khmerhauptmann und der bald vor Gericht stehende SS-Mann Demjanjuk sind „Schlächter“. Wir sprechen ihnen das Menschsein, die Möglichkeit Nächster zu sein, ab.
Karl Jaspers nennt solche Identifikationsverweigerung „Menschenblindheit“, denn sie leugnet die Banalität des Bösen in uns selbst. Es bedarf nur der entsprechenden Umstände und wir haben uns schuldig gemacht. „Bin ich meines Bruders Hüter?“, fragt Kain und seine Antwort offenbart seine gesamte Lieblosigkeit. Eine geläufige Mitläuferantwort.
Was wirklich hilft und weiterführt, das weißt du, wenn du der in Not warst. Wenn du gar das Glück hattest zu entkommen, durchzukommen. In diesem Sinne schreibt Bert Brecht: „Glück ist Hilfe“.
Es gibt also Einsicht. Es gibt also angemessene, d.h. annehmbare, nicht klein, nicht neidisch machende Hilfe. Es gibt Entwicklung. Es gibt Erfahrene. Es gibt Licht am Ende des Tunnels.
Das ist das Wort zur Jahreszeit und ist das Wort dem, der im Dunkeln tappt. Wahrheit wird am Ende der Depression leuchten. Richtiger Umgang mit dem Nächsten und mir selbst sind möglich. Verblendung und Blindheit können ein Ende haben. Das hat schon einmal einer ganz ohne Angst vor dem Kreuz der Konsequenzen gesagt. Das hat schon einmal einer gegen alle inneren und äußeren Widerstände gelebt. Der wahre Mensch ist möglich. Auf Dich und mich will er zukommen und um Gottes Willen in Dir und mir wieder Wirklichkeit werden. Amen