Der Mensch wird Mensch im Augenblick des Sündenfalls

Predigt über Gen 3, 1 – 11

gehalten am:               13. Februar 2005                    in: Gusterath und Grünhaus

Lieder:                                    645                                         Lesung: Röm 5, 18. und 21.

365, 1-4

355, 1-3                                  Liturgie: Nr. 29 und eigene

644

1 Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Jahwe Gott gemacht hatte. Sie sprach zu dem Weibe: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft nicht von allen Bäumen des Gartens essen?“ 2 Das Weib antwortete der Schlange: „Von den Früchten der Bäume des Gartens dürfen wir essen. 3 Nur von den Früchten des Baumes, der mitten im Garten steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und nicht daran rühren, damit ihr nicht sterbet.“ 4 Darauf sprach die Schlange zu dem Weibe: „Keineswegs, ihr werdet nicht sterben. 5 Vielmehr weiß Gott, dass an dem Tage, da ihr davon esset, euch die Augen aufgehen und ihr sein werdet wie Götter, die Gutes und Böses erkennen.“ 6 Das Weib sah, dass des Baumes Frucht gut zu essen wäre und lieblich anzusehen war und es erschien begehrenswert, Einsicht zu gewinnen. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab auch davon auch ihrem Manne, der bei ihr war, und er aß. 7 Nun gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Da vernahmen sie den Schritt Jahwe Gottes, der sich beim Tagwind im Garten erging. Und der Mensch und sein Weib verbargen sich vor Jahwe Gott unter den Bäumen des Gartens. 9 Jahwe Gott aber rief dem Menschen zu und sprach zu ihm: „Wo bist du?“ 10 Er antwortete: „Ich vernahm deinen Schritt im Garten; da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin und verbarg mich.“ 11 Darauf sprach er: „Wer hat dir kundgetan, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?“

Der Schritt vom Tier zum Menschen ist klein.

Das mussten uns nicht erst im vergangenen Jahr die Genetiker nach der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms, der Summe aller Erbanlagen, sagen: nur 1% Unterschied zum Schimpansen.

Das hat uns auch die Bibel gesagt. Menschen, die vor 3000 Jahren mindestens so viel Einsicht besaßen, wie wir heute, benannten die Scham als den entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier. Also weniger das Denken als das Empfinden dessen, was Recht und was Unrecht ist, macht das Fundament dieses Unterschieds aus.

Das ist so ganz anders, als wir es uns für gewöhnlich denken: dass unsere Intelligenz uns über die Tierwelt erhebe. Wir, die Krone der Schöpfung, weil der Geist uns über die Erde erhebe.

Die Diagnose der Bibel ist gleichwohl ernüchternd.

Denn die Scham ist schon das zweite Ergebnis des Genusses der Frucht vom Baume der Erkenntnis. Das erste ist die Einsicht ins Erliegen der Versuchung! Die grundsätzliche Versuchbarkeit des Menschen, das gehört zu einem jeden von uns wie das Atmen. Amerikanische Spielfilme sagen: „Es ist nur eine Frage des Preises“ oder „Jeder Mensch hat seinen Preis“.

Viele Märchen bauen Spannung auf, indem neben vielen offenen eine verschlossene Tür reizt. Sie verheißt Entwicklung, Erlösung, Antwort auf bohrende Fragen – aber sie ist die verbotene Tür. Das Buch auf dem Index, die Abteilung im Videoladen, die nur Erwachsenen erlaubt ist, die Freude an der ungeahndeten Geschwindigkeitsüberschreitung, täglich ist der Mensch der Versuchung ausgesetzt, ja – er sucht sie!

Ernüchternd ist auch die Befunderhebung, dass wir trotz der unüberhörbaren Stimme des Gewissens, ihm in so vielen Fällen nicht folgen. Den Baum der Erkenntnis hatte Gott im Zentrum des Gartens gepflanzt und ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Menschen hat er den Baum vom ewigen Leben wachsen lassen. Ihr zum Greifen nahe bleibt die ganze Menschheit gleichsam mit ausgestrecktem Arm vor ihm stehen. Die Versuchung besteht, auch von dieser Frucht zu kosten.

Das noch offene Versprechen, die Einflüsterung ist auch wirklich groß.

Denn sie lautet: dann wirst du tatsächlich so sein wie Gott.

Auch das ist ein Humanum, also eine Größe, die den Menschen beschreibt wie er ist. Dass er so sein will wie Gott. Ein eigenes Thema.

Heute geht es nur um dieses augenfällig Auseinanderfallen von Selbsteinschätzung und Wirklichkeit. Wir glauben, zuallererst bestimme uns die Vernunft. In Wahrheit jedoch regieren Impulse, die aus ganz anderen Regionen von uns stammen.

Und auch der Ebene der Moral, auch dem Gewissen räumen wir häufig nicht die Regentschaft über uns und das letzte Wort ein.

Wenn also weder vorderer Stirnlappen, noch aufrechter Gang; weder Sprache noch der sogenannte Pinzettengriff, also der Daumen-Zeigefinger-Gebrauch den Menschen ursprünglich ausmachen

sondern die Fähigkeit „Scham“ zu empfinden, dann lassen Sie uns dieses Phänomen heute Morgen ernst nehmen.

Wenigstens heute Morgen, denn im Allgemeinen nehmen wir die Scham nicht besonders ernst. Wir schenken ihr bewusst wenig Achtung. Ja, wir schämen uns der Scham. Oft überspielen wir sie, verdrängen sie.

Aber auch, wenn sie ein kurzzeitiger Indikator ist – sie könnte unsere Entscheidungen steuern, wenn wir nur wollten!

Gewöhnlich lassen wir sie schnell wieder im nächsten Wellental täglicher Bewegtheiten verschwinden und schenken den höheren Wogen Beachtung, denen der Eitelkeit, der Macht, dem Geltungsbedürfnis, der Lust und dem Überlebenstrieb.

Die Bibel sagt aber: die Scham mache den Menschen.

Das ist eine scharfe Klinge, denn aus dieser ersten biblischen Definition des Menschen folgt messerscharf: wer sich seiner Verfehlung nicht schämt, der ist kein Mensch!

Wenn wir heutzutage in der christlichen Kirche davon Abstand nehmen, dass wir Krone der Schöpfung seien; wenn wir heute davon ausgehen, dass alle Schöpfung gleichberechtigt nebeneinander steht – dann ist der Mensch nur Mensch, solange wir die Scham nicht unter den Tisch fallen lassen. Denn mit der Scham würden wir nicht weniger als die Gottebenbildlichkeit verlieren!

Überall, wo wir schamlos ausbeuten und schlachten, wo wir unser „Revier“ global ausdehnen oder dabei kritiklos zuschauen, wo wir gedankenlos draufloskonsumieren, die Atmosphäre versauen, da sind gerade wir intelligenten, technisch begabten Menschen im Grunde wie die Tiere. Der homo faber allein ohne die Scham ist nicht mehr als ein Tier.

Sensibel zu bleiben für die Belange der Natur, der Nachbarn, der anderen Menschen anderer Kulturen und Kontinente, das macht den wahren Menschen aus. Jesus, der erste neue Mann, so nennt Franz Alt den Menschen, der den Geist Gottes in sich weiß und wirken lässt, sagt sinngemäß: Denke, bevor du handelst, und bete, ehe du denkst.

Das allein erhebt den Menschen über seine Tiernatur. Das führt ihn weiter, weil es ihn wieder zusammenführt mit dem Geist, aus dem er geschaffen wurde. Wie Paulus das ausdrückte, hörten wir eben in der biblischen Lesung.

Unser Predigttext in nicht weniger klar: Erde sind wir! Ein paar Verse später endet die Rede Gottes an den Menschen, den er um seiner selbst willen vor den Bäumen in der Mitte des Gartens schützen muss: „Von Erde bist du, und zu Erde musst du wieder werden“.

Mit dieser Einsicht endet die Sage über den Menschen. Denn eine Sage ist die Geschichte vom ersten Menschen, die gleichzeitig eine Offenbarung ist: sie sagt uns, woher wir sind und wohin wir gehen.

Nur der Atem Gottes lässt uns leben. Er bläst ihn uns ein und er nimmt ihn wieder. Unser Leben, das bleibt nur vor Gott lebendig.

Überhaupt ist Gott das große Geheimnis dieses Textes. Er weiß um die Versuchbarkeit und pflanzt doch alles in der Nähe des Menschen. Er wirkt der Schläue der Schlange nicht entgegen – und vor allem: er vernichtet den abtrünnigen Menschen in seiner Enttäuschung nicht. Wie ein Vater bekleidet er sogar den Menschen, für den von nun an ein kälterer Wind bläst.

Er lässt Versuchung und Fall des Menschen zu. Tatsächlich wie ein erfahrener Pädagoge, der weiß: nur gebranntes Kind scheut Feuer. Er lässt die dummen Streiche der Kinder zu. Er zieht Konsequenzen, aber er lässt uns in Freiheit wachsen.

Dieses Bild führt uns zu der einzig möglichen Antwort, warum er uns in seinem Haus toben und ausprobieren lässt, warum er dem Bösen nicht ein für alle mal die reine Vernunft und das Gute allein entgegen setzt. Weil er uns liebt wie ein Vater. Amen.

Predigt über Gen. 3, 5-12, 16ab, 19, 23-24

Gehalten am:       04. Oktober 2009 (Erntedank)  in: Grünhaus

Lieder:                 508                      Lesung: Mk 4, 23-29
600
515, 1.3.5.7.                  Liturgie: eigene
425
432
644

Und die Schlange sprach weiter: „…Vielmehr weiß Gott, dass an dem Tage, da ihr davon esset, euch die Augen aufgehen und ihr sein werdet wie Götter, die Gutes und Böses erkennen.“ Das Weib sah, dass die Baumfrucht gut zu essen wäre und lieblich anzusehen und begehrenswert, um Einsicht zu gewinnen. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab davon auch ihrem Manne, der bei ihr war, und er aß. Nun gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Da vernahmen sie den Schritt Jahwes Gottes, der sich beim Tagwind im Garten erging, und der Mensch und sein Weib verbargen sich vor Jahwe Gott unter den Bäumen des Gartens. Jahwe Gott aber rief dem Menschen zu und sprach zu ihm: „Wo bist du?“ Er antwortete: „Ich vernahm deinen Schritt im Garten; da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.“ Darauf sprach er: „Wer hat dir kund getan, dass du nackt bist? Hast du vom Baum gegessen, vom dem zu essen ich dir verboten habe?“ Der Mensch erwiderte: „Das Weib, das du mir beigesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“…Da sprach Jahwe zum Weibe: „Unter Schmerzen sollst du gebären … und du, Mensch, sollst dein Brot im Schweißes deines Angesichts essen, bis du wieder Staub wirst, von dem du genommen bist…“
Darum entfernte Jahwe Gott ihn aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bebaue, von dem er genommen ist. Und als er den Menschen vertrieben hatte, stellte er östlich von dem Garten Eden die Cherube auf und das zuckende Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachen.

Wie Gott zu sein, was das heißt, darüber herrscht immer noch Verklärtheit. Wir wiegen uns in seligem Lächeln, „ja, wie Gott sein…“ und wissen nicht, was es alles nicht heißt (!) und was es verheißt.

Wir aber verbinden bis heute Souveränität und Macht mit dem Götterstatus. Bis heute lassen wir vermissen, was seit Anbeginn damit verbunden worden ist: unsere Ethik: das Gute vom Bösen unterscheiden zu können.

Folgen absehen, zu verstehen und zu bedenken, dass wir eine Herkunft und eine Zukunft haben. Aber auch, dass wir Erde sind und zu Erde zurückkehren.

Hier wird die eigentliche Geburtsstunde des Menschen beschrieben. Nicht anders als die Geschichtswissenschaft vom Menschen, die Paläontologie sagt die Bibel, dass der Mensch als Lebewesen schon da war, als er im eigentlichen Sinne Mensch wurde. Bis dahin war er eins mit der Natur, lebte als ihr Kind mitten in und aus ihr.

Und nun gehen ihm die Augen auf. Er erkennt, dass er nackt ist. Er erkennt sich. Er wird sich seiner selbst als ein Gegenüber bewusst. Und er wird sich dessen bewusst, dass er als Mensch der Welt überhaupt gegenüber steht.

Und was das heißt, drückt unser heutiger Text expressis verbis aus: er verliert seinen Platz im Paradies.

Heinrich von Kleist hat in seinem Stück „Über das Marionettentheater“ dieses Geschehen als Verlust der Unmittelbarkeit beschrieben. Der sich seiner selbst bewusst gewordene Mensch kommt aus dem Takt, dem Gleichmaß. Er hat die Natürlichkeit seiner Bewegungen und seiner selbst verloren.

Der Mensch ist Mensch, weil er sich selbst als von der Natur getrennt erfährt. Er befürchtet, den Kräften der Natur und später auch denen der Gesellschaft, ja selbst denen seiner eigenen Technik hilflos ausgeliefert zu sein. Er erfährt sich als allein und abgesondert.

Der sogenannte Sündenfall ist – sogenannt, weil tatsächlicher und strafbarer Ungehorsam die Freiheit der Wahl voraussetzt, nicht erst nach sich zieht (!) – genau der Moment der Menschwerdung. Die dann allererste Sequenz, die vom Menschen erzählt, beschreibt, dass er sich schämt. Sich zu schämen, setzt voraus, dass man sich seiner selbst bewusst ist. Der Verlust des Paradieses ist nicht Strafe sondern Vorbeugung. Der Verlust ist eine immanente Folge der Menschwerdung.

Das lateinische Wort eksistere bedeutet hinaussetzen. Die Natur setzt den Menschen aus sich heraus. Er ist aus dem zuvor selbstverständlichen Rahmen herausgesetzt worden. Nichts ist mehr selbstverständlich. Der Mensch ist sich selbst fraglich geworden. Er ist ein denkendes, ein sein Verhalten bedenkendes, ein ethisches Wesen geworden. Und alles ist ihm ein Gegenüber.

Und dieses Abgetrenntsein ist für ihn eine Quelle intensiver Angst.
Auf alle mögliche Art versucht er seither, in den Schoß der Natur zurück zu kriechen, hinter Tiermasken wieder eins zu werden mit ihr, durch schöpferisches Wirken eins zu werden mit ihr und ihren Werkstoffen. Durch die Vereinigung von Mann und Frau sein existentielles Problem zu vergessen. Oder im religiösen Kult die universelle Einheit in Person zu beschwören.

Die heutige Predigtstelle steckt voll tiefer Einsicht. Sie läuft Kopf an Kopf mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dass es die Kindskopfgröße und die Beckenstellung des weiblichen Menschen ist, der erstmals in der Natur Geburt, ausgerechnet Geburt, zum Wagnis macht; dass der Mensch das eine Wesen ist, das im Gesicht und am Körper schwitzt, was ihn den Savannenläufer und Durchstreifer heißer Lebensräume ausdauernder kühlt; vor allem aber die Erkenntnis von gut und böse.

Auch Mann und Frau, so erzählt die Geschichte, sind sich ihrer Unterschiedenheit bewusst geworden. Dem jeweils anderen – so fremd sind sie einander geworden: „da das, das ist der andere!“ – wird die Schuld zugeschoben. Das ist eindeutig lieblos.

Und auf diese Einsicht kommt es mir heute an: Mann und Frau haben es nach dieser Geschichte noch nicht gelernt sich zu lieben.

Denn eine Ethik des Miteinanders will gelernt sein.
Jawohl, Liebe ist eine Kunst, die erlernt werden kann. Eine Haltung, die zwischen den Geschlechtern gilt; die aber auch fein ausgewogen gelebt werden will zwischen Eigenliebe und der zum Nächsten; und letztlich keinen geringeren Radius schlägt als die Liebe zur ganzen Welt.

Die Welt als Gegenüber ist uns heute Anlass zu danken. Von selbst wächst die Saat, sozusagen über Nacht. Wir erkennen, dass die Natur uns trotz ihrer Unverfügbarkeit gut versorgt.

Aber nicht zu kniefälliger Dankbarkeit führt uns die Erzählung von Paradies und Sündenfall. Sondern sie regt dazu an, die damals geschehene Trennung heute zu überbrücken durch Liebe, eine neue Haltung der Natur gegenüber zu gewinnen. Liebe allein besiegt die Angst. Das sind die beiden großen Antipoden in unserem Leben.

Verstehen wir die Natur wie bisher als Herausforderung, an der wir uns in Sport und technischem Einsatz beweisen können, verstehen wir sie als Angstgegner – oder ist sie Teil derselben Schöpfung wie wir? Gelingt es uns, die existentielle Trennung zu überwinden und unseren wiedergefundenen Lebensgrund demütig, naturgemäß und fürsorglich zu behandeln?

Wir können uns entscheiden, das ist die Botschaft des Textes. Jetzt können wir es wirklich. Und an der Art, wie wir uns entscheiden, entscheidet sich nicht nur das Leben von Morgen. Sondern vor allem darf sich unsere Haltung entfalten, unsere Liebe zur ganzen Welt, unsere Spiritualität und Reife. Amen.

Unterschied Heide – Christ

Darum sage ich euch: sorget nicht (angstvoll) für euer Leben: was ihr essen und trinken werdet. Auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nichts in die Scheunen – und euer himmlischer Vater ernähret sie doch! Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seiner Lebenslänge durch Sorge auch nur eine Elle hinzuzugeben vermag?
Und warum sorgt ihr für die Kleidung? Schaut auf die Lilien auf dem Felde, wie sie aufwachsen: sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht – ich aber sage euch: dass auch Salomon in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist, wie derselben eine! Wenn Gott also schon das Kraut auf dem Felde, das doch nur heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, dermaßen kleidet, warum sollte er nicht noch viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?!
Darum sollt ihr nicht angstvoll sorgen und sagen: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des allen bedürft. Trachtet ihr zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. So wird euch das andere alles zufallen. Darum sorgt nicht für den anderen Morgen, denn der morgige Tag wird das Seine schon bringen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigenen Herausforderungen habe.

Das wollten wir doch schon immer wissen: Was eigentlich macht einen Gläubigen aus? Was unterscheidet ihn von einem Heiden?

Drei markante Unterschiede gibt uns dieses poetischste aller Jesusworte an die Hand.

Um die erste Quintessenz herauszuarbeiten, habe ich dem Verb „sorgen“ im Eröffnungssatz ein „angstvoll“ hinzu gefügt. Denn nicht vernünftiges Planen steht in der Kritik. Nicht das rechtzeitige Sorgen fürs Brennholz für die kalte Jahreszeit unserer Klimaten. Sondern auf eine aus himmlischer Sicht entgleiste Lebenseinstellung will Jesus uns, die Seinen (!), aufmerksam machen. Gerade in Deutschland hat diese Haltung etwas Zwanghaftes bekommen. Nämlich sich mit dem Nachbarn zu vergleichen. Das Mehrhabenwollen. Sich abheben und sich selbst darstellen Wollen. Wir glauben, so würden wir etwas sein. Schlimmer noch ist das Habenwollen selbst. Es ist zum Derivat, zum Ersatzstoff fürs Sein geworden. Aber es kann es nicht ersetzen. Zu sein, authentisch zu sein, etwas zu erleben und sich einzulassen, ein Risiko einzugehen und sich darüber zu freuen, ein Ziel oder gar einen Menschen erreicht zu haben – ist durch nichts zu ersetzen. Wir wissen es, aber die Angst sitzt uns im Nacken. Die Angst zu kurz zu kommen, die Angst, nicht zu genügen, die Angst vor schlechten Zeiten. Immer wieder sitzen wir ihren Versuchungen auf, – leben nicht jetzt, spielen nicht jetzt mit den Kindern, steigen auf Berge, schwimmen in Seen, laufen barfuß, vor allem bringen nicht unsere Begeisterung und unsere besten Tugenden zum Wohle von uns und anderen zum Tragen – sondern verschieben das Leben.

Wer sich immer nur für das Abenteuer ausrüstet, sich materialiter für den Ernstfall ausstattet, das Abenteuer aber selbst verschiebt, der ist bestenfalls ein Träumer. Er verpasst das Beste. Meist jedoch wird das Sorgen für die Zukunft zum Selbstzweck. Ängstlich schielt der betroffene Mensch auf diese oder jene Schwierigkeit wie das Kaninchen auf die Schlange. Wer sich solcher Sorge mehrheitlich in seinem Leben verschrieben hat, der ist krank. Er hat die Sorgensucht.

In der ersten Unterscheidung zwischen Gläubigem und Heiden steckt durchaus auch etwas Diagnostisches, eine Dimension der Seelenhygiene.

Dieser erste Unterschied ist, dass der Gläubige etwas hat, das ihn durch den Tag und das Leben leitet: Gottvertrauen.

Der zweite Unterschied wird klar, wenn wir beherzigen, dass es nicht allen Menschen gleich gut geht. Der konkret Hungernde ist nicht der Adressat dieser Worte. Das wäre zynisch.
Der größte aller Utopisten, Jesus, ist hier auch der größte Realist. Hier hilft ganz konkret nur eines: mit dem Hungernden ist schlicht und einfach das eigene Brot zu teilen. Das ist ebenso unumstößlich, wie eben wahr ist, dass du auch durch noch so viel Mühen, deine Lebenszeit nicht verlängern kannst.
Diese die Wirklichkeit annehmende – und in ihrer Unveränderbarkeit und mit allen Konsequenzen annehmende – Haltung basiert auf dem Glauben an die väterliche Sorge Gottes und die Geschwisterlichkeit aller Menschen. Der väterlichen Sorge kann er sich selbst anvertrauen, und den darbenden Nächsten weiß der Gläubige seiner Geschwisterlichkeit anempfohlen. Adäquat zu reagieren, rechte Verhältnismäßigkeit ist im zweiten Schritt gleichsam die Konsequenz aus dem Urvertrauen. Diese Einsicht reimt sich auf das Doppelgebot der Liebe: liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Im Christentum hat der Umgang mit Leib und Kleidung manche Blüten getrieben. Leib und Kleidung gering zu achten, das ist in Folge von Neuplatonismus und Calvinismus zu lebensfeindlichen Extremen stilisiert worden. Doch bei Jesus selbst finden Leibfeindlichkeit und Leib-Seele-Dualismus keine Grundlage. Es geht ihm um nichts anderes als das rechte Verhältnis zu den Menschen und den Dingen. Lebensfördernder Umgang mit dem Nächsten und vertrauend sachliche Einstellung zu Kleidung und Nahrung sind seine Leitlinien. Es ist zum zweiten also der Maßstab der Verhältnismäßigkeit, der den Gläubigen auszeichnet. Inmitten aller Lyrik einer Bergpredigt will diese nüchterne, relativierende Wahrheit des Realisten Jesus nicht überhört werden: Dinge dienen. Schau, dass sie keine andere Funktion bekommen und dass sie dort eingesetzt werden, wo es Not tut.

Drittens: Vergessen wir unseren Zwang zu Horten und zu Bunkern. Wir können uns befreien von der Angst. Denn der Text hat mehr zu bieten als das Starren auf ehemalige seelische Fehlhaltungen. Er bietet eine Vision. Auf deren Verwirklichung können wir zumarschieren. Dieser Weg verheißt für jeden nicht weniger als Erfüllung. Es gibt einen Sinn, es gibt eine realistische Chance auf Wahrhaftigkeit.

Reich Gottes ist nichts für besonders Fromme oder gar eine Belohnung für diejenigen, die jedem Buchstaben treu gefolgt sind. Es ist eher die mögliche Konkretion gelingender Zukunft für Grübler und Menschen, die mit sich oder ihren Lebensbedingungen nicht zu recht kommen. Über jedem individuellen Sinn – aber nicht zu trennen davon – steht die Vision von der Welt, wie sie um Gottes Willen sein soll. Sein Reich und das seiner Gerechtigkeit.
Gottes Gerechtigkeit ist das Gegenstück zu unserer menschlichen Vorstellung von Gesetz und Ordnung. Gottes Gerechtigkeit basiert auf dem Rechtsgrundsatz: Gnade vor Recht ergehen zu lassen.
Du und ich werden zunächst einmal durch diesen Grundsatz dort überhaupt zugelassen. Ich zumindest. Wir müssen uns nicht mehr selbst rechtfertigen, versuchen, vor Gott und der Welt groß rauszukommen. Nein, als so Zurechtgemachte dürfen und können wir in diesem Reich ein Rolle spielen. Es ist ganz nahe herbei gekommen. Mit jeder anstehenden Entscheidung kann es beginnen. Wenn wir nicht nur unsere Freunde lieben, sondern auch die, die uns nicht nur Gutes wollen, dann geht der Stern dieses Reiches auf. Mit dem beten für die Feinde beginnt tatsächlich erst die eigene innere Welt, dann die ganze Welt anders, besser zu werden. Hier geschieht Selbstüberwindung im besten Sinne. Nur durch den Mut zu einer derart alles verändernden Feindesliebe wird die Welt anders werden und ein verschrobenes Leben, wie unser eigenes, zu reicher Entfaltung und Erfüllung kommen.

Der heilige Leichtsinn, zu dem Jesus uns ermutigen will, wird dann uns Kranke einander heilen, uns Bedürftige einander helfen und uns Sünder einander vergeben lassen.

Die drei Erkennungsmerkmale des Gläubigen sind also: Gottvertrauen, Verhältnismäßigkeit im Umgang mit den reichlich vorhandenen Mitteln und die Nähe dieses Reiches Gottes. Amen.

Wanderwege – Lebenswege

Ansprache „Wandern“
Die drei Wandergründe
Gemeindewanderung 13.09.09
Grünhaus
Was wir heute gemacht haben – Wandern – das ist die natürlichste Sache der Welt. 100.000 Jahre lang haben sich Menschen ausschließlich so fortbewegt. Zu wandern entspricht unserer Geschwindigkeit wahrzunehmen.
In unserer Zeit hat das Wandern seine Selbstverständlichkeit, Natürlichkeit verloren. Wir fahren Bus, Lift, Rolltreppe, Mofa, Fahrrad und vor allem Auto. Wandern ist zu einem Urlaubsevent verkommen. Und wird gleichzeitig als solches emporstilisiert. Es ist bei Menschen en vogue, die sich Flugurlaub nicht mehr leisten können oder erkannt haben, dass sie ihn ethisch nicht vertreten können. Also: nur Kenner wissen noch um die wahren Werte des Wanderns.
Das ist schade. Denn Wandern bedeutet nicht nur Fortbewegung sondern im umfassenden Sinne Fortschritt. Haben Sie schon einmal gemerkt, wie die Gedanken beim Wandern sich entwickeln; Ihnen unterwegs gute Einfälle kommen und Sie gar das eine oder andere Problem quasi en passant lösen?
Von einigen Philosophen und berühmten Denkern gibt es Stiche, die sie mit hinter dem Rücken verschränkten Händen beim Wandeln, beim Wandern zeigen. Die Hände ruhen, der Kopf arbeitet. Nach dieser Gemeindewanderung wissen wir warum!
Drei Wandergründe habe ich mitgebracht. Sie sind das Geheimnis dieser drei Tüten. Nicht mit den Füßen – mit den Händen dürfen Sie erraten, erfahren (!), um welchen Grund es sich jeweils handelt.
(Handlungsanweisung: Auf dem Altar stehen diese drei undurchsichtigen Säcke. Den ersten dürfen Sie jetzt erforschen. Es ist ein Wandergrund drin. Aber Sie dürfen nicht einfach so reinschauen. Darum erhalten Sie diese Augenbinde. Sie dürfen fühlen und riechen. Und dann sagen Sie allen, was das Geheimnis dieses Sackes ist)
Gern singen die Jugendlichen das Kirchenlied „Eine Hand voll Erde“. Mit der Erde kannst du spielen, bauen dir ein weites Haus. Liebe Gemeinde, Erde gibt uns das Leben!
Aus ihr ziehen wir die Pflanzen, die wir essen und die Pflanzen, die die Tiere fressen, die wir zum Leben brauchen. Nicht umsonst bezeichnet die Bibel den Menschen als ein Wesen, das von Gott aus Erde geformt und geschaffen wurde, bevor er es mit seinem Atem zu einem geistvollen Menschen belebte.
(Zweiter Sack) …
Hier haben wir die Spitze eines alpinen Berges. Es ist der Gipfel des „Schweikert“. Jetzt ist dieser Berg in den Ötztaler Alpen nur noch 2.878m hoch. Wir sagen, unser Leben habe Höhen und Tiefen. Es waren die ärmsten Bergbauern, die auf den mageren Weiden ganz oben siedelten. Für uns dagegen sind Gipfel reiche Früchte des Anstiegs und der Arbeit. Gewonnene Augenblicke, die mit herrlichen Ausblicken belohnen; Leben pur.
Berge sind Inbegriffe des Lebens. Sie zu bewandern heißt sich anspannen und entspannen; heißt ausschreiten und ausruhen. Der Puls unseres Lebens eben. Berg und Tal stehen für unser aktives und unser empfindendes Leben.
Höchste Gipfel sind wie große Ziele.
Auch hier gibt es Lieder: „Go, tell it on the mountains“, „ultra la montaigne scopriamo l´amore“. Sie erzählen vom Erzählenswerten, von Hoffnung, Last und Liebe.
Dieser Stein steht dafür, dass wir im Leben Visionen brauchen.
(Dritte Tüte) …
Hier ist der Sand. Ehemalige Gipfel. Im wahrsten Wortsinn zerronnene Felsen. Sinnbild verflossener Zeit.
„Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd´ ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als Totenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir.“ (Heinrich Heines Grabinschrift)
Nicht nur der Sand in den Sanduhren gemahnt uns der Flüchtigkeit der Zeit, sondern gerade Strände erzählen uns davon , dass alles in Bewegung ist. Schwemmgut berichtet von fernen Ländern und vergangenen Katastrophen. Wenn wir sagen „Dieser Palmenstrand kommt mir paradiesisch vor“, dann spielen wir auf eine Menschheitsvorstellung vor und nach aller irdischen Zeit an.
Und tatsächlich: nirgendwo sehen wir soviel Himmel wie am Meer. Unser halber Gesichtskreis: nichts als Himmel. Und im Wasser spiegelt sich der Himmel, als wollte es so von seiner Nähe zur Unendlichkeit beichten.
Erde, Berge und der Meeresstrand. Sie sind nicht bloß Ort für Aufenthalt und den Lauf unserer leiblichen Füße. Sondern zusammen sind sie Sinnbild für unseren irdischen Lebensweg!
Im Neuen Testament steht zwischen den einzelnen Perikopen, den Erzählungen über Jesu Tätigkeit, dass er aufbricht und an einen anderen Ort geht. Immer wieder steht das dort. Etwas Altes wird abgeschlossen, etwas Neues beginnt, sagen uns diese Ortswechsel. Jesus ist unterwegs. Mit uns.
Gott segne Ihre Schritte, Ihr Losmarschieren und Ihr Ankommen. Amen.

Ansprache über Joh. 6, 1 – 15
anlässlich einer Taufe

Gehalten am:         27. Juli 2009                   in: Grünhaus (17.00)

Danach ging Jesus zum jenseitigen Ufer des galiläischen Meeres von Tiberias fort. Ihm folgte eine große Menschenmenge, weil sie die Zeichen gesehen hatten, die er an den Kranken getan hatte. Jesus aber bestieg den Berg und setzte sich dort im Kreise seiner Jünger. Es war die Zeit kurz vor dem Passah, dem Fest der Juden. Als Jesus nun seine Augen aufhob und sah, wie die Leute in Scharen zu ihm kamen, sagte er zu Philippus: „Woher sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen bekommen?“ Das sagte er freilich nur, um ihn auf die Probe zu stellen. Er selbst wusste ja, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: „Selbst für zweihundert Denare Brot würden nicht ausreichen, dass jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück Brot bekäme.“ Einer von seinen Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zum ihm: „Hier ist ein Kind, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Doch was ist das für so viele!“ Jesus sagte: „Lasst die Leute sich lagern!“ Es gab reichlich Gras in der Gegend, und so lagerten sich die Leute, fünftausend an der Zahl. Da nahm Jesus die Brote, sprach den Lobpreis, und verteilte sie unter den Lagernden, ebenso auch von den Fischen, soviel sie wollten. Als sie satt geworden waren, sagte er zu seinen Jüngern: „Sammelt die übrig gebliebenen Brocken auf, damit nichts verdirbt!“ Da sammelten sie sie auf und füllten zwölf Körbe mit Brocken, die von den fünf Gerstenbroten beim Essen übrig geblieben waren. Wie die Leute das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: „Wahrhaftig, dieser Mann ist ein Prophet, der in die Welt kommen soll!“ Doch weil Jesus merkte, dass sie drauf und dran waren, ihn mit Gewalt zu entführen, um ihn zu ihrem König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück.

Das Leben ist Anspannung und Entspannung. Einatmen und Ausatmen. Große Dinge können wir nur leisten, wenn wir uns auch Entspannungsphasen gönnen, Zeiten, in denen wir uns sammeln und zu Kräften kommen. Der Rückzug Jesu auf einen Berg steht für Phasen in unserem Leben, in denen wir Überblick im wahrsten Wortsinn gewinnen, vielleicht Zeiten wie den Urlaub, in denen wir aus dem Alltag herauskommen.

Auch steht ein Wunder in Gegensatz zu der Publicity, die es auslöst. Der Ruf: „Macht Jesus zum König“ ist kein schlechter Gedanke. So jedenfalls hat es schon Platon in seinen Überlegungen zum idealen Staat gefordert. Die, die herrschen wollen, denken an sich selbst und sind darum nicht geeignet. Aber die Denker, die wissen, worauf es ankommt, die wollen nicht Könige werden. Also muss man die denkenden Philosophen zu Königen machen.

Was gegen diesen Ansatz des Platon spricht, wird in dieser Szene offenbar. Die Ethik des Reiches Gottes ereignet sich stets zwischen Mensch und Mensch, stets frisch und unverbraucht. Sie lässt sich nicht in das Gesetzeswerk eines noch so königlich regierten Staatswesens eindosen. Sie wäre dann dazu verurteilt, weil allgemein gültig, dem ein oder anderen gerade dadurch wieder nicht gerecht zu werden.

Wir lernen: Jesu Ethik ist Situationsethik, er will nicht „in die Welt“ und vor alle Welt. Er will ihr Kontrapunkt sein. Und zweitens: wahre Wunder und Publicity schließen sich aus. Will gar ein wahres Wunder sich zur Schau stellen, dann wird es zur schlichten Ware. Wahre Wunder ereignen sich zwischen Menschen. Gerät solch ein Geschehen vor die Augen neugieriger oder gar gieriger Menschenmassen, dann verkommt es bestenfalls zur Zeremonie (eine Anfrage an unsere Kirchen), meist jedoch zur mehr oder weniger ehrgeizigen Show.

Dem verweigert sich Jesus. Keinen Starkult bitte.
Ihm kommt es allein darauf an, in der jeweiligen Begegnung mit Menschen zu offenbaren, wie nah das Reich Gottes sein will. Und dass dieses Aufleuchten des Reiches das Gegenteil von dem ist, was wir Event nennen. Wieder sind wir Kirchen aufgefordert, über den Einsatz von Pomp und Kult neu nachzudenken.

Wenn also das Ereignis am See mehr Sein als Schein ist; was also genau geschieht an diesem Tag am Ufer gegenüber von Tiberias? Neugierige und sehnsüchtig auf Veränderung wartende Menschen sind weitab der Zivilisation gelandet, die allein sie alle ernähren könnte.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leib werden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das ist das eigentliche Wunder! Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – weil? Ja, weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Tomaten, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Obst. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden und tatsächlich: alle werden satt!

Dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: Halte was du hast, und: Genug ist nicht genug.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Die zwölf Gefäße, die sich aus den Resten dessen füllen, was ein unschuldiges Kind einfach so gebracht hat, diese zwölf sind natürlich die Jünger, die nach diesem Wunder der Zwischenmenschlichkeit voll von diesem Vertrauen sind, dass wir letztlich alle satt werden. Gott will es. So, liebe Gemeinde, dürfen auch wir sein. Amen.

Ansprach anlässlich der Trauerfeier für Prof. Dr. Susanne Dierolf

Beerdigungsansprache
für

Prof. Dr. Susanne Dierolf

Über Lk 10, 38 – 42
(Lesung Mt 6,)

Auf der Wanderung kam er mit ihnen in ein Dorf. Eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber hatte alle Hände voll zu tun, um ihm viel Gutes angedeihen zu lassen. Da trat sie hinzu und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich alleine für dich arbeiten lässt? Sag ihr doch, sie soll mit Hand anlegen!“ Doch der Herr erwiderte: „Martha, Martha, für vieles sorgst du dich und bist davon umgetrieben: aber nur wenig ist nötig – eigentlich nur eines! Maria kümmert sich um das eine Gute; und davon soll sie nicht abzogen werden.“

Wahrscheinlich spricht Jesus in diesem Weiler über Gerechtigkeit. Und Maria, seine Kanzelschwalbe, nickt beipflichtend zu seinen Worten.
So stelle ich mir den Moment vor, in den Martha platzt, gleiche Last für beide Schwestern, gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern einklagt.
Nun ist noch nie das Gleiche daraus geworden, indem zwei Dasselbe tun. Dieser Wahrheit eingedenk, erzählt uns Lukas diese Geschichte über die beiden Schwestern des Lazarus und über Jesus. Denn nicht andächtige Frömmigkeit – Maria hier zu seinen Füßen – und praktische Diakonie dort – Martha in der Küche – treten hier gegeneinander an. Sondern es geht darum, nicht Jesus als Person zu verehren, in ihm aber den Überbringer guter Nachricht zu sehen. Seine Eloge des nahen Reiches zu vernehmen, zu würdigen und zu tun.

Bis heute mögen der Hörer und die Hörerin doch verstehen, dass es des Wenigen aber Richtigen bedarf, um das Gottesreich aufscheinen zu lassen. Dass es nicht darum geht, die Person Jesu zu hofieren, sondern in diesem neuen Menschen, seinem Lehren und Leben die Ankunft des wahren Menschseins wahrzunehmen.

Die beiden Flügel der schmalen Pforte, die sich hin zu der Welt öffnet, wie sie um Gottes Willen sein soll, diese beiden heißen „das Wenige“ und „das Richtige“, da war sich Susanne Dierolf immer sicher.

Das Richtige. Der Eros eigenständigen Denkens gab ihr die Kraft für geniale mathematische Antworten auf alte Fragen. Sie liebte das Bohren in dicken Bohlen. Adorno sagt: Neugier ist das Lustprinzip der Gedanken. Dieser Lust ergab sich die ansonsten spröde Protestantin mit dionysischem Eifer. Sie wandelte in der Welt abstrakter Gedanken mit der Trittsicherheit eines nietzscheschen Gerechten, mit der Standhaftigkeit eines platonischen aus der Höhle der Konventionen Entlassenen. „Mathematik, Matthias“, sagte sie, „das ist nicht das Rechnen vor und hinter dem Gleichheitszeichen, das Verschieben der Seiten einer Gleichung, das Umgruppieren. Sondern Mathematik, so wie ich sie verstehe, das ist das Beweisen eines Axioms. Das gleicht dem Aufenthalt in eisiger Höhenluft, da ist dann nur: die Aufgabe und ich. Vorher nie zu Ende Gedachtes abschließend zu bedenken; dann kann Mathe so schön sein wie ein Sonnenuntergang!“

Ihre dergestalten Habilitationsgedanken ließen ihre wissenschaftliche Sonne aufgehen.

Doch bis dahin hatte sie den persönlichen Lebenswinter zu überstehen. Früh war sie von der Mutter eingezäunt worden, kein Spielen mit Gleichaltrigen, kein Kinderwagenschieben der elf Jahre jüngeren Schwester, Ausgang nur am Samstag mit den Eltern. Im Geviert des strengen häuslichen Rahmes erlaubte einzig der Geist, die gedanklichen Auseinandersetzungen, die Lektüre der reichlich vorhandenen Literatur, die Erzählungen der trotz aller Eingrenzungen liebevoll empfundenen Mutter, dieser kasernierten Existenz zu entfliehen und mit Hilfe der gelesenen oder selbst fantasierten Gedanken die Brücke nach draußen zu schlagen.

War die Schule der einzig erlaubte Freiraum? Dort wurde von Susanne Lieselotte Smogrovic, der erstgeborenen Lehrerstochter keine andere Note als eine 1 erwartet wurde? Eine 2+ wurde als Katastrophe gewertet. Ein Erbe, das nicht in einer einzigen Generation abzuarbeiten ist. Doch die konservativen Eltern dachten nie an ein Studium für die Tochter. Sie wurde mit 17 verheiratet. Susanne selbst empfand diesen Schritt damals als Entkommen aus der elterlichen Zuchtanstalt. Gegen den Widerstand der Schwiegereltern – dieses Preises der neuen Freiheit wurde sie sich später bewusst – setzte sie durch, das Privatabitur zu machen und nach der Geburt des Sohnes Alexander sich zu immatrikulieren. Heidi Rank ist Freundin bis heute geblieben. Sie übermittelte ihr kassiberähnlich die Aufgaben aus der Münchner Uni nach Hause. So machte Susanne dann, ohne fast jemals in der Uni gewesen zu sein, eine souveräne Zwischenprüfung und wenig später den Doppelabschluss fürs Lehramt in Russisch und Mathematik. Dieser Blick auf ihr Werden erklärt uns die selbständige Denkerin und die Gründe ihrer autonomen Produktivität. Das Richtige zu tun, auch wenn die Wahl der Mittel beschnitten ist, das war ihr früh schon zur Lebensmaxime geworden.

Ende der Siebziger Jahre litt Susanne unter einer schweren Depression. Das Trauma früh erlebten Bewegungsverbots war aufgerissen. Hinter ihr die abgeschlossene Promotion, vor ihr die Unmöglichkeit der Habilitation. Am grauesten waren ihre Tage in Kiel. Die Perspektivlosigkeit sog ihren Lebensmut auf wie die Totesser in den Harry-Potter-Romanen.
Die Geburt der Tochter – Susanne war inzwischen zum zweiten mal verheiratet – brachte den Durchbruch in biblischem Sinne. Nicht umsonst wurde das Kind Dorothea, Gottesgabe, genannt. Alles begann sich zu öffnen, zu fließen, geriet in Bewegung zum Guten.
Die Gedanken kamen, in sechs Monaten legte sie eine glänzende und das heißt oft zitierte Habilitation hin. Auf Stagnation folgte die Blüte.

Zum neuerlichem Fleiß und selbständigen Denken und Arbeiten kam nun noch ihre Freiheit von aller Angst. Nicht nur der Eisblock um ihr Ich war abgeschmolzen, sondern auch eine Selbstsicherheit erstarkt, die sich fortan nicht scheute, extreme Positionen zu vertreten. Vielleicht jetzt weniger wissenschaftlich, als vielmehr lebensbezogen und praktisch. Z.B. die oft so ganz anderen, unbürgerlichen Lösungen des Mannes aus Nazareth für sich als Möglichkeiten eigenen Verhaltens in Betracht zu ziehen. Neben die mathematischen Richtigkeiten trat nun das Richtige in seiner ethischen Dimension.

Auf dem beruflichen Feld trugen ihre mathematischen Einsichten bald Früchte und ihr Wirken in Forschung und Lehre war seither anerkannt. Ihre Tagungsidee um die Analysis hat die Deutsche Forschungsgesellschaft zur Jahrestagung erhoben. Ein Dezennium schlug sie sich mit Konzept, Einladung, Vorbereitung, Unterbringung, Abrechnung herum. Der anregende kollegiale Austausch bei diesen Zusammenkünften verdankte sich, genau betrachtet, ihrer unermüdlichen Kleinarbeit. In der Auseinandersetzung mit bürokratischen Vorschriften arbeitete sie genau an der Front ihres persönlichen Bekenntnisses, dass man dem Mammon nicht dienen, sondern sich mit ihm Freunde machen solle. Denn ganz unmathematisch konnte sie fünf gerade sein lassen und solches Unterfangen lustvoll mit einer Portion Anarchie würzen.

Als Promovendin hatte sie sich zur Tagung in Oberwolfach / Schwarzwald eingeladen; auch so einer ihrer unorthodoxen Züge. Denn dorthin wurde man eingeladen. Seit ihren Referaten dort durfte sie auf dem Analysisareal der Großen mitspielen. Bis dann durch den Tod von Kötens die Tagung nicht mehr stattfand und sie eben eine eigene Tagung für sinnvoll erkannte.

Susanne war ein geistiger Mensch. Aber die Wahrheit ist immer konkret, lehrt Dorothee Sölle. In jeder Entscheidung Entschiedenheit, in jeder Handlung Haltung, im Wort Wahrheit. Wahrhaftig ist, wer die Wahrheit tut. Das Menschliche stand für sie im Vordergrund.

Ich weiß, dass hier Stipendiaten und ehemaligen Doktoranden – elf durfte sie insgesamt begleiten – sitzen, die nicht nur von ihrem Geist gefordert und gefördert wurden, sondern die auch dankbar für ihren unermüdlichen Einsatz bei Antragstellungen sind, ja auch solche, denen sie vom eigenen Einkommen abgab, damit ein einigermaßen satter junger Körper die Früchte seines Geistes auch über die Ziellinie tragen konnte.

Susanne Dierolf, eine unzeitgemäße, aber, ach, in unserer Zeit so nötige Erscheinung in Lehre, Leben und Kirche.

Frisch gewaschen, frisiert und geschminkt Auftritte zu haben, das steht nur in der schönen neuen Welt der ewig jung Bleibenden, der durchtrainierten Erfolgreichen in der Werteliste ganz oben, bei denen, die sich ganz den Machtworten des Zeitgeistes ergeben, wie er von Plakatwänden und aus Illustrierten schmeichelt. Von solcherlei Diktat hat sich Susanne nie ins Glied rufen lassen. Der weltüberlegene Asket, der fellbekleidete Täufer, dem man in keiner U-Bahn zu nahe kommen will, übte auf sie Anziehung aus ob seiner Unabhängigkeit von allen Konventionen. Sie empfand die Tatsache, nur einen Mantel zu besitzen, nur ein Paar Sommer- und ein Paar Winterschuhe als Gehorsam dem Bibelwort gegenüber, dass, wer zwei Hemden besitze, eines seinem Nächsten, der keines habe, geben solle. Vor allem aber freute sie sich am neuen Lebensgewand, in das einer schlüpfen kann, dem Vergebung widerfahren ist. Denn es ist wahrlich nicht so, dass sie solcher Milde nicht selbst bedurfte und sich dessen nicht auch selbstkritisch bewusst war. Darum: Großzügigkeit und Güte praktizierte sie frei von jedem intellektuellen Hochmut.

Dass das Wenige reicht, ja dass das Wenige großen Reichtum bedeuten kann, das hat sie im wahrsten Sinne mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Eltern waren 1945 aus Preßburg über und Linz – die Mutter war Wienerin – nach Bayern ausgewiesen worden. Mit der Großmutter kam sie über die Grenze und fanden Vater und Mutter in nichts anderem untergebracht als einem leeren Heustadel. Darauf lief die Großmutter zu Fuß zurück bis in die CSSR und brachte aus ihrer letzten Wohnung im nun leeren Kinderwagen das, was zum Überleben bitter notwendig war, die Brotkapsel, das Brot, Besteck und Teller, den Wasserkessel und den Kochtopf. Eben das Wenige. Mehr war nicht nötig. Das Wenige war auch das Richtige. Das lernte Susanne damals. Sie hat es in den Jahren des Wirtschaftswunders nicht vergessen oder gar überbaut. Darum hielt sie das konsumorientierte Wertesystem der schönen neuen Welt, hielt sie die oberflächlichen und leuchtenden Orientierungsvorgaben einer Reklamewelt ihrer tiefsten Verachtung für würdig.

Sein statt Haben. Gerechtigkeit durch Anteilgeben herzustellen, das lebte sie.

Dem Mystiker Willigis Jäger ist wichtig, dass jede Spiritualität sich im Alltag bewährt. Reife Spiritualität führt ins Leben zurück. In diesem Sinne deutet wie er auch Meister Eckhart die Erzählung von Martha und Maria: Nicht Maria, die verzückt zu Jesu Füßen saß, hatte das Ziel erreicht, sondern Martha, die ihre Nachfolge in der Praxis des Lebens auf den Punkt bewährte.

Beim Umspaten, im Garten, zwischen Brombeergezweig und Kartoffelbeet sammelte Susanne sich, band Herz und Verstand zusammen. Erkenntnis zwischen Erdbeeren. Eingebung beim Einfrieren. „Hätte der und der statt seiner frömmelnden Exerzitien doch besser eine Furche ins Feld gezogen“, summierte sie für uns die Auseinandersetzung über westöstliche Weisheit. Höchste Abstraktion und handfester Lebensbezug. Kartoffeln, Katzenfutter und Kötenmathematik. Ihr Wort stand nie theoretisch im Raum sondern war geerdet durch ihr Handeln.

Mir scheint, sie hat dabei den Puls Jesu deutlicher ertastet, als es Menschen tun, die bloß seine Worte rezitieren können. Susannes Wortmeldungen ließen das Presbyterium schweigen. Sie intervenierte für mehr Menschlichkeit. Wir spürten, sie hat uns mit jesuanischem Geist beatmet, frische Luft in unsere übergeregelte Institution gefächelt. Gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern hat sie eingeklagt. In ihrer ganzen Existenz war sie Täterin der Wahrheit und damit Marthas nächste Verwandte, ihr näher als deren leibliche Schwester Maria.

Wir brauchen Susanne und werden sie vermissen.

Für die Lücke, die sie an der Universität hinterlässt, mag in diesem Gottesdienst später ein anderer sprechen.

Am meisten aber werdet Ihr Kinder, besonders Bernhard und Angelika ihre Stärke, ihre Disziplin, ihre weise Wegweisung vermissen – und gleichzeitig erhaltet Ihr erst jetzt so richtig die Chance, Susanne Dierolf in diesen Qualitäten zu beerben und ihr nachzufolgen – Susanne wird aber erst dann ganz in himmlischer Freiheit angekommen sein, wenn ihr auf diesem Weg ganz bei Euch ankommt.

Priesterjubiläum von Pastor Mönch

 

 

Ansprache zum 50. Priesterjubiläum von Heribert Mönch
12. Juli 2009, Pluwig

Lieber Amtsjubilar!
Liebe Festgesellschaft!

Es gibt ja die absonderlichsten Berufe. Da gibt es z.B. in Wolfsburg, Sindelfingen und Köln Menschen, die nichts anderes machen, als darauf zu hören, ob die Autotüren von Neuwagen beim Zuschlagen so klingen, wie sie bei einem Auto der hergestellten Klassen klingen sollen.

Und dann gibt es Menschen, die beschäftigen sich mit dem Wetter von Morgen. Viele unter uns befragen sie täglich nach den Nachrichten oder in der Zeitung. In gewisser Weise sind sie Hoffnungsträger wie es bei dem Beruf der Fall ist, um den es jetzt geht.

Gehört es neben all den KFZ-Schlossern, Bäckern, Metzgern, Maurern und Meteorolügen nicht auch zu den absonderlichen Berufen, ein Gottesmann zu sein?
Menschheitsgeschichtlich ist das zu verneinen, denn kaum waren die Menschen dem Jäger- und Sammlerdasein entwachsen, da bildeten sich Gesellschaften, die von Priestern gesteuert wurden. Die Stabilität einer Gemeinschaft hängt ganz grundlegend an den Werten, die ihr Zusammenleben steuern und bestimmen.

Und um die Bäcker aller Jahrtausende herauszufordern hat ein Zimmermannssohn vor vielen Jahren festgestellt: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein – sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“.

Den Menschen diese Dimension zu eröffnen, sie aus ihrem alltäglichen Beschäftigtsein herauszuführen und zur Besinnung zu bringen, das ist die Aufgabe, die Sie vor 50 Jahren übernommen haben.

Wir Menschen sind das Wesen, das mit den Füßen zwar auf dieser Erde steht, aber mit der Stirn den Himmel berührt.

Sie sind nicht müde geworden, seit einem halben Jahrhundert unseren Herzen diese Dimension aufzuschließen und nahe zu bringen. Und weil wahr ist, dass Gott sich am liebsten zwischen Menschen erfindet, galt der Gemeinschaft, sagen wir es kirchlich: der „Gemeinde“, Ihr besonderes Augenmerk. Ihre Gaben haben sich gern in musikalischen Gemeinschaften ausgedrückt. Das finde ich sehr einladend, denn bekanntlich soll man sich dort niederlassen, wo Menschen fröhliche Lieder singen.

Auf solche Töne acht zu geben, das finde ich viel einladender als das Geräusch zuschnappender Autotüren. Wenn Sie Herzen und Türen öffnen zu der Welt, die mit ihrer Liebe so entscheidend für das Gelingen auf dieser Erde ist, dann segne Sie Gott auch weiterhin. Ich danke ihm, dass ER Sie uns hierher gegeben hat.

Sich zum Fest des Lebens einladen lassen

Jesus erzählt ein Gleichnis: „Ein Mann gab einmal ein großes Essen und viele dazu ein. Zum Termin schickte er seinen Knecht und ließ den Geladenen sagen: Kommt, alles ist gerichtet. Da fingen die auf einmal an sich zu entschuldigen. Der erste sagte: ich habe einen Acker gekauft und muss dringend hinaus gehen und ihn mir anschauen. Ich bitte, entschuldige mich. Der nächste sagte: ich habe fünf Joch Ochsen erworben und gehe hin sie in Augenschein zu nehmen. Ich bitte dich, entschuldige mich. Der dritte sagte: ich habe gerade geheiratet, darum kann ich unmöglich kommen. Der Knecht kehrte um und meldete es seinem Herren. Da ward der Herr zornig und sagte zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und bringe die Armen, Krüppel, Blinden und Lahmen herein! Kurz darauf der Knecht: Herr, wie du angeordnet hast, ist es geschehen; aber es ist noch Platz. Da sagte der Herr zu seinem Knecht: Dann geh hinaus auf die Landstraßen und bis an die Gemarkungsgrenzen und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll wird. Denn das sage ich euch: von jenen Männern, die eingeladen waren, wird keiner von meinem Mahl zu kosten bekommen.“

Auf meine Frage, warum kommst Du nicht zum Gottesdienst? höre ich oft die Antwort: die ganze Woche muss ich früh aufstehen. Einmal in der Woche möchte ich ausschlafen. Die ganze Woche sehne ich mich danach. Oder ein Familienvater sagte: am Sonntag ist der einzige Tag, an dem ich mit der Familie frühstücken kann. Interessanter Weise ist auch der 17.00 Gottesdienst davon betroffen. Denn eine weitere Wahrheit ist, viele Menschen meinen, Kirche sei eine traurige, belastende Angelegenheit, moralinsauer und der liebe Gott ein Spaßverderber.

Jesus erzählt diese Geschichte, weil er uns durch die Blume dieses Gleichnisses sagen will, dass der Gastgeber unseres Lebens – Gott – ganz anders ist. Er lädt uns zu so etwas wie einem Fest ein, einer absolut fröhlichen Angelegenheit.
Der Gastgeber scheint ein sehr spontaner Mensch zu sein. Er bereitet erst alles vor, dann schickt er den Boten mit der Einladung. In unserem organisierten Deutschland würden wir uns über eine Flut von Absagen bei dieser Art von Spontanität nicht wundern. Schließlich haben wir Termine.

Und genau das ist es, was Jesus uns sagen will. In der Welt, für die er lebt und von der er nicht müde wird zu sprechen haben besonders die eine Chance, die nicht mit eigenen Dingen beschäftigt sind.

Diesem Beschäftigtsein scheint auch der Zorn des Gastgebers geschuldet. Also noch einen Gedanken dazu, denn Jesus weiß von einem liebenden Vater, spricht nicht mehr vom Gott, der Unrecht bis in die vierte Generation ahndet. Das, was hier Zorn genannt wird, sind nicht weniger als die Konsequenzen, die wir auf Grund unserer Lebensführung selbst zu tragen haben. Wir verschreiben uns bestenfalls der Selbstverwirklichung und verstricken uns in der Unlösbarkeit dieser Aufgabe. Alltäglich häufen wir den Berg der Arbeit höher über uns auf. Wir rennen und hasten, vertun unsere Zeit. Und Jesus stellt uns einen Vater im Himmel vor, der sich die Haare rauft und sagt: warum nur verbringen die Menschen ihre Tage in dieser Hetze, warum machen sie sich das Leben so schwer? Warum, vor allem, versuchen sie ihr Leben alleine auf die Reihe zu bekommen, mit ihren Mitteln, sind ausschließlich mit den eigenen Dingen beschäftigt? Sie könnten es so einfach haben, wenn sie meine Einladung annehmen würden.

Jesus spricht mit diesem Gleichnis in unsere Richtung, die wir uns fragen: müssen wir nicht erst noch eine Zugangskontrolle hinter uns bringen, etwas regeln? Müssen wir uns nicht mindestens selbst noch in Ordnung bringen, bevor wir eine Einladung Gottes annehmen können? Müssen wir, bevor wir glücklich sein wollen, nicht noch diese Hürde und Stufe genommen, jene Bedingung erfüllt und dieses Ziel erreicht haben? Wenn ich das erreicht habe, dann bin ich glücklich, sagen wir.
Als könnten wir Leben verschieben, aufheben. Jetzt wird gelebt oder die Zeit vertan. Jetzt fängt das Fest an, nicht erst dann wenn…, nicht erst, wenn ich genug Geld verdient habe, pensioniert bin, mein Leben in Ordnung gebracht, den richtigen Partner gefunden oder den Urlaub erreicht habe.

Darum haben es auch die, die nichts haben einfacher. Wer mit seinem Joch Ochsen, also dem Repräsentationsfortbewegungsmittel, dem neuen Baugrundstück, der Jagd nach der oder dem Richtigen beschäftigt ist, wer Glück einfach in die Zukunft verschiebt, der kann das Geschenk des Lebens, das Fest, das Gott bereitet hat, nicht heute und nicht jetzt leben.

Beschäftigung als Ausrede. Ziele als Grund, die Zusagen des Augenblicks nicht einzulösen. Ich habe Zeit, die Frage ist nur wofür. Der Umgang mit der Zeit spielt eine wichtige Rolle beim Zugehen auf das Reich Gottes. Den lieben Gott auch einmal einen guten Mann sein zu lassen ist offensichtlich genau das, wozu Gott selbst uns einladen will. Unser Leben sei ein Fest, schlägt er uns heute am Sonntag als Lied, vor allem aber als Lebensprogramm vor.

Das kann Wirklichkeit beim Familienfrühstück oder beim Morgen im Bett werden. Wann und wo ich den lieben Gott einen guten Mann sein lasse, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass ich dieses Fenster in meinem Terminkalender offen halte und dass ich bewusst den diesen guten Mann als Gastgeber sehe!

Aber was ist mit mir, wenn ich die Einladung ausschlage, wenn ich meine, ich bekomme es selbst besser hin, wenn ich eben beschäftigt bin und meine, eine gute Entschuldigung zu haben? Kommt dann nicht doch wieder eher der ungnädige Vater ins Bild, einer, der die Türe zuschlägt und sagt: von jenen Männern, die eingeladen waren, wird keiner von meinem Mahl zu kosten bekommen.

Dass ich nie mehr eingeladen werde, das genau steht nicht im Text. Beschrieben wird im ganzen Gleichnis, dass die Eingeladenen es selbst in der Hand haben. Sie haben die Wahl.

Ich selbst muss einfach nur hingehen, mein Leben ein Fest sein lassen wollen. Ich muss die Einladung einfach nur annehmen. Amen.

Geduld ist eine Tugend

Worauf kommt es im Leben an?

Diese Frage stellen nicht nur wir uns heute, schon vor zweitausend Jahren fragten sich die Leute, worauf es ankommt.

Auch von Jesus wollten sie wissen, welche Antwort er bereit hat.


1 An jenem Tag verließ Jesus sein Haus und setzte sich am Meer nieder. 2 Da liefen die Leute in großen Scharen bei ihm zusammen, so daß er ein Boot bestieg und sich dort setzte, während das ganze Volk am Strand stehen blieb. 3 Und er redete viel in Gleichnissen zu ihnen und sagte: „Sieh, ein Sämann ging, um zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg – da kamen die Vögel und fraßen es auf.

5 Anderes fiel auf Felsboden, wo nicht viel Erdreich liegt, ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. – 6 Kaum stand die Sonne am Himmel, da wurde es versengt, weil es nicht hatte Wuzeln fassen können.

7 Anderes fiel unter die Dornen. Die Dornen schossen empor – und erstickten es.

8 Anderes fiel auf guten Boden und brachte Frucht: das eine hundertfach, das andere sechzigfach, das dritte dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!“

Geschichten und Gleichnisse als Antworten haben eine besondere Gabe. Menschen mit „ja, ja“ und „nein, nein“ zu antworten, erfordert Präzision und Mut. Mut insbesondere dann, wenn fehlende Qualitäten und Eigenschaften der Fragenden kritisiert werden müssen, um eine ehrliche Antwort zu geben.

Doch solche Ehrlichkeit verschließt oft die Herzen der Fragenden. Darum also die schöne Verpackung einer Erzählung. Sie wirbt indirekt für die Wahrheit: sie öffnet ihr Ohr und Herz.

Die Frage war: worauf kommt es an im Leben?

Die Antwort liegt auf der Hand. Wir müssen uns nur die verschiedenen Schicksale der Körner vor Augen führen.

Da sind zunächst die, die oben liegen bleiben. Sie sind auf die breite Straße des Lebens gefallen und mir ist, als fragten sie weder nach woher oder wohin des Lebensweges. Sie bleiben an der Oberfläche. Ich kenne Menschen, die bleiben ihr ganzes Leben lang an der Oberfläche. Sie fragen nicht danach, wie und was der Mensch ist, Fragen, die du nur beantwortet bekommst, wenn du bei dir selbst in die Tiefe steigst. Auch noch so viele menschliche Begegnungen bringen keine Einsicht in das Wesen des Menschen, wenn er nicht an sich selbst beobachtet und lernt.

Diese hier aber haben keinen Tiefgang; sie sind eben oberflächlich.

Das ist nicht gut, will Jesus uns sagen, denn sie werden schnell Opfer von denen, die sie benutzen wollen. Opfer solcher beispielsweise, die behaupten: ich habe dich zum fressen gern – aber in Wahrheit interessieren sie sich gar nicht für mich, sie wollen nur, daß ich ausführe, was sie wollen. Ich bin Handlanger, Stimmvieh, Punkt in der Masse und letztlich benutzen sie mich, um selbst satt zu werden.

Dann sind da die, deren Wurzeln den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Wir wissen, zarte Pilze können Teerstraßen durchbrechen und Wurzeln können Fundamente sprengen. Doch diese hier bemühen sich nicht, sie geben sich mit der dünnen Mutterkrume zufrieden, die der Wind in irgendwelche Löcher geweht hat. Sie nehmen, was kommt. Das sind die Schnellebigen. Die, die sich immer anpassen. Sie haben keine wirkliche eigene Meinung, zeigen kein Profil. Sie sind sozusagen eigentlich gar nicht wirklich. Denn wer ist, hat Ecken und Kanten, hat ein ganz einmaliges Erscheinungsbild und Wesen.

Sie haben nichts zu geben, denn in Wahrheit sind sie nichts.

Wenn es mal heiß hergeht, dann versagen sie.

Und dann sind da die armen, die im Gerangel untergehen, erstickt von den Dornen einer nach oben strebenden Gesellschaft. Die, denen die Stiche und Gemeinheiten der anderen wehtun. Empfindsame Seelen, sensible Menschen. Die, denen das Licht zum Leben genommen wird, weil andere sich über ihnen breit machen: Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, geltungssüchtige Mitmenschen oder Partner.

Sie gehen kaputt im allgemeinen Drägeln und Schieben nach oben, nach vorne, nach Geld und nach Ansehen.

Das sind die, die im Leben unter die Räder kommen, underdocks auch, Schwarze in den amerikanischen Ghettos, Kindermassen in Indien, Frauen in patriarchalischer Industriegesellschaft, Mädchen im afrikanischen Stammesislam, Bauern im aufstrebenden China, Menschen anderer Meinung in Diktaturen.

Sie werden mundtot gemacht, nicht an die Oberfläche der öffentlichen Meinung gelassen. Sie verkümmern, weil sie niemand gelten läßt oder gar fördert.

Ja und dann, dann sind da endlich die, zu denen wir so gern gehören. Denen es wohlgelingt. Offensichtlich wissen sie, worauf es ankommt im Leben. Und Glück haben sie gehabt. Die Gnade der richtigen Geburt ins richtige Land zur richtigen Zeit, liebevolle Eltern, gute Anlagen, geeignete Erzieher.

Und wissen:

– wir brauchen Tiefgang beim Nachdenken über die Zusammenhänge der Welt und darüber, wie menschliches Miteinander gut funktionieren könnte;

– wir haben Profil und dürfen unsere Persönlichkeit zeigen, tun, was ich als richtig erkannt habe, selbst wenn andere es anders machen würden;

– wir sind rücksichtsvoll und achten darauf, daß niemand unter die Räder gerät oder in unserem Schatten erstickt.

Schauen Sie sich selbst an. Ich habe ihnen das Beispiel zum Anfassen mitgebracht. Sonnenblumenkerne. Samen, die der Sämann gern streut. Es ist eine lohnende Saat. Sie trägt alles in sich. Die Kraft und das Programm, eine stattliche Blume, 1,50 m hoch und mit sonnengelbem Flammenrad zu werden.

An der falschen Stelle aber auch Vogelfutter.

Hundertfach kann sie tragen, wenn´s gelingt, oder einfach nur ein Häufchen Elend, wenn´s mißlingt.

Worauf kommt es an im Leben?

Auf die Wurzeln, liebe Gemeinde! Es kommt darauf an, woraus wir leben!

Meine Intelligenz kann ich nicht ändern und meinen geistigen Horizont nur in beschränktem Maße erweitern.

Meine Persönlichkeit habe ich ererbt. Ich kann mir vornehmen, mich anders zu verhalten, doch ich falle immer wieder in die alten Schemata zurück.

Für das Land, in das ich geboren werde und die gesellschaftliche Stellung meiner Geburt kann ich nichts.

Das eine oder andere kann ich ändern, das meiste jedoch nicht. Und doch hat dies alles: das Veränderbare vor allem aber das Unabänderliche zwei Gesichter. Und darum kann sich mein Verhalten in zwei Richtungen entfalten. Der Wille trägt dabei oft nicht weit. Meine Meinung und meine Einstellungen zu allem aber folgen meinem Glauben.

Mein Gottvertrauen entscheidet darüber, ob ich in mittelgutem Boden mehr den Fels oder mehr die Muttererde sehen kann. Ob das Glas schon halbleer oder noch halbvoll ist. Ob dies Leben ein Kampf, etwas zum besitzen ist, oder das Geschenk, mich entfalten zu dürfen.

Vertrauen in Gott, den Vater, ist das Geheimnis einer guten Lebenseinstellung.

Vertrauend kann ich Ansprüche an mich lockern und Druck auf andere lösen.

Gut dran ist ein Mensch, der Gott vertraut. Er ist wie ein Baum am frischen Wasser, wie ein Samenkorn, das gute Wurzeln schlägt.

Amen.

LITURGIE ZUR PREDIGT ÜBER MT 13, 1-9

Eingangspslam

92 im Wechsel

Text 740, S. 1169

Schuldbekenntnis

Wer hat schon die Kraft,

immer in die Tiefe zu gehen,

alles zu ergründen,

Verantwortung bis ins letzte zu übernehmen?

Wer hat schon die Kraft,

die Wahrheit gegen alle Widerstände durchzusetzen,

ihr zum Recht zu verhelfen,

selbst, wenn mit selbst schon Unrecht zugefügt wird?

Wer hat schon die Kraft,

stets zu verzeihen, Neuanfänge zu säen,

und dabei alle verletzten Seelen ausfindig zu machen

und sie zu heilen?

Herr, wir erkennen, daß wir oft zu kraftlos,

müde, selbstbezogen sind,

um Deine Welt durchzusetzen;

Herr, hilf unserer Schwachheit ab!

Gnadenzuspruch

Seid ermutigt; denn so spricht der Herr, unser Gott:

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun!“ (Hes 36, 26)

Kollektengebet

Kraft wollen wir in diesem Gottesdienst sammeln, Kraft für Aufbrüche, Aufbrüche zu mehr Tiefgang, zu nötigem Widerstand, zur Hilfe für die Schwachen und Unterdrückten, Kraft für ein Leben nach Gottes Bild.

Dann werden wir sein wie ein Baum am Wasser des Lebens.

Und unseren Mitmenschen werden die Füchte unseres Tun köstlich erscheinen.

Fürbittengebet

Wir bitten für die Oberflächlichen,

daß sie Freude am Nachdenken finden,

daß sie kritisch im rechten Augenblick

und voll Tiefe in ihren Gefühlen sind.

Wir bitten für die,

die gern den Weg des geringsten Widerstands gehen,

daß sie die Lust an der Beharrlichkeit

und den Triumph erfolgreicher Ausdauer kennen lernen.

Wir bitten für die Schwachen in jeder Gesellschaft,

daß die Dornen neben ihnen weniger stachelig

und die, die sich über ihnen breit machen

weniger ereinnahmend sind.

Uns allen schenke das Vertrauen,

das uns die tiefen Zusammenhänge erkennen,

den nötigen Widerspruch aussprechen

und den Dank für empfangene Gnade empfinden läßt;

haben läßt das

Vertrauen zu Dir, Vater Unser …