Wendt Kuschmann

Beerdigungsansprache Wendt Kuschmann
über
1. Kor. 13, 9 – 12

Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser Reden. Wenn aber die Vollendung kommt, wird das Stückwerk ergänzt und gefügt. Als ich ein Kind war, sprach ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind. Seit ich ein Mann bin, habe ich abgetan, was kindlich ist. Jetzt sehen wir noch wie durch einen Spiegel auf ein Rätselbild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Stückwerk, dann aber werde ich es ganz erkennen, wie Gott mich ganz erkannt hat.

Manchmal stirbt ein Mensch und wir haben den Eindruck, dass dessen Leben rund und erfüllt war. Das können wir bei Wendt Kuschmann nicht sagen. Er starb mitten im Leben. Man sieht es schon an den Kollegen, die ihn heute mit verabschieden. Der Verstorbene wurde aus dem Berufsleben herausgerissen. Mit Stückwerk ist aber vor allem gemeint, dass aus der Menge alles dessen, was einem Menschen im Leben widerfahren kann, für Wendt vieles abgebrochen, vieles unlösbar war.
Es ist so, als ob er seinen Beruf Grabungstechniker als Abbild seiner Lebensaufgabe verstanden hätte: Elemente aufzufinden und einzusortieren; ein Ganzes vor Augen zu haben, aber an seinen Teilen arbeiten zu müssen.
Dieses Bild von Beruf und Berufung passt bei ihm durchaus auch auf seinen Ausbildungsberuf. Wendt wurde am 28. Februar zwei Jahre nach Kriegsende in Trier geboren. Sein Vater war Goldschmied und die Familie – später waren es insgesamt drei Söhne – lebte in der Palaststraße. Die römischen Ziegel vor Augen, mag sein Interesse am woher seiner Heimat mitbestimmt haben, zunächst aber ging der Junge aufs MPG und besuchte die Fachhochschule in Trier, wurde Graphikdesigner. Auch hierin entsprach er einem Zug seiner Seele, der Neigung zum Schönen, zum Gestylten und zum Gestalteten. Später werden sich diese Leidenschaft in der Ästhetik von Kompositionen, von Literatur und von Bildern ausdrücken. Parallel geht der Grabungstechniker seiner Leidenschaft für Trier in allen Schichten und Geschichten auf den Grund. Seiner Liebe für die Heimat frönte er mit der Ansammlung von Hintergrundwissen aber auch mit Hilfe von Fischer Mathes Anekdoten, die sich mit seinem eigenen Witz reimten und die stets auch seiner eigenen Lebensphilosophie als Moselfranke den Spiegel vorhielt. Diese selbstironische Art machte einen Teil seiner Geselligkeit aus.
Wendt, ein Mensch, der vielen auf den ersten Blick sympathisch war. Das mag an seiner zurückhaltenden Art gelegen haben, die anderen eine Annäherung erlaubte; ihnen den Eintrag eigener Persönlichkeit. Von seiner Seite gab er sich unverstellt und sprach seine Meinung offen aus. Doch nicht ausführlich sondern pointiert und nur ab und an. Wenn es absolut nötig war oder sich aufdrängte. Denn Wendt war kein Freund vieler Worte.
Diesbezüglich hat er sich klein gemacht. Man könnte auch sagen, er war ein Freund der leisen Töne. Obwohl es auch Zeiten und Momente gab, in denen es laut und cholerisch aus ihm herausbrechen konnte – aber über diese Zeiten ist die Zeit gegangen.
Er machte also nicht viele Worte;
er hatte andere Medien: über Musik drückte er sich aus, spielte Klavier und früher auch in einer Band andere Instrumente. Auf dem Feld der Musik kannte er sich aus von Bach bis zu den Beatles.
Auch hatte das geschriebene Wort einen hohen Stellenwert für ihn. Bücher waren Wendt gleichsam heilig. Niemals hätte er eine gebundene Schrift wegwerfen können.
Gleich neben dem Klavier stand bei ihm die Küche. Horowitz und haute Cousine Seite an Seite. Beides für ihn bedeutende Lebenszelebranten: das Feingeistige und das fein Gegarte waren ihm ein wichtiger Reim im Gedicht seines Lebens. Er genoss das Schöne. Und für den Wortkargen waren der Dialog von Speise und passendem Wein aussagekräftige Gesprächspartner.

Im direkten, im verbalen Dialog dagegen hat Wendt sich klein gemacht, gern zurückgenommen, ja häufig auch zurück gezogen. Bekannte nannten ihn bescheiden.
Doch beim Kochen, Backen, Garen hat er es genau genommen. Da kam es ihm auf die Prise an. Da siegte die Bestimmtheit über die Bescheidenheit. Da konnte der Mann direktiv werden. Kein Abweichen vom Optimum nach links oder rechts ließ er gelten. „Der Kuchen ist gut, doch fehlt nicht noch ein Quäntchen von dem oder jenem?“ Mir ist, als würde hier der Duldsame, der Zurückhaltende, der Bescheidene transparent und ließe den Blick auf eine tiefere Schicht zu. Der Blick auf Wendt, den Zwanghaften, ist frei. Wo er keine Kompromisse gelten ließ, da waren es ritualisierte Verhaltensweisen, die er sich als Schutzschild über frühe Wunden hatte wachsen lassen. Ablesbar am genauen Tagesablauf, am wortlosen Diktat der Tischzeiten wird, dass ihm Rituale Geländer bedeuteten. Rhythmus und hygienische Übergenauigkeit sind das rückseitige Janusgesicht eines Mannes mit Charisma. Der Schöngeist wurde belagert von der Angst vor Ansteckung. Die Küche hatte nach dem Kochkurs blitzblank zu sein.

Andererseits war Wendt keinesfalls erstarrt. Er war seelisch beweglich. Geradezu untypisch für den deutschen Mann konnte er ergriffen auf gute wie auf schlechte Nachrichten reagieren. Er ließ sich anrühren. Es gehört zweifelsfrei ganz oben in seinen Tugendkatalog, dass er mit Kritik umgehen konnte, dass er hörte und nicht abwehrte, wenn vor allem seine Töchter eigenes Reagieren auf sein Agieren hin kritisch anmerkten. Er war einsichtig über die Generationen hin, fähig, eventuelle Fehler einzugestehen. Diese seine Größe hat zweifelsfrei konstruktiv Anteil an seiner Aura.

Menschen in seiner Nähe verloren den Zwang, unbedingt reden zu müssen; ja mehr noch: niemand musste bei ihm durch unnötiges Reden etwas überbrücken. In Wendts Nähe konnte man guten Gefühles auch einfach schweigen.

Es ist eine Wiederholung, ihn als Freund weniger Worte zu beschreiben. Nun wissen wir: Stille Wasser sind tief.
Er war nur scheinbar passiv. Im Grunde seines Wesens war er anspruchsvoll und vor allem voller Erwartungen. Im Grunde seines Wesens wartete er ab.
Brachte ihm jemand Zuneigung entgegen, konnte er sich öffnen;
nahm ihn jemand in den Arm, war er voller Zärtlichkeit.

Kunst, Keller, Kochen und Klavier waren in der Zwischenzeit seine Krücken, Behelfe und Gefährte. Kam ihm jemand entgegen, vergaß er alle Angst vor Verletzung und hatte es nicht schwer von der vielen Liebe zu zeigen, die er in sich trug und nach der er sich gleichzeitig sehnte.

Wir sagen: jemand war eines Menschen Leben. Ja, Marlies war Wendts Leben. Denn er war introvertiert. Sie aber fühlte am Puls des Lebens, war ebenso extrovertiert wie impulsiv. Sie war sein Zugang zum Leben. So brauchten sie einander in symbiotischer Verbundenheit und Ergänzung. Mit ihr hat er 2003 die Schlagader seines Lebens verloren, seinen Zugang zu ihm. Wer ihn im letzten Jahr beobachtete, hätte sagen können: er hat den Geschmack am Leben verloren. Wie verheerend für einen Koch der Köche. Er wurde immer weniger. Er kam aus dem Tritt.
Im Grunde ist er so gestorben, wie er gelebt hat; wie viele Freunde ihn kannten: er hat sich zurückgezogen. Möge er nun das Stückwerk seines Lebens zu einem Ganzen gefügt sehen und sich von seinem Schöpfer ebenso angenommen wie vervollkommnet erleben. Amen.