Traueransprache für Marlis

Traueransprache über Mt 24, 35
für
Marlis Zender-Kolb, geb. Theis

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen

Marlis ist ein echtes Eurener Mädchen. In diesem Stadtteil Triers mit seinem Sträßchengewirr und seinen verwinkelten Gassen wurde sie am 07. Juli 1944 geboren. Deutschland war im Krieg. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Er fiel irgendwo in Russland und gilt als vermisst.
So wuchs sie zwischen ihrer verwitweten Mutter und deren Eltern auf. Diese Großeltern erinnert sie als kaiserzeitlich aber liebevoll. Der Großvater war Bahnbeamter, so ging es der Rumpffamilie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erträglich.
Marlis blieb aber einziges Kind und sann darüber nach, ob die von der Mutter ausgeschlagene Chance für eine neue Ehe nicht auch ihr selbst die Möglichkeit geboten hätte inmitten einer bunten Geschwisterschar in einer großen Familie aufzuwachsen. Dies mag die Geburtsstunde ihrer Sehnsucht nach einer großen Familie gewesen sein.
Noch in anderer Hinsicht prägen die kleinen Verhältnisse der Kinderjahre, die Enge der Eurener Welt ihr Leben. Der Bruder der Mutter, er sollte Priester werden, nimmt ungefragt die gebieterische Rolle des männlichen Familienoberhauptes ein. Seine fehlende Qualifizierung durchschaut die junge Marlis schnell. Der Quellpunkt ihrer kritischen Hellsichtigkeit allen Leitenden und Meinungsmachern gegenüber mag in diesen frühen leidvollen Wahrnehmungen liegen.
Dies gilt für sie auch für den Katholizismus. Dessen geistige Enge in diesen Jahren, die Forderung des unerprobt Braven, der fraglose Gehorsamsanspruch machte ihr früh zu schaffen. Es war Gang und Gäbe, mit einem alles sehenden Gott und vor allem mit einer heißen Hölle zu drohen. Marlis litt unter dem erhobenen Zeigfinger der schwarzen Pädagogik.
Diese Eckpunkte ihrer Kinderstube erklären, warum sie hin und her gerissen war zwischen Gehorsam und Widerstand.
Gehorsam war sie und ging in die Schule, gehorsam ließ sie sich die Schule zeigen, in der sie nach dem Willen der Mutter selbst Lehrerin werden sollte, gehorsam studierte sie aufs Lehramt.
Widerständig aber und mit ungeheurer Energie und Ausdauer wehrte sie sich gegen die Wiederholung des Schicksals.
Sie nahm sich fest vor, selbst niemals mit der Verbreitung von Angst zu erziehen. Sie suchte nach anderen Möglichkeiten, um die ihr Anvertrauten zu ermutigen und anzuleiten, für sich Verantwortung zu übernehmen. Das Gleichschrittdenken der Kaiserzeit sollte endlich ins Stolpern geraten. Autorität von Gottes Gnaden durch Sachwissen und Qualifizierung ersetzt werden.
Sie wurde auf ihrem Weg, die Zwangswiederholungen aufzubrechen, auf die harte Probe gestellt. Denn kaum war sie neun Monate verheiratet, verunglückte Helmuth Zender, der junge Ehemann, tödlich im Straßenverkehr. Wie ihre Mutter war Marlis eine junge Witwe.
Sie (!) nahm es nicht als gottgegeben, sondern baute an ihrer Familiensehnsucht und adoptierte ein Kind: Christopher. Sie ging eine neue Beziehung ein: Ihr kennt Euch seit 1974 und habt die Freundschaft zwölf Jahre später vor dem Standesamt legalisiert.
Auch bei der Beziehungsarbeit setzte sie auf neue Werte; beharrlich arbeitete sie durch Vorbild am Wachstum und über die Jahre entstanden gegenseitiges Füreinandereintreten und Einigkeit.
Ihr Gottesbild dagegen blieb zerrissen. Unauflöslich blieb für sie das religiöse Spannungsfeld zwischen Beheimatung im Vertrauten und unzumutbarer Herausforderung. Sie suchte nach Mittlern in diesem weiten Bogen und fand sie in den Engeln. Engel hängen in ihrem Arbeitszimmer, Engel sah sie immer zuallererst in den Kirchen. Lebensprogramm und Menetekel ist für sie das Engelsgedicht von Wilms

Welcher Engel wird uns sagen
Dass das Leben weitergeht
Welcher Engel wird wohl kommen
Der den Stein vom Grabe hebt
Wirst du für mich
Werd ich für dich
Der Engel sein
Welcher Engel wird uns zeigen
Wie das Leben zu bestehn
Welcher Engel schenkt uns Augen
Die im Keim die Frucht schon sehn
Wirst du für mich
Werd ich für dich
Der Engel sein
Welcher Engel öffnet Ohren
Die Geheimnisse verstehen
Welcher Engel leiht uns Flügel
Unseren Himmel einzusehen
Wirst du für mich
Wird ich für dich
Der Engel sein

Der angeblich sanfte englische Flügelschlag und Marlis stille Spiritualität im Umgang mit ihren Engeln können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Strukturworte dieser Zeilen:„geöffnete Ohren“, „hellsichtige Augen“ und steinschwere Beschwernis anhebende Aufbrüche die Themen ihres eigenen Lebens benennen.
Die 1944 Geborene war 1968 24 Jahre alt. Studentin in Bonn. Viele Menschen titulieren sich heute Achtundsechziger, um den Stand ihrer Emanzipation zu belegen. Marlis aber war eine! Sie war es nicht nur, weil sie seinerzeit an der geografischen und mathematischen Fakultät in die Sitins hereingezogen wurde, sondern weil ihr bisheriges Leben, ihre Herkunft es nahelegte, Autorität zu hinterfragen, falschen Autoritäten zu widerstehen, aus den Fehlern der Vorgenerationen zu lernen; zwischen angemaßter und natürlicher Autorität zu unterscheiden. Erstere zu entlarven und letztere als Vorbild zu nehmen. Sich selbst zu qualifizieren, um anderen in ein selbstbestimmtes Leben zu verhelfen.
Das war ihr wahrlich nicht mit der Muttermilch mitgegeben, sondern sie erarbeitete es sich hart und allein dadurch wurde es nach 1968 zu ihrem Lebenselixier und so wieder zur Kraft für viele andere:
Was später die drei Kinder ihrer Familie und noch später die Schwiegerkinder bestätigen können, das dürfen zunächst ihre Schüler erleben. Mit hellsichtigen Augen eben sieht sie, zu welcher Frucht zu entwickeln der kleine Keim, die Anlage, die Begabung angelegt ist; wer welche Stützte, welche Förderung nötig hat. Niemanden gibt sie verloren. Sie geht den Kindern nach, kümmert sich in Elterngesprächen auch nach der Schulzeit um diese Entwicklung vom Keim zur Frucht. Sie geht auf jede Schülerin, jeden Schüler nach deren jeweiliger Auffassungsgabe ein. Dabei schafft sie den schwierigen Spagat zwischen zwei sich scheinbar ausschließenden Tugenden: der Großherzigkeit und der Konsequenz. Sie lebte, dass Großherzigkeit kein Synonym für Weichheit sein muss, und dass Konsequenz nicht mit Härte gleichzusetzen ist.
Ihr Weg ist das Wort. Und wenn ihr kein Weg zu lang war, dann dürfen Betroffene darüber schmunzeln, dass über der Auslegung eines einzelnen Wortes des langen und breiten, oft über Mitternacht hinaus mit ihr diskutiert werden musste. Debattierend, im Hin-und-her der Worte rang sie darum, angstfrei Wahrheit zu Tage zu fördern. Mathematik war kein Fach für sie, sondern Methode und Prinzip: Aufhören mit Fragen, die Diskussion beenden kannst Du erst jenseits des Gleichheitszeichens, wenn ein Ergebnis vorliegt.
So involvierte sie andere, bis hin zu ihrem Mann – Methode und Lebensgestaltung lassen sich bei Marlis nicht trennen – und half, neue Einstellungen zu gewinnen, Haltungen einzunehmen, sich zu emanzipieren und wahrhaftig eine Meinung zu vertreten. Mein-ung, das bedeutete für sie, eine Einsicht zu einem Teil von mir werden zu lassen, sie mir anzueignen und mich umgekehrt durch die Erkenntnis prägen zu lassen.
Wer dabei wem zum Engel wird, der Anfragende oder der, der sich um Antwort bemüht, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr auseinander dividieren. Seit Adam und Eva gemeinsam nur gottebenbildlich sein können, wissen wir, dass Wahrheit nicht absolut existiert sondern immer nur dialogisch gefunden werden will.
Ihre offenen Ohren, ihre Begabung aktiv zuzuhören schafften wieder und wieder Vertrauten zu ihr. Vertrauen, das sie für sokratisches Nachfragen nutzte.
Dafür dürfen wir dankbar sein. Dankbar für die Mühe, die sie sich mit allen ihr Anvertrauten gegeben hat.
Doch, bitte, empfehlen auch wir sie Gottes annehmender Gnade an. Denn sie selbst vertraute sich nicht an. Sie öffnete sich nicht. Sie machte von sich nicht viel Aufhebens. Sie räumte anderen Steine aus dem Weg, doch litt sie unter dem Zweifel, ob ihr ein Engel den Stein vom Grabe heben werde. Sie eröffnete anderen Perspektive, doch quälte sie eigene Skepsis. Wenn ihre Gebete nicht erhört wurden, sah sie alle Unsicherheit bestätigt.
In solch eine Verunsicherung spricht Jesus die Worte, die über diesem Abschied heute stehen:
„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“
Worauf es ankommt, ist der zweite Teil: Meine Worte werden nicht vergehen. Das ist eine starke Zusage. Die Bibel verspricht nicht, dass immer alles gut gehen wird. Sie verspricht nicht, dass alle Gebete erhört und die Wünsche in unserem Sinne erfüllt werden. Sie verspricht auch nichts Unrealistisches, dass z.B. körperliches Leben ewig dauert. Himmel und Erde werden vergehen. Aber sie verspricht, dass Gott sich tatsächlich nicht zurückzieht. Angesichts endlicher Zeit und Zerfalls alles Materiellen, hinfälliger Größe fragen die Jünger den Meister ängstlich. Und er bestätigt, dass Altes zusammenbricht, dass Alles im Fluss ist, dass das Eine zu Ende gehen muss, damit Neues beginnen kann. Und er bestätigt, dass Gottes schöpferisches Wort immer wieder neu gesprochen wird. Rechnet mit dieser Möglichkeit, sagt die Bibel. Lebt aufmerksam. Ihr könnt dabei zuversichtlich sein. Denn: wo für uns Ende ist, fängt Gott mit uns etwas Neues an. Amen.