Erfahrung mit der Erfahrung

Beerdigungsansprache über Ps 43, 3
für
Paula Hammen
*22.04.1922 +08.06.2010
14. Juni 2010
Johanneskirche zu Mertesdorf-Grünhaus

Liebe Familie Hammen,
die Sonne im Mittelpunkt Eures Familienkreises scheint erloschen.
Paula, Ihre liebe Frau, Eure Mutter und Großmutter, lebt nicht mehr. Ich habe sie als eine außerordentliche Frau kennen gelernt. Klein an Statur, doch von großem Herzen. Ich möchte einen Menschen mit meiner Trauerrede würdigen, der offen und einladend war, aber von distinktem und klar konturiertem Charakter.
Zwischen einem Vater mit den Wertemustern der Kaiserzeit und einer liebevoll fördernden, bedachten Mutter wuchsen drei Kinder auf: Paula und ihre beiden älteren Brüder. Zwischen kaufmännischem Betrieb und familienfreundlicher Dorfgemeinschaft wurden die Fähigkeiten und Werte gesät, die es heute bei Paula zu würdigen gilt.
Zuallererst trieben die älteren Brüder ihr jegliche Zimperlichkeit aus. Sie war hart im Nehmen und sicher auch von den Spielen der Geschwister mitgeprägt. Drahtig und sportlich wurde sie. Die Sportlichkeit hat sie bis ins hohe Alter beim Bergwandern und Skifahren unter Beweis gestellt.
Sie wuchs in einer familienorientierten, doch männerbestimmten Welt auf. Zweifelsohne war es der Vater, der das letzte Wort sprach. Handwerkliche Qualität, die kaufmännischen Qualifikationen des Kalkulierens, Messens, Rechnens hat sie von seiner Seite mit auf den Weg bekommen und ein Leben lang zum Wohle ihrer Familie eingetragen. Ihre hohe soziale Intelligenz, der ausgeprägte Familiensinn zeitigten sich als weibliche Mitgift und tragen Früchte heute bis in die dritte Generation.
Die in der Weimarer Republik geborene Paula besuchte in Kirchberg von 1928-36 die Schule. Als sie die Schule verließ und konfirmiert wurde, trug ihr Konfirmationsdokument den Spruch: „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten“ (Ps 43, 3). Dieser Vers, sowie die Ermutigung Jesu, anzuklopfen und mit Berechtigung auf Antwort zu hoffen, bestimmten ihre Hoffnung und Haltung. Es war zeitlebens die Haltung eines unermüdlichen Menschen. In ihre Sprache übersetzt, lautete das Motto „Man muss nur wollen!“
Schon im Arbeitsdienst war es immer Paula, die zu den Verletzten gerufen wurde. Sie konnte verbinden und aufhelfen. Spätestens hier trat ihre Gabe zu helfen zu tage. Sie träumte laut davon, den Ärmsten der Armen, den Obdachlosen in Bangladesch zu helfen. So brachte sie ihre soziale Ader auf den Begriff. 1946 mündete diese Sehnsucht in eine Ausbildung als Krankenschwester. Allein – die große Fördererin ihrer Pläne, ihre Mutter, starb plötzlich noch vor ihrem Examen. Trotz dieser Belastung schloss sie mit Auszeichnung ab und begann in Bad Hersfeld im Krankenhaus. Hier wurde sie mit den Republikflüchtigen konfrontiert, die im Todesstreifen ernsthaft verletzt worden waren und erste ärztliche Versorgung erfuhren. Hier bewährte sie sich in der Praxis, dem Motto ihrer Ausbildungsschwester getreu: „Es gibt nicht: es geht nicht. Es geht!“ Ein Prinzip, das sie für ihr Leben übernahm, und das den Schein von jenem Geist aufleuchten lässt, der sie selbst ein Leben lang leitete.
Rückgrat hatte sie auch nötig, denn 1948 rief sie der Vater an den verwaisten Familienherd zurück. So blieb es ihr einerseits versagt, einen ihrer Intelligenz entsprechenden Beruf zu ergreifen, andererseits konnte sie dadurch ihre Flexibilität unter Beweis stellen. Es gehört zu ihren grundsätzlichen Charakteristika, dass sie sich nicht entmutigen ließ, Ziele mit langem Atem und großer Geduld verfolgen konnte.
Vornehmlich in ihrer eigenen Familie legte sie diese Tugenden an den Tag. Denn, nun wieder in der Heimat, beginnt ihre eigene Familiengeschichte. Sie verlobt sich mit dem Rechtsreferendar Heinrich Hammen und heiratet ihn 1953. Der ehemalige Schulkamerad aus der Klasse unter ihr kann jedoch nur am Wochenende in Kirchberg sein, denn sein Arbeitsplatz ist Trier. Erst 1955, nach der Geburt des ersten Kindes, Horstens, zieht die gesamte Familie in der Römerstadt unter ein Dach am Linzplatz, später in der Nikolausstraße. Im Mai 1956 wächst die junge Gemeinschaft um Tochter Gabi.
In den sechziger Jahren führt Familie Hammen gezwungenermaßen noch einmal einen doppelten Haushalt. Die Arbeit des jungen Staatsanwalts lässt ihn unter der Woche nach Bad Kreuznach pendeln.
Paula spielt ihre Talente als Familienmanagerin aus. Sie näht und kocht. Das Nähen – quasi eine natürliche und überlebensnotwendige Begabung ihrer Generation – praktiziert sie noch gemeinsam mit den Enkelkindern; und ebenfalls durch die Enkel stand sie noch bis vor kurzer Zeit bei telefonisch erfragten Rezepten Pate, noch aus dem Krankenbett und fernab jedes Kochbuches diktierte sie ihnen Rezepte.
Überhaupt war sie ein überaus praktischer Mensch. Sie war patent und schätze auch die handwerkliche Arbeit anderer. Sie hatte eine hohe Meinung vom Handwerk – ebenfalls ein familiäres Erbe; und sie legte Wert auf gediegene Ausführung. An der Wohnungseinrichtung kann man dies bis hin zu ihrer letzten Ausgestaltung eines Nestes, der Wohnung in der Residenz am Zuckerberg, belegen.
Zuhause – 1967 in Koblenz in der Johannes-Müller-Straße und ab 1978 wieder in Trier, jetzt Auf Mohrbüsch 69 – war sie leidenschaftlich gern Gastgeberin. Sie verstand es zu planen und war kulturbeflissen.
Am meisten schätzten ihre Freunde aber ihre unbestechliche Gradlinigkeit. Für andere nicht immer nur ein angenehmer Zug, denn im Gegensatz zum Wohnungsinterieur verpackte sie ihre Meinung nicht immer aufwändig. Meinung, das Wort sagt aus, dass jemand sich etwas zu eigen gemacht hat, angeeignet hat, so dass es zu einem Teil von ihm selbst, eben „meins“ geworden ist. Paula war geradeheraus. Jeder wusste, wo sie steht. Sie kehrte nichts unter den Teppich. Im Dialog mit ihr konnten Familienangehörige und Freunde wachsen. Denn gleichzeitig strahlte sie eine stichfeste Annahme aus, so dass ihre andere Position keinesfalls einer Ablehnung gleichkam. Im Gegenteil: ihre offene Herzlichkeit war einladend und mütterlich. Man mochte sich ihr anvertrauen.
Diese Kombination von wahrhaftiger Direktheit und warmherziger Annahme kommt mir wie ein Reim vor auf jenes „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten“ von ihrer Konfirmation.
Denn Gottes Wahrheit ist nichts Absolutes, sondern will wieder und wieder zwischen den Menschen dialogisch gefunden werden. Sie hat weniger mit Führung als mit Gemeinschaft zu tun. Diesbezüglich ist Paula wirklich jung geblieben. Sie war offen für Neues. Ob das die Musik der Kinder und gar Enkel war oder technische Errungenschaften, wie sie sie interessiert durch das Fenster ihrer Frankfurter Allgemeinen wahrnahm. Um die Ihren kümmerte sie sich und sie vertiefte ihr Verständnis dessen ernsthaft, womit die Ihren sich beschäftigten. Hier reicht ihre Dynamik ihrer Hilfsbereitschaft wieder die Hand: ein Hilferuf der Kinder aus Berlin, Haan oder Frankfurt und sie machte sich auf den Weg. Praktische Unterstützung und emanzipatorische Ermutigung, beides war ihres. Bezeichnend ist für sie die Frage angesichts des Marmorgrabes des von ihr geschätzten Freiherrn von Goethe: und wo bitte ist das Grab von Christiane Vulpius? Paula Hammen, die Gradlinige, die in sozialen Bezügen Denkende. Die Unermüdliche, die immer noch einen Berg mehr erklimmen, immer noch für eine kulturelle Stätte weiter das Pflaster treten konnte, sie ist am Ende ihres irdischen Weges angekommen. Sie hatte einen Hausheiligen, das war Goethe. Im Blick auf das Lebensende reimten sich ihre Einstellungen mit den Gedanken des Freiherren. Er schreibt: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, dass unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur. Er ist Fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit; der Sonne ähnlich, die nur vor unseren irdischen Augen unterzugehen scheint, aber in Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit fortleuchtet.“ Amen.