Ansprach anlässlich der Trauerfeier für Prof. Dr. Susanne Dierolf

Beerdigungsansprache
für

Prof. Dr. Susanne Dierolf

Über Lk 10, 38 – 42
(Lesung Mt 6,)

Auf der Wanderung kam er mit ihnen in ein Dorf. Eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber hatte alle Hände voll zu tun, um ihm viel Gutes angedeihen zu lassen. Da trat sie hinzu und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich alleine für dich arbeiten lässt? Sag ihr doch, sie soll mit Hand anlegen!“ Doch der Herr erwiderte: „Martha, Martha, für vieles sorgst du dich und bist davon umgetrieben: aber nur wenig ist nötig – eigentlich nur eines! Maria kümmert sich um das eine Gute; und davon soll sie nicht abzogen werden.“

Wahrscheinlich spricht Jesus in diesem Weiler über Gerechtigkeit. Und Maria, seine Kanzelschwalbe, nickt beipflichtend zu seinen Worten.
So stelle ich mir den Moment vor, in den Martha platzt, gleiche Last für beide Schwestern, gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern einklagt.
Nun ist noch nie das Gleiche daraus geworden, indem zwei Dasselbe tun. Dieser Wahrheit eingedenk, erzählt uns Lukas diese Geschichte über die beiden Schwestern des Lazarus und über Jesus. Denn nicht andächtige Frömmigkeit – Maria hier zu seinen Füßen – und praktische Diakonie dort – Martha in der Küche – treten hier gegeneinander an. Sondern es geht darum, nicht Jesus als Person zu verehren, in ihm aber den Überbringer guter Nachricht zu sehen. Seine Eloge des nahen Reiches zu vernehmen, zu würdigen und zu tun.

Bis heute mögen der Hörer und die Hörerin doch verstehen, dass es des Wenigen aber Richtigen bedarf, um das Gottesreich aufscheinen zu lassen. Dass es nicht darum geht, die Person Jesu zu hofieren, sondern in diesem neuen Menschen, seinem Lehren und Leben die Ankunft des wahren Menschseins wahrzunehmen.

Die beiden Flügel der schmalen Pforte, die sich hin zu der Welt öffnet, wie sie um Gottes Willen sein soll, diese beiden heißen „das Wenige“ und „das Richtige“, da war sich Susanne Dierolf immer sicher.

Das Richtige. Der Eros eigenständigen Denkens gab ihr die Kraft für geniale mathematische Antworten auf alte Fragen. Sie liebte das Bohren in dicken Bohlen. Adorno sagt: Neugier ist das Lustprinzip der Gedanken. Dieser Lust ergab sich die ansonsten spröde Protestantin mit dionysischem Eifer. Sie wandelte in der Welt abstrakter Gedanken mit der Trittsicherheit eines nietzscheschen Gerechten, mit der Standhaftigkeit eines platonischen aus der Höhle der Konventionen Entlassenen. „Mathematik, Matthias“, sagte sie, „das ist nicht das Rechnen vor und hinter dem Gleichheitszeichen, das Verschieben der Seiten einer Gleichung, das Umgruppieren. Sondern Mathematik, so wie ich sie verstehe, das ist das Beweisen eines Axioms. Das gleicht dem Aufenthalt in eisiger Höhenluft, da ist dann nur: die Aufgabe und ich. Vorher nie zu Ende Gedachtes abschließend zu bedenken; dann kann Mathe so schön sein wie ein Sonnenuntergang!“

Ihre dergestalten Habilitationsgedanken ließen ihre wissenschaftliche Sonne aufgehen.

Doch bis dahin hatte sie den persönlichen Lebenswinter zu überstehen. Früh war sie von der Mutter eingezäunt worden, kein Spielen mit Gleichaltrigen, kein Kinderwagenschieben der elf Jahre jüngeren Schwester, Ausgang nur am Samstag mit den Eltern. Im Geviert des strengen häuslichen Rahmes erlaubte einzig der Geist, die gedanklichen Auseinandersetzungen, die Lektüre der reichlich vorhandenen Literatur, die Erzählungen der trotz aller Eingrenzungen liebevoll empfundenen Mutter, dieser kasernierten Existenz zu entfliehen und mit Hilfe der gelesenen oder selbst fantasierten Gedanken die Brücke nach draußen zu schlagen.

War die Schule der einzig erlaubte Freiraum? Dort wurde von Susanne Lieselotte Smogrovic, der erstgeborenen Lehrerstochter keine andere Note als eine 1 erwartet wurde? Eine 2+ wurde als Katastrophe gewertet. Ein Erbe, das nicht in einer einzigen Generation abzuarbeiten ist. Doch die konservativen Eltern dachten nie an ein Studium für die Tochter. Sie wurde mit 17 verheiratet. Susanne selbst empfand diesen Schritt damals als Entkommen aus der elterlichen Zuchtanstalt. Gegen den Widerstand der Schwiegereltern – dieses Preises der neuen Freiheit wurde sie sich später bewusst – setzte sie durch, das Privatabitur zu machen und nach der Geburt des Sohnes Alexander sich zu immatrikulieren. Heidi Rank ist Freundin bis heute geblieben. Sie übermittelte ihr kassiberähnlich die Aufgaben aus der Münchner Uni nach Hause. So machte Susanne dann, ohne fast jemals in der Uni gewesen zu sein, eine souveräne Zwischenprüfung und wenig später den Doppelabschluss fürs Lehramt in Russisch und Mathematik. Dieser Blick auf ihr Werden erklärt uns die selbständige Denkerin und die Gründe ihrer autonomen Produktivität. Das Richtige zu tun, auch wenn die Wahl der Mittel beschnitten ist, das war ihr früh schon zur Lebensmaxime geworden.

Ende der Siebziger Jahre litt Susanne unter einer schweren Depression. Das Trauma früh erlebten Bewegungsverbots war aufgerissen. Hinter ihr die abgeschlossene Promotion, vor ihr die Unmöglichkeit der Habilitation. Am grauesten waren ihre Tage in Kiel. Die Perspektivlosigkeit sog ihren Lebensmut auf wie die Totesser in den Harry-Potter-Romanen.
Die Geburt der Tochter – Susanne war inzwischen zum zweiten mal verheiratet – brachte den Durchbruch in biblischem Sinne. Nicht umsonst wurde das Kind Dorothea, Gottesgabe, genannt. Alles begann sich zu öffnen, zu fließen, geriet in Bewegung zum Guten.
Die Gedanken kamen, in sechs Monaten legte sie eine glänzende und das heißt oft zitierte Habilitation hin. Auf Stagnation folgte die Blüte.

Zum neuerlichem Fleiß und selbständigen Denken und Arbeiten kam nun noch ihre Freiheit von aller Angst. Nicht nur der Eisblock um ihr Ich war abgeschmolzen, sondern auch eine Selbstsicherheit erstarkt, die sich fortan nicht scheute, extreme Positionen zu vertreten. Vielleicht jetzt weniger wissenschaftlich, als vielmehr lebensbezogen und praktisch. Z.B. die oft so ganz anderen, unbürgerlichen Lösungen des Mannes aus Nazareth für sich als Möglichkeiten eigenen Verhaltens in Betracht zu ziehen. Neben die mathematischen Richtigkeiten trat nun das Richtige in seiner ethischen Dimension.

Auf dem beruflichen Feld trugen ihre mathematischen Einsichten bald Früchte und ihr Wirken in Forschung und Lehre war seither anerkannt. Ihre Tagungsidee um die Analysis hat die Deutsche Forschungsgesellschaft zur Jahrestagung erhoben. Ein Dezennium schlug sie sich mit Konzept, Einladung, Vorbereitung, Unterbringung, Abrechnung herum. Der anregende kollegiale Austausch bei diesen Zusammenkünften verdankte sich, genau betrachtet, ihrer unermüdlichen Kleinarbeit. In der Auseinandersetzung mit bürokratischen Vorschriften arbeitete sie genau an der Front ihres persönlichen Bekenntnisses, dass man dem Mammon nicht dienen, sondern sich mit ihm Freunde machen solle. Denn ganz unmathematisch konnte sie fünf gerade sein lassen und solches Unterfangen lustvoll mit einer Portion Anarchie würzen.

Als Promovendin hatte sie sich zur Tagung in Oberwolfach / Schwarzwald eingeladen; auch so einer ihrer unorthodoxen Züge. Denn dorthin wurde man eingeladen. Seit ihren Referaten dort durfte sie auf dem Analysisareal der Großen mitspielen. Bis dann durch den Tod von Kötens die Tagung nicht mehr stattfand und sie eben eine eigene Tagung für sinnvoll erkannte.

Susanne war ein geistiger Mensch. Aber die Wahrheit ist immer konkret, lehrt Dorothee Sölle. In jeder Entscheidung Entschiedenheit, in jeder Handlung Haltung, im Wort Wahrheit. Wahrhaftig ist, wer die Wahrheit tut. Das Menschliche stand für sie im Vordergrund.

Ich weiß, dass hier Stipendiaten und ehemaligen Doktoranden – elf durfte sie insgesamt begleiten – sitzen, die nicht nur von ihrem Geist gefordert und gefördert wurden, sondern die auch dankbar für ihren unermüdlichen Einsatz bei Antragstellungen sind, ja auch solche, denen sie vom eigenen Einkommen abgab, damit ein einigermaßen satter junger Körper die Früchte seines Geistes auch über die Ziellinie tragen konnte.

Susanne Dierolf, eine unzeitgemäße, aber, ach, in unserer Zeit so nötige Erscheinung in Lehre, Leben und Kirche.

Frisch gewaschen, frisiert und geschminkt Auftritte zu haben, das steht nur in der schönen neuen Welt der ewig jung Bleibenden, der durchtrainierten Erfolgreichen in der Werteliste ganz oben, bei denen, die sich ganz den Machtworten des Zeitgeistes ergeben, wie er von Plakatwänden und aus Illustrierten schmeichelt. Von solcherlei Diktat hat sich Susanne nie ins Glied rufen lassen. Der weltüberlegene Asket, der fellbekleidete Täufer, dem man in keiner U-Bahn zu nahe kommen will, übte auf sie Anziehung aus ob seiner Unabhängigkeit von allen Konventionen. Sie empfand die Tatsache, nur einen Mantel zu besitzen, nur ein Paar Sommer- und ein Paar Winterschuhe als Gehorsam dem Bibelwort gegenüber, dass, wer zwei Hemden besitze, eines seinem Nächsten, der keines habe, geben solle. Vor allem aber freute sie sich am neuen Lebensgewand, in das einer schlüpfen kann, dem Vergebung widerfahren ist. Denn es ist wahrlich nicht so, dass sie solcher Milde nicht selbst bedurfte und sich dessen nicht auch selbstkritisch bewusst war. Darum: Großzügigkeit und Güte praktizierte sie frei von jedem intellektuellen Hochmut.

Dass das Wenige reicht, ja dass das Wenige großen Reichtum bedeuten kann, das hat sie im wahrsten Sinne mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Eltern waren 1945 aus Preßburg über und Linz – die Mutter war Wienerin – nach Bayern ausgewiesen worden. Mit der Großmutter kam sie über die Grenze und fanden Vater und Mutter in nichts anderem untergebracht als einem leeren Heustadel. Darauf lief die Großmutter zu Fuß zurück bis in die CSSR und brachte aus ihrer letzten Wohnung im nun leeren Kinderwagen das, was zum Überleben bitter notwendig war, die Brotkapsel, das Brot, Besteck und Teller, den Wasserkessel und den Kochtopf. Eben das Wenige. Mehr war nicht nötig. Das Wenige war auch das Richtige. Das lernte Susanne damals. Sie hat es in den Jahren des Wirtschaftswunders nicht vergessen oder gar überbaut. Darum hielt sie das konsumorientierte Wertesystem der schönen neuen Welt, hielt sie die oberflächlichen und leuchtenden Orientierungsvorgaben einer Reklamewelt ihrer tiefsten Verachtung für würdig.

Sein statt Haben. Gerechtigkeit durch Anteilgeben herzustellen, das lebte sie.

Dem Mystiker Willigis Jäger ist wichtig, dass jede Spiritualität sich im Alltag bewährt. Reife Spiritualität führt ins Leben zurück. In diesem Sinne deutet wie er auch Meister Eckhart die Erzählung von Martha und Maria: Nicht Maria, die verzückt zu Jesu Füßen saß, hatte das Ziel erreicht, sondern Martha, die ihre Nachfolge in der Praxis des Lebens auf den Punkt bewährte.

Beim Umspaten, im Garten, zwischen Brombeergezweig und Kartoffelbeet sammelte Susanne sich, band Herz und Verstand zusammen. Erkenntnis zwischen Erdbeeren. Eingebung beim Einfrieren. „Hätte der und der statt seiner frömmelnden Exerzitien doch besser eine Furche ins Feld gezogen“, summierte sie für uns die Auseinandersetzung über westöstliche Weisheit. Höchste Abstraktion und handfester Lebensbezug. Kartoffeln, Katzenfutter und Kötenmathematik. Ihr Wort stand nie theoretisch im Raum sondern war geerdet durch ihr Handeln.

Mir scheint, sie hat dabei den Puls Jesu deutlicher ertastet, als es Menschen tun, die bloß seine Worte rezitieren können. Susannes Wortmeldungen ließen das Presbyterium schweigen. Sie intervenierte für mehr Menschlichkeit. Wir spürten, sie hat uns mit jesuanischem Geist beatmet, frische Luft in unsere übergeregelte Institution gefächelt. Gerechte Verteilung der Schwernis unter den Menschengeschwistern hat sie eingeklagt. In ihrer ganzen Existenz war sie Täterin der Wahrheit und damit Marthas nächste Verwandte, ihr näher als deren leibliche Schwester Maria.

Wir brauchen Susanne und werden sie vermissen.

Für die Lücke, die sie an der Universität hinterlässt, mag in diesem Gottesdienst später ein anderer sprechen.

Am meisten aber werdet Ihr Kinder, besonders Bernhard und Angelika ihre Stärke, ihre Disziplin, ihre weise Wegweisung vermissen – und gleichzeitig erhaltet Ihr erst jetzt so richtig die Chance, Susanne Dierolf in diesen Qualitäten zu beerben und ihr nachzufolgen – Susanne wird aber erst dann ganz in himmlischer Freiheit angekommen sein, wenn ihr auf diesem Weg ganz bei Euch ankommt.