sich selbst genug – aber ganz für andere da

Traueransprache

über

Lk 10, 27.28

für

Eva Müller

22. März 2022

Hauptfriedhof Koblenz

„Wohl denen, die gelebt, ehe sie starben“ (Marie Luise Kaschnitz)

Jesus sprach zu dem Schriftgelehrten: Was steht im Gesetz geschrieben? Er antwortete und sprach: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Was heißt leben?

Leben heißt, ein Leben nach seinen Anlagen und Fähigkeiten führen zu dürfen, es zweitens im Einsatz für andere und im Vertrauen darauf, selbst gehalten zu werden führen zu können.

Die Antwort auf die Frage nach der richtigen Lebensführung ist darum immer individuell zu geben. Wie sie im Blick auf Eva lautet, wollen wir uns vor Augen führen.

Am 24. Dez 1927 in Breslau als jüngeres Kind von zweien geboren wuchs Eva im behütenden Elternhaus eines höheren Schulbeamten auf. Breslau war auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte als deutsche Kulturstadt.

Beides prägte Evas Orientierung. Die Leidenschaft des Vaters für sein Fach Biologie und besonders die Ichthyologie sog sie ebenso mit der Muttermilch auf, wie sie zweitens schon als junges Mädchen mit den Künstlern der Stadt und ihren Weltanschauungen in Kontakt kam. Nicht zuletzt was es das Künstlerleben ihrer Tante, die Malerei und Gespräche über Kunst in Evas Elternhaus zu bringen pflegte.

Die Frage von Marie Luise Kaschnitz wie denn richtig zu leben sei, bzw. ihr Lob für die, denen es gelang, und die Antwort Jesu, dass Leben in Beziehungen zu leben heiße, nämlich zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst,

hat Eva zeitlebens beschäftigt. Sie hat sie als Überschrift bestimmt auch für diesen Moment.

Ihr Leben lesen wir heute als gelebt und erfüllt dadurch, dass sie den genannten Prägungen entsprechen durfte.

Die Liebe zur Biologie, die humorigen Erzählungen über die mitgebrachten Fische ihres Vaters, die die Mutter so ganz und gar nicht ausstehen konnte, diese Liebe hat sie selbst als Weg verstanden, hätte gerne Medizin studiert. Allein, die Flucht zwei Wochen vor dem Abitur ermöglichte ihr später nicht, den Traum in Gänze umzusetzen, in Kronberg bei Frankfurt, wohin die Flucht zur Schwester ihrer Mutter zunächst geführt hatte, konnte sie immerhin eine Ausbildung zur MTA durchlaufen.

Der von ihr geschätzte Rilke schriebe an Friedrich Westhoff „Man muss nie verzweifeln, wenn etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder.“ Dieser Weisheit über die Erfüllung folgte sie in ihrem Leben. Schon den unfreiwilligen Aufbruch aus Breslau erlebte sie in der Hoffnung, dass sie ihr nun die Welt öffnen werde.

Und tatsächlich wisst Ihr, war es so, dass der jungen MTA das Angebot ins Haus flatterte, in Südafrika zu arbeiten.

Und hatte Eva nicht schon in ihren Jugendjahren über Afrika gelesen, hatte davon geträumt, dorthin zu gelangen Anfang der fünfziger Jahre erfüllte sich dieser Traum.

Ihr alle wärt nicht hier, wenn die Fügung nicht die junge Eva in Johannesburg als Ersatz für die erkrankte Kollegin zum Termin mit dem jungen Deutschen aus Deutschsüdwest Claus Müller geschickt hätte.

Ich muss die Jahreszahlen der Geburten nicht nennen, in denen die Familie in Südafrika und Deutschland wuchs.

Wichtig ist mir, die Freude am Lesen, das Leben in geistigen Welten, die Lust am Reisen und Fantasie, mit der Eva durch Lektüre und Träume zu ihrer Bestimmung geführt wurde.

Schon als Kind faszinierte sie manches mal ein Buch mehr als die Einladung zum Spiel der sie besuchenden Freundin.

Hier wird ein Persönlichkeitszug von Eva deutlich, der zeigt, wie lebendig und bunt ihr Innenleben war. Es genügte ihr auch später oft, mit einem guten Buch allein zu Hause zu bleiben. Sie war ein Mensch, der sich genügte.

Das scheint in erstaunlichem Gegensatz zur Vierzahl der Kinder zu stehen. Zumal Eva einen tiefgehenden Blick für das jeweilige Wesen ihrer Kinder besaß. Sie verstand es, sich auf die unterschiedlichen Charaktere von Euch einzulassen. Sie verstand es zu lassen, d.h. sie redete nicht rein, ließ Euch Eure Erfahrungen machen, war aber mit einfühlsamem Verständnis da, wenn es ums Reflektieren der Folgen ging. Sie machte keine Vorwürfe. War solidarisch. Verfügte aber über klare Positionen., die sie emotional zu verteidigen verstand.

Ich denke gern an Raum und Freiheit, die sie auch den Freunden ihrer Kinder beim Spielen in den Räumen in der Mozartstraße gewährte. Wer Hunger hatte, der konnte sich ein Brot schmieren. Toastbrot und Nutella habe ich so kennen gelernt. Kochen dagegen war nicht ihre Lieblingsbeschäftigung.

Wichtiger als der Esstisch war die Tischtennisplatte für die Kinder, war der Schwebebalken für die Mädchen im Flur, war die Schaukel im Türdurchgang.

Sie gewährte anderen das, was ihr selbst wichtig war. Der Raum der Autonomie.

An ihrem Beispiel wird deutlich, dass Selbständigkeit und Empathie sich nicht ausschließen müssen.

Auch hatte sie diese Eigenständigkeit nötig, denn Koblenz war nicht das Pflaster, das ihr entsprach. Das Nachkriegskoblenz hatte nicht im Ansatz das an Kultur, an Theater, an Kunst zu bieten, was sie aus Breslau gewohnt war. Entsprechend distanziert stand sie zu dieser Stadt. Und umgekehrt blieb der Kreis der Guwwelenzer klein, der sie zu integrieren verstand.

Reisen, Hund und Savognin war ihr wichtig.

Und ihre Kinder. Am Leben der Kinder und Kindeskinder teilzunehmen, davon konnte sie nicht genug bekommen. Bis zwei Uhr nachts blieb sie noch im hohen Alter im Gespräch mit den Enkeln. 

Wie gesagt, soziale Kompetenz und die Gabe, für sich allein leben zu können sind bei ihr eine enge Partnerschaft eingegangen. Und ist es nicht so, dass sie in Wahrheit einander bedingen?

Eva hat einen Brief zum Abschied geschrieben. Zur Begründung schreibt sie: „Ich habe diesen Brief geschrieben, um noch ein bisschen bei Euch zu sein …“ Sie bleibt aber noch aus ganz anderen Gründen. Sie bleibt als erziehende Mutter. Sie bleibt als Vorbild, sie bleibt im Herzen mit all ihren Gaben. Von ihr dürfen wir überzeugt sein, sie hat im oben erfragten Sinne gelebt, bevor sie starb.

Darum gilt Ihr erster Satz dieses Briefes für Euren Weg jetzt: „Ihr müsst nicht traurig sein!“

Amen