Unter dem Lebensbaum

Traueransprache

Koh 4, 9-12

für

Ulrike Agte

19.03.2022

Waldfriede, Konz

Hier an diesem Baum wollen wir Abschied nehmen von Ulrike. Der Baum selbst möchte ein Bild für unser Leben sein. Er keimt, wächst und widersteht den Stürmen des Lebens, er lässt sein Laub und erblüht neu. Der Maler Caspar David Friedrich hat in seinen Gemälden den Baum stets auch als Mahnmal gesehen, seine verdorrten Zweige nicht verschwiegen, seine Gestalt als Bild für unser Sein in der Zeit offenbart.

Über Ulrikes Leben wissen Sie alle viel besser Bescheid als ich. Über ihre Zeit in Rehren, ihre Geburt dort am 18 Mai 1956. Über den Umzug im selben Jahr noch nach Hannover. Sie kennen die Geschichten, die sie von zu Hause und über ihre Spiele erzählt hat. 

Sie erinnern sich z.B. an die gemeinsame Fahrt im VW Käfer von Hannover zur Familie der Mutter in Wien. Dies zu einer Zeit als es noch kaum Autobahnen gab, und Ulrike, die jüngste hinter dem Rücksitz im Kofferschacht mitfuhr.

Sie wissen, dass sie früh von Hannover wegzog, um ihre Ausbildung abschließen zu können, dass sie ins Reformhaus zu ihrem Bruder ging. Und so ihren beruflichen Weg ging, den sie ein Leben lang mit den unterschiedlichen Schwerpunkten in dem einen Arbeitsgebiet Kosmetik betrieben hat. Sie alle kennen Ulrikes Begegnung mit Heinz Gemeinder und verstehen, dass sie in ihm vieles fand, was sie selbst in sich suchte.

Darum hier der Bibelvers aus dem ersten Teil der Bibel:

So ist’s ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. 10Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. 11Auch, wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? 12Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.

Ulrike war ein geselliger, ein Familienmensch. Die dreifache Schnur steht für ihre Kinder, deren Mehrzahl bzw. die jüngeren sie mit ihrem zweiten Mann Patrick Agte hatte. Sie steht aber auch für Sie, die ganze Familie, die Geschwister und alle Familienzweige.

Schließlich kam noch ein Hund dazu und in dieser Zeit lernte ich sie kennen, weil sie sich in der Kirchengemeinde engagierte. Ich schätzte ihre warme Herzlichkeit, ihre annehmende Menschlichkeit, die Nahbarkeit, mit der sie die Jugendlichen auf den Rüstzeiten begleitete. Ihre Hilfsbereitschaft in der Gruppenküche ebenso wie das Ohr, das sie stets für einzelne Jugendliche hatte.

Es war die Zeit, in der sie in Pluwig lebte. Und in der sie mit viel Herzblut die Kosmetikschule betrieb. Unvergessen sind ihre Erzählungen über die Schule, die den eindeutigen Schluss zulassen, wieviel Lebenskraft und Schaffensfreude sie in die Schülerinnen investiert hat.

Caspar David Friedrich hätte in Ulrikes Lebensbaum für dieses ihr Interesse einen sehr kräftigen Ast eingezeichnet.

Noch vitaler waren ihre Bemühungen wenn es um die eigenen Kinder ging. Ich habe hier diesen Schirm mitgebracht, weil er für das steht, was Ulrike antrieb: Schutzschirm wollte sie sein und den Kindern die Sonnenseite des Lebens zeigen. Die jüngeren fühlten sich in ihrer Welt durch Ulrike geborgen. Das zweite Symbol habe ich hier in der Tasche. Wie in Watte gepackt hat sie ihre Kinder Thilo, Thurid und Hagen.

Gleichzeitig gibt das Nutzen dieses Symbols den Blick auf die andere Seite von Ulrike frei, dass sie sich einen Hund beispielsweise zulegte, aber eigentlich gar keine Zeit zwischen Haushalt, Kosmetikschule, eigenen Kindern für das Tier hatte.

Auch für die Erziehung der Kinder gilt, dass sie belastenden Ernst von ihnen fernhalten wollte. Ein Wesenszug von ihr war, dass sie stets an andere dachte, aber zu wenig an sich, und wie sie ihre Kräfte wieder auffüllen konnte. Sie sorgte sich um Euch, aber hatte keinen ausreichend guten Blick für sich selbst.

In Heinz Gemeinder hatte sie von ihrem alter Ego vor allem die Strukturiertheit gesucht und gesehen. Zeit ihres Lebens musste sie Dinge ausblenden, sie einfach liegen lassen, Post z.B. nicht öffnen, weil ihr eine überblickende Struktur für die Vielfalt ihrer Aufgaben nicht gegeben war.

Da verweht die Watte ebenso leicht, wie sie zuvor Geborgenheit geboten hat.

Auch das macht das Bild eines Baumes deutlich. Jeder ist verschieden und wo der eine dichten Wuchs vorweisen kann, ist ein anderer ohne einen solchen Ast, kann sich zur Wetterseite nicht schützen, muss das schlechte Wetter einfach ausblenden, leugnen, ignorieren.

Auf dem Ohr war Ulrike taub. War sie beratungsresistent und ließ sich nicht gern ins Konzept reden. So schaffte sie Raum für die sonnige Seite, betonte diese gern besonders, lenkte gern selbst den Blick auf die schönen und behaglichen Seiten.

Darum habt Ihr Kinder dieses Gesicht Eurer Mutter so geschätzt. Ihre Leichtigkeit. Ihre mitreißenden Ideen. Die unbedarfte Art, mit der sie sich selbst begeisterte, anstecken ließ. Denn für einen Spaß war sie sich nie zu schade.

Ihre Tochter Julia glaubte lange, dass ihre Mutter die Hippiezeit noch in den Adern hatte, so jung geblieben und zu wilden Unternehmungen aufgelegt kam sie ihr lange vor.

Ihr habt sie auch als Ansprechpartner geschätzt. Man konnte mit ihr über alles reden.

Der positive Geist von ihr ist hoffentlich genau das, was ihr als drei-, ja eben vierfach verbundene Schnur mit in Euer zukünftiges Leben nehmt. Ulrike sagte in manchem Engpass einfach: „Jetzt ist es so – was machen wir daraus“.

Sie schaute positiv auf morgen.

Diese Seite nehmt mit in Euer weiteres Leben.

Denkt an die Liebe, die sie gegeben hat. Sie hat die Gabe zu lieben in Euer Leben gepflanzt. Und eine Wahrheit dieser Liebe ist grundsätzlicher Art, sie gilt auch gerade für Situationen wie für diese hier unter dem Baum: wer liebt, kann lassen.