Vorbild Vertrauen

Predigt über die Speisung der 5000 (nach Joh 6, 1-15) beim Openair-Gottesdienst in Osburg – Abschiedspredigt von Matthias Jens

Ein ermutigender Auftrag

Danach ging Jesus zum jenseitigen Ufer des galiläischen Meeres von Tiberias fort. Ihm folgte eine große Menschenmenge, weil sie die Zeichen gesehen hatten, die er an den Kranken getan hatte. Jesus aber bestieg den Berg und setzte sich dort im Kreise seiner Jünger. Es war die Zeit kurz vor dem Passah, dem Fest der Juden. 

Als Jesus nun seine Augen aufhob und sah, wie die Leute in Scharen zu ihm kamen, sagte er zu Philippus: „Woher sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen bekommen?“ Das sagte er freilich nur, um ihn auf die Probe zu stellen. Er selbst wusste ja, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: „Selbst für zweihundert Denare Brot würden nicht ausreichen, dass jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück Brot bekäme.“ 

Einer von seinen Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zum ihm: „Hier ist ein Kind, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische – doch was ist das für so viele!“ Jesus sagte: „Lasst die Leute sich lagern!“ Es gab reichlich Gras in der Gegend, und so lagerten sich die Leute, fünftausend an der Zahl. Da nahm Jesus die Brote, sprach den Lobpreis, und verteilte sie unter den Lagernden, ebenso auch von den Fischen, soviel sie wollten. Als sie satt geworden waren, sagte er zu seinen Jüngern: „Sammelt die übrig gebliebenen Brocken auf, damit nichts verdirbt!“ Da sammelten sie sie auf und füllten zwölf Körbe mit Brocken, die von den fünf Gerstenbroten beim Essen übrig geblieben waren. 

Wie die Leute das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: „Wahrhaftig, dieser Mann ist ein Prophet, der in die Welt kommen soll!“ Doch weil Jesus merkte, dass sie drauf und dran waren, ihn mit Gewalt zu entführen, um ihn zu ihrem König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück.

Das Leben ist Anspannung und Entspannung. Einatmen und Ausatmen. Große Dinge können wir nur leisten, wenn wir uns auch Entspannungsphasen gönnen, Zeiten, in denen wir uns sammeln und zu Kräften kommen. Der Rückzug Jesu auf einen Berg steht für Phasen in unserem Leben, in denen wir Überblick im wahrsten Wortsinn gewinnen, vielleicht Zeiten wie den Urlaub, in denen wir aus dem Alltag herauskommen.

Aus dieser Ruhe heraus gelingt ihm jedenfalls etwas Wunderbares. Und das steht im Gegensatz zu der Publicity, die das Wunder auslöst. Der Ruf: „Macht Jesus zum König“ ist ein naheliegender Gedanke, 

aber erstens möchte die Ethik des Reiches Gottes nicht in eine Verfassung gegossen werden, kann das gar nicht, weil sie sich stets zwischen Mensch und Mensch ereignet, stets frisch und unverbraucht gelebt werden will. Sie lässt sich nicht in das Gesetzeswerk eines noch so königlich regierten und noch so weise organisierten Staatswesens eindosen. Sie wäre dann dazu verurteilt, weil allgemeingültig, dem ein oder anderen gerade dadurch wieder nicht gerecht zu werden.

Und zweitens ist das eigentliche Wunder dieser Geschichte doch, dass die Jesusleute dazu ermächtigt, ermutigt werden, sich selbst einzubringen. Wir lernen: Jesu Ethik ist Situationsethik, er will nicht „in die Welt“ und vor alle Welt – er will ihr Kontrapunkt sein. Und es gilt: wahre Wunder und Publicity schließen sich aus. Will gar ein wahres Wunder sich zur Schau stellen, dann wird es zur schlichten Ware. Wahre Wunder ereignen sich zwischen Menschen und basieren weder auf Geld noch auf Anerkennung. Gerät solch ein Geschehen vor die Augen neugieriger oder gar gieriger Menschenmassen, dann verkommt es bestenfalls zur Zeremonie, meist jedoch zur mehr oder weniger ehrgeizigen Show.

Dem verweigert sich Jesus. Keinen Starkult bitte!
Ihm kommt es allein darauf an, in der jeweiligen Begegnung mit Menschen zu offenbaren, wie nah das Reich Gottes sein will. Und dass dieses Aufleuchten des Reiches das Gegenteil von dem ist, was wir Event nennen. Wir Kirchen sind aufgefordert, über den Einsatz von Pomp und Kult neu nachzudenken. Auch jeder, der Wunder um des Wunderbaren willen bewundert, wird zurückgepfiffen.

Wenn also das Ereignis am See mehr Sein als Schein ist; was also genau geschieht an diesem Tag am Ufer gegenüber von Tiberias? Neugierige und sehnsüchtig auf Veränderung wartende Menschen sind weitab der Zivilisation gelandet, die allein sie alle ernähren könnte. Sie sind voller Entbehrung uns zugleich voll Hoffnung.

Die Erwähnung des nahen Passahfestes leitet das Verständnis des Lesers zum Thema Abendmahl. Johannes will uns verstehen lassen, dass es bei der bevorstehenden Selbstgabe Jesu in Jerusalem – „Ich bin das Brot, ich bin der Wein“ so wird er die Abendmahlsgaben deuten – dass er bei dieser anstehenden Selbsthingabe durchaus auf den ganzen Menschen als Empfänger abzielt. Es geht nicht um Glauben allein oder etwa nur ein frommes Gefühl. Es geht ihm darum, dass alle Menschen satt an Seele und Leib werden!

So konkret will das Reich Gottes sein: alle Menschen sollen satt und zufrieden sein. Für diese Vision steht die unübersehbare Schar der 5000. Auf dieser Erde ist genug für alle da. Wie kann eine gerechtere Verteilung der Güter gelingen?

Genau davon erzählt die Perikope. Die Erwähnung eines unschuldigen Kindes als Bringer von Brot und Fisch gibt uns den Fingerzeig, dass es uns nur in kindlicher Unschuld gelingen kann, das Richtige zu tun.

Und! Es geht um die Frage, was habe ich zu geben? Blickt die Armut an, aus der heraus die Jünger verteilen. Sie offenbart, dass sich selbst einzubringen nicht mit Rechnen und Sparen, nicht mit Versichern und vom Überfluss ein wenig abzugeben beginnt. Wir erkennen: was in diesem Moment helfen kann ist, die Armut zu teilen!

Ich stelle mir die Sache so vor. Jesus gibt offenherzig. Die Leute merken: er hält nichts zurück. Denn unter den vielen Neugierigen sitzen auch etliche Skeptiker und solche, die auf Sensationen hoffen. Doch Jesus und seine Jünger beginnen einfach nur das, was sie haben, zu verteilen. Sie denken an die anderen zuerst. Die Jesusleute geben und legen nicht zuerst etwas für sich zurück.

Das (!) ist das eigentliche Wunder. Denn für gewöhnlich sind wir so, wie die mitten in der Menschenmenge. Erst mal abwarten, mal hinschauen, was die anderen machen. Und wie die sich für gewöhnlich verhalten, das wissen wir aus den Erzählungen vom reichen Kornbauern und vom reichen Jüngling. Sie versagen, als es darum geht loszulassen, sich nicht abzusichern, sich ganz in Gottes Hand zu wissen. Sie wollen und können nicht auf selbsterrichtete Sicherheit und Rücklagen verzichten. Sie haben mit dem Anreichern und Anhäufen begonnen und stützen sich darauf – warum? Weil sie Angst haben, weil es ihnen an Vertrauen fehlt.

Hier aber geben Jesus und seine Jünger im vollen Vertrauen, dass auf Erden niemand zu kurz kommt. Und die Menschen merken das. Da gehen auf einmal die Ranzen auf, die Hirtentaschen und auch aus den Umschlägen der Gewänder kommen die Trauben, Feigen, Datteln, die Brote, die Vesperschnitten, die man sich sicherheitshalber eingesteckt hatte, und das Gemüse. Auf einmal füllt sich das ausgebreitete Tuch zwischen den sich Lagernden – und tatsächlich: alle werden satt!

Wir verstehen: dieser Aspekt vom Reich Gottes wird immer dann wahr, immer dann Wirklichkeit, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Dann hören die Einflüsterungen des Herrn der materiellen Welt auf: „Halte was du hast“, und: „Genug ist nicht genug.“ Diese Stimmen in uns verstummen.

Das Wunder der Speisung der Fünftausend ist also das, dass Menschen einander aufschließen mit ihrem eigenen Vertrauen. So ziehen wieder Freizügigkeit und Gastfreundschaft in unserer Welt ein. So rückt unsere Welt an die ran, wie sie um Gottes Willen sein soll.

Die zwölf Gefäße, die sich aus den Resten dessen füllen, was ein unschuldiges Kind einfach so gebracht hat, diese zwölf sind natürlich die Jünger, die nach diesem Wunder der Zwischenmenschlichkeit voll von diesem Vertrauen sind, dass wir letztlich alle satt werden. Gott will es. So, liebe Gemeinde, dürfen auch wir sein.

Darum feiern wir das Abendmahl heute so, dass dies deutlich wird. Die in diesem Jahr Konfirmierten kommen als erste zu einem Abendmahlskreis zusammen. Sie stärken sich gleichsam und werden zu denjenigen, die als erste von Jesus und seinem Verhalten gehört haben.

Um sie mit ihrem jungen neuen Vertrauen begeben sich dann in die Mitte ihrer Familien und wir sehen: die Konfirmierten geben in wahrnehmbarem Glauben weiter, was die einfache Form des Sakraments bedeutet: Gottes gutes Zeichen seiner Anwesenheit. Das ermutigt uns, uns so einzubringen, wie wir sind. In allem zeigt sich: Glaube will von Mensch zu Mensch weitergegeben werden.

Amen.