Zum Abschied: drei Prinzipien

Predigt über Lk 9, 57 – 62

Gehalten am:              15. August 2021        in: Gusterath und Grünhaus

Lieder:                        664                             Liturgie: Nr. 31

                                   409                             Psalm 712.1

  • GB 813

671

  • Lesung: Mk 10, 13-15

„Lass mich mich zuerst noch von meiner Familie verabschieden“ bittet der nachfolgewillige Jünger den Meister.

Abschied nehmen und bei seiner Bestimmung ankommen. Davon spricht unser heutiger Predigttext.

Denn unser Leben ist tatsächlich stets die Begegnung mit dem Neuen und es bleibt ein ständiges Abschiednehmen. Vieles tun wir heute zum letzten mal.

Und ich weiß noch ganz genau, als ich zum ersten mal hier auf diese schöne Kanzel trat.

Wir sind inmitten unseres Auftretens und Abtretens eingebunden in einen größeren Zusammenhang, der uns birgt. Ein anglikanischer Bischof hat es in folgendes Bild gefasst:

„Ich stehe am Ufer. Eine Brigg segelt in der Morgenbrise hinaus aufs offene Meer. Ein herrlicher Anblick und viele beobachten mit mir das stolze Schauspiel – bis sie zuletzt am Horizont verschwindet. Und jemand sagt: Jetzt ist sie nicht mehr da. – Nicht mehr da? Wirklich? Das gilt doch nur für meine Augen. Denn gerade in dem Moment, in dem wir hier sagen „jetzt ist sie nicht mehr da“ taucht sie auf der anderen Seite am Horizont auf und Menschen rufen „Schau, da kommt sie!““

Leinen los und Leinen fest. Aufbrechen und ankommen. Verabschieden und begrüßen. Unser Leben ist im Fluss. Panta rhei. Und darum kommt es so sehr auf unseren Standpunkt an.

Genau davon spricht Jesus: von unserem Standpunkt.

Es gibt Entscheidungen in unserem Leben, die dulden keinen Aufschub.

Im Blick auf unsere innere Integrität, im Blick auf das, was Kirche unser Seelenheil nennt, heißt es in der Bibel zwar immer wieder, auch eine Entscheidung für den rechten Weg während des letzten Atemzuges sei noch rechtzeitig genug.

Aber genau das ist das Problem der Stunde: dem eigenen Leben überhaupt die Richtung zu geben, von der ich überzeugt bin, dass sie die richtige sei. Durchs eigene Leben heute einen Ruck gehen zu lassen. 

Denn was du tun kannst tue gleich – oder: was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen; oder wie die Weisheiten lauten mögen, die die eine Wahrheit behandeln: dass nämlich unser Selbstbewusstsein darunter leidet, wenn wir nicht tun und nicht dafür eintreten, was wir für richtig halten.

Wenn vom Reich Gottes die Rede ist, dann ist damit gemeint, dass wir nicht nur anderen wahrhaftig erscheinen, sondern dass wir vor allem vor uns selbst bestehen können. Mit einem Auseinanderfallen von Einsicht und Entscheidung, von Verstehen und Verhalten ginge auch die Einheit von uns selbst verloren

Darum nennt der Mann aus Nazareth auch die Kinder nah am Himmelreich, weil weil sie eins mit ihren inneren Impulsen sind. Sie sind ganz das, was sie tun. Es gibt kein später oder anders für sie.

Weil es also um nicht weniger als uns selbst geht, spricht Jesus hier ebenso knapp wie eindeutig.

Drei Maßstäbe gibt er uns mit.

Erstens: Glaubwürdigkeit. An deiner Bereitschaft, Einschränkungen hinzunehmen, sehe ich den Grad deiner Begeisterung und Überzeugung.

Ich denke da an die vielen jungen Menschen, denen Greta Thunberg ein Gesicht gegeben hat. An die Jugend, die sich nicht von Mama im Zweitauto zur Schule bringen lässt, die mit dem Fahrrad fährt und für „friday for future“ demonstriert.

Der Mann aus Nazareth spricht von der Heimatlosigkeit der ethisch Entschiedenen. Sie verzichten auf viel, was unser bürgerliches Leben so angenehm macht.

Bei der Überprüfung solchen Verzichtens für mich erkenne ich, dass es letztlich um den Verzicht auf das „es allen Recht machen“ zu wollen geht. Ohne Auto werde ich weniger Termine wahrnehmen können. Ohne Anrufbeantworter werden manche lange auf ein Gespräch warten müssen.

Die Frage ist also sehr persönlich: halte ich es aus, mich immer wieder für meine neue Orientierung rechtfertigen zu müssen?

Zweitens: „Correctness oder der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit“.

Es geht Jesus beim zweiten Beispiel nicht darum, dass man Unfertiges liegen lassen können sollte, wenn man ihm folge. Es geht nicht tatsächlich darum, den verstorbenen Lieben nicht noch die letzte Ehre zu erweisen. Sondern es geht um den Gehalt der Rituale. Sie sind Geländer, die dem Unsicheren in neuem Gelände Halt bieten sollen.

Und darum hat der Gottesmann das Zwanghafte vieler unserer Verhaltensabläufe im Visier. An vielen halten wir uns nur noch fest, obwohl sie hohl geworden sind.

Wir meinen bestehen zu können, wenn unser Verhalten buchstabengetreu, wenn es rite vollzogen sei. Es ist die alte Frage, ob etwas recht ist, nur weil ich es richtig gemacht habe.

Mein Sohn fragte mich bei irgendeiner Nachrichtensendung, als Bundesverfassungsrichter ein Urteil bekannt gaben: „Warum tragen sie rote Roben?“ Ich sagte: „Weil sie die höchsten Richter in Deutschland sind:“ „Dann sind sie wohl besonders gerecht!“ meinte er. Ich kam nicht umhin, mich auf ein Gespräch über den zwangsläufigen Unterschied von Recht und Gerechtigkeit einzulassen. Darum geht es auch hier: um den Unterschied zwischen der Form nach richtig und gerecht.

Jesus liefert uns den letzten Maßstab für den Sinn von Ritualen und Geboten am Bespiel des Sabbatgebots. Der Sabbat soll dem Menschen dienen; nicht dieser ein Sklave der Richtlinien werden.

Wenn wir unsere sogenannten Lebensrichtigkeiten überprüfen, dann sollen wir sie auf ihren Nutzen für den Menschen hin beurteilen – auf ihre Menschlichkeit.

Das gilt für einen jeden von uns in seinem Privatleben ebenso wie für unseren Staat und seiner Gesetzgebung.

 Und nun der dritte Hinweis Jesu. Wirkte schon der erste hart durch seine Forderung zu verzichten; und der zweite herausfordernd durch seinen individualethischen Anspruch, so scheint der dritte nun geradezu lieblos zu sein. Nicht familiäre Bande, sondern die Eindeutigkeit deines Lebens soll über allen persönlichen Beziehungen stehen. Die „eisige Höhenluft“ Friedrich Nietzsches scheint hier den zu umwehen, der allein weiß, wie man leben soll.

Und tatsächlich, die Geschichten von Jesus erzählen, dass er genau so selbstlos entschieden und gelebt hat. Er sich im Vertrauen selbst gegeben hat, dass es hinter dem Horizont dieses Lebens eines in einer größeren Welt gibt.

Es will also auch an diesem dritten Bild deutlich werden, dass Jesus es ernst nimmt, Gottes Kind zu sein. Und wie sich konsequent daraus ergibt, dass alle die, die sich als Kinder Gottes verstehen, untereinander Geschwister sein können.

Am Pflug, unterwegs zum Ziel, sich nicht umzuschauen, manche Beziehung hinter sich zu lassen, geradlinig zu sein, also eine gerade Linie zu ziehen, das kann, wer die Kraft aus dem Ziel, aus der Vision einer besseren Welt der Geschwisterschaft aller zieht. I have a dream …

Martin Luther Kings Miteinander von Schwarzen und Weißen ist ja nur ein Aspekt vom endlich anbrechenden Reich Gottes. Dem Reich, in dem jeder jeden und jede gleichberechtigt gelten lässt und Kommunikation gelingt.

Wir denken heute an das Miteinander der Religionen. Wir suchen Geschwister des Glaubens überall auf der Welt. Wir denken auch an die Notwendigkeit eines Miteinanders rund um den Globus, wenn es um das Bewahren der Schöpfung geht. Wir geben Minderheiten in unserer Sprache geschwisterlich Raum.

Zusammengefasst will uns Jesus mit diesem Dreisatz sagen: die Glaubwürdigkeit unseres Verhaltens;

sodann die Menschlichkeit als letztes Prüfsieb, durch das wir alle unsere Entscheidungen gießen sollen;

und die Vision, auf die wir geraden Schrittes zugehen wollen,

diese drei Aspekte sollen das Dreigestirn am Himmel unserer Orientierung sein.

Ja, es gibt Entscheidungen, die dulden keinen Aufschub.

Aber niemand verlangt, dass wir aus dem Stand zum Dreisprung ansetzen. Wir sollen nur nicht im Blick auf die Ansprüche an uns selbst einfach schlicht sitzen bleiben. Denn wer rastet rostet. Bewegen wir uns also. Setzen Schritt vor Schritt.

Und beginnen mit dem ersten Schritt.

Amen