die Samariterin von Lorscheid – Ilona Bolsch

Gestern habe ich einen Roman zuende gelesen. Thomas Glavinic, „Das größere Wunder“. Spannend war er. Auf Seite 514 geht es nach einer Mount Everestbesteigung um Leben und Tod. Im Kopf des Helden bildet sich folgender Gedanke:

„Die Frage nach dem Glauben an Gott bedeutet: Magst du Menschen? Oder sollte sie wenigstens bedeuten. Manche verstehen den Glauben falsch. Er ist ja nicht für sie da. Er ist für die anderen da.“

Ein großes, ein Kirchen relativierendes und revolutionierendes Wort.

Und ein Wort aus der Mitte von Ilonas Leben.

Zu diesem moralischen Mittelpunkt ihres Lebens gehört folgende biblische Geschichte:

Lesung aus Lk 10, 25 – 37

Den Nächsten zu sehen und zu tun, was nötig ist, das war Ilona wichtig.

Materielles hintan zu stellen, das war ihr von Mutterleib gleichsam mit auf den Lebensweg gegeben und sie lebte es gerade auch in den Stunden ihres Abschieds von diesem Leben.

Als Ilona Johanna Krull am 15. Februar 1945 in Lüttgenziatz, östlich von Magdeburg zur Welt kam, da stand diese in Flammen. Ihre Eltern begaben sich auf die Flucht, hinterließen alles Eigentum anderen und fanden eine neue Bleibe in Wuppertal. Genauer war es Haan.

Der Vater fand als Vormann bald Arbeit in der Vorwerkschen Teppichweberei, und Ilona wuchs in Haan auf, ging dort zur Schule und heiratete, bekam mit 24 ihren Sohn Stephan.

Allein, die Ehe war nicht glücklich, 1975 trennten sich die Eheleute Militz und Mutter und Kind zogen nach Hilden. Das bot Station für ein Jahr. Unter abenteuerlichen Umständen zogen sie nun nach Düsseldorf. Für drei Jahre war die nordrheinwestfälische Hauptstadt Quartier. In dieser Zeit lernte Ilona Wilfried Bolsch kennen. Gemeinsam zog die Familie 1980 nach Pforzheim. Stephan ging von dort aus ins Internat und die Eheleute zogen abermals um, diesmal über Wuppertal nach Ehrang, um schließlich in Lorscheid eine Heimat zu finden.

Dort erzählte sie mir, dass eine große Bürde in ihrem Leben war, dass sie den Mann 2003 verlor. Er starb mit 59 Jahren.

Davor, danach und selbstverständlich auch in der Ehe ging das in Erfüllung, was ich als den ethischen Dreh- und Angelpunkt von Ilonas Haltung bezeichne. Ihre Sorge um andere. Ihr offenes Herz für Menschen mit Anliegen oder gar in Nöten.

Das waren nicht nur die Tiere, die Freundinnen in der Zeit deren Urlaubs bei ihr unterbringen durften, das waren vor allem Menschen in hohem Alter, die der Zuwendung und Pflege bedürftig waren.

Zunächst hatte Ilona ihr Geld als Verwaltungsangestellte in der Verbandsgemeinde Schweich verdient. Später als Assistentin der Leitung im Altersheim Lorscheid.

Und mit dieser Erfahrung im Rücken vermittelte sie Seniorinnen und Senioren Helfer, Ansprechpartner bei der Krankenkasse, Ärzte und andere Versorgung, derer sie im Alter bedurften.

Sie riet Freundinnen, deren eigene Eltern krank und gebrechlich, dement wurden und starben. Sie stand dem Menschen bei war der Samariter, dem Aufwand und Zeit nicht zu viel wurden, dem Nächsten zur Seite zu stehen.

Erholung von Engagement und Büroarbeit fand sie in der Natur. Aber es war nicht das Spazierengehen, sondern es waren die Ernteeinsätze, die Arbeit im Weinberg, die ihr viel Freude bereitete. Viezobst zu sammeln, Trauben zu lesen, das schenkte ihr nicht nur Ablenkung und Bewegung. Es traft auch einen anderen Nerv von ihr.

Ilona war ein geselliger Mensch, sie unterhielt sich gern mit anderen, war nicht kontaktscheu sondern äußerst kommunikativ.

Der Kommunikation mit ihrem Sohn räumte sie die großen Fenster ein, die seine Autofahrten schenkten. Es waren die häufigen Telefonate zwischen Ihnen, die Sie beide auf dem neusten Stand hielten.

Mit den Freundinnen suchte sie Rituale, die Besuche zu den Jahrestagen hier in Luxemburg, die hohen Festtage, aber auch das geschätzte Eiscafé, die alle hauptsächlich dem Austausch dienten.

Nun war sie es, die abgeholt und gebracht wurde, um die man sich kümmerte. Aber sie konnte es annehmen. Ganz bewusst sagte sie: damals habe ich geholfen, heute bin ich diejenige, der geholfen wird.

Zu ihren Tugenden gehörte, das sie annehmen konnte.

Da sie von Konventionen nicht viel hielt, sage ich es hier in ihrer Würdigung in Form eines Witzes. „Ein reicher Mann starb. Und ließ sich all sein Geld mit in den Sarg legen. Im Himmel sah er die reich gedeckten Tafeln und frage Petrus: Was kostet die Rehkeule, was dieser Lachs hier? Immer sagte Petrus: einen Cent. Oh, dann komme ich mit meinem Vermögen aber weit, jubelte der Reiche. Langsam, konterte Petrus, hier nehmen wir nicht das Geld, das du besessen hast – hier zählt nur das Geld, das du verschenkt hast!“

Ilona, die lebensfrohe Frau, die hilfsbereite Freundin, die gewissenhafte Arbeiterin, im Himmel ist sie eine reiche Frau, denn war sie nicht die Samariterin, die den Bedürftigen auf ihrem Weg erkannt und ihm aufgeholfen hat?

Und noch eine Tugend gibt es zu würdigen. Ihre Souveränität und ihren Mut: „Ich habe mein Leben gelebt, ich kann es abgeben“, bekannte sie mir in unserem ersten und letzten Gespräch. Und der Schalk blitzte aus ihren Augen – sie hatte bereits den Sauerstoff abgewiesen und mit dem Essen und Trinken aufgehört – als sie fortfuhr: „Ich drücke mir selbst die Daumen, dass es gut geht.“

Liebe Trauergemeinde, jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und als solcher bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig. Und da Gott keine Person – noch so ein klassisches Missverständnis wie eingangs die Frage nach dem Glauben -, sondern lebendige Verständigung, Kommunikation, da er „Beziehung selbst“ ist, wird Ilona mit ihm im Licht seiner Liebe im Gespräch bleiben. Auf ewig. Amen.