vom Samenkorn Vertrauen

Predigt über 1. Tim 1

Ich erinnere mich noch daran, als ich das freihändig Fahrradfahren lernte. Ich wollte es unbedingt. Aber es war niemand da, den ich fragen konnte. Meine gleichaltrigen Freunde konnten es alle noch nicht. Meine Mutter war zu Hause, mein Vater auf der Arbeit und mein Bruder fuhr noch mit Stützrädern. Da fragte ich einen unbekannten Mann, der die Straße entlang kam. Der Mann war schon alt, so schien mir aus meiner damaligen Perspektive. Er war wahrscheinlich jünger als ich heute. Aber er mußte es schließlich wissen, denn er war ja ein Erwachsener. Dieser Mann hielt an, widmete sich meiner Frage und erklärte mir etwas, an das ich mich heute nicht mehr erinnere. Er sprach etwas vom Schwung, den ich brauche. Zweifelsohne traute er mir aber zu, daß ich es auf sein Wort hin schaffen würde. Und tatsächlich: nach zwei, drei Versuchen gelang mir das Freihändigfahren.

Ich wollte es damals lernen und er traute es mir offensichtlich zu, daß ich es schaffen könne. Ich bin heute überzeugt, daß es nicht unbedingt seine technische Anweisung war, sondern dieses Vertrauen in mich. Dieses Vertrauen brachte mich weiter.

Liebe Gemeinde, Vertrauen schafft Anfänge.

Der Schreiber des Briefes, aus dem ich gleich zitiere, wird nicht müde, von diesem Anfänge schenkenden Vertrauen zu berichten.

Das ist die Aussage des Textes, der heute Predigtgrundlage sein soll. 

Nun aber erst einmal der Autor selbst:

12 Christus Jesus, unserem Herrn, bin ich dankbar, der mich ermächtigt hat, daß er Vertrauen in mich gesetzt und mich zu seinem Dienst bestellt hat. 13 Hatte ich ihn doch davor gelästert, verfolgt und mich ihm verschlossen. Aber mir ist Erbarmen widerfahren, obwohl ich in uneinsichtiger und glaubensloser Verblendung gehandelt hatte. 14 Wettgemacht in Form von Liebe und Glauben aber hat dies die überfließende Gnade, unser Herr, Christus Jesus. 15 Tatsächlich wahr ist das Wort und annehmenswert, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu erretten. Von ihnen bin ich mit Abstand er erste! 16 Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, damit Jesus Christus an mir als erstem erweise, wie groß seine Langmut ist, zum Vorbild für alle, die hernach zum Glauben an ihn und damit zum ewigen Leben kommen sollen.

Aus Saulus ist Paulus geworden. Der Mensch hat sich verändert. Der ehemalige Generalbundesanwalt in Sachen Verfolgung von Glaubensabweichlern ist selbst zum Sektierer geworden. Der 200%ige Jude ist zum christlichen Glaubensvorbild, ja zum christlichen Lehrer geworden.

Aus Saulus ist Paulus geworden. Doch er ist nicht weniger beflissen, und der eine oder die andere unter Ihnen mutmaßt, einen Seitenwechsel hat er vollzogen, doch eine Veränderung der Persönlichkeit dieses Mannes ist in ihrer Tiefe nicht erfolgt. Saulus-Paulus war wohl Zeit seines Lebens ein ehrgeiziger, in Glaubensdingen vielleicht auch ein fanatischer Mann. Diese Seite menschlichen Lebens war ihm immer schon bitter ernst. So kann ihm gewiß niemand Opportunismus vorwerfen. Auch jetzt im christlichen Lager will er es wieder besonders gut machen.

Und doch ist eine Änderung eingetreten, die dem Paulus wichtig genug erscheint, darüber zu berichten. Die Veränderung, die sein Leben fortan bestimmte, muß tiefgreifend gewesen sein. Paulus ist kein Marketender in Glaubensartikeln, der sich – Hauptsache Geschäft – verkauft. Es geht ihm um nicht weniger als die Wahrheit. Und die liege außerhalb seiner selbst.

Und der, sagt er, habe er sich nun neu angenähert. Bzw sei er angenähert worden. Dies sei eben das Wunder, das Vertrauen wirken kann, das in einen gesetzt wird. Allein Vertrauen – im griechischen dasselbe Wort wie das für Glauben – vermag den Menschen zu ändern.

Das ist interessant, denn die Frage ist ja immer noch unentschieden, ob sich der Mensch nun ändern kann oder nicht. Die Kraft zur Veränderung als Bedingung unseres Glücks:

– Ändere Dich, dann kann ich es bei dir aushalten, sagt die Frau zum Mann am Gabelpunkt der Ehe.

– Ändert euch, kehrt um, dann kommt Gott zu euch, predigt der Täufer Johannes der Menge am Jordan.

– Du kannst einen Menschen nicht ändern, die kleinen Schwächen werden im Laufe eines Lebens gar zu Lastern, lehrte meine Großmutter, wenn es um die Frage des Partners fürs Leben ging.

Was ist nun wahr? Kann ein Mensch sich ändern oder bleibt er immer derselbe?

Paulus beschreibt, daß das Vertrauen, das in ihn gesetzt worden ist, ihn verändert habe. D.h. der Mensch ist von außen verändert worden.

Das ist nun um so erstaunlicher, lehrt doch die Psychologie das Gegenteil. Ein Mensch kann durch seinen Therapeuten letztlich nicht geheilt werden. Ein anderer kann einen Menschen nicht verändern. Im Gegenteil: die Ehefrau, die ihren Mann anders haben möchte, macht es mit dem Erwartungsdruck nur noch schlimmer. Letztlich, so lehren sie, kann nur der Mensch selbst sich verändern, sein Willensschritt ist entscheidend für den inneren Fortschritt. Einsicht und Veränderungswille müssen gemeinsam ziehen.

Und nun legt Paulus hier Zeugnis von einer Änderung ab, die er als von außen an ihn herangetragen beschreibt. Als Geschenk, vielleicht sogar als Zumutung in tiefen Doppelsinn des Wortes.

Mir gefällt an diesem Text, daß Paulus nicht eine allgemeine theologische Lehre von sich gibt, wenn er sagt, daß Jesus gekommen sei, um Sünder zu retten; sondern daß er von Selbsterlebtem spricht. Er spricht aus dem Herzen, er spricht mit der Erfahrung des durchs Schicksal Gereiften. Und vielleicht liegt die Kraft der Veränderung tatsächlich in der Erfahrung. Der vorangegangene Schmerz macht seine Worte authentisch und glaubwürdig. Es heißt ja, daß wir Menschen nur durch Schmerzen lernen können. Doch hier nennt Paulus den Hintergrund und die Ursache dieses Zwanges zum Umdenken Gottes Liebe. Das ist erstaunlich. Denn Damaskus war für ihn ein schmerzhafter Einschnitt. Doch ich denke, daß einen so harten Werkstoff im Leben, wie unsere Persönlichkeit es ist, nur die Liebe noch einmal weich zum neuen Formen machen kann.

Es ist also eine Glaubensaussage, wenn jemand hinter dem verändernden Schicksalsschlag die Liebe Gottes zu erkennen vermag.

So, wie sie ihn betrifft, kann sie auch mich betreffen. Hoffentlich vermag auch ich Gottes Liebe dann dahinter zu erkennen. 

Billiger ist eine derartige Veränderung wohl nicht zu haben.

Es geht Paulus um nicht weniger als die Wahrheit. Die Wahrheit seines Lebens. 

Was Paulus widerfahren ist – biographisch wird es mit dem sogenannten Damaskuserlebnis beschrieben – ist eine völlige Veränderung seines Wertesystems. Er hat an sich selbst die Geduld Gottes erfahren. Das beharrliche Vertrauen in ihn. Das hat ihn erschüttert. Sein Wertesystem auf den Kopf gestellt. Gerechtigkeit kommt nicht vom Menschen, ist nicht meine Leistung – sie wird umgekehrt mir zugesprochen. Diese Einsicht macht Damaskus zum Reformationstag des Apostels Paulus.

Jede Begegnung mit Gott ist eine heilsame Unterbrechung unserer Lebenszusammenhänge. Was uns bisher so selbstverständlich erschien, sehen wir dann anders.

Paulus´persönliche Entscheidungen fallen hernach anders aus.

Wie er, werden auch wir sie neuüberlegt begründen müssen. Viele überlieferte Antworten erscheinen uns dann zu schal. Traditionen sind abgebrochen und ungültig. Neue Antworten müssen her.

Für Paulus war das nicht leicht. Hatte er sich doch in seinem Saulus-leben die Autorisierung direkt vom Hohenpriester geholt. Schriftlich. Das war etwas zum Vorzeigen.

Und nun ist ihm der Auferstandene erschienen. Den kann er niemandem vorzeigen. Er muß aus sich heraus glaubwürdig sein und schlimmstenfalls auch mit den Konsequenzen, die er zu tragen hat, vor sich allein bestehen können.

Denn auf dem Gipfel der Wahrheit weht einsam-eisige Höhenluft.

Und hier wird sie geprüft wie Gold. Woher hast du die Berechtigung, so etwas zu sagen. Jesus wurde genauso gefragt: Woher nimmst du die Vollmacht?

Menschen, die so leben, machen anderen Angst. Machen denen Angst, die gewohnt sind, die Begründungen ihres Tun und Lassens, die Muster ihrer Gedanken der Tradition zu entnehmen, dem, was man eben so tut, dem, was alle tun.

Selbständiges Denken und Verantworten, christliches Leben ist ohne solchen Reifungsprozess nicht zu haben. Am Ende steht immer eine Persönlichkeit mit natürlicher Autorität. 

Und das Samenkorn für dieses Wachstum ist das in den Menschen gesetzte Vertrauen.

Amen.