Aufrecht vor ihrem Schöpfer

Traueransprache für Erika Ottmann

über

1. Mose 16, 13

Du bist ein Gott, der mich sieht

04.06.2021 Schweich

Ein Gott, der mich sieht, ist ein Gott, der mich wahrnimmt. Meine Bemühungen, meine Bedenken, meine Spielereien, mein Sorgen.

In diesem Vertrauen lebte Erika Alwine ihr Leben. Dieses begann am 24. November 1929 in Bad Ems. In der Mitte einer lebendigen Kinderschar wurde sie groß. Drei Schwestern hatte sie zur Seite und zwei Brüder.

Von beiden Eltern nahm sie Wesentliches in ihr Leben auf. Vom Vater kam die Lust, Dinge wachsen zu sehen und groß zu ziehen. Er war Gärtner.

Die Mutter verdiente ihr Geld als Lehrerin für Schreibmaschine und Stenographie. Ich erinnere mich noch an Rhythmus und Disziplin, die beim Maschineschreiben Lernen unabdingbar sind. J-a-f-f-a, die ersten drei Buchstaben mit drei unterschiedlichen Fingern. Immer schön blind, und immer wieder, bis die Fingerposition sitzt und der Griff internalisiert ist. Von der Mutter also hatte sie den Sinn für Methode und ihre stringente Art.

Früh wusste Erika, was sie werden wollte. Das mag als Fingerzeig gelten für die Besonderheit ihrer Haltung. Gespeist war diese vom Vertrauen, dass der Weg, den sie geht, der richtige sei. Zunächst zeigte er sich in der Konsequenz, mit der sie ihr Ziel ansteuerte. Sie mag dabei vom Vater, insbesondere einer Mutter, die selbst schon berufstätig war, unterstützt worden sein.

Wir loben, was sie auf sich zu nehmen bereit war, um direkt nach dem Krieg den Beruf der Volksschullehrerin zu erlangen. Dazu musste sie ins Internat, das Haus verlassen und in Montabaur ihr Abitur machen. Das hatte sie 1947 in der Tasche und nahm das avisierte Studium an der Pädagogischen Hochschule in Worms auf.

Ein wesentlicher Zug von Erikas Persönlichkeit ist damit bereits gezeichnet. Ihr klare Zielvorstellung und der Wille, dieses auch zu erreichen.

Man darf sie eine emanzipierte Frau nennen. Während die eine Schwester zunächst im väterlichen Betrieb blieb, die andere in die Fußstapfen der Mutter trat und die dritte, den für Frauen bereits geebneten Weg als Krankenschwester ging, scheute sich Erika nicht, zur kleinen Schar der Frauen inmitten der Lehrerschaft zu stoßen. Ein Bruder war leider im Krieg gefallen, der andere übernahm die väterliche Gärtnerei.

Frau Krisam, Sie haben Fräulein Stüber selbst als Unterrichtende erlebt und können bezeugen, welche Autorität von ihr ausging, dass ihr daran gelegen war, dass die Kinder schnell und konsequent mit dem Stoff vertraut gemacht wurden. Die Schülerinnen und Schüler hatten Respekt vor ihr. Das mag schon in Nisterberg an der Volksschule so gewesen sein, wo sie morgens mit dem Fahrrad von ihrem bitterkalten möblierten Zimmer in Friedeberg aus hinradelte. Das war sicher nach dem Referendariat in Wissen so und es war gewiss ab 1953 in Betzdorf an der Martin-Luther-Schule so, wo die Schicksalswege sie zusammen führten.

Wäre das Profil nicht schon klar gezeichnet, so wäre der endgültige Beweis ihrer Einstellung die Bedingung, unter der sie  Ernst Ottmann heiratete: Ich bin und bleibe berufstätig, legte sie vor der Ehe mit ihm fest.

So geschah es. Auch nach der Zeit, als das gemeinsame Kind der Eheleute, Rolf 1964 geboren war, blieb sie dem Schuldienst treu.

Dass sowohl Kompetenz als auch Konsequenz nicht unentdeckt blieben, darüber legt Zeugnis ab, das sie für den Stab des Schroedel-Verlags auserkoren wurde, ein Lehrbuch über die Mengenlehre mitzuentwickeln.

Mit 63 Jahren, also 1992 ging sie in den Ruhestand. Was nicht bedeutete, dass sie die Freude an der Auseinandersetzung mit der Welt an diesem Tag verloren hätte. Genau so wie sie sich von Gott wahrgenommen glaubte, genau so sah sie auch mit Interesse auf ihre Umwelt, auf die politischen Geschehen, beschäftigte sich weiter mit Kultur und Politik und blieb auf dem neusten Stand.

Sie vernachlässigte bei aller Geistigkeit ihr Aussehen nicht. Gerade der Frisur maß sie hohe Bedeutung zu. Sie wissen, dass es nicht die langen femininen Haare waren, sondern dass sie sportlichen, vielleicht sogar maskulin-kurzen Schopf bevorzugte.

Ihre gestrenge Art wurde in der nächsten Lebensphase nun weicher. Mit dem Ausfliegen der Kinder hatte sie das erreicht, was sie für ihre Aufgabe hielt, den Kindern Selbstständigkeit zu vermitteln. Nun wurde sie nahbarer, einladender. Sie besuchte ihrerseits den Nachwuchs, kam zu wichtigen Anlässen und blieb auch gern einige Tage. 

Sie scheute keine Strecke. Kaufte sich gar mit 74 ein neues Auto und fuhr allein damit in den Urlaub an den Tegernsee.

Noch einmal intensiver wurde die Mutter-Kind-Beziehung als ihr Mann gestorben war. Auch dies ein Indiz für die strukturierte Festlegung ihrer inneren Prioritäten.

Sie sah den Menschen und sie sah ihre Aufgaben, genau so eben, wie sie an einen Gott glaubte, der sie, ihren Lebensweg sah und der mit seiner Wahrnehmung auch Verantwortung und Fürsorge verbindet.

Darum gab es auch das andere Gesicht von Erika. Die Seite, die annehmen konnte. Dazu gehört auch der Garten, in dem sie sitzen, die Blüten genießen und dem Gesang der Vögel lauschen konnte. Sie musst nicht nur geben, sie konnte auch dankbar nehmen, was man ihr bot.

Dankbar war sie auch für Hilfe im Alter, Angebote, Besuche, gemeinsam verbrachte Zeit.

Wir selbst dürfen dankbar sein für diese Seite von ihr. Diese spielte besonders in den letzten Jahren, und hier noch einmal in der Zeit ab ihrem 90. Geburtstag eine Rolle, als die Einschränkungen wahrnehmbarer wurden und als sie schließlich im August 2020 nach Schweich ziehen musste. 

Am 25. Mai ist sie nun gestorben.

Für uns heißt es, sie Gott zurück zu geben. Einem Gott, der ihr Leben kennt. Und genau das ermutigt und tröstet uns. Denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Als solcher bleiben wir, die Sterblichem, vor ihm, dem Ewigen lebendig!

In dieser Gewissheit nehmen wir Abschied von Fräulein Stüber, von Frau Ottmann, von Ihrer Mutter und Oma, Ihrer Schwiegermutter.

Amen