Jesus erweckt Lazarus zum Leben in dieser Welt

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und köstliches Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Vor seinem Portal aber lag ein Armer mit Namen Lazarus, der war über und über mit Geschwüren bedeckt. Der hätte gern etwas gegen seinen Hunger vom Tisch des Reichen abbekommen. Doch umgekehrt kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 
Nun starb der Arme und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Bei den Toten angekommen hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah in der Ferne Abraham und Lazarus auf seinem Schoß. Und er rief: „Vater Abraham, erbarm dich meiner und schicke Lazarus, dass er seine Fingerspitze in Wasser tauche und meine Zunge netze, denn ich leide Qualen in dieser Glut.“ Abraham erwiderte: „Bedenke, Kind, dass du dein Gutes bereits empfangen hast – zu Lebzeiten nämlich. Lazarus aber das Schlimme. Hier nun erhält er Trost und du das Schlimme. Außerdem klafft zwischen euch und uns eine tiefe Schlucht, so dass niemand hinüber oder herüber gelangen kann.“ 
Darauf sagte der Reiche: „So bitte ich dich wenigstens, lass ihn in meines Vaters Haus gehen. Denn ich habe fünf Brüder, die soll er warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual hier gelangen.“ Doch Abraham gab ihm zur Antwort: „Sie haben Mose und die Propheten – auf die können sie doch hören.“ Darauf er noch einmal: „Nein, Vater Abraham, wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, dann werden sie umkehren!“ Doch er sagte: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht!“

Lasse ich mich von der Auferstehung überzeugen? Diese Quintessenz will uns dieser Text mit auf den Weg geben.

Denn die Geschichte erzählt von einem, der darum bittet, es möge jemand aus dem Totenreich zu den Lebenden kommen, um diese zur Umkehr zu bewegen. Und sie endet mit der Ablehnung der Bitte. „Sie haben Mose und die Propheten. Wenn sie auf die nicht hören, dann werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht!“

Aber sie wird nicht irgendwem erzählt. Sie wird Christen erzählt. Darin liegt ihre Pointe. Dass sie denen weitererzählt wird, die nach Ostern zu verstehen begonnen haben. Diese Hörer wissen, was Auferstehung ist. Und sie wissen um die bleibende Schwierigkeit zu überzeugen. Es hat sich tatsächlich bewahrheitet, dass dem Auferstandenen zu folgen nicht leichter ist als Mose und den Propheten zu glauben.

Der Kern der Geschichte selbst war schon in Ägypten beliebt. Ein Märchen erzählte vom Aufstieg eines armen Frommen und vom Sturz eines reichen Gewalttäters. Das Märchen wurde im Judentum schnell zum Gleichnis, weil es in eingängigen Bildern deutlich macht: die Entscheidung über das Geschick nach dem Tode fällt vorher im Leben. Vom Gehorsam gegenüber der Schrift kann man sich nicht entbinden lassen und jeder bleibt unvertretbar für sich selbst verantwortlich.

Und auch wenn es keine Hölle in der Verlängerung des erhobenen Zeigefingers der Kirche mehr zu finden gibt; so schreit doch die Ungerechtigkeit nicht minder zum Himmel. Lazarus und der Reiche sind auch 2021 noch gesellschaftliche Wirklichkeit. Während Karl Marx in England wetterte, dichtete in seiner französischen Verbannung Heinrich Heine, hört ein deutsches Mädchen singen…

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder …

Auch vor unserer Tür sitzt Lazarus. In Trier haust er in der Tyrsusstraße. Und lebt der Reiche in Europa schlechthin, so sitzt der Arme auf einer Fußmatte, die Afrika heißt.

Egal wie dicht wir mit der Lupe auf unser eigenes Leben herunterzoomen oder wie weit wir uns bei unseren sozialkritischen Vergleichen über die Erde erheben, es scheint immer um die Alternative zu gehen,

  • Einem Appell zur richtigen Entscheidung in der Gegenwart um des Lebens nach dem Tode willen zu folgen
  • Oder Gehorsam Gottes Gebot gegenüber an den Tag zu legen durch tätige Nächstenliebe jetzt und hier.

Nun schließt sich das nicht aus, wie eine Erzählung schnell erklärt. Ein Eremit wird gefragt: Warum bedarf es noch der Nächstenliebe, wenn ich doch schon Gott über alles liebe? Und er antwortet dem Fragenden, er solle doch auf einem Bein bis zu einem Ziel am Horizont hüpfen.
Auf zwei Beinen steht und geht sich eben besser, vor allem wenn wir ein so fernes Ziel vor Augen haben, wie Frieden, Gerechtigkeit und erfülltes Leben.

Und zumindest ein Bein droht uns immer wieder wegzurutschen. Darauf macht uns der Bibeltext unmissverständlich aufmerksam: Wer sich durch mosaisches Gesetz und die Propheten, also durch von Menschen vermittelten Anspruch und Zuspruch Gottes nicht aus seiner Selbstgenügsamkeit aufwecken lässt, wird auch durch Erscheinungen nicht aufmerksamer werden. Er wird sie mit Argumenten liebloser Vernunft weginterpretieren.

Wer sich des Nächsten nicht annimmt und seinen stummen oder auch laut vorgebrachten Ruf nach Liebe  und Hilfe überhört, nur, weil sein ganzes Leben nur um sich selbst kreist, der wird nicht erfahren, dass sich unser Leben wahrhaft in der Liebe erfüllt. Wer solcherart sein Leben bewahren will, der wird es eben verlieren.

Auch wenn unser Gleichnis die Folgen unseres Verhaltens bildreich bis in eine andere Welt erhöht, so spricht er eigentlich genau von dieser Konsequenz. Wer sein Leben einsetzt für andere, wer den anderen sieht und liebt, der wird sein Leben gewinnen.

Wer sich aber über die Not des anderen hinwegsetzt, sich nicht einlassen will, der tut das, weil er kein Vertrauen in das eigene Leben hat, weil er den Grund unter seinem Leben nicht kennt. Er lebt inmitten seines Egoismus im wahrsten Wortsinn grundlos.
Er wird ein Opfer seiner eigenen Vergänglichkeit werden. Wer den Tod im Herzen hat, kann anderen nicht helfen.

Auch die leisen Zurufe eines Nächsten aber nimmt wahr, wer sein Leben in Gott gegründet weiß. Und diesen Grund zu erkennen, das ist wie vom Tod zum Leben durchstoßen, das ist so etwas wie mitten im Leben noch einmal lebendig zu werden.

Ich hoffe, niemand hat sich vorschnell mit Lazarus identifiziert und nur auf sein Leiden im Leben gebannt geblickt; und niemand ist rot geworden über der Einsicht, dass er wohl eher der reiche Mann sei.
Denn wir sind nicht entweder der eine oder der andere. Sondern wir sind im Leben mal der eine, dann wieder in des anderen Position. Der reiche Mann und der arme Lazarus sind zwei Seelen und Erfahrungswelten in unserer einen Brust. Wer das zusammen bringt und einsieht wird viel leichter vom Egoisten zum Christen. Wer zusammen schaut, dass wir nicht auf die eine oder andere Seite gestellt sind, der ist dem Reich Gottes tatsächlich auf beiden Beinen einen Schritt näher gekommen. Denn er erkennt im Nächsten sich selbst. Amen.