Blüten schauen

Andacht anlässlich der Beisetzung

von

Bodo Engel

21. Mai 2021

Bregenz

über O-Hanami

oder die Klugheit, die Vergänglichkeit zu akzeptieren

Sie waren vielleicht schon einmal zur Zeit der Kirschblüte auf den japanischen Inseln oder wissen zumindest über die Bedeutung des Kirschblütenfestes für die japanische Kultur. Hanami oder höflicher O-Hanami bedeutet „Blüte“ „betrachten“. Es ist ein Familien und Freunde zusammenführendes Ritual.

Gleichzeitig schenkt sein philosophischer Hintergrund uns Aspekte, die für die Bewältigung des heutigen Tages und der Schritte, die wir zu tun haben, hilfreich sein wollen.

Da ist zunächst die Würdigung des Ästhetischen und des Ästheten. Die Wertschätzung der Vergänglichkeit der Schönheit der Natur ist nicht nur für empfindsame Asiaten ein Ausweis ihrer vollumfänglichen Menschlichkeit. Auch wir lieben diese Woche, in der die Magnolienblüte aus scheinbar totem Holz bricht und das Leben wieder zu bringen scheint. Sie erzählt uns etwas über unser eigenes Leben und Sterben.

In der Kultur, die ich heute bemühe, um unsere eigene Situation verständlicher zu machen, ist die „Sakura“, die Kirschblüte Inbegriff der vollkommenen Schönheit, die gleichzeitig fällt im Augenblick vollendeter Entfaltung. 10 Tage dauert das Fest, dann ist es vorrüber, so wie die Blüten sich entfalten und dann gefallen sind.

Das lehrt uns dem Kommen und Gehen des Geschöpflichen ins Auge zu sehen. Es spricht vom Einatmen und Ausatmen, es zeugt von Leben und Vergänglichkeit.

Dann ist da der Ästhet. Architekten bezeichne ich als Berufsästheten, denn jenseits aller Statik und Rechnerei, jenseits von Zweckmäßigkeit geht es ihm und ihr um Schönheit. Niemand in dieser Fakultät kommt um die japanischen Einschreibungen auf seinem Gebiet herum. Auch, wenn Gebäude meist errichtet werden um zu bleiben, lehrt uns die Kunstgeschichte nichts anderes als O-Hanami, dass alles seine Zeit hat und auch die Blüten des Geschmacks, Stils und Zeitempfindens dem Werden und Vergehen unterworfen sind.

Dieses Foto, das ich nicht in Japan sondern in Shanghai machen konnte, ermahnt uns gleichzeitig, sehr reflektiert mit dem menschlichen Bemühen umzugehen, die Dinge nicht nur zu bewundern sondern festhalten zu wollen. Bodo hat ebenfalls gern fotografiert. Dem fotografierenden Liebhaber geht es so, dass er sich entscheiden muss. Entweder schlendert er durch die besuchte Stadt oder Landschaft und ist offen für den Eindruck, den Moment der Begegnung mit etwas Wunderbarem oder er ist auf der Suche nach Motiven, was ihn in eine völlig andere Haltung zwingt. Er kann nicht gleichzeitig genießen, in vollen Zügen aufnehmen und ein Bild gestalten. Denn die Komposition verlangt Abstand, Reflexion, zumindest Routine, also das Gegenteil von Ekstase oder Begeisterung.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir sehen, erleben, erleiden, lieben, uns beindrucken lassen wollen, oder ob wir eine distanzierte Haltung, vielleicht die eines empfindungsfreien Betrachters einnehmen wollen.

Ich ermutige Sie also, sich dem Schmerz auszusetzen. Dem Schmerz, der dadurch kommt, dass das Schöne anscheinend so flüchtig ist, das wir es miteinander erlebt, wenn wir es über eine Generation fast immer ungetrennt miteinander genossen haben. Dazu gehört auch die Phase der schmerzlichen Entwicklungen, der Häutungen, die Auseinandersetzung und das kurze Befremden.

Aber ebenso die Freude, das Einvernehmen, das geteilte Glück, gemeinsam genossene und gestaltete Tage.

Aber sehen wir nicht nur den Architekten Bodo, der konstruiert hat, um es überdauern, oder zumindest dauern zu lassen;

sehen wir auch den Gärtner, der sich der Vorläufigkeit seines Tuns bewusst ist, der pflanzt, um etwas anderes irgendwann geschehen zu lassen: das Wachstum, die Blüte, den Herbst und die Winterruhe.

Halten wir es mit Bodo, dem Gärtner, der sich der Vorläufigkeit seines Tuns bewusst war. Er lebt für den im doppelten Sinne bedeutsamen „Augenblick“.

Für diese Momente sind Sie dankbar. Für die fordernden, für die schönen Stunden, für das Miteinander-wirken-Können, für das Aneinander-wachsen-Dürfen, für die gemeinsamen Skiurlaube, für die Reisen, die Stunden über und unter Wasser auf den Malediven. 

Lassen Sie sich nicht beirren. Nur scheinbar hat der Tod diese Zeit genommen. Er betrübt und macht den Blick trüb. Denn die Wahrheit ist, diese Gemeinsamkeit ist nicht nehmbar.

In allem, was wir erlebt und geteilt haben, ist Gott in höchst eigentümlicher Weise dabei gewesen. Ja, er erfindet sich geradezu leidenschaftlich in den Zeiten, die wir geteilt haben. Gott ist Gemeingeist, also der Geist, der lebendiges Miteinander will. Ich behaupte, es ist seine eigentümliche Art, so durch Menschen und zwischen ihnen Wirklichkeit zu werden.

Und wenn einer sich an solche Gemeinsamkeit im Herzen erinnert, dann sind alle drei dabei: Du – ich und – Gott.

Darum ist O-Hanami die Zwillingsschwester von Ostern. Dem Sieg des Lebens über den Tod. In beiden Fällen gibt es tatsächliches Sterben, das Ende des Weltlich-körperlichen.

Das Blatt fällt, das Winterholz vergeht wie der Leib.

Wenn aus scheinbar totem Holz aber die Blüte kommt, wenn Maria und Martha angesichts des Grabes ihrem Leben eine Kehrtwende vollziehen und neu auf Jesus zugehen, dann ist von einer Wirklichkeit die Rede, nach der kein Mensch verloren geht, nach der vor Gott bleibt, was wir vor ihm in Wahrheit sind.

Wir sind und bleiben in dieser Angelegenheit auf Metaphern angewiesen.

Vielleicht sage ich es am besten mit den Worten von Jörg Zink, meinem Kollegen, der in seinem Buch „Ufergedanken“ angesichts der atlantischen Brandung schreibt: „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.“

Amen