paulinische Tugend gelebt

Traueransprache über 1. Kor 16, 13

für

Bodo Engel

gehalten am 28. Mai 2021 in der Konstantin-Basilika zu Trier

Der Apostel Paulus hatte mit dem jungen Missionsgebiet Kleinasien seine liebe Mühe. Besonders die gewonnenen Gläubigen der Welt- und Hafenstadt Korinth mit ihrer pluralistischen Gesellschaft drohten der jungen Gemeinde in alle Strömungen der Philosophie, Kanäle des Synkretismus und durch Sektierer verloren zu gehen. Darum schreibt er in einem Brandbrief: „Macht die Augen auf! Bleibt mit Eurem Verhalten im Rahmen des Glaubens, aufrecht, und bleibt stark!“

Und hier hat das Stoßgebet des antiken Schreibers das erste Mal etwas mit dem Leben von Bodo Engel zu tun. Denn als er im Dom zu Quedlinburg mit 13 konfirmiert wurde, da atmete in diesem ersten Jahr nach dem Krieg die Übersetzung noch den Zeitgeist „Seid wachsam! Steht fest im Glauben! Seid männlich und bleibt stark!“ heißt es auf seiner schwarz-weißen Urkunde unter dem Foto des Dominnenraums.

Hunderte Kilometer weit weg von diesem Ort war Bodo am 01. November 1931 zur Welt gekommen. In Straelen / Westfalen. 

Sein Vater arbeitete beim Zoll. Neben dem Soldatenleben ist es das des Zöllners, das dessen Familie zur Heimatlosigkeit verurteilt, Bodo einen häufigen Schulwechsel bescherte, ihm immer nur die Anfangsgründe der Fremdsprachen erschloss – erst Russisch in Sachsen-Anhalt, dann Französisch im Saarland und schließlich Latein in Rheinland-Pfalz – das nicht Ansässigkeit genug gönnte, um seinen Bekannt- und Kameradschaften die starken Wurzeln bleibender Freundschaft wachsen zu lassen. 13 mal ist Bodo umgezogen, um schließlich hier in Trier eine bleibende Statt zu bekommen.

In frühen Lebensjahren ging es an den Fuß des Harzes, wo auch seine Mutter herstammte. 

Dem Heranwachsenden gab also der Pfarrer diesen Konfirmationsspruch mit auf seinen Weg. Intuitiv vielleicht, denn die Tugenden spielten schon für den jungen Bodo eine große Rolle. 

Nicht alle von ihnen stehen ganz oben im christlichen Tugendkatalog. Seine nüchterne Religiosität hatte er von seiner Mutter, einer klassischen Protestantin. Vom Vater hatte er eher Lebenswitz und praktischen Sinn. In den bitteren Hungerjahren nach dem Krieg wusste dieser, wie man „organisiert“, wie man an Brot und ab und zu auch mal an Butter herankam. Der Katholik hatte ja von Kardinal Frings die Absolution erteilt bekommen, die sich nicht nur aufs Kohle-“fringsen“ bezog, sondern auf vieles, was eine Familie satt machte und nötig hatte. Trotzdem erinnerte sich Bodo an den Hunger, den er als Heranwachsender in Saint-Avold und  Quedlinburg erlitten und durchgestanden hatte. Das paulinische: „bleibt standhaft“, ja, das lag ihm.

Auch später im Beruf, einer komplexen Tätigkeit, die nur ein Mensch mit Leidenschaft für die Sache auszufüllen und auszuhalten vermag, blieb er den Ermutigungen seiner biblischen Mitgift treu.

Gern wäre er gleich Architekt geworden. Auch von der Tätigkeit des Bühnenbildners war er angetan.

Doch der Vater mit seiner Erfahrung der Aufbaujahre war es, der seinem Sohn riet: „Werde doch Maurer, Maurer braucht man immer“. Im Rückblick dürfen wir sagen, Bodo habe seinen späteren Beruf von der Pike auf gelernt. Der Architekt, der er dann mit 29 Jahren tatsächlich war, konnte mit seiner Vorerfahrung genau einschätzen, was man von einem Maurer erwarten könne, und was man seinerseits zu leisten habe.

Mit dem Gesellenbrief in der Tasche hatte der junge Mann an der damaligen Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen in Trier studiert. 1959 heiratet er zum ersten Mal. Eine Anstellung in einem Architekturbüro schenkte frühe praktische Erfahrungen. 1960 ließ er sich als Freier Architekt nieder. Parallel war er Mitglied des Trierer Stadtrates geworden, später ging aus dieser Ambition seine Mitgliedschaft im Architektur- und Städtebaubeirat hervor. 

Es mag dieser vielgleisig engagierten Arbeit zusätzlich zu seinem eigenen Architekturbüro geschuldet sein, dass er eines Tages ganz unverhofft allein mit seinem 1964 geborenen Sohn Christian da stand und sich als alleinerziehender Vater mit einer neuen Rolle konfrontiert sah.

Der Architekt Bodo folgte jedenfalls der Aufforderung seines Konfirmationsspruches: Macht die Augen auf, seht hin.  

Als ich mir einige seiner Werke in Trier anschaute, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus natürlich, aber auch die Gebäude der BVT Vermietungsgesellschaft, den Neubau des ehemaligen Elisabeth-Krankenhauses, dessen Kapelle und die Prinzipalstücke daselbst, das Verwaltungsgebäude der kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer, last but not least das Fachbereichsgebäude E auf dem Campus, verstand ich, dass Bodo Engel auf nicht weniger als die Menschenwürde bei seinen Entwürfen achtete. Vom Abort bis zum Zugang, jeder Raum hat seinem Anspruch nach natürlich beleuchtet und belüftet zu sein. Eben auch die Nutzungen, die ein auf seine Ansprüche fixierter Bauherr übersieht, hatte der Architekt im Blick. Beispielsweise Wartebereiche für angehende Patienten im Krankhaus und solche bei Versicherungen sollten dem wartenden Menschen den Blick in die Natur gewähren. Nicht lieblose Bilder sondern gewachsene Bäume sollten Durchhaltevermögen schenken, nicht graue Wände sondern grüne Wiesen. 

Der im Treppenhaus aufsteigende Besucher wechselt zwischen zwei Welten. Er kommt von außen und geht in eine Wohnung. Er soll idealer Weise auf diesem Weg noch den Kontakt zur Außenwelt behalten können. Gern machte Bodo das erlebbar kraft großzügiger Glasfassaden.

Gebäude und Freiraumgestaltung gehörten für Bodo Engel zuhauf. Ein Haus ist ein Gebäude in einer Landschaft.

Die Weite seines Blicks für diese Zusammenhänge, die man z.B. unschwer im Innenhof der BVT Vermietungsgesellschaft nachvollziehen kann, hat ihre Wurzeln in seiner Liebe zur Natur und besonders zur japanischen Gartenkunst.

Überhaupt die Natur! Von allen Reisen brachte er sich Pflanzen mit. Wo andere das Souvenir als Beweis ihres da-gewesen-Seins vorzeigen, schätzte Bodo es, besondere Pflanzen auszugraben, und verstand es, seinen Gästen von ihrer Herkunft, Standortvorlieben und Bedeutung zu erzählen. 

Die Kiefern zuvorderst, weil sie im Gespräch mit Azaleen und Rhododendren von der japanischen Gartenphilosophie Zeugnis ablegen, dann aber auch, weil sie die Wälder seiner Heimat zitieren, dort, wo sie vom Fuße des Harzes in die Magdeburger Börde übergeht, dort wo auf den Sandern vornehmlich diese Kiefern gedeihen. 

Aber auch das Wasser hatte es ihm angetan. Über und unter seiner Oberfläche. Und natürlich abermals als Abbild des Meeres im japanischen Garten.

Unter den Wasserspiegel abzutauchen, das war für ihn wie ein Dimensionenwechsel. Vom oberflächlichen Bild zur vielschichtigen Tiefe. Bespielter Vordergrund und pittoresker Hintergrund hatten ihn schon bei seinem Traum vom Bühnenbildner fasziniert. Und mit diesem Changieren von Fläche und Raum spielte er auch bei einem weiteren Hobby, der Fotografie.

Es bedurfte der tiefen Einfühlung seiner zweiten Frau, dass die offene Tür in der Wand sein Empfinden von Fläche und Raum störte. Es bedurfte überhaupt eines wunderbaren Einvernehmens, um Bodo in Gänze zu verstehen. Denn natürlich war auch Schatten bei soviel Licht. Störungen der Ordnung konnten ihn ganz mürrisch machen. Nachtragend war er und ungeduldig. Setzte voraus, dass andere mit dem gleichen handwerklichen Geschick gesegnet seien wie er. Hier war er ganz das typische Einzelkind, das sich von früh auf an der vermeintlichen Perfektion der Erwachsenenwelt orientiert.

Seinen Gästen verstand er auf schnurrige Art und mit heimlicher Selbstironie zu erzählen, welch liebe Mühe er mit den Bilchen in Garten und Haus hatte. Mit ihnen plage er sich im Privaten ebenso herum, wie ihn die Hausmeister im Beruflichen zu erregen verstanden, wenn sie angesichts eines gelungenen Architektenwurfs den Blick nicht für Sinn und Meisterschaft hatten, sondern an das Aufstellen von Hydrokulturkübeln und die Unterbringung des Staubsaugers dachten. Hausmeister konnten ihn genauso aus der Fassung bringen wie Bilche, die sich in Räumen häuslich gemacht hatten, die er doch anders konzipiert hatte.

Neben Büro, Meer und Garten gab es für ihn noch die Berge. Beim Skifahren hat Bodo Sie, Ilse-Maria Tizian kennengelernt. Genau genommen haben Sie alle drei sich dort gefunden. Als Architektin zogen Sie vor fünfzig Jahren nicht nur ein miteinander betriebenes Büro, sondern in das Haus seines Lebens ein. Mit Christian wurde das Haus in der Heinrich-Kemper-Straße, dem 13. Wohnsitz, das gemeinsame Haus.

Weil alle genau wussten, wie der andere tickt, gelang dieses Miteinander. Auch wegen der großen Deckungsfläche der Interessen.

Ich habe Sie nicht gefragt, aber vielleicht würden Sie als symbolisches Werkzeug für Ihren Mann die Wasserwaage wählen. Nicht etwa, weil er ausgeglichen gewesen wäre, sondern seiner Liebe zur Genauigkeit wegen. Auch eine Tugend, die er hochhielt. Die Präzision.

Qualität schätzte er. In Sachen Rotwein war er ein Kenner; und öffnete für Freunde und Bekannte seinen Keller, wissend welche Geschichten und Anekdoten er zu dieser und jener Lage zu erzählen habe. Bodo der Grandseigneur. 

Er verstand zu erzählen, auch von den Marotten der anderen, ohne zu verurteilen.

Ebenso leichtfüßig hat er die eigenen Schwächen – denken Sie an seinen Konfirmationsspruch –  gern klein geschrieben. Noch vor vier Jahren, schon vom Alter gezeichnet, bestand er in Paris darauf, seiner Frau den Koffer zu tragen. Bodo der Gentleman, der nicht klagte. Denn seine Mitgift hieß ja, stark zu bleiben.

Ehrlichkeit stand ebenfalls in seinem Tugendkatalog ganz oben. Bodo war mit sich im reinen.

Das paulinische Konfirmationswort hat sich in ganzer Breite in Bodos Leben entfaltet.

Wir verabschieden heute den Architekten, der um des Menschen willen die Natur mitbedachte,

den Gesellschafter, der sich selbst dabei bescheiden zurückgenommen hat,

den Weinkenner, Weltreisenden und Wertebedachten,

den Freund der Präzision und deren Schattenseiten,

den Gärtner, der sich auf die Philosophie fernöstlicher Gartenkunst verstand.

Wir denken gern an ihn – müssen aber nun Abschied nehmen. 

Die Liebe sagt – und diesen Satz spreche ich besonders in Ihre Richtung „wer liebt – kann lassen“.

Seine Freunde, wir alle wissen, jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes. Und also solcher bleiben wir die Sterblichen vor ihm, dem Ewigen, lebendig.

Amen