Macht der Vergebung

Da wurden die Jünger froh, als sie den Herrn sahen. Und Jesus sagte nochmals zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ Und nach diesen Worten hauchte er sie an und sagte zu ihnen: „Nehmt den Heiligen Geist! Wem immer ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben. Wem ihr sie nicht abnehmt, denen bleiben sie aufgeladen.“

Heute steht die Vergebung als besondere Gabe des Heiligen Geistes im Mittelpunkt der Bedeutung dieses Festtages.

Die Perikope beschreibt die Situation der Aussendung der Jünger nach den Ostererkenntnissen. Und da der Evangelist Johannes im Jahr 120 n. Chr. schreibt, dürfen wir in diesen Zeilen die Herauskristallisierung der ersten Ämter der jungen Kirche beobachten. Vergebung und Behalt der Sünden. Den Beauftragten der Gemeinde wird Macht zugesprochen. Hier wird vielleicht der erste Sündenfall der sich etablierenden Kirche beschrieben.

Andererseits wird Vergebung als allgemeines Kennzeichen christlichen Lebens gelobt. Darum möchte ich heute die positive Seite dieser Aktivität betrachten und verstehe sie ganz bewusst als Keim jedes neuen Pfingstgeschehens.

Pfingsten lebt auf mit der grundsätzlichen Wahrheit, dass Vergebung neues Leben, Lebenkönnen und neue Beziehung schenkt. Sie ist ein Teilaspekt eben jenes Geistes, über dessen Werk – eben die kirchliche Gemeinschaft – wir uns heute freuen und dies feiern.

Dieser Teilaspekt ist besonderer Würdigung wert.

Verhärten sich nämlich Fronten, ziehen sich die betroffenen Individuen in ihr Schneckenhaus zurück und in eben den Bereich, in dem sie meinen Recht zu haben. Sie lassen sich nicht mehr kritisch befragen, noch gehen sie mit sich selbst kritisch ins Gericht. Beziehung ist gestört und Interaktion zwischen den Beteiligten beschränkt sich auf das Allernotwendigste.

Erst der Sprung über die Mauer, die Überwindung des Ego und die ausgestreckte Hand, die dem anderen, dem Gegenüber hingehalten wird, setzt eine neue Dynamik frei. Selbstüberwindung überwindet auch Beziehungsbarrieren.

Auch auf der Gegenseite war Verhärtung eingetreten. Gesprächsunfähigkeit, Rechthaberei oder schlimmer noch: Schuldgefühle, die einmauern. So bewirkt aktive Vergebung Erlösung aus – nicht immer – selbst verschuldeter Isolation.

Der Evangelist redet zwar von Sünde, also der Schuld Gott gegenüber, doch dürfen wir den Begriff ohne weiteres auf den der Schuld anderen Menschen gegenüber anwenden. Denn zu Pfingsten geht es um das, was Beziehung stiftet im weitesten Sinne. Es geht um nicht weniger als die dritte Person Gottes, den Geist eben, der nicht nur Gottes Wesen als Beziehungsgeschehen generell definiert, sondern um den, dem am Gelingen von Beziehung zwischen allem und allen liegt.

Die entgegen gestreckte Hand, die glaubwürdig gemachte Gesprächsbereitschaft, ja mehr noch, das Hinwegnehmen des Steines des Anstoßes sind der Quellgrund neues Verhältnisse, neuer Beziehung, neuer Gespräche, neuen Miteinanders. Sie sind das initiative Verhalten, das in Bewegung setzt wie eine endlich gelöste Handbremse.

Die Selbstüberwindung Jesu in Form seiner Selbsthingabe wird in diesem Zusammenhang richtig als das Urgeschehen von Beziehungsermöglichung verstanden. Selbstaufgabe bedeutet eben nicht Ende aller Beziehungen. Sondern am Ostermorgen ist klar geworden, dass die gottgewollte Beziehung lebendig ist und bleibt.

Wir erfahren heute zu Pfingsten, dass es eine Ermutigung, ein Auftrag gerade an Christen ist, sich so zu verhalten. Wir könnten es ein Charakteristikum des Christentums nennen. Gnade vor Recht ergehen zu lassen, das ist im Alten Testament ein Zug Gottes; Gnade vor Recht ergehen zu lassen, das erkennt Martin Luther als den Keim der Rechtfertigung; Gnade vor Recht, dieses Prinzip ist die reformatorische Urentdeckung. Es will als Gottes Entgegenkommen Ur- und Vorbild gelingenden Miteinanders sein.

So wie es schon ein Wunder ist, wenn Eltern dem Mörder ihres Kindes vergeben können, so ist es erst recht ein Wunder, was solche Vergebung auf der Seite des Schuldigen bewirken kann.

Aber es gibt noch einen Aspekt:

Für die verletzte Seele ist zu vergeben oft der einzige Weg, selbst wieder Herr des Geschehens zu werden. Die Kraft der Vergebung ist der Münchhausenzopf, an dem ein Mensch sich aus der Ohnmacht herausziehen kann. Ansonsten würde die Tatsache, Opfer geworden zu sein, die Verurteilung zur Passivität bedeuten, zum Erleiden und bloßen Zuschauen.

Wer in solch einer Situation diese Kraft erkennt, der begreift, dass er mit diesem Weg nicht auf sein Recht verzichtet, sich nicht unbedingt als das Opfer sehen muss, sondern er oder sie wird Handelnder, gewinnt die Souveränität zurück. Wird im Sinne Gottes ich. Der Vergebende wird mit neuer Kraft, neuer Perspektive, Freiheit und Handlungsspielräumen beschenkt.

So (!) kann ein Mensch durch Vergebung auch sein Gegenüber sodann glaubwürdig befreien, ermutigen und neue Kraft, Perspektive, Freiheit und Handlungsspielräume schenke.Frohe Pfingsten!