aus Gnade entsteht Recht

Predigt über Jer 31, 31 ff. am 16.05

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen; ein Bund, den sie nicht gehalten haben, obwohl ich ihr Herr war – sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit: ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihre Anstrengungen legen, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den anderen, noch ein Bruder den anderen belehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr, denn ich will ihnen ihre Missetaten vergeben und ihrer Sünden nimmermehr gedenken.

Wie gehe ich mit ungehorsamen Kindern um?, das ist eine Frage, die alle Eltern zu ihrer Zeit beschäftigt hat, ein Titel darum auch für so manchen Erziehungsratgeber. In den großen Buchhandlungen ist dieses Regal besonders lang und gut bestückt, wo derlei Ratgeber feilgeboten werden. Vor kurzem gab es in schneller Folge mehrere Artikel auf der letzten Seite des Volksfreundes, unserer Regionalzeitung, gute Tipps, wie man mit schreienden, mit widerspenstigen Kindern umgehen könne und vor noch kürzerer Zeit wurde eine Kinderpsychologin zitiert, die ihren Rat gab, wie man mit ungeduldigen Kindern umgehen und ihre Geduld fördern könne.

Die Kinder Israel, nicht umsonst heißen sie so, werden hier als die Menschengruppe beschrieben, die an der Hand eines erfahreneren und mächtigeren aus der Not herausgeführt worden seien. Und sie hätten sich nicht an die zehn Angebote zum Leben gehalten, die ihnen am Sinai geben worden seien.

Wie gehe ich mit ungehorsamen Kindern um? Eine Frage so alt wie der Eingottglaube und eine Frage tagesaktuell für jede neue Generation erziehender Eltern.

Wie geht Gott mit seinen ungehorsamen Kindern um? Aus dem Augenwinkel betrachtet hält er es auch mit Versuch und Irrtum. Auch er geht diesen Weg ein zweites mal. Ich will es noch einmal versuchen, sagt er laut dem Propheten Jeremia, ich will einen neuen Bund schließen, einen zweiten Anlauf nehmen. Geduld ist offensichtlich eine Tugend, die auch bei erwachsenen „Kindern“ weiterführen möchte und avanciert hier geradezu zu einer göttlichen Eigenschaft.

Zum zweiten geht es auch um nicht wenig. Ja, ich möchte sagen: es geht um die größte Vision, die die Menschheit überhaupt entwickeln kann. Es geht um nicht weniger als den ideellen und ethischen Zusammenhalt der gesamten Menschheit. „Mein Gesetz“ will ich in ihr Herz legen, also das was nach Gottes Plan gut ist für gelingendes Leben, für ein Miteinander in Frieden, ohne Neid und ohne Mord und Totschlag. Es geht um die großzügige Vernachlässigung der Unterschiede. 

„Mein Gesetz will ich in ihren Sinn schreiben“. Menschen prüfen also, bevor sie handeln, ob diese ihre geplante Aktivität im Sinne der Nächstenliebe ist, ob sie das Leben fördert, der Nachbarschaft förderlich ist und dem Mangel anderer abhilft. 

Das ist doch ein Maß, das sich auf den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant reimt. Das ist eine Messlatte unter der hindurch keine religiöse Ethik laufen sollte!

Das Wohl des anderen im Herzen – alle Belehrung, alle moralische Überheblichkeit  dagegen seien fern. Was für eine Vision! Jeder rechthaberische Mund schweigt, die Besserwisser sind ausgestorben („Gott ist aber soundso und nicht anders“) und Fanatismus jeder Couleur von den ewig Gestrigen mit ihrem Nationalismus bis zu den Islamisten mit und ohne Sprenggürtel ist ausgestorben. Wahabismus und orthodoxes Hardlinertum, evangelikale Mission und staatliche Verfolgung von Religionen, all das gehört ins Geschichtsarchiv, denn alle sind sich einig: Mein Gott ist unser Gott und unser Gott ist mein Gott. Da sprechen wir alle dieselbe Sprache: Er will das Gelingen von Leben und ihm liegt an einem jeden von uns. Wenn wir uns entsprechend verhalten, erfüllen wir sein Gebot.

Friede auf Erden ist die Konsequenz. Jesus hat diese Vision gepredigt und er nannte sie „Reich Gottes“, also die Zeit und solches Zusammenleben, in der und demgemäß  Gottes Gesetz das Maß aller Dinge ist.

Wie gehe ich mit ungehorsamen Kindern um? Warum machen sie schreiend auf sich aufmerksam? Warum genügte den Kindern Israel nicht die unsichtbare Hand, die in die Freiheit führt. Warum riefen sie nach einem König, einem starken Mann, einem sichtbaren Regierungssitz?

Weil der Mensch fürchtet und oft erfahren hat, dass er zu kurz kommt. Weil er danach schielt, wie es die Nachbarreiche tun. Weil er darunter leidet, nicht wahrgenommen, nicht anerkannt zu werden.

Weil der Mensch so ist, verdient der zweite Versuch Gottes heute und auch bitte morgen noch unsere besondere Beachtung. Dieser Friede auf Erden, den wir als Folge der ins Herz eingegebenen Ordnungen Gottes, erwarten dürfen, er steht auf dem Fundament einer für jeden von uns erlebbaren Erfahrung.

So schnell überhört ist dieser letzte Halbsatz. Das ist kein Nachklapp kurz vor dem Schluss der Lesung: „…, denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben …“. Es ist eine Schlüsselhandlung.

„Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“. Das ist für mich mehr als reinen Tisch zu machen und vor allem etwas anderes als alten Groll zu vergessen. Denn Gott nicht im Blick zu haben, ihm fern zu stehen – nichts anderes heißt „Sünde“ – tritt nicht ihm, Gott, auf den Schlips, verärgert nicht ihn – sie betrübt ihn, aber der Schaden ist ganz und gar auf Seiten des Menschen, seiner Beziehungen. Wenn Israel und Juda sich anderen Göttern zugewandt hatten, dann hieß das, dass sie andere Werte hatten leben wollen.

So schadet ein frommer Götzendiener dem anderen auf Basis seiner Defizite, seines eingeengten Blickes, seiner gekränkten Seele, seines Geltungs- und Gewinnbedürfnisses.

Vergeben und vergessen, das heißt hier von Gottes Seite, dass der Mensch Anerkennung erhalten soll, dass er den Wert seines Beziehungslebens mit den anderen, mit Gott und mit sich selbst schätzen und hochhalten wird, dass auch er selbst einen Neuanfang machen kann, der ihm Zukunft schenkt.

Das ist das vorbildliche am neuen Bund, den Gott schließen wird. Das ist das Visionäre an seinem zweiten Versuch. Er verspricht, das Belastende wegzunehmen. Er glaubt an das Gute im Menschen. Keine Gebote und roten Linien mehr, kein Geländer auf steinernen Tafeln. Dagegen hier ein Neubeginn auf der anderen Seite solcher Linien. Auf unserer Seite heute. Unsere Einsicht, unsere Erkenntnisse, unsere Eingebung werden dankbar auf diese Vergebung reagieren. Also alles durch die Erfahrung von geschenkter Gnade.

So schließt sich der Kreis, wie man mit ungehorsamen Kindern umgehen solle. Sie Erfahrungen machen zu lassen, auch die von Grenzen. Es sodann aufs neue zu versuchen. Großzügig einen Anfang zu schenken. 

Ein gutes Unterfangen! Amen