Der Weg ist das Ziel

Beerdigungsansprache über

Joh 10, 27

für

Carina Lemm-Gussner

09. April 2021

ev. Gemeindehaus Gusterath

Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben

Ein sehr österlicher Text. Gerade haben wir Ostern gefeiert und die erlösende Wahrheit, dass das Schwere, das scheinbar Unmögliche, das Belastende nicht das letzte Wort spricht, sondern Hoffnung, Vision und Leben den Sieg davontragen.

Was heißt das in Ihrer und Eurer Situation. Carina, Eure liebe Mutter, Ihre Schwester, Ihre Schwiegermutter und Oma ist gestorben und wird wie Lazarus begraben. Aus dieser Lazarusgeschichte ist das Wort Jesu überliefert, der spricht „Ich bin die Auferstehung und das Leben“; und zwar ist das seine Antwort auf das Bekenntnis der Martha, dass sie an die Auferstehung der Toten am Ende der Zeit glaube.

Es ist ganz anders, sagt der Mann aus Nazareth mit dieser Zeile. Wo man lebe wie ich es tue, wo man mit Gott verbunden ist, wie ich es bin, betont er, da sind Auferstehung und Leben im eigentlichen Sinne vorhanden. Wenn wir so leben, dann ist beides da.

Das hieße, die Befreiung von Angst und aus tiefer Trauer gelänge, wenn wir leben wie Jesus?

Genau das meint er.

Carina und ich fühlten uns herzlich verbunden. Ihren Glauben hat sie aber nicht in der Kirche gelebt. Sondern täglich mit jedem neuen Projekt, das sie begann. Carina ließ sich von Ideen und begeisternden Impulsen anregen. Für sie war das Beginnen eines Vorhabens wichtig, nicht unbedingt, es zu Ende zu führen.

Sie mögen lächeln über das Chaos, diese Ansammlung von Angefangenen und liegengelassenen Projekten.

Aber ist der Orden für die Disziplin wirklich so viel wert, beispielsweise ein langweiliges Buch bis zur letzten Seite zu Ende zu lesen?

Davon spricht Jesus mit dieser seiner Selbstbeschreibung. Wir haben im Deutschen das Wort für seine Charakterisierung: „der Weg ist das Ziel“. Eine fernöstliche Weisheit, die vom Mann aus Nazareth genau unterschrieben worden wäre, wie sie vielleicht von Buddha selbst her kommt.

Immer dann also, liebe Gemeinde, wenn Carina ganz bei der Sache war, wenn sie hingerissen etwas begann, dann war sie Gott ganz nah.

Sein Name musste dabei nicht unbedingt fallen und es musste keinesfalls Sonntag sein, wenn dies geschah.

Im Gegenteil, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen, dazu hatte Carina eine eigene Strategie entwickelt:

  • Einerseits eine Einstellung, die sich wunderbar in jenem Schild ausdrückt, das Ihr gerade in ihrem Haus abgehängt habt: „My home was clean last week, sorry you missed it“.
  • Andererseits hatte sie Ordnungssysteme entwickelt, an denen man nicht rühren durfte, ohne sie nervös zu machen. Auf der anderen Seite also auch bei ihr die Angst vor dem Chaos, die Sorge, etwas nicht mehr finden zu können oder aus dem Takt gebracht zu werden.

Hier also hatte sie den Zuspruch Jesu nötig: lass doch geschehen, es wird schon gut werden.

Zwischen diese Pole war Carina eingespannt. Licht und Schatten.

Es ist in dieser Würdigung nur möglich, Schwerpunkte zu setzen. Sie alle wissen, dass zu ihrer Persönlichkeit noch die Freude am guten Essen und die am Trinken gehörte. Dass sie ein Genussmensch war. Dass sie Traditionen einen besonderen Stellenwert beimaß und sie für alle möglichen besonderen Anlässe bestimmte Geschirrservice vorhielt.

Es wäre zu bedenken, dass ihre Sammlung von Gartenwerkzeugen auch darüber Zeugnis ablegt, dass sie neben der mütterlichen auch noch die männliche Rolle im Elternhaus ausfüllen wollte.

Man könnte darüber nachdenken, warum sie zu den Menschen gehörte, die nicht um Hilfe zu bitten verstehen, denen es schwer fällt einzusehen, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr hinbekommen, zumindest nicht allein. Vielleicht gehört hier auch dazu, wie wichtig es ihr war, Recht zu behalten.

Man könnte alleine eine Predigt über ihr Motto halten, ein Leben ohne Hunde ist möglich, aber es lohnt sich nicht.

Wichtig aber ist heute noch etwas, das ihr viel bedeutete. Ich stelle es unter die Überschrift Lebensbejahung. Sie hat sich gewünscht, dass nach ihrem Tod nicht gejammert und getrauert wird. Ganz nach dem Liedtext von Jaques Brel „Ich will Gesang und Spiel und Tanz, wenn man mich untern Rasen pflügt“. Ein herausforderndes Vermächtnis. Aber wir bemühen uns, es zu beherzigen. Dass die Familie nämlich nach Art der römischen Lebensfeste zu bestimmten Anlässen zusammenkommt, ihrer gedenkt, das Glas auf die erhebt und das Fest des Lebens feiert. Familienzusammenkünfte war ihr ein und alles.

Um Gemeinschaft geht es auch bei meinem letzten theologischen Zuspruch.

  • Immer wenn Carina begeistert bei der Sache war, war Gott ihr ganz nah
  • Immer wenn Carinas Ordnungssysteme versagt haben, hat sie nach etwas gefragt, was Halt gibt.

Jetzt, liebe Familie, ist es umgekehrt. Gott ist ihr ganz nah. Denn vor ihm ist und bleibt sie lebendig. Er ist da, der ihr letzten Halt, immerwährenden Aufenthalt schenkt. Direkt bei ihm.

In dieser Gewissheit dürfen wir den irdischen Teil von ihr verabschieden.

Amen