Nehmt das Licht!

Osterpredigt 2021 über die Emmausgeschichte Lk 24, 13-34

Ostern 2020, wie war das? Die Botschaft vom leeren Grab verhallte in einer leeren Kirche. Ja, die Kirchen waren leer. Sie waren es, weil vieles verboten war. Vor allem alle Formen von Versammlungen.

Aber passte das nicht zusammen? Waren nicht die Jünger an jenem denkwürdigen Tag zu Hause hinter verschlossenen Türen? Saß ihnen nicht noch der Schock in den Knochen, dass der, dem sie gefolgt waren, dem sie geglaubt hatten, auf den sie gesetzt hatten bei der Hoffnung auf die Nähe einer besseren Welt, dass der hinter Gefängnismauern verschwunden war und dann in Golgatha öffentlich exekutiert wurde?

Schlotterten ihnen nun nicht die Knie, dass die Geheimpolizei an ihre Tür trommeln und „aufmachen!“ brüllen könnte?

Saßen auch wir nicht vor einem Jahr ängstlich zu Hause, hatten die Gummihandschuhe auf dem Autositz liegen und den selbstgenähten Mundschutz allzeit bereit. Wurde nicht später eine FFP 2 Maske daraus?

Glichen wir in unserer Angst nicht den Jüngern? Derselbe Rückzug, dieselbe Versteckerei, der innige Wunsch, dass das alles vorbei sein möge?

Jeder Mensch, egal ob er sich politisch verfolgt weiß oder ob er ein zu oft tödliches Virus draußen vor der Tür halten möchte, verspürt inmitten seiner noch so aufrechten Haltung:  Angst.

Liebe Gemeinde, ein Leben lang war Jesus nicht müde geworden, die Angst der Menschen aufzuspüren, sie als Ursache ihrer körperlichen Leiden zu identifizieren, dem bis dahin unbekannten Erreger einen Namen zu geben, ihn aus dem Keller der Verdrängung zu holen und Macht über ihn zu gewinnen.

Ein Leben lang war er den Aussätzigen selbst entgegen gegangen, hat keinen Bogen um das Leid gemacht, sich vor strittigen Präzedenzfällen nicht gescheut, hat den Kontakt zum Kranken selbst am Sabbat gesucht,  – warum? Um der Priorität des Vertrauens zu ihrem Recht zu verhelfen. Um die Angst zu nehmen! Um gerade durch sein Verhalten, sein Entgegenkommen, seine Nähe das keimen zu lassen, was die Angst verfliegen lässt. Denn anders käme sie wie durch eine zu dicke Schneedecke nicht ans heilende Licht, an die Oberfläche. Durch Jesu diagnostisch sicheren Blick aber schmilzt sie im Licht der Zuversicht, der Nähe der Hoffnung, in der Nachbarschaft des Glaubens.

Ein Leben lang lebte der Mann aus Nazareth die Überzeugung vor, dass sein Vater im Himmel das Leben will und dessen Gelingen liebt. Ein Verkündigungsleben lang ließ er die Menschen spüren, dass es der unbändige Geist der Verbindlichkeit ist, der Miteinander grünen lässt. Eine irdische Lebenszeit machte er glaubhaft, dass es mehr als diese Tage und eine unsterbliche Wahrheit in jedem Ich gibt, die keine Angst vor Folter und körperlichem Ende haben muss.

Nun darf sein himmlischer Vater auch unser Herr genannt werden. Denn er hat sein Siegel unter Jesu berechtigtes Hoffen auf den Sieg des Lebens gesetzt. Gott bestätigt: Jesus, du mein Menschkind, deine Haltung soll weiter unter den Menschen lebendig bleiben.

Gehet hin, heißt es nun in den Ostererzählungen der Bibel, dorthin, wo er euch vorausgegangen ist. Das ist nach Galiläa. Die Gegend der Herkunft der Jünger. Geht hin, wo ihr arbeitet. Geht hin, wo ihr zuhause seid. Dort wird euch Jesus begegnen.

Im Alltag nämlich. 

Immer dann, wenn Ihr vor Menschen steht, die nicht über ihren Schatten springen können, die eingemauert sind in unverschuldeten inneren Gefängnissen, wenn Ihr solche Hemmnisse des Lebens entdeckt, innere Emigration und Spätfolgen früheren Leids –

dann dürft Ihr nun erfahren, wie gut es tut, Nähe zu schenken, Vertrauen wach zu küssen, Brücken zu bauen, den Schlüssel anzubieten für die Tür ins Freie.

Ihr selbst könnt es nun wissen. Und darum sollt Ihr es sein, die gerade im Gewöhnlichen, im Alltag, im Nächsten dem Leben zum Sieg verhelft.

Auch das ist die Osterbotschaft, Ihr selbst dürft Emmausjünger, Ihr dürft Boten sein sollt die frohe Botschaft in die Häuser und in Euer Umfeld bringen.

Sie will sich nun im guten um die Welt verbreiten, in einer völlig anderen Richtung als wir es vor genau einem Jahr befürchteten und beobachten mussten. Ostern stellt die Wegweiser neu auf.

Nehmt das Licht! Brecht auf, seid anregend, seid „ansteckend“ in hinreißendem Sinn, seid hilfreich, vorbildlich. Das ist der neue Weg ab Ostern, seit heute, Euer Weg. 

Amen

Gebet

Ach, Herr, gern hätten wir auf Ostern 2020 als etwas Vergangenes geschaut.

Immer noch Geduldsproben, immer noch Einschränkungen, gefangen in Isolation.

Roll den Stein weg, dieses winzige Virus, das uns den Zugang zu anderen, zum unbeschwerten Miteinander verstellen will.

Lass uns frei von Angst selbst zu Boten des Lebens werden,

den ersten Schritt wagen,

die Tür aufstoßen,

ermutigen.