Suoruus und Sisu

Traueransprache für Ritva Pikulik, geb. Farin

über Spr. 14, 1. und 2.

gehalten am 23. Februar 2021 in Niederweiler, Eifel

141Frauen bauen in Weisheit Haus ´und Familie` auf,

aber Unverstand macht ´alles` gewaltsam zunichte.

2Wer gradlinig seinen Weg geht,

hat Ehrfurcht vor dem HERRN,

wer aber krumme Wege geht, verachtet ihn.

Die Sprüchesammlungen der sogenannten Weisheit sind Fingerübungen an den Höfen der Königszeit. Volksweisheit gleichsam, in den Dienst des rechten Jahweglaubens genommen.

Im Finnischen gibt es das Wort Suoruus. Es steht Pate bei der Übersetzung des Verses „Wer geradlinig seinen Weg geht“. Er beschreibt einen Persönlichkeitszug von Ritva. Niemand drängt einen Geradlinigen dazu, seinen Kurs im Laufschritt zu absolvieren. Ritvas Lebensziele und –linien tauchen eher wohltuend wie Tonnen auf einer Seekarte auf, anstatt dass sie durch ständige Wiederholung beschworen, sich darüber abnutzen und unglaubwürdig werden.

So ist es ein weiteres finnisches Wort, das Ihnen kennzeichnend schien im Blick auf ihr Wesen: Sisu, also die Beharrlichkeit, das langfristige Durchhaltevermögen. Sie verausgabte sich nicht im Augenblick, war nicht exaltiert. Ritva hörte erst einmal zu. Bei ihr kein Verhalten der Orientierungslosigkeit, sondern ihrer Gabe des Geltenlassens geschuldet, einer Tugend, die beim anderen zu denken anfängt, und damit als ein Edelstein im Gewand der Liebe blinkt.

Ritva Pikulik, geb. Farin war eine stille Person, hat dem Gegenüber den Raum gegeben, sich einzubringen, sich zu entfalten. Sie verstand es, sich zurück zu nehmen. Das war kein Verzicht, denn Fülle empfand sie zur Genüge in sich selbst.

Ihre Mitwelt war für sie belebt. Blumen, Pflanzen, Gärten, die Natur und die Tiere und natürlich jeder Mensch, der sie umgab. Woher wir das wissen? Weil sie die Empfindung für die Blumen und Blätter in ihre Studien, in ihre Zeichnungen hineinzugeben verstand. Expressiv statt exaltiert, könnte man sagen. Ihre künstlerische Hand bewies sie auch in Figuren, in Schnitzarbeiten. Und all diese Arbeiten seit Studienzeiten, vielleicht seit Kindertagen regten ihrerseits die Menschen an, zuallermeist ihre Familie.

Ritva Maria, am 29. August 1932 in Helsinki geboren, blieb das einzige Kind ihrer Eltern Armas und Aune, besuchte die Schulen und legte daselbst das Abitur ab. Danach begann sie eine Ausbildung als Künstlerin und studierte an der dortigen Kunstakademie. Ihre Begabung regte in einer Zeit ihre Kinder an, als sie schon längst andere Abschlüsse vorzuweisen hatte. Die Begeisterung für bildende Kunst den einen, die für die geordnete Natur die andere. Sie blickte da auf eine Zeit in der Bank und vor allem das Ökonomie-Studium der Pflanzengeographie in Reading bei London zurück. Eben jene Zeit, die sie Gartenökonomin werden ließ, eine Entscheidung, die ebenfalls einen bezeichnenden Blick auf ihr Wesen, auf ihre Liebe zur Natur frei gibt, und eben jene Zeit, die Ritvas Lebenswege bestimmten. Denn sie lernte Sie, Lothar, kennen und lieben. Sie beschlossen, beieinander zu bleiben, was zu den vielfältigsten Aufenthaltsorten zunächst des jungen Paares in England, dann der werdenden jungen Mutter bei ihren Eltern in Finnland, dann der jungen Familie ab November 1971 mit Joachim und wenig später mit Volker in Bonn führte. Zeiten in der Schweiz schlossen sich an. Anja machte die Familie in Basel komplett. Aufenthalte in Florida, Schottland, Spanien, Italien, China und besonders Polen folgten. Sie machen deutlich, dass hier eine weitere Entscheidung Ritvas gefallen war, nämlich ganz der klassischen Rollenaufteilung von lehrendem Mann und Kinder und Haushalt versorgenden Frau zu folgen.

Dann machte das Familienschiff 1973 in Trier auf Dauer fest. Hier war der Ort, an dem Ritvas Kinder groß und flügge wurden. Sie stellte ihre Holzfiguren auf und gestaltete den Garten. Alle Pflanzen kannte sie auch mit dem von Linné gegebenen Namen.

Bei Garten- und Hausgestaltung, bei der Sorge für die Kinder, beim Bewirten der gern gesehenen Gäste, immer trat ihre verlässliche Kontinuität, das Durchhaltevermögen eines Langstreckenläufers an den Tag und bewies sich als stabilisierendes Moment. Gelegentlich konnte aus dem Schatten des Sisu auch ein finnischer Sarkasmus treten, und sie machte sich Luft mit spitzer Zunge. Auch diese Seite soll nicht verschwiegen werden.

Ritva lud ihre Akkus auf beim Wandern, in der Schweizer Zeit und später gern in den Bergen. Die Naturnähe gab ihr Kraft, denn in Blumen, Büschen und Bäumen hatte sie selbst ihre Wurzeln.

Ihre Gaben haben manchen von Ihnen beeinflusst. Nun ist es an Ihnen, eine von Ritvas Tugenden selbst in ihrem Leben wirksam bleiben zu lassen. Nämlich die Fähigkeit lassen zu können.

Man sagt, wer liebt, kann lassen. Nachdem Ritva Maria am 10. Oktober einen schweren Schlaganfall erlitten hat und ihr ihr Leben, ihre Lieben und Neigungen mehr und mehr entglitten, ja entrissen worden sind, sie am 07. Februar ihren Körper zurückgelassen hat – ist es an Ihnen, sie gehen zu lassen, ihre sterbliche Seite der Natur zurück zu geben.