Auf der Suche nach Heimat

Traueransprach über Gen 12, 1.4.5.

für

Viktor Spomer

18. Februar 2021, Trier

Gott sprach zu Abram: „Ziehe fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhause in das Land, das ich dir zeigen werde. … Da zog Abram fort, wie ihm Jahwe befohlen hatte, und mit ihm zog Lot … So brachen sie auf, um in das Land Kanaan zu ziehen und dort kamen sie an.

Seine Heimat zu verlassen, aufzubrechen und sich eine andere zu suchen, das ist Menschheitsschicksal. Im ersten Buch der Bibel wird am Beispiel der Figur des Abraham davon erzählt, aber schon im zweiten Buch vom Auszug der Kinder Israel geht dieses Schicksal weiter, später berichtet das Buch der Bücher von der Gefangenschaft in Babylon, dem Exil, und bei Jesus von der Flucht nach Ägypten.

In einem Land wohnen und bleiben zu können, es als Heimat verstehen und erfahren zu dürfen, das ist nicht unbedingt das normale. Darum ist die Abrahamserzählung so etwas wie eine Überschrift. Eine Überschrift über dem Leben von Millionen von Menschen.

Auch Viktor ist einer von Ihnen. Im Wolgagebiet geboren am 02. Februar 1939 musste er mit den anderen Deutschen seine erste irdische Heimat verlassen. Er war gerade etwa zwei Jahre alt. Und bis ins hohe Alter konnte er sich über die Lüge aufregen, die in der Aufforderung lag „Nehmt für zwei Tage Lebensmittel mit, das genügt“, denn in Wahrheit hat die Reise ins Exil viel länger gedauert. Und schon da fing der Hunger an. Der Hunger quälte ihn und sein Geschwister sodann, wenn sie allein zu Hause warteten, bis die Mutter endlich wieder von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Und er erzählte, dass sie in dieser Zeit gefroren haben.

1945 kam der Vater aus der Gefangenschaft zurück. Die Lage verbesserte sich ein wenig.

Viktor wurde erst etwa mit neun Jahren eingeschult. Auch das ein Stück Schicksal seiner deutschen Herkunft und seiner Umsiedlung nach Sibirien. 

Aber auch Glück wartete dort auf ihn. Er lernte Katharina kennen. 1957 heirateten die beiden. „Aus der Kälte wollten wir in die Wärme“, erzählte er mir, „also gingen wir nach Kasachstan“. Das war zwei Jahre nach der Hochzeit. Doch in Kasachstan war es zu heiß. In diesem Jahr hatte es keine Ernte gegeben; und der Umzug wurde wieder rückgängig gemacht. Allein, in Sibirien hatte ein anderer Kommandant das Sagen und er lehnte den Zuzug ab. Noch im November desselben Jahres zogen die Spomers nach Kirgisien. Sie glaubten fest an einen Neustart. Häuser wurden gebaut. Sie schienen angekommen.

Doch der Ruf der Schwiegermutter führte sie noch einmal für 16 Jahre nach Kasachstan.

Die Familie war gewachsen. Noch in Kirgisien waren nach 1959 die Kinder Viktor und Eugen zum Erstgeborenen Andreas dazu gekommen; 1967 und 1970 folgten nun noch Irina und Alexander.

Noch einmal hoffte man auf ein freies und klimatisch erträgliches Leben in Kirgisien und zog für 10 weitere Jahre dorthin. Aber die Bedingungen hatten sich verändert. Obwohl noch einmal ein Haus gekauft und für die Söhne Häuser in gemeinschaftlicher Anstrengung errichtet wurden, war die Einladung von Tochter Irina, nach Deutschland zu emigrieren ein Hoffnungsschimmer am Horizont, denn die Bedingungen für Deutsche wurden unter den Kirgisen immer unerfreulicher.

1991 dann also ein erneuter Aufbruch. Vieles wurde zurückgelassen. Und ein Stück weit ist wahr, dass Viktor auch sein Herz dort in Kirgisien zurück gelassen hat. Er sprach oft von der Selbstständigkeit, mit der er leben konnte, er träumte von der Landschaft, ihrer Weite und der Begriff der Freiheit verklärte sich. Denn Viktor meinte nicht die politische, sondern die, mit der er sich im eigenen Haus bewegen durfte.

Für ihn war das zu Beginn in Deutschland erschreckend anders. Kasernierung, dann Mitbewohner in Mietshäusern, die ihn einengten. Nach dem Aufenthalt in der Dasbachstraße von 1991 – 93 und der Zeit in Heilig Kreuz konnten die beiden Spomers nach Lorscheid ins Haus der Tochter ziehen.

Hier hatte er einige wenige glückliche Jahre. Dann kamen die ersten Krankheiten. Er verlor die Lebensfreude. Auch wenn die große Familie um ihn war und ihn nicht vergaß, schweifte er in vergangene Zeiten, dachte an glückliches Überleben in Russland, weil die Familie dort Hühner gehalten, auch mal Kühe gehabt und ein Schwein ihr eigen nannte.

Es ist Viktors Schicksal, dass die Aufbrüche und Versuche, in einem der vielen Länder Heimat zu finden, immer ein Stück von ihm behalten haben. Seine Kraft, sein Leben und auch ein Stück von seinem Herzen.

Abraham war eine Ankunft in Kanaan verheißen. Er wurde zum Stammvater eines ganzen Volkes. Wir dürfen sagen, dass er also an ein irdisches Ziel gelangt ist.

Viktor ist erst jetzt in einer Heimat angekommen. Nämlich dem Land, das Gott ihm nun öffnet. Das Land seiner Vervollkommnung. Denn der Himmel erst hat Viktor ein Zuhause geschenkt, an dem es keine schmerzlichen Erinnerungen, keine Entbehrungen, keine Ablehnung gibt, sondern es ist der unphysikalische Ort, an dem Gottes Liebe alles zurecht bringt, ihm die Annahme und Liebe schenkt, die er verdient hat.

Und dies in Ewigkeit.

In diese Welt wollen wir Viktor aus unserer irdischen entlassen.

Denn dort wird er endlich volles Genügen und seine wahre Heimat haben.

Amen.