im Aufbruch

Beerdigungsansprache für

Herbert Reichertz

über Ps 31, 9

Herr, du stellst meine Füße auf weiten Raum

Liebe trauernde Familie, liebe mittrauernden Freunde. Ein Dankeslied steht über der Würdigung von Herbert. Der Psalmist singt davon, dass er nicht in Gefangenschaft geraten, sein Bewegungsraum nicht eingeengt wurde, sondern dass er sich bewegen kann, wohin er will. Freiheit ist es, wofür er dankt.

Bewegungsmöglichkeit, Freiheit, das spielte auch für Herbert eine wichtige Rolle. Seine Sportarten zeugen davon.

Doch fangen wir mit den Anfängen an. Mit dem vorletzten Januartag 1952. Da wurde er bei Zemmer Rodt geboren. Von Freiheit war da nicht viel die Rede. Im Gegenteil. Die Welt war einfach und beengt. Das Wasser wurde am Ol Ecken noch aus dem Brunnen geholt und Strom gab es noch nicht lange. Die Familie war ein Selbstversorger. Seinen Vater hat Herbert nicht kennengelernt, denn der starb früh. Seine Mutter erzog die Kinder. Er war der jüngste unter fünf Geschwistern. Die Mutter soll ein guter Mensch gewesen sein, ihre Schar aber streng erzogen haben.

Von Freiräumen war nicht die Rede, bewegen mussten sich die Kinder, arbeiten und vor allem täglich weite Schulwege zu Fuß bewältigen. Herbert besuchte die in Rodt. 

Mit 14 hieß, eine Ausbildung zu machen. Das Schulabschlusszeugnis in der Tasche, entschied sich Herbert für eine Lehre bei der Bahn. Es mag die Vernunft gewesen sein, vielleicht aber blinkt hier zum ersten mal die Sehnsucht nach der Ferne, nach Reisen in seinem Leben für uns wahrnehmbar auf. Und tatsächlich setzte ihn diese Berufsentscheidung in Bewegung. Zunächst an der Schranke, die noch gekurbelt werden musste, doch dann auch durchs Rheinland und das Saarland. Seine Einsatzorte sind nicht vollzählig, wenn mir einfällt: Trier – Ehrang – Daufenbach – Kordel – Saarlouis – Saarbrücken; aber die Liste gibt einen Eindruck von der Beweglichkeit, die man ihm abverlangte und die er auch gern an den Tag legte.

Herbert entdeckte parallel zum Beruf seine Liebe zum Wandern, zum Reisen im Wohnmobil. Seine Füße auf weiten Raum gestellt zu wissen, das erfüllte ihn. Auch erfüllte das Radfahren diese Sehnsucht nach Bewegung in der Weite.

In seiner ersten Berufsphase, begonnen hatte er 1966, ereignete sich nun etwas Wunderbares. Zu seiner Jugendliebe Brigitte hatte er stets Kontakt gehalten. Das war nicht immer einfach über die Entfernung und angesichts der damaligen Möglichkeiten. So entwickelte sich eine Postkartenliebe. Noch heute legen die Karten Zeugnis von der jungen Liebe ab. Herbert Grönemeyer singt vom „Stück Himmel“, das diese Texte beschreiben. Er bestätigt, dass auch Herbert und Brigitte sich gegenseitig bestärkten. Später wurden aus den Karten Zettel, die sich die beiden hinlegten, denn wenn der eine zur Nachtschicht aufbrach, kam der andere gerade nach Hause. Wieder singt Grönemeyer im Blick auf seine Liebe davon, was auch hier gilt, dass es verschworene Gemeinschaft zwischen den Eheleuten war. Es waren sozusagen geschriebene Küsschen, mit denen sich Sie beide behalfen.

Im Mai 1972 wurde geheiratet. Und sechseinhalb Jahre später, im September 1978 machte Sascha aus dem Paar eine Familie.

Nicht umsonst hatte Herbert die Beamtenlaufbahn gewählt, eine Welt nach Fahrplan, etwas, das seine Regeln hat, das entsprach seiner Ordnungsliebe. Er hatte einen entwickelten Ordnungssinn.

Der Blick in sein Berufsumfeld gibt aber noch einen anderen Zug von ihm frei. Das ist der auf sein kameradschaftliches Herz. Herbert wird richtig gezeichnet, wenn wir wissen, dass seine Kollegialität über den Dienstschluss hinaus reichte. Oft trafen sich die Kolleginnen und Kollegen nach Feierabend und in der Freizeit. Aus den Beziehungen entstanden gar Freundschaften. Beziehungen, die auch die Pensionierung übersprangen und bis in die jüngste Zeit aktiv blieben.

Dieser Geist, nicht aufzugeben, Dinge fortzuführen, bei der Sache zu bleiben, Kontinuität und Durchhaltevermögen an den Tag zu legen, das war ebenfalls Herbert.

Und das zeichnete ihn auch in der Krankheit aus. Die Lungennekrose schränkte seine Beweglichkeit immer mehr ein. Sie bestimmte seinen Radius. Der Umzug von Mariahof in die Erdgeschosswohnung in Ehrang geht auf sie zurück. Am 20.06 vergangenen Jahres ist er anlässlich des 90. Geburtstags seines Schwiegervaters zum letzten mal vor der Tür gewesen.

Auch hier gilt noch einmal, was Grönemeyer angesprochen hat, dass Paare sich wechselseitig schieben. Mal ist der eine stark und kann helfen, dann gibt es Phasen, in denen der andere der Gebende ist.

Die Krankheit hat Herbert gezeichnet. Wer ihn vor zwei Jahren kannte, sieht noch das überdurchschnittlich junge Gesicht vor sich. In wenigen Jahren haben die Anstrengungen und die Atemnot einen ausgezehrten Zug in sein Gesicht gegraben.

Nun ist Herbert am 08. Januar, drei Wochen vor seinem 69. Geburtstag gestorben. Für seine Familie und Freunde bedeutet dies Abschied zu nehmen. Aber für ihn selbst geht in Erfüllung, wovon der Psalm singt, dass Gott nun keine Grenze mehr zieht, alle Not, alle Einengungen vorüber sind, Herberts Füße nun wirklich auf weiten Raum gestellt sind. Es ist der grenzenlose Raum der Ewigkeit. Und, noch wichtiger, es ist der Raum, der von Gottes Liebe erfüllt ist, denn Herbert darf nun sein, wo sie ihm scheint.