beim Wort genommen

Ansprache für Günter Michalke

18. Dezember 2020, Gutweiler, Pfarrkirche Cosmas und Damian

über

Joh 20, 24 – 28

Thomas aber, einer von den Zwölfen mit dem Beinamen Zwilling, war nicht dabei, als Jesus zu ihnen gekommen war. Die anderen Jünger sagten zu ihm: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Doch er gab ihnen zurück: „Wenn ich nicht an seinen Händen die Nägelmale sehe und meine Finger an die Stelle der Nägel und meine Hand an seine Seite legen kann, werde ich es nicht glauben.“ Acht Tage später nun waren die Jünger wieder drinnen beieinander, und diesmal war Thomas mit dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“ Und dann zu Thomas: „Lege deinen Finger hierher und sieh hier meine Hände, nimm deine Hand und lege sie hier an meine Seite – und sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig!“ Da sprach Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“

Gemeinschaft, Skepsis und die Macht des Wortes, davon spricht der Evangelist hier. Das Diktum dieser drei, als wäre es über das Leben von Günter Michalke gesetzt! 

Natürlich ist ein Leben mehr als wir hier in ein paar Sätzen beschreiben können. Mehr auch, als ich unter der Überschrift dieser drei entfalten kann.

Doch die Achsenstunden seines Lebens, Schicksalsmomente auch, und die Kontur seiner Persönlichkeit gehören unter diese drei: Gemeinschaft, Skepsis und das Wort.

Denn Günter Michalke, von seiner Frau auch liebevoll Micha genannt, und am 08. Juni 1929 zu Berlin geboren war Einzelkind. Früh lernte er, seinen Gedanken folgen zu dürfen und diese ungestört zu entfalten. Gern hätte seine musikalische Mutter erlebt, dass der Junge das Klavierspielen erlernt. Allein, Günter genügte das Hören. Später gab es kaum eine Musik, die er nicht kannte, erkannte und zuordnen konnte.

In der Mitte seiner späteren Familie, seiner Frau und seiner beiden Kinder, aber auch als Gastgeber im Fokus seiner bei ihm versammelten und diskutierenden Studenten und nicht zuletzt in der Runde der im Hause Michalke stattfindenden Bibelkreise wusste er sich gut aufgehoben und genoss die Gespräche und Debatten vordergründig zwar um der Inhalte willen, doch im Herzen wegen der erlebbaren Gemeinschaft, die im Haus Im Brühl in Gutweiler so warmherzig gepflegt wurde.

Diese Nähe kompensierte etwas von der Trennung und Verlorenheit, die der 15 Jährige im Häuserkampf um Berlin erleiden musste. Mit 220 anderen Jungen wurde er mit Panzerfaust und Maschinengewehr in die Schlacht geschickt, die von Anfang an verloren und nichts anderes als ein Schlachten war. Nur acht dieser Jungen haben den Untergang der Reichshauptstadt überlebt. Bis in seine letzte Stunde sah er die sterbenden Kameraden vor seinem geistigen Auge in ihrem Blut inmitten der Trümmer Berlins liegen.

Eingraviert also in ihn die Sehnsucht nach überwindender, nach überlebender, überzeugender Gemeinschaft.

Zunächst aber holte der wider Willen früh gereifte Knabe 1948 sein Abitur nach  und studierte an der TU Berlin.

Ein Schlüsselerlebnis für seine Studienwahl ereignete sich in der Zeit der Kinderlandverschickung in der Tschechoslowakei 1943. Mit den Eltern eines besuchten Freundes und diesem machte er einen Ausflug nach Olmütz. Eigentlich hatte Günter vor, Schiffe zu bauen. Doch nun angesichts des zu Beginn des 12. Jahrhundert gegründeten Wenzels Dom, seiner drei himmelstrebenden Türme und der überragenden Gewölbe wurde er von einer Begeisterung ohnegleichen hingerissen und rief „Ich werde Architektur studieren“. Intuitiv begriff er, dass die Baumeister der Gotik die normannischen Bootszimmerleute waren, die Schiffsrümpfe mit ihren Spanten drehten und so die Stabilität der Kreuzrippengewölbe erfunden haben.

Und er las sich ein. Er stieß auf die Lichtmetaphorik der gotischen Kathedrale, dass sie der hell durchflutete Edelstein in der Mitte der Stadt, im Zentrum des himmlischen Jerusalems sein solle. Abbild der himmlischen Harmonie auch hier auf Erden durch das Zahlenspiel mit der Mathematik, die über die Übersetzung des Aristoteles aus dem Arabischen ins Latein des Hochmittelalters kam, die Statik wachküsste und die rein erfahrungsdimensionierte Steinkunst der Romanik ablöste.

Günter war begeistert. Er baute Modelle, die heute noch erhalten sind. Er rechnete, zeichnete und entwarf.

Ein erstes Architekturbüro beschäftigte ihn in Düsseldorf. Dann folgte die Schicksalsstation Saarbrücken, die ihn 1959 Ingeborg auf dem Münsterturm von Straßburg treffen ließ.

Die beiden erkannten, dass die neugierig fragende Ingeborg und der in allen Fachrichtungen kompetent Auskunft gebende Michael ein gutes Gespann sein würden. Nach der Hochzeit folgten drei Jahre in Köln, wo 1961 Nele aus dem Ehepaar eine Familie machte. Die acht Jahre im schwäbischen Biberach schenkten Nele einen alemannischen Zungenschlag und 1967 eine Schwester: Berenike.

Die Gründung der Universität Trier, derer wir in diesem Jahr gedachten und die gewaltigen Bauvorhaben auf den Tarforster Höhen hatten auch die Michalkes an die Mosel gerufen. Günter wirkte am Gebäudegrundkonzept, ebenso am Landschaftsbild des Hochschulgeländes mit und entwarf letztendlich die Universitätsbibliothek der Einrichtung. Seine erhaltenen Modelle zeugen von einem ganz anderen Dach, das er ursprünglich vorgesehen hatte. Ein Zeltdach für die Unibibliothek, ähnlich dem seines Eigenheimes.

Zu Hause wurden die Töchter Nele und Berenike flügge und es scharte sich eben jene Zuhörerschaft auch im privaten Raum zusammen, die den Architekten und Dozenten Günter als inspirierend und bereichernd schätzen gelernt hatten. Dies nicht zuletzt in den 13 Jahren seiner Dozentur an der Fachhochschule im Bereich Baugeschichte und Architektur-Betrachtungen.

In die Gemeinschaft vor allem der Bibelkreise brachte sich sodann der seit 1986 verrentete Micha mit aller Skepsis ein. Er, der getaufte Katholik, betrachtete die Botschaft der Konfessionen mit Nachdenklichkeit. Er war gleichsam selbst der Thomas in der Runde der Bibelleser. Günter war ein suchender Zeitgenosse. Oft hörte er den Diskutanten lange zu, ehe er sich zu Wort meldete. Er brachte seine Anfragen auf dem Fundament seiner enormen Belesenheit vor, sein kritisches Hinterfragen hatte immer einen Hauptnenner: das absolut Gute. Ganz klar: der Skeptiker Micha war ein Idealist. Er fragte nach dem, was an Gutem für die Menschen aus den Entscheidungen der Politik und den Satzungen der Religion ersprießen könne.

Er stellte Querverbindungen her zwischen Mathematik und Musik, Architektur und Geschichte, der Bibel und neuerer Literatur, er verstand sich auf die Zahlenmystik der Gotik und die Botschaft ihrer Gebäude ebenso wie auf Rudolf Steiners Auslegung der Bibel.

Berühmte Musiker ertauben – Günter, der Mann der Zeichnungen, der Baumeister, Schöpfer optisch wahrnehmbarer Gestalt erblindete. Je weniger er sah und neu lesend aufnehmen konnte, desto wichtiger wurde ihm das Wort. Das erlernte, das erlesene, das erinnerte, aber auch das himmlische Schöpferwort. Nach Gott fragte er, blieb neugierig auf ihn, diskutierte mit der Familie und dem Bibelkreis.

Meine Finger an die Stelle der Nägelmale legen, das hat nicht nur etwas Skeptisches, es hat von der Theatralik eines, der ein dramatisches Geschehen nachzeichnen will, ja der hineinkriecht ins Geschehen und es ganz genau wissen möchte. Das wollte Günter. Es genau wissen. Darum las er – bis, ja bis die nachlassende Kraft der Augen ihm dies verbot. 

Erblindet – und auch hier bieten die Worte des Evangelisten eine parallele Deutung an – war Micha aufs Fühlen geworfen.

Dieses Gefühl zeigte sich zuletzt vor allem in der Dankbarkeit. Wie ein Weiser nahm er die Welt, die eigenen beschränkten Möglichkeiten an. Er klagte nicht.

Im Gegenteil, er wusste um die Zuwendung, die im zuteil wurde und er sagte es seiner Frau, er sagte es Mariola, er sagte es seinen Kindern dieses Wort: Danke.

Nun steht der skeptische Denker Micha vor seinem Schöpfer. Dessen Wort erschließt und deutet ihm nun alles. Im Licht seiner annehmenden Liebe erkennt er sich als dessen Kind. 

Die Gemeinschaft mit Gott erfülle ihn, und dessen zurechtbringendes Wort lasse Micha die himmlische Vollkommenheit erleben. Lasse ihn schauen, was seinen irdischen Augen zuletzt nicht mehr möglich war. Das Wort Gottes, durch das jede Gleichung eine Lösung, und alle Welt ihren Frieden erhält. Das Wort eben, das überzeugt und Gewissheit schenkt, das aus Zweiflern Gläubige macht.

Amen