mit Contenance die Zeit ausgekauft

Traueransprache für Helga Israel

Osburg, St. Clemens, 09.12.2020

über

Röm 12, 12

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Drangsal, beharrlich im Gebet

Helga Israel, geb. Le Noir gehört zu den gesegneten Menschen, denen viel Zeit gegeben worden ist. Ich meine damit nicht die Jahrzehnte über die im Psalter beschriebenen „70 und wenn es hoch kommt 80 Jahre“ hinaus, die sie bis in ihr 10. Lebensjahrzehnt ausdehnen durfte,

sondern ich meine die Zeit, die sie jeweils brauchte, um sich in einem bestimmten Alter entwickeln zu können – diese Zeit wurde ihr gegeben. Das bedeutet nicht nur ein Leben in der Fülle der Jahre, sondern eines, das auch mit allen Höhen und Tiefen, Freuden und Abschieden eines solch langen Zeitraums beladen worden ist.

Dieses Leben begann für sie in Kassel im Juni 1923. Sie wurde in die Mitte einer bergenden Familie hineingeboren. Die Eltern führten eine harmonische Ehe. Auch in der Kinderschar nahm sie die Position in der Mitte zwischen den beiden Schwestern ein.

Doch dann, als sie 15 war und ihre jüngere Schwester zur Welt gekommen war, setzte auch für sie das ein, was sie für ihre Tage weiterhin geprägt hat. Die Pflicht, für andere Verantwortung zu übernehmen. Im Aufblühenlassen dieser Gabe hat sie es im Leben weit gebracht Dieses Charisma ist in ihr gewachsen und sie hat große Freude an ihm entwickelt. Sie schätzte es, in der Mitte einer wachsenden und auf verschiedenen Gebieten tätigen Familie verankert zu sein.

Wir dürfen ihre behüteten Kinderjahre als das Fundament verstehen, das ihr die Stärke gab, an sich selbst zu glauben, den nötigen Willen zu entwickeln. In ihrer späteren Kindheit streute die Ideologie der Nationalsozialisten ihre strenge Würze mit ihrer Jugendarbeit und ihrer Ideologie der Härte in ihre persönliche Entwicklung und prägte Helgas Ansatz in ihrer Pubertät.

Bedeutender war aber die elterliche Mitgift, die den Strauß verschiedenster Bezüge band, die sie wieder und wieder zum Leben herstellte. Da war zunächst der zur eigenen Herkunft. Die Familie Le Noir gab ihr den Blick frei auf eine vermögende, kulturschaffende Vorfahrenschaft. Sie war und blieb sich bewusst, dass Herkunft Identität schenkt.

Dann war da der Bezug zur Kultur. Der Vater lebte mit Vergnügen neben seinem Broterwerb als Bankkaufmann die Liebe zur Schauspielerei. Er malte. Und diese Leidenschaften im Bereich der Kunst öffneten Helga den Verstand für diese Seite des Menschseins. Sie lernte, dass der Umgang mit Kultur sprachfähig macht. So wurde die Gymnasiastin eine Freundin der klassischen Bildung.

Sie selbst wäre gern Ärztin geworden – Sie sehen, dass der Altruismus schon früh mitgegeben war. Doch spielte bei diesem Wunsch auch der Beruf ihres ersten Freundes hinein in ihre Zukunftsvorstellungen, auf dessen Heimkehr sie nach dem Krieg wartete.

Und hier wird deutlich, dass auch sie selbst sich und ihrem Leben Zeit gab. Sie wartete sieben Jahre auf den Verlobten. Eine Penelope aus Kassel, die die Bomben auf ihr Elternhaus nach Marburg vertrieben hatte.

Hier sponn sie ihre Fäden bzw. hier nähte sie, denn sie hatte inzwischen eine Lehre als Schneiderin abgeschlossen. Und hier webten wiederum die Erinnyen an ihrem Schicksal, denn sie ließen ihr nach der langen Zeit vergeblichen Wartens auf den Verschollenen  Hans Israel über den Weg laufen, der laut Papieren allerdings ordentlich Karl Theodor mit Vornamen hieß. 

1952 traten die beiden in der Elisabethkirche zu Marburg vor den Altar und gaben sich das Jawort.

Der lebensfrohe, pragmatische und handfeste Hans reimte sich auf ihr Wesen. (Symbol von sym-ballein). Beide ergänzten sich, beide machten Kompromisse. Die musikalische Begabung und die Herkunft vom Stadtbaumeister passten zu Helgas Standes- und Bildungsbewusstsein.

1953 machte Wolfram eine Familie aus den beiden. Christian kam 1954 dazu. Regina wurde der Familie im Jahre 1956 geschenkt und den Doppelpunkt setzten 1960 Roland und Gernot.

Helga wiederum sah sich in den Stunden der berufsbedingten Abwesenheit ihres Mannes in ihrer Stärke gefordert. Auch ihr Humor war ein guter Begleiter. So formulierte sie z.B. den Seufzer „Ich arme Schnecke“, wenn sie auf die imaginäre häusliche Last auf ihrem Rücken hinweisen wollte.

Wir haben aber schon erkannt, dass sie in ihren Jugendjahren zu einem Menschen geworden war, der viel einstecken konnte, ein Mensch, der nicht zum Weinen oder Klagen aufgelegt war. Jemand, der nicht intensiv über die eigene Belastung nachdachte, sondern eher die der anderen sah und Hilfe anbot. Fragte man sie beispielsweise in hohem Alter „Hast du Schmerzen?“ dann antwortete sie verschmitzt „Ich habe viele Stellen am Körper, wo mir nichts weh tut“.

Positives Denken, antrainierte Resilienz und die hohe Bedeutung der anderen, ihrer Kinder lassen in ihrem Verhalten den Rat des Apostels Paulus wahr werden: Seid fröhlich in Hoffnung … Hoffnung fehlte ihr nie. Fröhlichkeit umgekehrt ging von ihr aus und riss andere mit.

Gerade die grauen und manchmal noch hungrigen ersten Nachkriegsjahre wandelte sie für sich und die ihren durch diese ihre Einstellung in viele schöne Stunden. Sie war bemüht, eine heile Welt erstehen zu lassen, ins grau Farbe zu bringen. Unvergessen ist den Kindern ihr Abendlied, das heute noch einmal erklingen soll. So sprach sie ihnen den Abendsegen singend zu.

Aber neben der Innerlichkeit gab es auch wichtige Äußerlichkeiten, ja, den Siegelring der Israels, den schätzte sie auch, aber wichtiger war ihre Liebe zum Stricken. Unvergessen waren ebenfalls die selbstgestrickten Isländerjacken, mit denen alle ihre fünf Kinder ausgestattet wurden. Von ihrer Strickleidenschaft zeugt jener treverensische Film, in dem sie einen Sportler das Stricken lehrt und der Anfang des Fanschals im Hof der Residenz gemacht ist. Bis ins 92. strickte sie und allein an Socken sollen es 577 Paare gewesen sein.

Last but not least würde ihr Bild nicht vollständig ohne ihre Freude an der Konversation zu nennen. Sie schätzte den Austausch mit ihren Lieben, aber eben auch den auf gesellschaftlicher Ebene. Darum betrieb sie emsig die Dante-Alighieri-Gesellschaft, sorgte für das jährliche Theaterabo und nahm gern an den kulturell-gesellschaftlichen Erfolgen ihrer Kinder teil.

Sie sah in ihnen die Früchte ihres erzieherischen Bemühens und so manch praktischen Einsatzes.

In diesem Sinne wird sie selbst an zukünftigen Ergebnissen ihren Anteil und sie selbst so in der Großfamilie lebendigen Bestand haben.

Dort, wo sie jetzt ist, dürfen wir es Konversation Gottes mit ihr nennen, die sich als Annahme, als Wertschätzung, als Zurechtbringen des eventuell Unvollkommenen, als tröstliche Gegenwart ob der Verluste in ihrem irdischen Leben, kurz als Liebe buchstabiert.

Geben wir Helga also ihrem Schöpfer zurück. Er wird es wohl machen.

Amen