Auf den Boden kommt es an

Beerdigungsansprache über Mk 4, 1 – 9

für

Eberhard Prehn,

06. November 2020, Ehrang

Vor nicht allzu langer Zeit, als es so heiß war wurde Rasensamen im Garten ausgebracht. Als sich nach ein paar Tagen noch kein Rasenhälmchen gezeigt hatte, fragte ich den Gärtner.

Er antwortete mir mit einem Wort, das ich so schnell nicht vergessen werde. Der Mann sagte: der Rasen denkt jetzt!

Welches gewagte Einfühlungsvermögen: der strohern daliegende Rasen denkt darüber nach, welche Chancen er hat aufzugehen. Er fühlt in den Morgentau, tastet nach der Qualität der Erde, summiert die Sonnenstunden und weiß, wann es wie viel regnet.

Und tatsächlich, obwohl überall ums Haus derselbe Rasen gesät worden war, keimte er an den Schattenseiten zuerst – hier hatte der Keimling die besten Chancen, nicht zu verbrennen. An besonders exponierten Stellen liegt der Same heute noch unaufgeschlossen – wartet auf seine Zeit.

Dieses Wunder der denkenden Natur  hat mich den Menschen neu sehen gelernt.

Denn das folgende Gleichnis vom Sämann benutzt Jesus aus keinem anderen Grund, als uns den Menschen zu erklären. Wie der Rasen bedarf auch der Mensch eines Wurzelgrundes, um gedeihen zu können.

1 Und wieder begann er, am Seeufer zu lehren; und eine riesige Menschenmenge drängte sich bei ihm zusammen, so dass er in ein Boot steigen und sich auf dem Wasser niedersetzen musste, während die ganze Menge zu Lande am Seeufer war. 2 Und er hielt ihnen eine lange Lehrrede in Gleichnissen und sagte darin folgendes:

3 „Hört! Also, ein Sämann ging aus zu säen. 4 Und beim Säen fiel einiges auf den Weg: da kamen die Vögel und fraßen es auf. 5 Anderes fiel auf den Felsboden, wo es nur dünnes Erdreich gab, und ging sogleich auf, weil ihm der tiefe Wurzelgrund fehlte. 6 Doch als die Sonne brannte, wurde es versengt und musste verdorren, weil es keine Wurzeln hatte. 7 Anderes fiel unter die Disteln, doch die Disteln überwucherten und erstickten es; es konnte keine Frucht bringen. 8 Anderes fiel auf guten Boden und wuchs auf, reifte und brachte Frucht und trug dreißigfach, sechzigfach, ja hundertfach!“ 9 Und er sagte: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ 

Heute bei der Würdigung von Eberhard Prehn geht es bei der Auslegung weder um die Oberflächlichen, die einfach oben liegen bleiben, weil Tiefgang nicht ihre Sache ist, es geht auch nicht um die, die im Gestrüpp einer lieblosen Welt hängen bleiben, um die Strandenden,

sondern es geht um den Wurzelgrund der Heimat, der im Leben von Eberhard eine Rolle spielt.  Da sind zunächst seine Eltern. Der Vater, ein gelernter Bankkaufmann, der auf dem Bauamt seinen Schreibtisch hatte, und dem die Gabe, Gefühle zu zeigen nicht mitgegeben war.

Dann die Mutter, die ihre sechs Geschwister in schwierigen Zeiten großzuziehen gehabt hatte, die also in Sachen Kinder ebenso praktisch dachte wie sie Sehnsucht nach einem eigenen Leben hatte.

Zwischen ihnen beiden wuchs Eberhard auf. Er war das einzige Kind. Und er blieb als Kind allein. Da die Großeltern behindert waren und nicht helfen konnten, die Mutter aber in der Kriegsindustrie arbeiten musste, war Eberhard oft auf sich allein gestellt.

Er lernte so, noch bevor er zehn Jahre alt war, die Dinge mit sich selbst auszumachen.

Wenn Menschen ihn später als gesetzte, als ruhige, als in emotionalen Dingen zurückhaltende Person einschätzten, dann mag das daran gelegen haben, dass in den Jahren bis Kriegsende kein Raum für kindliche Gefühle und kein Gegenüber für deren Bestätigung da war.

Es war die Zeit, in der Jungen gesagt wurde „ein Indianer zeigt keinen Schmerz“. 

Und es war die Zeit, in der tatsächlich der heimische Wurzelgrund unter den Füßen weggezogen wurde. In Schweidnitz,  Niederschlesien, südwestlich von Breslau, wo Eberhard am 27. April 1936 geboren wurde, konnte die Familie nicht bleiben, so ließ Eberhard zwangsläufig seine erste Heimat hinter sich, seine Spielgründe und was ihm vertraut war.

Es ging nach Westen. In Ilmenau wurde die Familie eingewiesen. Der Bewohner der Stockwerkswohnung musste ihnen ein Zimmer abgeben. Schulunterricht gab es für Eberhard keinen, aber eine Mitbewohnerin unterrichtete ihn behelfsweise, bis es dann weiter ging nach Erfurt.

Hier hoffte der junge Mann richtig einwurzeln zu können. Eine Ausbildung sollte sein Fundament sein. Er schloss die Schule ab. Die Firma Telefunken kam seiner Liebe zur Präzision entgegen mit der Lehrstelle als Feinmechaniker. Den Gesellenbrief hatte er in der Hand. Und „Telefunken“ übernahm ihn.

Nach dem Schulausfall durch Krieg und Vertreibung hatte Eberhard das erste mal das Gefühl, festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Den Westbesuch mit der Mutter hielt er beim Aufbruch für eine kurze Episode, man reiste mit kleinem Gepäck. Allein – sie eröffnete ihm westlich der Zonengrenze in Bad Oeynhausen angekommen, dass auch dieser Ortswechsel ein Aufbruch ohne Wiederkehr sein werde.

Vielleicht ist Trauma das passende Wort, um zu beschreiben, dass Eberhard sich abermals wie aus dem Wurzelgrund gerissen fühlte. Konnte er noch vertrauen , dass es einen Boden gibt, auf dem er bleiben, einwurzeln und sich entfalten darf?

Dieser Ort lag in der Pfalz. Wöllstein war es, wo sie zunächst bei einem Winzer unterkamen. Eberhards Vater machte diesem die Buchhaltung.

Ein neues Kapitel in seinem Leben wurde aufgeschlagen. Im Technikum in Bingen studierte Eberhard, um Elektroingenieur zu sein.

Die Zugfahrten zum Studienort unternahmen viele junge Leute. Uschi, Wolfgang, Eberhard und Anneliese trafen sich oft im Abteil. Irgendwann hielt Eberhard der strickenden Abteilgenossin gehorsam das Wollknäuel.

Es war, als hätte er den Fadenanfang einer lebenslangen Verbindung ergriffen. Die beiden verstanden, dass sie sich gemeinsam auf der Lebensreise befanden. 1959 hatte Eberhard als Ingenieur beim RWE begonnen, das erste Geld wurde verdient; und im Sommer vier Jahre später, 1963, konnte geheiratet werden.

Die Arbeitsstelle lag in Bad Kreuznach, eine Zweizimmerwohnung wurde daselbst gefunden. Hier nun wurde der Grundstein der Familie gelegt. Der Baum fasste Wurzeln und ein Nest entstand. 1964 wurde Eckard geboren und 1971 machte Annemarie die Familie komplett. Dies allerdings schon im Häuschen in Ebernburg, welches 1968 bezogen werden konnte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war es der Quellpunkt der Familie und das Refugium des Ehepaares.

Also gab es für Eberhard doch einen Ort, den man bei dieser Verweildauer getrost als Heimat bezeichnen darf, an dem er sich und seine Kinder wachsen sah.

Aus der Erfahrung seiner Kinder- und Jugendtage gestaltete Eberhard diese Phase ganz bewusst. „Ich war ein Schlüsselkind. Meine Kinder sollen es anders erleben“, wünschte er sich. So hatten Sie eine Mutter, die Sie zu Hause empfing, wenn Sie aus der Schule kamen.

Der Vater widmete konsequenter Weise die Wochenenden seiner Familie. Das war sein Anteil. Dazu gehörten auch die Verwandtschaft, gegenseitige Besuche und gemeinsame Unternehmungen.

Diese Konzentration auf die Familie in seiner freien Zeit empfing eine bedeutsame Erweiterung durch Eberhards Entdeckung der Langsamkeit. Wandern und Radfahren schenkte die angemessene Geschwindigkeit im Urlaub, so dass dem Menschen und der Beziehung zwischen den Menschen genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden konnte.

Von Seiten Eberhards ein kompensatorischer Akt, das haben wir schon verstanden.

Er, der Elektroingenieur und Feinmechaniker, der mit dem Mikrometer maß und gleichzeitig in Gefühlsangelegenheiten so unberedt war, er wusste um die Bedeutung des Heimatbodens für sich. Er wusste, warum Genauigkeit ihm Halt gab; warum er das Maß der Anerkennung anderen gegenüber oft an deren Liebe zur Präzision festmachte. Er wusste um den preußischen Teil seines Mutterbodens.

Doch er gehörte in seiner Liebe und mit seinem positiven Denken gleichzeitig auch zu der letzten Gruppe, von der Jesus spricht, zu denen, die nach dem Sinn fragen und nach dem, was trägt.

Zu denen, die nicht mit einfachen Antworten zufrieden sind und nicht mit einer mediengemachten Meinung, sondern in die Tiefe gehen;

die, die sich nicht anpassen, sondern eine Meinung haben, die diesen Namen verdient: „Meinung“, also etwas, das meins geworden ist, etwas von mir persönlich, etwas, das ich mir angeeignet, erlitten, erlebt habe. 

Die Nichtangepassten, die auch noch in schweren Situationen eine Deutung finden,

die sogar dem Leiden Sinn abgewinnen können

und die dort, wo für andere kein Sinn am Horizont letzter Fragwürdigkeit auszumachen ist, doch das Vertrauen in eine führende Hand behalten.

Genau diesen Glauben wünsche ich Ihnen: dass nämlich Gott einen Menschen, der stirbt, eben nicht aus der Hand verliert, sondern im Gegenteil zu sich zieht!

Ich wünsche Ihnen die Überzeugung, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist; und wir als solche, wir die Sterblichen, vor ihm dem Ewigen so lebendig bleiben.

Und damit die Gewissheit, dass Eberhard bei Gott angekommen ist und Sie ihn hier auf Erden gehen lassen können.

Amen.