Auf dem doppelten Fundament von Glauben und Ingenieurskunst

Traueransprache über Ps 62, 6-8

für

Horst Lethen

28.August 2020 St. Martin, Mertesdorf

Lebensreichtum, liebe Trauergemeinde, hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit dem Maß an Erfahrung, an Fülle, das wir in unseren Jahren sammeln dürfen.

Im Blick auf Horst dürfen wir uns ganz sicher sein, dass er sein Leben in diesem Sinne hat voll machen dürfen. Es steckt voller Eindrücke und Erfahrungen, teils von einer Tragik und einem Gewicht, dass nicht jeder von uns die Bürde seiner Erfahrung geschultert bekommen möchte.

Dabei ist er von seiner Persönlichkeit ein positiv denkender, ein konstruktiver, ein gläubiger und hilfreicher Mann geblieben. Den Zusammenklang dieser beiden Seiten möchte ich in meiner Würdigung verdeutlichen.

Horst setzte seinen Erfahrungsschatz selbst gern in Beziehung zu seinem Glauben, dem er die Überschrift gab „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Ein Wort, das wir eingangs gesungen hörten. Ganz nah ist es am 62. Psalm, der sein Konfirmationsspruch war. Dort heißt es: Ruhe du, meine Seele, in Gott – von ihm allein kommt Hilfe. Er ist mein Fels und mein Heil, er ist meine Burg, darum wanke ich nicht – … ER ist meine Zuflucht.

Ein starker Glaubenssatz, wie er ja auch von Martin Luther in das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ eingegossen wurde.

Von seinem Glauben ist Horst also ein Lutheraner, vom Ort der Geburt her ein Schängelscha. Am 23. April 1935 erblickte er in Koblenz das Licht der Welt. Sein Vater war Lagerist in einer Metallwarenfabrik und leider nicht ohne Makel. Die Mutter trennte sich von ihm als Horst etwa zwei war. Sie ging mit dem Jungen nach Wuppertal, wo sie bei der Großmutter unterkamen. Er erzählte, wie er die Aufbauleistung der Großeltern bewunderte. Diese haben die Einstellung des Jungen geprägt, denn als der Großvater nicht mehr die Kraft hatte, als Bergmann zu schuften, arbeitete er als Bierkutscher in einer Brauerei und sparte fleißig, so dass er eines Tages ein Hotel aufmachen konnte. Gleichzeitig erzählt Horst mit dieser Geschichte seine eigene, denn als der Krieg nach Deutschland zurückkehrte, von wo er ausgegangen war, da verbrannte all diese Mühe in einer Nacht. Der Neunjährige floh mit seiner wachsenden Familie nach Neuwied. Ein Bruder kam aus der zweiten Ehe der Mutter dazu. In Neuwied besuchte Horst die Grundschule und hier probierte er sich aus. Er erlebte den Einmarsch der Amerikaner. Die Brücke von Remagen lag in diesem Augenblick einen Steinwurf weit entfernt und hat ein filmisches Denkmal der Zeit gesetzt. Es waren hungrige Jahre, insbesondere die ersten beiden Nachkriegsjahre. Horst selbst war ein echter Lausbub, der sich ausprobierte und dafür manche Tracht Prügel erhielt.

Mit Neuwied verband er auch den Abbruch seiner Gymnasialzeit und den Beginn seiner Lehre. Zum ersten Mal blitzen die Klugheit und Leistungsbereitschaft aus seinen Plänen, die für ihn später so bezeichnend waren. Er sagte „Sollte es später mit dem Studium nicht klappen, dann ist eine Lehre ein gutes Fundament für eine weitere Ausbildung“. Und tatsächlich schloss er die Lehre als Maschinenschlosser als Jahrgangsbester ab und sein Weg führte an die Ingenieurschule auf der Karthause in Koblenz.

Seinen ersten Taler verdiente er in Eschweiler in einem Betrieb, der sich auf das Schweißen von Kesseln spezialisiert hatte. Dann folgte für zwei Jahre eine Arbeit in Moers. Fundament genug, um eine Ehe einzugehen. 1956 – 58 lebte er in Neuss. Doch dann verlor er unter tragischen Umständen auf seiner dritten beruflichen Lebensstation die Frau und war plötzlich allein verantwortlich für den siebenjährigen Sohn.

Mit dieser Aufgabe von Haushalt, Kind und voller Stelle in Trier konfrontiert kam ihm seine Organisationsgabe zu gute. Hilfreich war auch das Verständnis seines Vorgesetzen, der Horst viel Freiheit bei der Gestaltung seines Tages ließ. Ein Umstand, für den er sich Herrn Zimmermann, dem späteren Bürgermeister, bis in seine jüngsten Erzählungen dankbar zeigte.

Solches Entgegenkommen fiel bei einem Menschen wie Horst auf fruchtbaren Boden, denn eine seiner spürbaren Tugenden war die Großzügigkeit.

Bei all dem war der junge Ingenieur ungeheuer fleißig. Zwischen 1968 und 1971 wurde in Trier die Umstellung des Stadtgases von „Low“ auf „High“ vorbereitet. Eine Ferngasleitung wurde zugeführt. Dann kam der große Tag der Umstellung. Mit 1.000 Mitarbeitern wurde in 6 Stunden unter der generalstabsmäßigen Leitung von Horst Lethen die Versorgung der ganzen Stadt umgestellt. Ein Moment, an den er bis zum Ende voller Stolz dachte.

Für solche Arbeit bedarf es der Umsicht und der Vorsicht. Zwei Tugenden, über die Horst bereits seit Kindertagen verfügte. Er ging schon als Kind nicht aus dem Haus, ohne Heftpflaster und ein wenig Klopapier in die Hosentasche gesteckt zu haben. Es könnte sich ja einer der Kameraden verletzten. Vorauszudenken und vor allem hilfreich sein zu wollen, das waren weitere Wesenszüge von ihm.

Über Zeltingen und Kenn war er immer näher an Trier herangezogen, um 1991 schließlich das Haus in Mertesdorf zu bauen, in dem er die letzten dreißig Lebensjahre verbringen durfte.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit acht Jahren mit Ihnen, Marlies, verheiratet.

Beruflich zeigte sich, dass mit seiner Stringenz und seiner Wahrhaftigkeit nicht nur Harmonie erzeugt wurde, denn der Schatten seiner Tugend, nichts dem Zufall überlassen zu können, gern alles geplant zu haben und dann auch nicht mehr von diesen Plänen ablassen oder etwas verändern zu können fiel auf das kollegiale Klima. Ein Diplomat ist Horst nicht gewesen. So kam er oft verärgert nach Hause. 1991 ging er noch mit Elan nach Dresden, um dort die Umstellung auf Hochdruckgas vorzubereiten, doch dann erlitt er einen Schlaganfall.

Der sorgte für sein berufliches Ende.

Im Rückblick war er nicht nur stolz auf die großen unvergessenen Stunden, sondern er dachte auch mit Befriedigung, an das Fachbuch, zu dem er mit seinem Wissen beigetragen hatte, das vor allem durch seine nicht nachlassende Mühe herausgegeben werden konnte. Im 50. Jahr seines Abschlusses auf der Ingenieurschule ehrte man ihn mit dem Angebot einer Vorlesung.

So war er vom ausgebombten vaterlosen Kind Schritt für Schritt, mit konsequentem Fleiß zum anerkannten Ingenieur geworden. Mit der gleichen Energie ging er der Entwicklung seiner Lieben nach, sorgte sich um die berufliche Entwicklung seines Sohnes, telefonierte in jeder Fußballhalbzeit, um sich über die Wahrnehmungen auszutauschen, besuchte regelmäßig seine Kirche in Mertesdorf-Grünhaus, hatte dort seinen Stammplatz und teilte mir nach dem Gottesdienst mit, wie sich seine Gesundheit entwickelte, wie ihm der Schlaganfall zu schaffen machte, 2015 die Lungenembolie dazu kam, welche Probleme die Knie machten und dass er 2017 zwei mal mit dem Fahrrad verunglückte. Gleichzeitig bewies er Energie im regelmäßigen Schwimmen und machte in dieser Zeit das Goldene Sportabzeichen.

Beruflich wie privat war er voller Tatendrang und setzte in seinem Leben Stockwerk auf Stockwerk. Gern sagte er mit Hermann Hesse:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Bei ihm reimten sich tatsächlich die Kraft zu immer neuen Anfängen mit einer konsequenten Verfolgung der Pläne und Ideen.

Einerseits hatte er Angst vor Unglück, daher die Leidenschaft für Pläne, andererseits wusste er sich bei allen Schicksalsschlägen von Gott geführt und auch bewahrt. Regelmäßig suchte er das Gespräch mit seinem himmlischen Vater.

Nun schaut er Gott von Angesicht zu Angesicht und wird sprechen mit den Worten seines Psalmes:

Ja, ruhe du, meine Seele, in Gott. 

Amen