Lebensmarathon

Traueransprache über Mk 4

für Harald Reich

27. August 2020

Friedhof Issel

Als es an diesem Tage Abend geworden war, forderte er sie auf: „Fahren wir hinüber an das Jenseitsufer!“ Darauf entließen sie das Volk und ruderten ihn, wie er war, hinaus; und noch andere Boote waren mit von der Partie.  Da kam ein gewaltiger Sturm auf, und die Brecher schlugen in das Boot, so dass es zusehends voll Wasser lief.  – Doch er lag schlafend im Heck auf einem Kopfpolster. Da weckten sie ihn und sagten: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?!“ Da stand er auf, herrscht den Sturm an und sprach auch zum Meer: „Leg dich“, „Beruhige dich“ – da legte sich der Sturm und es trag völlige Windstille ein. Und er sagte zu ihnen: „Warum habt ihr immer noch keinen Mut, warum habt ihr keinen Glauben?“

Aufbruch vom arbeitsreichen Gestade des Tagwerkes, sich einstellende Müdigkeit und wohlverdienter Schlaf am Lebensende, davon spricht diese Stelle nicht. Sie spricht auch nicht in Metaphern von der großen Überfahrt, sie ist nicht neutestamentliche Übersetzung der griechischen Rede von Hades und Styx. Das Jesuswort vom Jenseitsufer meint schlicht das andere Ufer des Sees Genezareth.

Denn diese Geschichte erzählt vom Leben. Und davon, was Leben gelingen lässt und wie wir es uns schwer machen. Sie erzählt vom Leben, das mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Sie erzählt davon, dass dieses diesseitige Leben selbst so etwas wie eine Überfahrt ist.

Es gibt Tage, die laufen gut, ganz so wie ein Schiff auf ruhigem Wasser seinen Kurs zieht. Und es gibt eben die, an denen mit Gegenwind zu kämpfen ist und eben die See ins offene Boot schlägt, so dass wir schlicht Angst haben.

Die Perikope spannt den Bogen zwischen die beiden Pole Angst und Vertrauen.

Wo wir uns dabei selbst verorten, das ist eine Frage unserer Prägungen, unserer genetischen und pädagogischen Mitgift, unserer Erfahrungen und des Glaubens.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass Harald, als ältestes von zwei Kindern am 18. September 1948 in Trier geboren durch seinen strengen und emotionslosen Vater nicht hat lernen dürfen, über seine Gefühle zu sprechen. Zu seinem introvertierten Wesen mag beigetragen haben, dass er als einziger Evangelischer seines Jahrgangs als Fremder in Tavern angesehen wurde, ebenso, dass er der einzige seiner Klasse war, der nach Trier aufs Gymnasium ging.

So nimmt es nicht Wunder, dass er sein Leben und seine Erfahrung in den nahen Wäldern spielte, dass er den Trapper und Waldläufer mimte und seine Freude in der Einsamkeit und Natur hatte.

Die Herzenswärme seiner Mutter aber ermutigte ihn, in vertrauten Kontexten über sein Innenleben zu sprechen, über seine Gefühle und ab und an auch über den Glauben.

Harald zog es aber meist vor, sich in anderen Sprachen auszudrücken, Englisch wurde zu seinem Beruf, und er lernte die Querflöte, denn Musik war ihm sowohl als Hörer als auch als Interpret ein probates Mittel, um seinem Gefühlsleben Ausdruck zu verleihen.

Nicht minder interessierte er sich für die Kultur anderer Länder und so führten ihn später als Ehemann und dann als Familienvater die Urlaubswege rund um die Welt.

Bei einer weiteren Prägung blitzt sein Elternhaus auf. Den Gerechtigkeitssinn seines Vaters hat auch Harald verinnerlicht. Er hatte seine Prinzipien und nach denen wurde geurteilt und entschieden.

Diese ihm eigene Disziplin drückte sich an anderer Stelle viel deutlicher und wahrnehmbarer aus. Beim zweiten Standbein in seinem Leben, dem Sport. Die verschiedensten Sportarten hatten es dem Sport- und Englischlehrer Harald Reich angetan. Am wichtigsten war ihm aber das Laufen, Langstrecke, Halbmarathon und Marathon. Meilen machen, Höhe gewinnen. Die Atmung in Einklang mit dem arbeitenden Körper zu bringen.

Später ersetzte das Rennrad die Laufschuhe. Und es waren die Steigungen, die Harald reizten. Mit der Höhe den Überblick zu gewinnen. Bei aller Anstrengung konnte er so zur Ruhe kommen.

Nicht das Hinabsausen war das Ziel des Aufstiegs, sondern im Sichverausgaben zu sich zu finden, an den Grenzen zu wachsen.

So liebte Harald es, sich selbst zu begegnen.

Es ist schwer für einen Menschen, der sich über eigene Fähigkeiten und Leistung bestimmte, die Grenzen der Leistungsfähigkeit anzunehmen. Darum bedeutete ihm auch die Variante der Erzählung von der Sturmstillung etwas, die Matthäus erzählt. Denn bei diesem anderen Evangelium tritt die Person des Petrus an die Stelle der vielen namlosen Jünger. Er wagt sich hinaus aus dem schwankenden Schiff und geht seinem Meister entgegen. Aber ungeschützt und ohnmächtig bekommt er es bei diesem Vorhaben mit der Angst zu tun.

Loslassen zu können. Im Vertrauen darauf, dass Jesus mir die Hand gibt und mich hält, das ist die Lektion dieser Stunde und die Botschaft der Erzählung. Gerade wenn sich angstmachende Abgründe unter der Oberfläche auftun, wenn Gegenwind uns hemmt und hochgehende See uns bedroht, dann zu vertrauen, dass wir nicht aus Gottes Hand fallen können, zu glauben, dass es unterhalb der Angst machenden Tiefen einen Grund gibt, der uns trägt, dieses Vertrauen schenkt der Glaube.

Ein Mensch ist mehr als ein verbrennbarer Körper. Harald wird nun wissen, wie der Grund unter den Abgründen trägt, wie liebevoll die Hand ihn hält, die Gott ihm reicht.

Im Vertrauen auf diesen Halt, diese Zusage und die aufnehmende Liebe Gottes in seinem Reich

wollen wir den irdischen Teil von Harald verabschieden und zurück in Gottes Hand legen.

Möge das gelingen. Amen