Frieden gestiftet Frieden gefunden

Traueransprache

für

Gisela Kuhn

01.07.2020 Schweich

über Joh 14, 27

Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht so, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzagt nicht. 

Liebe Trauergemeinde,

in Coronazeiten fast eine skurrile Vorstellung: Jesus haucht die Jünger an und dann spricht er diese Worte vom Frieden. Nun ist Geist etwas Bewegtes und Bewegendes. Wird immer mit Wind in Verbindung gebracht, diesem unsichtbaren Medium, das von Mensch zu Mensch die Brücke schlägt und sogar von Kontinent zu Kontinent hinüberträgt. Geist und Wind ist in der Bibel ein- und dasselbe Wort.

Genau um Verbindung, Beziehung geht es auch im Frieden, den Jesus schenkt. Denn es ist das Einvernehmen zwischen unterschiedlichen Dus, in dem dieser Friede gelebt wird.

Das hat mit Gott selbst zu tun. Doch es ist eine Predigt an anderer Stelle wert, diese Beziehung zwischen Vater und Sohn eben im verbindenden Sinne durch den Heiligen Geist zu beschreiben, diesen Geist der Einheit, der erst ausmacht, was wir Gott nennen. Hier soll nur eben das festgehalten werden, dass die Dreieinigkeit selbst wesentlich in Frieden gelebte Gemeinschaft ist; dass sie wesentlich Beziehung ist!

Friede also ist ein Kind gelingenden Miteinanders. Und nach solchem Frieden hatte Gisela von Anfang an Sehnsucht.

Vier Jahre, nachdem Gisela Heise am 27.06.1935 in Niddawitzhausen geborgen wurde, so denken Sie vielleicht, brach jener Weltenbrand aus, der soviel Grauen brachte. Gisela selbst erzählte später von diesem Grauen, von den Fliegerangriffen und jenem Nachbarmädchen, denen die Bombensplitter in den kleinen Leib fuhren, so dass sie sie ganz in Giselas Nähe töteten.

Doch es ist eigentlich nicht jener äußere Unfriede, der ihre Sehnsucht nach Frieden entfachte. Denn die Unruhe in ihrer Seele entstand durch die wiederholte Unzufriedenheit des strengen Vaters mit ihr und den Streit, den sie im Elternhaus erlebte. Eine Störung, die über den Krieg hinaus spürbar blieb, weil sie ihre ursprüngliche Familienbeziehung betraf und sich auch erstreckte auf die zwischen Gisela und ihren jüngeren Geschwistern, für die sie allein und viel zu früh die volle Verantwortung aufgebürdet bekam. Die Eltern waren abwesend und sie mit ihren acht oder zehn Jahren die älteste im Haus.

Sie war ein intelligentes und vor allem sensibles Kind.

Und so hatte sie früh den Sinn für Stimmungen entwickelt. Hatte immer ein Ohr für den Ton von Gesprächen. Konnte es nicht ertragen, wenn heftig diskutiert wurde, weil sie es für Streit hielt, auch wenn gar keine persönliche Betroffenheit bei den Diskutanten mitspielte.

So stark waren diese Prägungen aus äußerem Krieg und strittigem Elternhaus, dass es für sie zu einem hoch gehängten Wert wurde: Friede möge doch einkehren und herrschen, Friede möge doch bitte gegeben werden.

Friedvolle und verbindliche Sicherheit kam mit dem Ja-Wort der Eheleute. Denn als Nikolaus Kuhn ihr die Ehe versprach, begann eine Zeit der Verlässlichkeit und lebenslanger Fürsorge. Aber Friede und Einvernehmen waren damit nicht automatisch gegeben, denn die Schwiegermutter war durchaus nicht mit einer evangelischen Schwiegertochter einverstanden, später auch nicht glücklich mit evangelischen Enkelkindern. Doch das „trotzdem“ des Ehemannes war ihr ein Bollwerk, auf das sie sich stützen konnte. Und über die Jahre wurde sie dann doch zur besten Schwiegertochter der Welt.

1960 wurde Uwe noch in Düsseldorf geboren, wo Klaus eine kurze Zeit beschäftigt war;

1962 folgte Martin. Das war bereits in Kreuzthal bei Siegen;

1964 erblickte Andrea dort das Licht der Welt;

und 1968 machte Christina den Kindersegen komplett.

12 Jahre später zog die Familie nach Ensch. Ein Haus mit Weinberg lockte und veränderte, bestimmte das Leben der Familie. Gisela und Klaus waren Wingertneulinge, und es waren Nachbarn wie Hedwig und Jupp, die den beiden zeigten, wie man bindet und schneidet. Mit den Reben entstanden Freundschaften. Die Trauben schenkten, was sie gern schenken, Gemeinschaft und einen guten Geist. Rückblickend bekannten die Eheleute, dass es vielleicht die glücklichsten Jahre waren.

Gisela arbeitete viel in dieser Zeit, neben dem Haushalt und dem Weinberg war noch eine Ferienwohnung zu versorgen. Sie stärkte ihrem Mann den Rücken, der neben seiner Arbeit bei der Bundespolizei, dem Feierabendbetrieb auch in Sachen Fremden-Verkehrs-Verein sehr aktiv war. Gisela war eine Freundin des kleinen Brückenschlags, sie hatte ein Ohr für jedermann. Sie war aufmerksam und machte kleine Geschenke. Das honorierten die Menschen.

Doch ihre Sensibilität in Sachen Beziehungen schenkte ihr nicht nur die Gabe der Empathie. Sie wurde oft in Anspruch genommen. Darum kostete sie diese ihre gute Seite auch viel innerer Kraft. Eventuell zu viel. Es wurde ihr zu viel. Sie wurde darüber körperlich krank. Erst ein lahmer Arm, dann Parkinson. Immer noch sagte sie „Ich würde ja gern helfen, aber ich kann nicht mehr“, gewann sie die Einsicht in die nachlassenden Kräfte. Auch hier war es ein schwerer Weg, mit dem Eingeständnis des Unvermögens den Frieden zu finden. Den Frieden mit sich selbst und mit dem Miteinander der anderen zu finden.

„Für was Gutes ist es nie zu spät“, war ihr eine Maßstab gebende Weisheit. Sie setzte auf die späte Initiative und das gute Ende. So hoffte sie. In diesem Sinne betete sie.

Und so wurde sie zum guten Geist des Familienfriedens.

Gerade in ihrer Angewiesenheit und Ohnmacht führte sie die Ihren zusammen. Dieses Gelingen ein Geschenk, das ihr Leben rund machte.

Am Ende wurde ihr Vollendung zuteil. Eine wunderbare Erfüllung der Verheißung Jesu, die sich genau auf ihr Lebensrund reimte.

Und ich bin mir gewiss, dass sie das Friedensversprechen Jesu und dessen Einlösung in ihrem Leben in Ewigkeit nun vor Augen hat.

Sie, die seit den Tagen ihrer Kindheit von der Hoffnung auf Frieden und von der Sehnsucht nach gelingendem versöhnlichen Miteinander geprägt war wie kaum ein anderer, sie darf nun erleben, was dieser himmlische Friede im Sinne des Heiligen Geistes wahrhaft bedeutet und mit sich bringt. Sie erfährt nun, wie es sich im Lichte von Gottes Liebe lebt.