Humor und großes Herz

Traueransprache für Rolf Meurer

über die dritte Strophe des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“

von Matthias Claudius

Ettringen (Eifel) 20.03.2020

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen/ 

und ist doch rund und schön./ So sind wohl manche Sachen, 

die wir getrost belachen, / weil unsre Augen sie nicht sehen

eg 482

Sein und Scheinen,

Wissen und Wahrheit,

Vorurteile und Vernunft,

Matthias Claudius besingt die Zwiegespaltenheit unserer Wahrnehmung, unser Angewiesensein auf Wahrheit, er tut dies mit den Augen der Romantik, ein gefühlvoller Realist, der uns damit ein Bild von uns selbst vorlegt, ein Bild des Menschen mit Hilfe biedermeiernder Himmelslogik. Unser Wesen, nie einfältig, immer vielschichtig, widersprüchlich, oft zwischen mehrere Pole ausgespannt.

Im individuellen Leben sind dann unsere speziellen Prägungen, Wesenszüge, die uns einmalig machen, genau die Antworten auf die Grundkonstanten von Angst und Vertrauen. 

Bei Rolf fallen mir dazu beispielhaft seine Akkuratesse und sein Humor ein. Akzente im weiten Spannungsbogen einer vielfältigen Persönlichkeit. Akkuratesse ist dabei der Cantus firmus unter der Melodie seines beruflichen Erfolges, aber bildet auch die strenge Erziehung ab, die ihn prägte und zu dem machte, was er wurde. Beide Eltern waren Kinder der Kaiserzeit mit ihrer schwarzen Pädagogik und ihrem patriotischen Drill.

„Wenn du nicht lernen willst, dann nimm die Schaufel.“, legte ihm der Vater als prinzipielle Alternative vor: Arbeiter oder Akademiker.

Weniger mit preußischer Disziplin und Pedanterie, mehr subtil und im Gewand mütterlicher Zugewandtheit prägte dessen Frau ihn: legte auf ihn die Bürde des einzigen Sohnes, das Bewusstsein der Verantwortung.

Dieser Blick in seine Herkunft erklärt sein Gewordensein, erklärt, warum er in Schule und Büro die Stifte korrekt parallel legte und ausrichtete, macht deutlich, warum er durch fleißige Vorbereitung meinte, sich vor unliebsamer Überraschung schützen zu können, schenkt Einsicht in die Hintergründe seiner Abneigung allem Unvorhergesehenen, Liederlichen, Unaufgeräumten gegenüber. Klebrige Essensreste an den Fingern waren ihm ein Gräuel. Kurz: das Diktat der Eltern machten aus ihm später den Vater, der auf den Spielplatz seiner Kinder in Krawatte ging.

Rolf war kein Mensch, der gegen den Strom schwamm, nie der geborene Rebell, er teilte die Normen und Tugendvorstellungen der Gesellschaft, schätzte die ordnende Kraft der Verwaltung, stellte sich erfolgreich mit seiner guten Ausbildung als Bauingenieur, Mathematiker und Betriebswirt und mit seinen Begabungen in den Dienst des Wasserwirtschaftsamtes (1959 – 1974) und dann ab 1974 für den Rest seines Berufslebens in den der Bezirksregierung Trier. Dort bekleidete er erfolgreich den Posten eines Abteilungsdirektors.

Ein Zeitgenosse nennt ihn zielstrebig und genau, schätzt und kennt ihn als von „konzilianter Energie“, „immer habe ein freundliches Lächeln seine Mundwinkel auch in angespannter Situation umspielt“.

Mit dieser Wahrnehmung zeigt ein weiterer ganz wesentlicher Zug von Rolf Meurer Gesicht. Seine frohe Natur und sein schalkiger Humor. Letzterer konnte auch im Gewand von spitzen Bemerkungen daher kommen, wenn er zum Beispiel nach geduldigem Zuhören vom Kopf des Tisches Geistreiches ins Gespräch warf. Meist aber war sein Humor von auflockernder Fröhlichkeit. Er liebte den Witz. Er schätzte ihn in seiner doppelten Bedeutung von findigem Geist und guter Pointe. 

Nicht zuletzt darum war er ein gern gesehener Gast und seinerseits ein spendabler Gastgeber. Er liebte Gesellschaft und Gesellschaften und verstand sich aufs fare una bella figura. Er maß sich gern intellektuell und bereicherte das Gespräch. Aber er konnte auch aus der Haut fahren, wenn man seine Expertise in Frage stellte. 

Rolf Meurer war ein musischer Mensch und fühlte sich von der Lyrik ebenso angesprochen wie er sich selbst auf den Tasten des Klaviers auszudrücken verstand. Ein musikalischer Schöngeist und geselliger homme de lettres. 

Und sein Humor reichte vom trockenen Wortwitz bis zu ausgelassener Albernheit. Fern von mathematischer Korrektheit schlug hier die andere Seite seines Herzens. Sie konnte loslassen und locker feiern. Im Tennisclub, an der Bar, der der belebenden Gesellschaft von Freunden.

Auf diese helle Seite gehört auch der Menschenfreund, der offen und aufschließend auf jung und alt zuzugehen verstand. Dieser Wesensanteil zeigte sich zuerst in der Familie, aber dann unter Freunden und anerkannter Maßen  bei den Menschen die ihm beruflich anvertraut waren. Er ließ Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen krank feiern, wenn er wusste, dass diese Menschen in deren Familien dringend gebraucht wurden. Und umgekehrt dankten es diese ihm, schätzen sein inneres Führungsduo von vorbildlicher Disziplin und empathischer Menschlichkeit.

Rolf war allen Kindern liebevoll zugewandt. Die eigenen loben ihn dafür, dass er nach hartem Arbeitstag in der Bezirksregierung, nach zusätzlicher Sitzung des Arbeitskreises Landwirtschaft und Umwelt beispielsweise oder nach Teilnahme an der internationalen Kommission zum Schutz von Mosel und Saar, nach Tagung der Prüfungskommission, Zeit für ihre Anliegen hatte und Kräfte mobilisierte für ihre Förderung, das Abfragen von Hausaufgaben und das manchmal quälende Pauken für eine Klassenarbeit.

Der Blick auf ihn im Lichte des Mondes von Matthias Claudius lässt uns Rolf in seiner Bandbreite erkennen zwischen den anerzogenen Tugenden der Pünktlichkeit und der Genauigkeit einerseits, andererseits wird seine Würdigung erst voll, wenn wir auch den belesenen Musikliebhaber, den Menschenfreund, den von Lockerheit und Humor, den Liebhaber guten Lebens, den warmherzigen Menschen erkennen und würdigen. 

Sein eigener Blick hinauf auf den nächtlichen Mond ließ ihn auch Grübler sein, ließ ihn zum stillen homo religiosus werden, dem nachdenklichen, der zweifelnd und offen für die Wahrheit einer anderen Welt jenseits aller physikalischen und wasserwirtschaftlichen Wirklichkeit war. Der konfessionsmäßig liberal eingestellt war.

Ihm, dem in jener Welt Anfragenden, scheint nun der volle Mond, keine Schattenseiten bleiben. Das Licht von Gottes annehmender Liebe strahlt ihm entgegen und nimmt ihn auf in seinem Reich himmlischer Vollendung. Hier galt für Rolf das Gedicht von Hans Sahl; dort aber bleibt er als guter Gedanke Gottes in Ewigkeit:

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus

in eine Zukunft jenseits aller Sterne,

und was ich war und bin und immer bleiben werde,

geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,

als wär´ ich nie gewesen oder kaum.

Amen