Urgestein mit Blick über den Tellerrand

Traueransprache für Hildegard Zimmermann, geb. Jung

Wir verabschieden heute einen Menschen, der zu Ruwer dazugehört, der von jedem vor 1990-Geborenen gekannt und anerkannt wurde, der den Eindruck dieses Ortsteils mitbestimmt hat und der zum Kolorit des Ortes an Ruwer und Mosel durch die individuelle Persönlichkeit beigetragen hat. Das halbe Jahrhundert zwischen 1950 und der Jahrtausendwende hat hier vor Ort auch sein Gesicht durch das ihre erhalten.

Hildegard Zimmermann, geb. Jung gehört zu den anerkannten Unternehmerpersönlichkeiten, die kein Aufhebens von ihrer Besonderheit machen. Wohl, weil sie von Geburt an hineingewachsen war in die Selbstverständlichkeit des Familienbetriebes. Sie war sich gleichzeitig bewusst, dass sie vom Mythos umgeben war, die erste Evangelische in Ruwer gewesen zu sein. Doch das gehörte mehr in das Repertoire ihrer schnurrigen Geschichten. Tatsache war eben auch, dass bei der Fronleichnamsprozession vor der Apothekentür der Familie ein Altar aufgebaut war. Die Familie war also von Anfang an mit den örtlichen Traditionen vertraut – und sie war dadurch „eingebürgert“, wie ein Jahrgangsgenosse sagte. 

Und sicherlich ist eine Apotheke, die 70 Jahre in Familienhand ist, als ein erfolgreiches Unternehmen zu bezeichnen, doch diese Formalität ist Nebensache, angesichts der geschätzten Persönlichkeit von Hildegard.

In Trier am 05.07.1939 geboren wurde sie, weil die Mutter zwar eine Saarländerin war, Kleinblittersdorf war und blieb der Bezugspunkt der mütterlichen Linie und oft wurden dorthin noch Ausflüge gemacht, um die Verwandten zu  besuchen, doch Hildegards Vater war Trierer, darum kam es 1938 zu der beiden Ansiedlung in Ruwer. Und hier wurde im Jahr drauf Hildegard geboren und auf den Namen Hildegard Konstanze getauft.

Zwei Monate nach ihrer Geburt warf das Deutsche Reich die Fackel zum Weltenbrand über die polnischen Schlagbäume. Ein Ereignis, das der kleine Säugling weder mitbekam, noch von dessen Konsequenzen jemand am Paulinsufer eine Ahnung hatte. Die Angstzustände, die Hildegard in ihrem späteren Leben in Abständen zu schaffen machten, können ihre Initialzündung in den Nächten im Keller in der Rheinstraße gehabt haben. Es gab die dunkle Erinnerung an ein Kinderbettchen, das im Keller für sie im Falle eines Bombenangriffs bereit stand, und die Erinnerung an eine Szene auf der Straße, als Jagdflieger Ruwer überflogen und wahrscheinlich Gerta Zimmer es war, die das unbedachte Mädchen in einen Hauseingang zerrte.

Die tatsächlichen Toten, die Familie und das Vieh im oberen Paulinsgarten und die vielen toten Zivilisten und Soldaten, die im Stollen (kurz vorder ARAL) ihr Leben ließen, hat Hildegard selbst nicht gesehen. Aber die Angst wird sie gespürt haben und das Unvorhersehbare, das im Falle eines Falles zu befürchten war. Der Lärm der Detonationen auch, die in ihr junges Leben einbrachen, insbesondere des Angriffs Weihnachten 1944.

Hildegard blieb Einzelkind. Nach dem Krieg besuchte sie die Volksschule in der Rheinstraße und wurde als begabtes Kind aufs AVG nach Trier geschickt.

Vielen kennen sie aus der Schulzeit als das brave Mädchen, das des morgens mit im „Roten Elias“ fuhr. Ein Kind ohne Arg. Noch mehr aber erinnern sich die Kameraden an die lustige Jugendliche, die gern feierte.

Als sie das Studium der Pharmazie in Main aufnahm, starb ihr Vater Emil.  Emil, der im Ort bekannt für seine Marotte war, mit dem leeren Glas in den „schwarzen Raben“ gegenüber zu gehen, sich dieses füllen zu lassen, um im Anschluss das randvolle Glas mit ausgestrecktem Arm über die Straße zurück in die Apotheke zu „zelebrieren“.

Die Mutter, selbst Pharmazeutin, führte die Apotheke mit souveräner Hand. Viele Hände wurden gebraucht. Es gab Assistentinnen. Und Hildegard erinnerte sich, zu Fuß nach Trier gelaufen zu sein, um Substanzen für die Medizin abzuholen oder in die Zweigstellen nach Waldrach geschickt worden zu sein, um Medikamente auszuliefern.

Was sie vom Vorbild der Mutter auf jeden Fall lernte war deren fleißige Art, mit der sie Überblick behielt und alles im Griff hatte.

Es mag dieses mütterliche Vorbild gewesen sein, mit dem sie selbst später über das Lernen und Werden ihrer Kinder wachte. Denn eine Familie zu haben, war ihre größte Sehnsucht. Um über den Tellerrand des kleinen Ortes hinaus suchen zu können, annoncierte sie in der Apothekerzeitschrift. Und so wurden sie aufeinander aufmerksam und fanden einander 1974/75.

Im Jahr darauf wurde geheiratet und 1978 wurde Ihnen beiden der Sohn Christoph geschenkt. Übers Jahr darauf kam 1979 Andreas dazu. Und die Familie komplett machte 1984 Stephanie.

Hildegard widmete sich ganz den Kindern und ihrer Familie. Einerseits ermöglichte das ihre Mutter Käthe, die bis ins 78. Lebensjahr berufstätig bleib. Andererseits hatte Hildegard auch einen Apotheker geheiratet. Und diese Umstände ermöglichten es ihr, sich ganz ihren Lieben zu widmen.

Diese Konstellation führte zu der in einem Ort wie Ruwer typischen Kategorisierung, dass der Apotheker lange „Hildegard Jungs ihr Mann“ blieb.

So dorftypisch das einerseits sein mag. Die Erfindung des Begriffs wirft ein eindeutig anerkennendes Licht auf Hildegard selbst, die als Schlüsselgestein in der Bevölkerung durch diese Begrifflichkeit geadelt wird.

Hintergrund ist nicht nur das Fleißerbe ihrer Mutter, die Bedeutung, die eine Apotheke für Ruwer hatte, sondern die umgängliche Persönlichkeit von Hildegard. Sie hatte eine entgegenkommende Art, einen extrovertierten Sinn für die Menschen, die sie umgaben, sie war offen und ansprechbar. Die Menschen schätzten und honorierten es, das sie fürs Gespräch mit ihnen zu haben war.

Die Familien Jung und Zimmermann führten ein offenes, integrierendes Haus. Nicht nur die Mutter Käthe lebte mit unter dem einen Dach. Die Helferinnen waren oft zu Gast. Und es gab das Faktotum Hilde Badem, die mit zur Familie gehörte. 

Eine ganz wichtige Person im Gravitationsfeld der Familie war Gerta Zimmer. Sie hatte schon Hildegard gewickelt als diese noch Säugling war und später war sie Hand als deren Tochter Stephanie gewickelt und großgezogen werden wollte. Gerta saß mit der Familie unterm Weihnachtsbaum und Gerta fehlte bei keinem der wichtigen Feste.

Dieses Verwobensein mit den Menschen vor Ort war Hildegard eine Selbstverständlichkeit und Stütze gleichermaßen. Deren Bereitschaft hielt ihr den Rücken frei, sich um die Kinder zu kümmern. Und das tat sie mit Erfülltheit. Sie kochte dem Erstgeborenen sein Lieblingsesse, sie war es, die die Vokabeln abhörte, die hinter den schulischen Leistungen der Kinder her war, denn Fleiß und der Ehrgeiz für gute Ergebnisse waren ihr selbst mit auf den Weg gegeben worden. Entsprechend anerkennend freute sie sich über gute Noten, was das seine zum Fleiß der Kinder beitrug.

Sie war aber auch eine fürsorglich nachfragende Mutter. Und in gewisser Weise das Urbild dessen, was wir heute eine Helikoptermutter nennen, also ein Elternteil, der die Kinder zu jeder Schul-, Tanz- oder Sportveranstaltung in die Stadt fährt und sie wieder abholt.

Wir können uns die Krise vorstellen, die eintrat, als das jüngste Kind ausgezogen war, als die vertraute Tages- und Versorgungsstruktur sinnlos geworden war.

Sie horchte vermehrt in sich hinein. Ihrer Arthrose gab sie den unvermeidlichen Raum. Sie nahm an äußerer Unbeweglichkeit zu. Und die innere wurde fixiert von den immer wieder auftauchenden Ängsten.

Hildegard verließ das Haus immer seltener. Seit 2012 kam der Pflegedienst ins Haus. Die Telefonnummern, die sie wählte, waren irgendwann nicht mehr angeschlossen. Dazu gehörte die von Gerta Zimmer, die 2017 verstorben ist.

Im Mai 2018 war Hildegard dann in Reinsfeld mit ständiger Betreuung besser untergebracht.

Mit dorthin genommen hat sie Fähigkeit Klavier zu spielen, die sie vor wenigen Jahren wiederentdeckt hatte. Einmal mehr und für sie ganz typisch sammelte sie die Menschen um sich, denen sie nach wie vor Positives zu geben verstand.

Aber Anfang dieses Jahres wurde sie dann bettlägerig. Und nun ist sie eingegangen in die Versammlung, die vor Gott spielt. In seinem letzten Buch (Ufergedanken) schreibt der Theologe Jörg Zink „Mit dem Finger schreiben wir unsere Namen in die letzte verlaufende Welle und sehen: es bleibt keine Spur. Wozu auch? Gott hat Deinen und meinen Namen auf seiner Flöte gespielt, und in ihm werden sie verklingen und neu aufblühen in einer anderen Melodie; das heißt: sie werden bewahrt sein in der großen himmlischen Musik.

Amen.