Queen Mum

Traueransprache über Ps 107, 6. + 7.

für

Christel Kettig

am 23. Januar 2020 in Grünhaus

Die zum Herrn riefen in ihrer Bedrängnis, die befreite er aus ihrer Angst, und er führte sie den richtigen Weg, dorthin, wo sie gut leben konnten.

Im Rückblick versteht der Mensch oft, sieht die gute Führung und erkennt die Zusammenhänge. Im Vorfeld zu wissen, was falsch und was richtig ist, das ist eine Herausforderung.

Herausgefordert war auch Christel Schonebohm. Früh schon, denn sie war die älteste der drei Geschwister und darum seit Kindesbeinen mit der Verantwortung für die jüngeren betraut. Das ist ein Teil der grundlegenden Erfahrung, die sie prägte. Verantwortung zu übernehmen und anzusagen, wo es lang geht. Es kommen einige Faktoren zusammen, die ihren Anteil beigesteuert haben zu einem Charakter, der schon in jungen Jahren ein Bild klares davon hatte, wie etwas richtig gemacht wird und wie man es nicht zu machen habe. Denn auch ihr selbst gab Sicherheit die Bestimmtheit, dass eine Sache so und nicht anders richtig sei. Für sie war eine solche Positionierung gleichsam wie ein Geländer am schwierigen Weg der Möglichkeiten. Eine Orientierung, die ihr im Ton der Zeit schon im Elternhaus mit auf den Weg gegeben wurde. Da gab es kein Dazwischen, kein grau, nichts, über das man hätte debattieren können.

Vorschnell wäre ihr gegenüber aber eine Kategorisierung als typisch westfälischer Dickschädel, denn genetisch stammte nur die väterliche Linie aus Westfalen, die mütterliche aus Schwaben. In dieser Mischung lebten die Eltern seit einer Generation als Bauern in Posen. Rein geografisch ist sie gebürtig in dieser fruchtbaren Ebene zwischen Bromberg und Breslau. Blumenau, der Ort ihrer Kindheit, wurde von ihr stets als Hort der Glückseligkeit beschrieben.

„Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude,

ich erwachte und sah es ist Pflicht.

Ich handelte und siehe,

die Pflicht war Freude“

Diese Weisheit Rabindranath Tagores setzte Christel wie eine Maxime über ihre früh gewonnene Einstellung. Sie zitierte den Dichter oft und schrieb mit dem Zitat gleichsam eine Überschrift über ihre eigene Haltung.

Kein Wunder also, dass zunächst ihre eigene Tochter streng in das Regelwerk der deutschen Orthographie eingewiesen wurde, später ihre Enkelin Friederike beim Lernen vom Takt der großmütterlichen Vorgaben profitierten. „Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen“, hieß es. Und umgesetzt wurde der Bogen von Anspannung und Entspannung, von Arbeit und Belohnung, in dem die Hausaufgaben und Klavierstunden betreuende Großmutter kochte, buk und die entspannende Teestunde nach dem Abfragen der Vokabeln zelebrierte.

Doch das war alles viel später, jüngste Vergangenheit sozusagen. Denn vergessen wir nicht, Christel ist der Zeuge eines ganzen Jahrhunderts. In der Weimarer Republik geboren. Im Takt des Gleichschritts von Soldatenstiefeln zur Schule gegangen. Gelitten unter dem Krieg und seinen Folgen. Christels Vater wurde eingezogen, der Bruder geriet in russische Kriegsgefangenschaft, die Schwester litt und wurde krank. Die Familie verlor die Heimat. Und es gehört zu Christels traumatischen Stunden, was sie nach der ersten Fluchtetappe in der untergehenden Reichshauptstadt erlebte. Von den Eindrücken der bombardierten Stadt, brennender Menschen erholte sie sich auf dem Gut von Frau Melchian, nur, um sodann vor der russischen Besatzung zu Verwandten ihres Vaters nach Porta zu flüchten.

Tatsächlich führte Gott sie nach Barkhausen, wo sie 1951 in den Hafen der Ehe einlief, wo den Eheleuten 1959 die Tochter Kerstin geschenkt wurde, wo 1964 ein eigenes Haus bezogen werden konnte, wo sie mit ihrer Kochkunst ihre Lieben verwöhnte, wo sie intensiv beim Schützenfest mitfeierte, wo die Familie zwischen 1964 bis ins Jahr der Jahrtausendwende in der Jägerstraße ihren Mittelpunkt hatte.

Auch hier wieder die Freude an der Selbstbestimmtheit. Eine Vereinsmitgliedschaft kam nicht in Frage, denn sie wollte ihr eigener Herr bleiben.

Als 1987 ihre Mutter starb, war es so, als ob nun Christel an den Platz ihrer „Queen Mum“ aufrückte.

Hut ab also vor der Entscheidung, einen Menschen mit einem solch eigenen Kopf ins Haus auf zu nehmen. Zumal es anders kam, als gedacht, denn Christels Mann verstarb leider schon nach einem Jahr hier in der neuen Heimat an Ruwer und Mosel.

Für sie selbst bewährte sich dann aber einmal mehr, dass sie sich stützte auf Disziplin im Umgang mit Unwägbarkeiten und Trauer. Schnell hatte sie neue Aufgaben gefunden, angefangen bei der Versorgung der Enkeltochter bis hin zum Garten. Der gedieh unter ihrer Wachstumsaufsicht, denn sie widmete sich täglich zwei Stunden den Blumen und dem Rasen. Stunden, die ihr gesundheitlich sehr zugute kamen, brachten sie doch Bewegung und Sinn mit sich.

Disziplin bewies sie auch in Sachen Ernährung. Sie achtete auf die Kalorien legte Wert auf die äußere Erscheinung. Grande Dame ganz bei den entsprechenden Anlässen.

Alles Dinge, die ihren Genen die Chance gaben, ihr volles Potential zu entwickeln. „Das Leben währet siebzig, wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre“, heißt es im Psalter. Ihr waren – es fehlt nicht viel – fast einhundert vergönnt. Ein Geschenk, zumal sie so gesund blieb, dass sie bis vor drei Jahren die Wachstumsaufsicht im Garten führen konnte.

Dann begann die Zeit, wo Kinder und Enkel ihr von der Liebe zurückgeben konnten, die sie durch sie empfangen hatten.

Vertreten auch durch Frau Breit, die ihr zu einer geschätzten Gesprächspartnerin und Vertrauten geworden war.

Aufzuzählen sind die Gespräche und Fahrdienste der Kinder Apotheke, Arzt, Einkauf; besonders erwähnenswert scheint mir auch das halbe Jahr, in dem ihr Schwiegersohn sich intensiv um sie kümmern konnte, eine Zeit, die die Beziehung der beiden bereicherte.

Fast achtundneunzig Erdenjahre, die Zeugnis von einer guten Wegweisung ablegen. Nicht überhört haben wir dabei alle, dass Christel ein Mensch war, der selbst gern die Führung inne hatte, im Besitz der Wahrheit auftrat. Sie ist damit nicht schlecht gefahren, zumal sie sich nicht scheute, ihre Position im Streitgespräch intensiv zu verteidigen. Nach solcherlei Auseinandersetzungen pflegte sie zu resümieren: „Wir haben uns doch wunderbar unterhalten“.

Nun sagen wir „Danke“ für dieses Leben. Es liegt mit seinen Licht- und Schattenseiten vor Gott wie ein offenes Buch. In sein Buch des Lebens sind ihre Jahre eingeschrieben. Und vor ihm, dem Unsterblichen, wird sie lebendig bleiben. Denn jeder Mensch ist ein guter Gedanke Gottes.

Geben wir Christel heute ihrem himmlischen Wegweiser und Schöpfer zurück.

Amen