Sprachlosigkeit als Krankheitsursache

Über die Perikope zur Jahreslosung (Mk 9) 2020

Als sie (vom Berg der Verklärung) zu den Jüngern zurückkamen, sahen sie diese inmitten einer großen Menschenmenge, von Schriftgelehrten in ein Streitgespräch verwickelt. 15 Die Volksmenge erkannte ihn sofort und wurde ganz aufgeregt. Die Leute liefen zu ihm hin und hießen ihn willkommen. 16 Und er fragte sie: »Worüber hattet ihr Streit mit meinen Jüngern?«

17 Ein Mann aus der Volksmenge antwortete: »Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem bösen Geist besessen, der ihn der Sprache beraubt hat. 18 Wenn der Geist ihn packt, wirft er ihn zu Boden. Er bekommt Schaum vor den Mund, knirscht mit den Zähnen und sein ganzer Körper verkrampft sich. Ich habe deine Jünger gebeten,  dass sie den Geist austreiben – aber sie konnten es nicht.« 19 Da antwortete er ihnen: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!« 20 Und sie brachten den Jungen zu Jesus. Sobald der Geist Jesus sah, schüttelte er den Jungen durch heftige Krämpfe. Er fiel zu Boden, wälzte sich hin und her und bekam Schaum vor den Mund. 21 Da fragte Jesus den Vater: »Wie lange hat er das schon?« Er antwortete: »Von klein auf. 22 Der böse Geist hat ihn auch schon oft ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du kannst, dann hilf uns! Hab doch Erbarmen mit uns!« 23 Jesus sagte: »Was heißt hier: ›Wenn du kannst‹? – Wer glaubt, kann alles!« 24 Da schrie der Vater des Jungen auf: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben.« 25 Immer mehr Menschen kamen zu der Volksmenge.  Als Jesus das sah, gebot er dem unreinen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlasse den Jungen und kehre nie wieder in ihn zurück!« 26 Da schrie der Geist auf und schüttelte den Jungen durch Krämpfe hin und her. Dann verließ er ihn. Der Junge lag da wie tot. Schon sagten viele: »Er ist tot.« 27 Aber Jesus nahm seine Hand und zog den Jungen hoch. Da stand er auf.

28 Dann gingen Jesus und seine Jünger nach Hause. Als sie allein waren, fragten die Jünger ihn: »Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?« 29 Er antwortete ihnen: »(Krankheiten) dieser Art können nur durch das Gebet ausgetrieben werden.«

„Hast du deine Mathearbeit gut vorbereitet?“, fragt der Vater seine Tochter. „Ich glaube, bei der Mathearbeit hilft nur noch beten“, antwortet diese. „Meine Liebe,“ darauf der Vater „da hast du etwas missverstanden. Beten ist nicht für die Wunscherfüllung da. Es dient dazu, eine andere Haltung zu gewinnen. Aber für deinen Fall hat der liebe Gott die Arbeit erfunden!“

Um das Verhältnis von Glauben und eigner Verantwortung geht es. Um Selbstvertrauen und die richtige Einstellung zu eigener Ohnmacht. Es geht um das Vertrauen in Gott, seine Führung und die Kraft, das eigene Schicksal anzunehmen, auch wenn es nicht unseren Wünschen entspricht. Wie oft rufen wir angesichts eines Schicksalsschlages in ungeeigneter Weise nach Gott!

Statt „Richte Du es, lieber Gott, verändere die Wirklichkeit zu meinen Gunsten; hol mich hier raus“ sollten wir darum bitten, unser Schicksal annehmen zu können.

Menschen in ihrer Not greifen nach jedem Strohhalm. Sie benötigen eigentlich den Glauben von Jesus, aber angesichts seiner Jünger und Nachläufer sind sie der Ansicht, auch diese vermöchten all das, was der Meister kann. Sie suchen die Lösung außerhalb ihrer selbst.

Im übertragenen Sinne stellt die Erzählung eine Frage an Jesu Nachfolger, also an die Kirche! Kann sie den ersetzen, den sie auf Erden vertritt? Und wenn Ja wie? An späterer Stelle fragen die Jünger ihren Meister, warum sie versagt haben, und er wird ihnen antworten, dass im vorliegen Fall nur Beten hülfe, also eine spirituelle Einkehr am Muster von Jesu Gebet in Gethsemane „Herr, nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner!“ Diese Bitte macht deutlich, dass der Mensch sich durch Beten in heilsamer Weise selbst los wird.

Dass er ein neues Selbstverhältnis oder ein neues Verhältnis zu den Umständen findet, die ihn haben beten lassen.

Jesus öffnet den Jüngern die Augen dafür, dass der Vater durch Reflexion seiner Haltung, eben durch Beten, schon früher und durch sich selbst hätte hilfreich werden können.

Wir staunen zunächst einmal, dass der betroffene Vater noch Hoffnung hat. Von Kindesbeinen an leidet sein Sohn unter einer Krampfkrankheit, die genau beschrieben wird. Es ist nicht wichtig, dass wir ihr eine Diagnose, einen Namen als Überschrift geben. Denn die Erscheinung der Krankheit ist nur das Symptom einer Befindlichkeit, die auch als Folge des Verlusts der Sprachfähigkeit beschreiben wird. Das erste Wunder ist also zunächst, dass der Vater nicht allen Glauben verloren hat und schimpft, mit solch einem Gott, der das zulässt, der uns das antut, will ich nichts zu tun haben!

Insofern frappiert die Aussage Jesu an den Vater „Wer glaubt, vermag alles“, denn der Vater mag Jesu Worte mit dem Ohr gehört haben: weil sein Glaube nicht stark genug gewesen sei, hätte der Sohn bisher nicht gesund werden können. Das hat den Geschmack einer Schuldzuweisung.

Und der Vater zieht sich genau den Schuh an! Er bittet darum, dass seiner falschen Einstellung, seinem Unglauben abgeholfen werde.

Wir erkennen hinter der Liebe des gebeutelten Vaters zu seinem Kind seine eigene Unfähigkeit, den Jungen so anzunehmen wie er ist.

Gleichzeitig wissen wir, das das Verhalten, die Haltung der Eltern entscheidend für das Wohl und die Entwicklung des Kindes ist.

Dieser Vater aber ist gefangen im Widerspruch zwischen Fürsorge und Ohnmacht. Die Szene wird beschrieben als eine, die ein jahrelanges Vorspiel hat. So stellt es Jesu nachfragende Anamnese deutlich heraus. Es mag den Vater überfordert und an die äußersten Enden seines Gefühlslebens geführt haben, wenn er zwischen Hoffnung und Niedergeschlagenheit hin und her gerissen wurde. Die Krankheit des Sohnes drückt dieses Gebeuteltsein bildhaft aus. Es besteht offensichtlich eine symbiotische Verbundenheit zwischen der Haltung des Vaters und dem Krankheitsbild des Sohnes.

Jesu Nachfrage erhellt, dass der Vater seinen Sohn unter der Bedingung liebt, dass er gesund wird. Das mag uns normal erscheinen. Aber es ist genau diese krankmachende Ambivalenz der Haltung des Vaters, die Jesus barsch zurück weist. Er, Jesus, will nicht der sein, an dem man glaubt, der letzte Strohhalm, der Wundermann, dem gelingt, was andere nicht vermögen. Nein, Jesus weist die Einstellung zurück, dass er Kraft seiner Person als Mensch etwas könne, was andere nicht könnten. Im Gegenteil sagt er: dem Glaubenden ist alles möglich! Und er meint damit jeden, besonders hier den Vater und dessen verständliche aber in Sachen erlösende Heilung kontraproduktive Haltung. Denn es komme, so betont Jesus, auf ein solches Vertrauen an, das einer von Gott her jeder Form der menschlichen Not entgegen bringt. Ein Vertrauen, das sich selbst zurück nimmt, eines, das sich in Gott und seiner Führung geborgen weiß und seine eigenen Aufgaben anzunehmen versteht.

So lernt der Vater durch die Antwort, dass sein Sohn durch eine neu zu gewinnende väterliche Einstellung genesen wird. Die Zuversicht des Vaters heilt den Sohn.

Denn dieses Kind hatte von frühauf erlebt, dass es im Mittelpunkt der elterlichen Sorge und Aufmerksamkeit stand. Dass es den Eltern gut ging, wenn es ihm gut ging, und dass sie in Entsetzen aufgelöst waren, wenn es ihm schlecht ging. An ihm lag es, ob die Eltern aufatmeten oder in Verzweiflung erstarrten. Der Junge wird sich unter großen Druck gesetzt haben – ähnlich den Scheidungskindern, die häufig meinen, Schuld am Zerwürfnis der Eltern zu sein. Der Knabe wird sich verantwortlich gefühlt haben für das Ergehen seiner Eltern. Ein Druck, der nun wirklich kontraproduktiv im Umgang mit einem Anfallsleiden wirkt.

Auch Vermeidungsdruck ist Druck.

Und zu recht nennen wir es bis heute einen Teufelskreis, wenn ein Kind seine Eltern hilflos erlebt, wo es doch gerade sie als seine wichtigste Stütze stark und ausgeglichen haben möchte. Dieser Kreis bleibt unaufgebrochen, solange beide Seiten nicht über ihre Sicht reden. Dem Sohn jedenfalls war die Sprache, die Fähigkeit abhanden gekommen, über seine Sicht der Dinge zu sprechen. Er konnte sich nur noch körperlich ausdrücken.

„Du sprachloser, stummer Geist, ich gebiete dir: Fahre aus von ihm, und kehre nie wieder in ihn zurück!“, befiehlt Jesus. Das ist kein Zauberspruch, sondern der Mann aus Nazareth hat einen klaren Blick für die Ursachen der Krämpfe.

Aus dem Ackerboden der Erkenntnis eigenen Ungenügens – der Vater sieht seine falsche Haltung ein – erwachsen Zuversicht, Gottvertrauen. Und so geschieht es. Noch einmal schlaff wie ein Neugeborener beginnt der Sohn sein Leben in diesem Moment gleichsam ein zweites mal, nun genesen. Die Geschichte endet mit einer Zusammenfassung. Jesus zieht den Jungen hoch. Er hilft ihm eben im übertragenen Sinne auf die Beine. Nun kann er selbständig durchs Leben gehen. Wie aus einem bösen Traum erwacht, geht er in ein neues Leben. Eines, das nun unterstützt wird von der Zuversicht eines Vaters, der seinem Sohn genug zutraut und der sich selbst entspannt, weil er sein Schicksal – vielleicht durch Beten – angenommen hat. Eines, in dem beide Seiten nicht mehr stumm bleiben, sondern ihren Gefühlen auch in Worten Ausdruck geben können.

Dieser Vater wird schließlich als einer aus der Volksmenge beschrieben. Darum sind wir noch nicht fertig mit der Auslegung. Denn die Masse, die Gaffer haben immer noch die Haltung, die der Vater ehemals hatte. Eine krank machende Haltung. Denn diese anonyme Volksmenge steht für diejenigen Kräfte in uns, die alles immer schön, rite, korrekt, perfekt, vorschriftsgemäß, koscher oder ordentlich gemacht sehen möchten. Für die die Außendarstellung wichtiger ist als die Wahrheit. Die am Geländer ihrer Unsicherheit nach Sicherheiten schreien, die sie selbst nicht haben.

Insofern positioniert Markus dieses Ereignis bewusst nach Jesu Abstieg vom Berg der Verklärung. Jesus geht im zweiten Teil seines Evangeliums seinem Leiden entgegen. Seine Fragen „Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen?“ sind die nach unserer Eigenverantwortung und Selbständigkeit. Denn tatsächlich ist Jesu Aufseufzen hier der Wegweiser nach Golgatha und ans Kreuz. Die Saubermänner und Heilsverwalter sind es, die ihn dorthin bringen. Denn sie verstehen Jesu Ansatz als Gotteslästerung. Sie sind alle nicht anders als der Vater vor seiner Einsicht es war. Menschen, die nach dem starken Mann, der Hilfe von außen fragen und sich selbst nicht verändern wollen.

Wann also, liebe Gemeinde, werden wir endlich die Balance zwischen befreiender Selbstlosigkeit durch das rechte Gebet

und die moralische Eigenständigkeit haben, die Jesus uns vorlebt. Wann endlich werden der Vater im Himmel und der Sohn neben ihm uns nicht mehr als so selbstbezogen und gleichzeitig hilfesuchend ertragen müssen?

Amen.