STALLWACHE

Heilig Abend 2019

Themenpredigt:

Stallwache

Waren sie schon einmal in Rom? Und haben sie in den Katakomben das Symbol für Christus gesehen, das in den ersten Jahrhunderten geläufig war? Es mag erstaunen, dass das Kreuz für Jahrhunderte noch nicht das Zeichen der Christen war. Allerdings auch nicht die Krippe, wie jetzt der eine oder die andere spontan denken mag. Lange Zeit war es vor allem der „Gute Hirte“.

Dieser muskulöse junge Mann, mit Riemensandalen um die strammen Waden und Brottasche bewaffnet, das kleine Lamm sorgsam auf die breiten Schultern gebettet, galt neben dem Erkennungszeichen „Fisch“ als Heilssymbol. So finden wir diesen Hirten auch farbenfroh auf den Mosaiken in manch römischer Villa. Der gute Hirte war das Maß des guten Menschen.

Lediglich in der Zeit um die Entstehung der Weihnachtsgeschichte war das biblische Bild vom Hirten ein wenig mit Makeln befleckt. Damals war das Gewerbe irgendwie zeitweise in Verruf geraten. Das ist eine typische Folge der Verstädterung der Gesellschaft. Entweder idealisiert sie das Landleben – oder sie wendet sich naserümpfend und voller Vorurteile ab. 

Jahrtausende lang aber sieht die Bibel im Hirten ausschließlich Positives, ja die Qualifikation zum Hirtenamt geht Hand in Hand mit der zum Leiten und zu einer Initiative im Sinne Gottes. Abraham, Isaak, Jakob – die Stammväter waren Hirten, starke Männer. Wenn die Schrift den pastor bonus beschwört, weiß sie, wovon sie spricht: Räuber mussten abgewehrt, wilde Tiere vertrieben, Streitigkeiten am Brunnen ausgetragen werden – kein Job für Weicheier. Allein in der Nacht im Gegenüber mit einer zähnefletschenden Bedrohung erwies sich das Rückgrat solch eines Charaktertypen.

So ist im ganzen Orient und bis ins Griechenland Homers der gute Hirte (ὁ ποιμὴν ὁ καλός ) zum Bild des verantwortungsbewussten Herrschers geworden.

An seinem Gegenteil, dem schlechten Hirten, ist ersichtlich wie segensreich oder aber wie zerstörerisch die Tugenden oder Schwächen der Menschen im Hirtenamt sich auswirken. Und für diese sind wir seit wenigen Jahren besonders sensibel geworden. Wir messen die heutigen Hirten am Maß des römischen guten Hirten.

Vielleicht ist der in die Jahre gekommen? Auch Hirten werden älter. Was ist eigentlich dann, wenn solch ein Mensch alt und gebrechlich wird?

Der Hirte, dem die Traute unter dem Zahn der Zeit abhanden gekommen ist, der gichtige alte Schäfer, nachtblind geworden, heute soll genau er im Stall unser Augenzeuge sein.

Sie kennen den Begriff der „Stallwache“? Im Stall hat die aufbrechende Hirtenmannschaft den zurückgelassen, den sie auf der Weide am wenigsten gebrauchen konnte. Im Stall war der gut aufgehoben, der vielleicht eine Verwundung bei früheren Einsätzen davon getragen hatte, der hinkte, der auf Grund seines Alters nicht mehr so schnell, nicht mehr so nachtsichtig, nicht so geschickt mit dem Werfel oder der Steinschleuder war.

Stallwache, das war Degradierung, zweite Wahl.

In guter Gesellschaft mit ihm befinden sich hier all diejenigen, die um ihre Schwächen, ihre blinden Flecken, ihre ausgeprägte Individualität wissen und die es leid sind, am Maß des Modells und am Mut von Superman gemessen zu werden.

Recht haben sie. Und siehe da! Genau in diese Gesellschaft degradierter Tüchtiger, Zurückgelassener, Heimatloser, wunderlicher Sternengucker hinein ist Jesus geboren. Bzw. umgekehrt, jene fühlen sich zu ihm hingezogen, suchen jemanden wie ihn. 

Gott hat sich bewusst in die Mitte derer begeben, die nicht perfekt, nicht am Maß von Hollywood und Barbie geraten sind. Er sagt uns allen damit: so wie ihr seid, seid ihr genau richtig! In eurer Gesellschaft fühle ich mich angebracht. Mitten unter euch will ich groß werden und klar machen, was es heißt, Mensch in Gottes Nähe zu sein.

Anerkennung und Demonstration von Ohnmacht in einem. Denn diese Christgeburt in einer Familie ohne Bleibe, diese Geburt in der Abstellkammer besagt, dass Gott sich hilflos in die Hände von uns Menschen legt. Dass er sich dem Risiko aussetzt, in der Angewiesenheit eines Säuglings unter die Menschen zu geraten. In die Hände eben solcher, die nicht vollkommen sind.

Und warum setzt er sich dem aus?

Weil er so (!) das Beste aus uns Menschen herauslocken wird. Die Liebe nämlich, die annimmt, die gibt ohne zuerst an sich zu denken und die aufs Leben vorbereitet.

Die elterliche Liebe, die das Menschlein in all seiner Vorläufigkeit und Angewiesenheit satt an Leib und Seele macht. Die sich die Nächte um die Ohren schlägt, um jederzeit tröstend da zuzusprechen: ich bin für dich da. Die großelterliche Zuneigung, die den Überblick behält und die Entwicklung fördert, im hilfreichen Abstand zum klein-klein des Alltags hat, oder sich gerade im Engpass des Alltags hilfreich einbringt. Das Verständnis von Freunden, die einfach da sind, zuhören können.

Offensichtliche Angewiesenheit kann dies alles hervorbringen. Gott steht zu seiner Ohnmacht. Hier beginnt eigentlich erst die Wundergeschichte seiner Allmacht. Jesus jedenfalls wird sich in seinen 33 Erdenjahren immer wieder auf genau diese Gesichter der Liebe beziehen. Einer Liebe, die ein Auge für Schwäche hat. Er wird groß werden, weil er sie alle im Antlitz seines Vaters im Himmel erkennt, weil er diesen einen „lieben Vater“ nennt, der es gut mit den Kleinen meint, der uns im Sinne des 23. Psalms eben wie ein Hirte durch dick und dünn führen, begleiten wird.

Der Säugling dieser Nacht, dann im eigenen Herzen und auch sonst sichtbar erwachsen geworden, wird sich gerade den Marginalisierten zuwenden, eben solchen, die nicht genug Muttermilch bekommen haben. Solchen, deren Eltern nicht genug Liebe hatten, die nicht erwachsen geworden waren. Diese Menschen sind ihm von Anfang an nah. Er kennt ihr Seelenleben. Wenn Ängste überhand genommen haben und eine Eigendynamik entwickelten, die die Symptomträger haben blind, lahm, blutflüssig, hautkrank, schon wie tot mitten im Leben erscheinen lassen, und die unverständige Massenpsyche solche Bedrängten abgetan hat, sie seien von einem Dämon besessen, dann hat Jesus sein bestes gegeben, eben die liebevolle Zuwendung, in die er sich mit Haut und Haaren hineingegeben hat. Denn der Mann aus Nazareth wusste zuversichtlich: Genau solch eine intensive Zuwendung lässt uns Menschen gesund werden. Wessen Haut Kontaktscheu anzeigt, der konnte sich danach wieder vertrauensvoll anlehnen; wer vom Glanz des Geldes geblendet war, der wurde wieder sehend für das, was Leben wahrhaft ermöglicht; wer sich aufgegeben hatte, bekam wieder Lebensmut von ihm eingeblasen. Alle erfuhren, wie gut es tut, wenn sich jemand einlässt auf uns, auf unsere Besonderheiten, Schwächen, auf uns eben, wie wir sind.

So wird deutlich: er ist der Hirte im Stall. Er ist tatsächlich der Gute Hirte, den die Mosaiken und Bilder in den Katakomben zeigen. Er hält die Wacht in Bethlehem, wenn die Muttertiere bei den Milchlämmern im Stall bleiben, weil die Tage und Nächte auf der Trift noch zu anstrengend wären.

Insofern stellt diese Sicht auf das Geschehen der Heiligen Nacht eine kritische Anfrage an Karrieredenken und Leistungsgesellschaft, an das angeblich harte Leben draußen und die hochgelobte Bewährung dort dar; und lenkt den Blick auf die Tugenden, die uns wahrhaft leben lassen.

Stallwache scheint mir nun gar nicht mehr Inbegriff zweiter Klasse und Hort von Zurückgebliebenen zu sein. Sie wird zum ermutigenden Auftrag, wird Quellpunkt des Vertrauens, das wir ruhig Glauben nennen dürfen.; wird zu einer Initiative der Liebe inmitten einer liebeslahmen Welt.

Und erzählt die Bibel nicht genau davon, dass die Hirten draußen auf den Feldern, dort, wo die Härten der Welt sie fordern, von dieser guten Nachricht hören? Berichtet sie nicht, dass genau diese rauhbeinigen Kerle heimkommen an diesen Ort der Herzenswärme, dass sie hier weiche Knie, das eine oder andere feuchte Auge bekommen und dass sie vor allem ihre Herzen schlagen hören?

Sie gehen von nun an anders durch die Welt. Sie verlassen den Stall in einem neugewonnen Selbst-, Welt- und Gottesverhältnis. Etwas hochtrabend nennen wir so etwas Erleuchtung.

Einen Funken davon aber mag jede und jeder heute aus diesem Stall mit in sein Leben hinaus nehmen. In der Mitte des Stalles steht das Symbol dafür: das Licht. Es gibt Orientierung und hilft uns, auf dem rechten Weg zu bleiben.

Wie der Kienspan ehemaliger Stallromantik gibt es für jedes Haus eine Stalllaterne mitzunehmen. Es könnte die des armen arbeitsmüden Hirten sein, der in diesem Stall als Wächter zurückgelassen wurde. Nehmen Sie gleich am Ausgang eine solche Krippenlaterne mit zur Erinnerung an die Verheißung dieser Nacht. Stellen sie sie in ihrer Krippe auf. Aber packen sie sie keinesfalls beim Abbau derselben mit ein. Denn diese Laterne ist ein Licht auf den Wegen des Alltags. Nehmen sie sie mit in ihr Leben. Amen.