„Wachet auf“ ruft uns die Stimme

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“, so beginnt ein Kirchenlied. Im evangelischen Gesangbuch steht es unter der Liednummer 147. Der Strophentext geht so weiter „der Wächter sehr hoch auf der Zinne, wach auf, du Stadt Jerusalem!“

Nachtwächter sind etwas Romantisches. Wenn wir eine Stadtführung in Trier buchen, dann zeigt uns der Führer das Türmerzimmer. Hoch über dem Hauptmarkt hielt der Türmer Feuerwache, ein Ofen wärmte seinen Wachraum und um ihn herum führte eine Balustrade, von der er auf die Dächer der Stadt mit wachsamem Auge blickte. 

Heute überwachen Satelliten die feindlichen Militärbewegungen, Rauchmelder die Luft in Wohnhäusern und an der Haustür wacht eine Kamera und zeichnet alle Gästegesichter auf.

In früheren Zeiten riefen die Nachtwächter und Türmer nicht nur die Stunde aus, sie hatten auch nicht nur vor Unheil zu warnen, sie konnten auch Boten der Freude sein. „Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen“, zu Beginn der zweiten Strophe klärt auf, dass die Wächter Freudenbotschaften an die Stadtbewohner auszurichten hatten.

Der Liedtext nimmt eine Bildrede Jesu auf. Diese Bildrede von den fünf törichten und fünf klugen jungen Frauen haben wir eben gehört. Jesus bedient sich des Gleichnisses, um auf den unerwarteten Beginn der Endzeit hinzuweisen. Wir wissen nicht, wann es soweit ist.

Wir wissen nicht, wann es mit diesem Leben zu Ende ist und wir wissen nicht – und das ist hier das Entscheidende – wann es mit dem Reich Gottes beginnt.

Diese Trennung von Vorläufigkeit hier und dann der Vollendung in einer anderen Welt ist nicht Jesu gelebter und gepredigter Ansatz. Im Gegenteil, Jesus wird nicht müde, das „schon jetzt“ des Gottesreiches, sein Aufblitzen zwischen den Menschen hier und da zu betonen. Ist er nicht selbst das leuchtendste Beispiel für die Gegenwart Gottes unter den Menschen?

Jesus sagt ebenfalls: Wachet auf, aber im Sinne von „Mach die Augen auf!“ „Sieh hier und sieh da!“, ruft er die Wahrnehmbarkeit Gottes in unserer Gegenwart ins Bewusstsein. Nämlich immer dann, wenn es gelingt, im Sinne Gottes zu leben, dann ist sein Reich schon da: wenn Menschen sich verstehen, wenn die Liebe das letzte Wort hat, wenn vergeben wird, wenn Neuanfänge geschenkt werden, wenn Zuwendung gesund macht.

Das ist etwas anderes, als die Lampen blank und gefüllt zu halten gleichsam in soldatischer Bereitschaft für einen Tag X. So etwas ist ein mühseliges Geschäft und darüber könnte man tatsächlich müde werden. Und haben Menschen, die den Schein ihrer geputzten Lampen tagtäglich erneuern nicht auch etwas Zwanghaftes? Die Klugheit der Jungfrauen reimt sich auf ein Klosterleben, das sich ganz Gott gewidmet hat. Kirchliche Alltagsethik setzt andere Schwerpunkte. Gibt es denn nichts Wichtigeres zwischen den Menschen zu tun als Brennstoffvorräte zu horten und Geräte zu polieren?

Ja, das gibt es, wichtigeres! Die Ironie der Geschichte offenbart sie an ihrem Ende. Sie bürstet ihren tieferen Sinn dort gegen den Strich des als Warnung zu verstehenden ersten Teiles des Gleichnisses.

Die Zuspätkommenden bleiben draußen im Dunkeln. Der Gastgeber kann ihre Gesichter nicht erkennen. Er sagt: „Ich kenne euch nicht“.

Das ist es, liebe Hörerinnen und Hörer, worauf es ankommt: Gesicht zu zeigen, im Tagesgeschehen sich einzumischen, die Ethik der Entschiedenheit, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Hab Zeit für den Nächsten, biete dich an, schau, wo du gebraucht wirst. 

Da vernehme ich eher den Herzschlag Jesu in dieser Geschichte. Hier und heute gilt es. Nicht irgendwann.

Denn wer Gesicht zeigt, der wird auch am Gesicht erkannt. Zu dem spricht Gott: Dich kenne ich!