Wo warst du, als du nicht da warst?

Ansprache anlässlich Totensonntag über die Frage Hiobs:

Wo warst Du, als Du nicht da warst? Eine Frage an den Gott, von dem wir glauben, dass er immer und überall da sei. Allgegenwart ist in vielen christlichen Kirchen sein Namen. Lateinisch Ubiquität, gehört geradezu zu seinen Eigenschaften, die wir in einem Glaubensbekenntnis zuerkennen möchten, sie sind ein Edelstein im Gewand seiner Allmacht.

Wo warst Du, als Du nicht da warst?, erscheint uns auf den ersten Blick als eine absurde Frage. Ist also die weitere Beschäftigung mit ihr, ist eine mögliche Antwort auch absurd?

Oder liegt der Fehler in unseren Prämissen? Ist Gott vielleicht nicht allmächtig und darum auch nicht allgegenwärtig?

Denn ist es nicht so, dass er schon immer als parteiisch galt, sich auf die eine Seite gestellt hat, die der Unterdrückten, der Witwen und Waisen; dass er er Herz für Frauen, Hungrige, für Zöllner und Sünder und die Benachteiligten hatte? Sein Sohn erklärt die Einseitigkeit offensiv mit der Aussage, dass die Gesunden den Arzt nicht nötig hätten.

Könnte also die Antwort auf die Frage nach seinem Aufenthalt, nach dem wo warst Du? lauten: bei den anderen, bei denen, die mich nötig hatten?

Die Dringlichkeit der Frage wird in der Bibel auf den Punkt gebracht. Denn sie wird von einem gestellt, dem alles genommen wurde: Frau, Familie, Nachfahren, Besitz und Gesundheit. Hiob. Die Romanfigur aus der hebräischen Bibel, ein idealisierter Held, der gläubig bleibt trotz allen Leidens und der eben aus seiner Grube heraus und in Sack und Asche gekleidet schreit: Wo warst Du?

Hiob, Inbegriff des Leids, erlaubt jenseits seiner niemandem, Gott und sein Eingreifen noch nötiger zu haben als er selbst. Das verschärft unsere Frage.

Denn auch wir stellen sie, rufen sie heraus, wenn wir selbst in Not sind, uns das Wasser bis zum Hals steht, weil auch unser eigenes Leben sich dramatisch verändert hat, weil wir ein Kind, einen Partner verloren haben, weil wir Eltern zu Grabe zu tragen hatten, also die, die die ganze Zeit unseres Lebens an unserer Seite waren, denen wir so viel verdanken und mit denen wir vertraut waren.

Weil wir leiden und mit dem Verlust eines Teilstücks unseres Lebens nicht zurecht kommen, darum zitieren wir Hiob mit seiner Frage. Wir schreien wie die Kinder, die sich allein gelassen fühlen. Und da sollte Gott uns nicht hören? Der Immerda, der angeblich alles sieht, er hat eine Hörschwäche?

Kaum.

Aber ist es nicht zynisch, was an möglichen Antworten im Raum steht? Dass wir wachsen sollen dürfen an unseren Herausforderungen, denn der Mensch lernt bekanntlich unter Schmerzen. Dass wir schon verstehen werden, denn im Rückblick erkennen wir oft die gute Führung. Dass das eben unsere Natur sei, die wir auf dem Zeitstrahl nur in die eine Richtung gehen können, die, die wir Zeit nennen.

Zumindest stellen wir uns einen „lieben Gott“ anders vor, einfühlsamer, hellhöriger und mit klarem Blick für unser Befinden und vor allem einem warmem Herzen. Zugewandt wie Vater und Mutter in einem. So hat Jesus ihn erkannt. So hat er ihn genannt: Vater im Himmel. Und diese seine Entdeckung hat ihn groß gemacht. Und bis heute nennen wir uns christlich, weil wir uns in unserem Glauben an dieses Bild von Gott als einem Vater im Himmel anschließen.

Allein, dieser Vater im Himmel hat ein Problem mit der Macht. Denn entweder kann er alles, dann kann er bitte auch das Unglück in der Welt abstellen. Oder er will es nicht, dann wäre er nicht gut. Oder aber er ist eben nicht allmächtig. Und das, weil er auf einen Teil seiner Macht verzichtet hat.

Genau das glaube ich, dass er auf einen Teil seines Einflusses verzichtet hat. Denn es ist geradezu eine Definition seines Wesens, dass er teilt, dass er abgibt. Dass er sich mitteilt, menschliche Gemeinschaft sucht.

Darum hat er diesen Menschen, sein Gegenüber, willentlich mit der Freiheit beschenkt. Mit der Freiheit zur Entscheidung zwischen gut und böse.

Er hat damit dem Menschen mehr Verantwortung übertragen als wir bekanntlich zu tragen moralisch in der Lage sind.

Der liebe Gott kann also nur noch auf einer Seite stehen, der der Opfer unserer Macht und Willkür.

Es gibt eine Antwort auf die Frage, wo Gott gewesen ist. Es gibt die Antwort auf die Frage, wo Gott gewesen ist, als Jesus am Kreuz verreckte. Sie wird am besten erzählt in dem Bericht von Elie Wiesel aus dem KZ Auschwitz. einen minderjährigen Jungen hatte die SS gefasst als er Botschaften von Baracke zu Baracke schleuste. Nun mussten alle antreten und mitansehen, wie der Junge gehängt wurde. Der leichte Leib zappelte am Galgen. Und einer fragte „Wo ist nun Gott?“ Die Antwort aus der Menge frappiert. „Dort hängt er, dort in dem Gehängten ist Gott!“ sagte einer und deutete auf den Jungen.

Die christliche Antwort lautet dementsprechend: Gott ist in Jesus am Kreuz. Er ist es selbst, der da leidet, der auf sich nimmt, was Menschen einem Menschen antun.

Gott ist näher am Leidenden, als dieser bei sich selbst.

Die weihnachtliche Menschwerdung Gottes ist dagegen nur einen Verniedlichung dieser Identifikation, seiner Hingabe ins Menschsein, seines wörtlichen Mit-Leids und seiner Liebe.

Mag sein, dass wir, so gesehen, seine liebevolle Parteilichkeit mit anderen Augen sehen. Dass wir seine Nähe aus den liebevollen Worten anteilnehmender Freunde herausspüren können. Er war in den Herzen dieser Freunde. Er war in den Gebeten der Anteilnehmenden. Er war in den Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen die wir die lieben Verstorbenen haben loslassen können, die wir sie wohltuend gehen gelassen haben. Er war bei uns, als er uns mit neuer Freiheit beschenkt hat.

Denn, wenn wir eines von Jesus lernen dürfen, dann, dass Liebe wirkt!

Sie mag im politischen Bereich ohnmächtig wirken. Denn sie wirkt anders als die Welt wirkt. Denn ihre Werkzeuge sind Überzeugung und Nähe.

Die Antwort auf die Frage: Wo warst Du, als Du nicht da warst, lautet also: Ich war da, auch wenn du mich anders erhofft hattest; ich war aber und ich bin bei dir. Du kannst lernen, mich zu sehen. Auch wenn es dunkel ist. Wenn du, genau wie ich, ein Stück von dir, von deinen Erwartungen, deinen Stützen, deiner Macht abgibst. Wenn du dich frei machst und öffnest, dann wirst du gewiss sein, dass ich immer bei dir war.

Amen