nicht mehr alles geschluckt

Traueransprach für Lore Schaer am 11. November 2019 in Grünhaus

Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung; aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Lore Schaer, geb. Meyer-Haake, ist ein Kind der Weimarer Republik. Sie ist dies nicht nur von ihrem Geburtstag her, dem 05. April des Jahres 1923, sie ist es von ihrem Wesen, vor allem von ihrem taffen Mut zur eigenen Emanzipation her. Die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit, neues zu wagen einerseits, Frauen an den pädagogischen Hochschulen zuzulassen, sie Autos fahren und Flugzeuge fliegen zu lassen – und der gerade abgeworfene kaiserzeitliche Rahmen, das feste Gefüge der Rollen und Aufgaben andererseits, in diesem Spannungsfeld verstehen wir auch Lore Schaer. Sie war eine beherzte Frau, die dieses Feld in einem langen erfahrungsreichen Leben für sich auslotete.

Den Mut dazu mag sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Denn wenn sie von ihrer Herkunftsfamilie sprach, dann immer von einem behütenden Elternhaus und von Großeltern, bei denen zu Hause Annahme und gesellige Familie gelebt wurden. Ihren Vater beschrieb sie als jemanden, der seine Tochter verwöhnt habe. Und die Brüder des Vaters hätten abwechselnd mit den Nichten und Neffen gespielt. Meist geschah das im Haus der Großeltern, die der Sammelpunkt der Großfamilie waren.

Aus diesem frühkindlich erworbenem Selbstbewusstsein erklärt sich manche spätere Entscheidung. Zum Mut kamen bei ihr eine geistige Klarheit, die sie vernünftig planen und überblickend argumentieren ließ.

Als Lore in die Schule kam, genoss sie es, dass diese dicht neben dem Elternhaus lag und sie schnell nach Hause laufen konnte. Wenig später freute sie sich über ihr erstes Fahrrad, weil sie nun den längeren Schulweg sparen und mit dem Rad die kurze Strecke durch den Park nehmen konnte.  Sie berichtete von den Laubsägearbeiten, mit denen sie sich beschäftigte, von selbst hergestellter Weihnachtsdekoration, die jahrelang zum Einsatz kam. 

Das geliebte Rad benutze sie, um zum ersten mal in ihrem Leben ins außerschulische Vereinsturnen zu fahren. Und hier liegen bereits die ersten Konstanten, die sich über fast neun Jahrzehnte durchziehen: die hohe Bedeutung, die Familie für sie hatte und der Vereinssport, der immer wieder Haltepunkt für sie wurde.

Als der Vater reaktiviert und an den Flugplatz von Fassberg beordert wurde, zog die ganze Familie mit ihm in die Heide. Der dreijährige Aufenthalt bedeutete für Lore, ihre Schulkameradinnen hinter sich und sich selbst auf ein neues Leben einzulassen. Sie erzählte, mit 14 aus dem Klassenverband gerissen worden zu sein. Das war ein schmerzliches Erleben, denn sie ging gern in die Schule.

Auch in Fassberg besuchte sie eine Schule. Aber bald folgte der Umzug nach Berlin. Sie blieb dort nicht lange bei den Eltern, sondern entschied, dass sie ihr Pflichtjahr in Göttingen verbringen wollte. Als sie zurück kam, stand die Welt bereits in Flammen. Sie begann auf der Handelsschule und erlebte die ersten Bombardements der Reichshauptstadt. In dieser Phase wurde der Vater nach Wien versetzt. Das war 1941. Ein weiteres mal in ihrem Leben war es ihr nicht beschieden, Freundschaften in der Schule zu entwickeln und sie pflegen zu können.

Erst in Wien fand sie eine gute Freundin, Auguste Panhans, die mit ihr auf der Dienststelle des Luftwaffencorps arbeitete. Durch ihren Vater war sie dort in die Schreibstube gekommen. Dieser selbst flog die Strecke Wien – Zagreb und brachte begehrte Lebensmittel mit nach Hause.

Auch die Stationierung weit ab vom Brennpunkt Berlin schenkte zunächst noch einmal „Frieden“, Kultur und die Freuden gemeinsamer Unternehmungen. Mit den jungen Kameraden ging sie tanzen, ihr Chef führte sie in die Oper aus. Sie erzählte von Theateraufführungen und Konzerten. Aber immer auch von den Wegen dorthin und zurück. Zunächst noch in der Straßenbahn. Doch dann, als auch die Bomben auf Wien fielen und die Schienen zerstört waren, wieder mit dem Fahrrad.

Unvergessen sind die Ausflüge und die Gebirgswanderungen. Ihre Einheit belegte gemeinsam einen Segelkurs. An diese Momente hatte sie eine lebendige Erinnerung.

Nicht minder detailliert beschrieb sie die Auflösung der Dienststelle, den Verlust ihrer letzten Habe, den Koffer, der nie dort ankam, wohin sie floh. Mit nichts anderem als dem, was sie auf dem Leib trug, fand sie sich ein am verabredeten Ort der Familie, einer Hütte in den österreichischen Bergen. Aber sie mussten als Deutsche das Land verlassen, wurden nach Bayern abgeschoben. Fast ein Jahr lebte sie mit ihren Eltern unter kümmerlichen Bedingungen am Schliersee. 1946 kehrte sie in ihre Geburtsstadt Bremen zurück. Die weitläufige Verwandtschaft brachte die Familie unter. Schnell fand sie eine Stelle als Bürokraft bei den Amerikanern. Doch als Lehrer gesucht wurden und dies ihr die Möglichkeit bot, eine Berufsausbildung mit gleichzeitiger Unterrichtserteilung zu machen, schrieb sie sich im Lehrerseminar ein. Lore war schon immer ein kulturinteressierter Mensch. Nicht zuletzt darum entschied sie sich für den Beruf der Lehrerin.

In dieser Zeit lernte sie beim Faschingsfest Hermann kennen. Zum 05.04.1947 erhielt sie von ihm einen Armreifen aus rausgeklaubtem Wehrmachtsaluminium als Geburtstagsgeschenk, der heute noch getragen wird, und Weihnachten desselben Jahres verlobte sich das junge Paar. Nachdem es zweieinhalb Jahre später im Juni 49 den Bund der Ehe einging, konnte es auch in ein erstes gemeinsames Zimmer in Bremen ziehen. Tante Trudel und Tante Friedel hatten das möglich gemacht.

Im Jahr darauf, 1950, wurde den beiden der Sohn Bernd geschenkt, und vier Jahre später kam Siegrid zur Welt. Lore erzählt von den dramatischen Umständen der zweiten Geburt, denn parallel zu ihr lagen Vater und Mutter im selben Krankenhaus. Die Mutter hat es nicht lebend verlassen, sie starb drei Tage nach der Geburt ihres zweiten Enkels.

Lange dagegen hatte Lore von ihren Großeltern, ein Umstand, auf den sie mit Dankbarkeit schaute.

Inzwischen hatten Sie, Herr Schaer, Arbeit bei einem Elektrogroßhandel gefunden, der eine Neubauwohnung zur Verfügung stellen konnte. Dort lebte die junge Familie und wuchs 1957 um Sohn Helmut.

Ein neuer Arbeitsplatz führte die fünf zunächst nach Gütersloh, aber wenig später schon nach Achern in Baden. An diese Zeit gibt es von allen lebendige Erinnerungen. Und hier geschah es auch, dass Lore zum ersten mal aufbegehrte, gleiches Recht auf Urlaub und Wochenende für beide Eheleute einklagte. Sie reiste Ihnen einfach mit Kind und Kegel nach, als sie mit Freunden zum Skiwochenende weggefahren waren. Sie demonstrierte unter großem Aufwand Gleichberechtigung. Und sie unternahm auch etwas dafür, von den Skiwochen nicht ausgeschlossen zu bleiben. Sie lernte selbst das Skifahren.

Zuhause führte sie in aller Rationalität das Kassenbuch, denn ihres Mannes Wünsche gingen höher hinaus als der Kontostand. Sie war die Rechnerin der fünfköpfigen Familie, ihre Maxime war Sparsamkeit.

Noch einmal zog die ganze Familie um. Dieses mal nach Lübbecke, in die Stadt des elterlichen Betriebs von Großvater Schaer. Unter hohen Reibungsverlusten wurde dort eine Existenz erstritten. Auch ein eigenes Haus konnte für die Familie 1967, sechs Jahre nach dem Zuzug, bezogen werden. Auch dies war eine Frucht von Lores finanziellem Überblick.

Lore, die Abbrüche und Neuanfänge in ihrem Leben gewohnt war, hatte zur Strategie entwickelt, sofort dem Turnverein beizutreten und dadurch schnell einen Bekanntenkreis aufzubauen. Als aber die verbleibende Tageszeit ihres Mannes nach der Arbeit mehr und mehr in den Vereinsaufbau floss, kriselte es in der Ehe. Konstruktiv suchte Lore nach Freiräumen, um sich zu emanzipieren. Sie erlernte Französisch und besuchte einen Literaturkurs, sie widmete sich neben der Familie ebenfalls dem Vereinsleben, pflegte ihre Doppelkopfrunde. Freundschaften entstanden. Familie Fritz und Familie Czerwinsky gehörten in den Wochenplan, der Hund Purzel bereicherte die Familie. Vor allem aber machte sie sich unabhängig von den Fahrkünsten ihres Mannes. Und dies auch gegen seinen Willen. Sie erwarb den Führerschein. Anlass war nicht zuletzt der lange Aufenthalt der kranken Tochter Siegrid im Klinikum von Hannover. Weiter begann Lore, eigene Gaben zu entdecken und zu entwickeln.

Ihr Großvater war Porzellanmaler in Meißen gewesen und ihr Urgroßvater Kunstmaler. Auch der Vater konnte gut zeichnen. So besann sie sich mit 55 auf diese Gaben und begann zu malen. Volkshochschule und Ferienakademien wurden ihr Eldorado und sie versuchte sich in verschiedenen Techniken. Sie verteidigte für sich den Freiraum, einer eigenen Malgruppe anzugehören.

Über all dem vernachlässigte sie weder Familie noch Haus. In diesem tapezierte sie selbst, sie strich die Fensterrahmen, sie sorgte mehr und mehr für die Möblierung. Der Garten war ihr gleichzeitig Ort der Beschäftigung und der Erholung.

Jenseits des Alltags war ihr die Beschäftigung mit Kultur ein Herzensanliegen. So verging kein Urlaub nach Österreich, ohne dass Mann und Kinder in Klöster und Kirchen geschleppt wurden. Der Alpen müde, entschied sie, ohne Hermann nach Marokko zu reisen. Gemeinsame Fahrten führten sie nach Griechenland, auf die Inseln und nach Kreta. Die Museen wurden abgeklappert und es entstanden Aquarelle, manchmal auch erst später auf der Basis von Ansichtskarten. In die Zeit hier in Ruwer gehört die große Donaukreuzfahrt bis zum imposanten Durchbruch bei Passau, dem eisernen Tor.

Am Leben der Kinder nahm Lore intensiv Anteil. Eine ihrer größten Tugenden und vielleicht auch das Geheimnis ihres langen Lebens ist ihr Interesse, ihre bleibende Neugier.  Sie blieb offen für junge Menschen, fragte nach ihren Ansichten und hatte selbst jung gebliebene Ansichten.

Mehr und mehr setzte sie sich damit ab von klassischen Klischees. Bei der Grundentscheidung, ob man die eigenen Kinder mit dem Lebensunterhalt der Eltern belasten solle, stellte sie sich hinter die Kinder.

Mit Klugheit, lebenslanger Demut und Liebe zur Familie hatte sie ihre Aufgabe auch im Vermitteln gesehen. Nun aber leistete sie Widerstand. Der Buchtitel Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“ mag Ihnen dazu einfallen. Denn genau zwischen diesen Polen hatte sie ihr Leben ausgespannt.

Nicht zuletzt aus Glauben wurde sie ihrer Verantwortung für andere gerecht. 

Das waren zuallererst die Kinder, die sie überall auf der Erde und in allen neuen Lebensumständen besuchte, um Anteil an ihrem Leben zu nehmen. Sei das eine neue WG in Deutschland oder geschätzte 10 – 15 Reisen zum Ältesten nach New Mexico.

Da war auch die Rolle, ihren Mann verantwortungsvoll zu versorgen.

Aber mehr und mehr machte sie deutlich, dass sie nicht alles zu schlucken bereit war. Dieser widerständige Impuls wurde am Ende gar manifest und drückte sich körperlich wahrnehmbar als ihr Abwehrreflex aus.

Lore Schaer hat sich begeistert und mit Initiative in den Neuaufbau des Seniorenkreises der Kirchengemeinde eingebracht.

Sie hat über mehr als zwei Jahrzehnte hier die Gottesdienste im Raum besucht und mir das Kreuz über dem Altarraum als ein Symbol beschrieben, das sie schätze. Es komme nicht nur dem Menschen als Bild einer Liebe entgegen, die vergeben könne, die sich selbst opfernd einbringe, es schien ihr auch die Wände zu weiten, die begrenzenden Mauern zu sprengen.

Und tatsächlich: Lore ist gegangen ohne Groll. Sie konnte nicht alles verstehen, aber in ihrem großen Herzen alles verzeihen.

Und ebenso hat sie für sich Räume erobert, die ihr ein eigenes Leben garantierten. Es gelang ihr, sich abzugrenzen und deutlich zu emanzipieren. Zum Schluss sogar einen Weg allein zu gehen.

Darum ist es wichtig, genau dies zu akzeptieren. dass sie sich aufgemacht hat in eine Welt, die wir noch nicht kennen. Sie ist uns verheißen. Und die Navajos drücken das Unsagbare mit irdischen Bildern strahlenden Lebens aus:

„Ich bin nicht dort.

Steht nicht an meinem Grab und weint um mich, ich bin nicht dort.

Ich wehe als Wind auf blauer See,

ich strahle als Diamant auf weißem Schnee.

Ich scheine als Sonne auf reifes Getreide,

ich regne im Frühling auf grüner Weide.

Ich strahle als Stern in dunkler Nacht

und wenn ihr im Morgenlicht erwacht,

ich bin der Vogel, der himmelwärts fliegt,

aus dem Schwarm, der dort seine Kreise zieht.

Steht nicht an meinem Grab und trauert,

ich bin nicht dort – weil die Ewigkeit dauert.“