Erntedank

Lk 12, 13 – 21

Ich liebe den Herbst. Im Anprall tiefstehenden Lichtes flammt das Laub in rot und gelb auf. Andere Blätter, bereits am Boden, legen einen sanften Mantel aufs Erdreich. Noch hat die Sonne Kraft, doch die Nächte sind bereits kühl.

Der Herbst ist die Zeit zwischen den Zeiten. Die Sonnentage gehören noch dem Sommer – die Nächte bereits dem Winter. Der Herbst mahnt mit seinem unübersehbaren  Ablauf an den Fluss der Zeit. Pilzduft und Modergeruch mischen sich. Letzte Rosenblüte und erste Blattlosigkeit. Walnüsse, Pilze und Wein protzen mit Geschmack und prallem Leben – doch zugleich feiert das Leben sein letztes Fest – der Winter wird alles erstarren, zum Rückzug, zum Schlaf auffordern. Leben und Tod – auch das ist der Herbst. Seinen Reiz macht aus, dass beides so dicht beieinander liegt.

Unüberhörbar spricht auch unser heutiger Predigttext von beidem:

13 Da sagte einer aus der Menge: „Meister, sag meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilen soll!“ 14 Er entgegnete: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch eingesetzt?“ 15 Und er sagte zu ihnen: „Gebt acht und hütet euch vor der Habsucht! Denn auch wenn jemand im Überfluss lebt, so ist sein Leben doch nicht durch das gesichert, was er besitzt!“ 16 Dazu sagte er ihnen ein Gleichnis: „Einem reichen Mann hatte sein Land eine reiche Ernte beschert. 17 Und er überlegte bei sich: „Was soll ich tun? Denn ich habe nicht genug Lagerraum für meine Frucht.“ 18 Da sagte er: „Ich weiß, was ich tue: ich reiße meine Scheunen ab und baue größere, in denen ich all mein Getreide und all meine Ernte unterbringen kann! 19 Und dann will ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du viele Güter daliegen, auf viele Jahre hinaus. Nun ruh dich aus, iss, trink und sei guter Dinge!“ 20 Da sagte Gott zu ihm: „Du Tor – heute Nacht noch wird man dir deine Seele abfordern! Wem wird dann gehören, was du hier gespeichert hast?“ 21 So geht es dem, der sich Schätze ansammelt, aber keinen Reichtum bei Gott hat!“

Jesus stößt uns vor den Kopf.

Er ist für Gerechtigkeit bekannt. Ein Mann sorgt sich um seinen Anteil aus der Erbmasse – doch Jesus verhilft ihm nicht nur nicht zu seinem Recht, er weist ihn regelrecht zurecht.

Und dann: was muss das für ein schlechter Bauer sein, der nicht vorausplant, der seine Ernte nicht sicher unterbringen will. Ein vernünftiger Mann ist das hier im Gleichnis Jesu: er ist fern von aller Habgier, er freut sich über seinen Erfolg, er plant Investitionen und wird ganz ruhig über seinen Gedanken an die Zukunft. Eine Ruhe, die ihn innerlich frei macht für neue Einfälle.

Und dann ist sie plötzlich wieder da: die Zwiespältigkeit des Lebens zwischen Sein und Nichtmehrsein. Den Mann überfällt der Gedanke an den eigenen Tod. Auf einmal reimt sich auf Lebensplanung Todesahnung.

Herbst des Lebens. Verändert er meine Einstellung zu den Dingen? Zu den Ernten meines Lebens? 

Egal, ob sie Früchte der Hände oder des Kopfes waren. Mauerwerk, Dachgestühle, Zeichnungen oder Berechnungen, egal ob Text oder Zahl, sie haben ebenso meinen Fleiß verdient, wie sie auch wenn gelungen, befriedigten.

Ich bekenne: auch die Frucht einer Leistung kann für eine Weile sättigen. Die Freude über den Erfolg. Ein Ziel erreicht, ein Musikstück gespielt oder gar komponiert zu haben, ein Land bereist, ein Buch geschrieben, einen Acker gesät und auch geerntet zu haben.

Ja – auch ein Herz gewonnen zu haben.

Denn die Landwirtschaft, liebe Gemeinde, ist an Erntedank in unserer spezialisierten Gesellschaft nur ein Bild. An ihrem Beispiel wird deutlich, was der Mensch vermag, und was er nicht kann. An ihr wird klar, wessen der Mensch bedarf und was ihm an allem wirklich Wichtigem im Leben einfach auch zufällt. Am Schauen in die Landwirtschaft schärft sich der Blick für den Gabencharakter des Lebensnotwendigen.

Erntedank konfrontiert den Menschen mit sich selbst.

Der Bauer in Jesu Bildrede gerät in eine Krise. Diese Krise, ausgelöst durch den Todesschrecken, ist eine Krise der Einstellung zu seinem bisherigen Dasein, ist eine Infragestellung insbesondere seiner Beziehung zu seinem Eigentum. Er erntete offensichtlich für sich selbst.

Durch des klugen, des gottnahen Josefs Rat, gelingt es dem Pharao

verantwortlich für seine Untertanen zu planen und vorzusorgen. Und so ist biblisch bereits gefüllt, was Jesus hier zwischen den Zeilen sprechen läßt: was nämlich solche „Schätze bei Gott“ sein können.

Keiner der Arbeiter wird dabei verworfen, weder der mit der Hand, noch der mit dem Herzen, noch der mit dem Hirn arbeitet. Es geht allein um die Grundeinstellung:

leben von oder leben für.

Dieses „oder“ ist die Krise des reichen Bauern. Sie kann so oder so ausgehen. Wird es ihm gelingen, seine Habe dafür zu gebrauchen, wofür sie gedacht ist, nämlich damit zu helfen, dass auch andere leben können? Weiß er etwas von der sozialen Verantwortung des Eigentums?

Er könnte es begreifen, denn wer in der Krise steckt zwischen Leben als Leistung oder Leben als Leihgabe, der hat es schon weit gebracht. Davon bin ich in meinem Alltag oft überzeugt.

Das ist der Herbst des Lebens mit seinen beiden Wegen, den in den Winter und den in den Sommer.

Wenn wir haben wollen um zu haben, dann stößt Jesus uns vor den Kopf. Gerechtigkeit hin, Gerechtigkeit her. Denn es geht um nicht weniger als ein Leben im Sinne Gottes. Und das wird tatsächlich manchmal erst gewonnen durch den Verlust der Habe.

Weil Haben uns am Sein hindert.

Das ist wie mit den Kinder. Sie zu bekommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist jedes Mal ein Geschenk. Sie „haben“ sie nicht. 

Aber mit ihnen zu sein, das ist geschenkte Freude. Und die Freude mehrt sich mit der Verantwortung, die sie als Eltern und Betreuer wahrnehmen. Denn der Sinn des Lebens wächst im Miteinander.

Jesus hat uns Menschen gezeigt, wozu wir da sind: Nicht haben zu müssen – sondern Sein zu dürfen.

Amen.