der Himmel geht heute auf – von der Schwierigkeit der richtigen Übertragung

über Mt 5, 13 – 17

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten abzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Mit dieser Definition hat Ludwig Wittgenstein unsere Sprache als etwas Lebendiges beschrieben. Ein Wort bleibt nicht das, was es einmal bedeutet hat, es verändert seine Bedeutung eben dadurch, wie es in der Sprache verwendet wird. Gerade Jugendliche füllen den Inhalt eines Wortes neu, indem sie dem alten Wort einen neuen Sinn geben. Sie tun das durch Einsatz des Wortes in ihrer Sprache. „Geil“, im Sinne von sexuell begierig wird bei ihnen zu einem emotionalen Ausruf der beipflichtenden Begeisterung, der Zustimmung. „Wie toll!“, oder einfach nur „toll!“ bedeutet es danach heutzutage.

Richtung umgekehrt gilt das für die Auslegung von alten Texten. Wir müssen den zur Zeit des Sprechers üblichen Gebrauch kennen, um den Inhalt richtig zu verstehen. 

Das bedeutet: wir können z.B. biblische Zeugnisse nicht einfach „übersetzen“, Wort für Wort nach einem Lexikon, eine Sinneinheit wie der Fährmann seine Passagiere von Ufer einer Landessprache zum gegenüberliegenden einer anderen Landessprache übersetzen. Wir müssen sie übertragen. Das heißt: die heutige Sprache einer Übersetzung soll möglichst nah am damaligen Gebrauch der Worte liegen und umgekehrt.

Der Schreiber der Worte Jesu spielt in unserem Text mit den Begriffen. Sie sind jeweils von einem Wortfeld umgeben. Das Wort „auflösen“ (katalyo) schwingt zwischen „gänzlich überholen, ablösen“ und „außer Kraft setzen“. Und das Wort „erfüllen“ beinhaltet sowohl „voll machen“ als auch „überbieten“.

Offensichtlich legt Jesus in seiner Botschaft Wert darauf, in der Tradition von Mosebüchern und Propheten zu stehen, vom „Gesetz“ der Juden und den Sprüchen Gottes durch seine Gesandten, diese Weisungen alle wörtlich ernst zu nehmen und in seinem Leben vollumfänglich Wahrheit werden zu lassen.

Exegetischer Leichtsinn, wie ich ihn z.B. in der Übersetzung von „bis dies alles geschieht“ gefunden habe, wird als Leichtgewicht bewertet werden. Denn eine solche Übersetzung vertröstet, verschiebt auf eine ferne Zukunft, in der Gott alles zurecht bringen mag. Wo also übersetzt „bis alles geschehen ist“, der verkennt, dass hier das Reich Gottes als eine Zeit von Jesus beschrieben wird, die gerade durch ein soziales Miteinander, wie es die Gebote empfehlen und durch ein politisch verantwortliches Regieren auch den Armen gegenüber, wie es die Propheten einklagen, definiert ist. Und dass dies hier und heute geschehen soll. Ein Leben in gegenseitigem Vertrauen, das auf dem Acker der Ehrlichkeit wächst und ein Leben mit Rücksicht auf die sozial Benachteiligten, die ganz besonders im Focus der Regierung stünden, macht die Zeit des Gottesreiches aus.

Wenn Sie also heute dem Prediger aufs Handwerkszeug schauen, wenn Sie mit ihm in den Urtext schauen und verstehen, dass unterschiedliche Übersetzungen kritisch befragt werden dürfen, dann sind Sie den ersten Schritt mitgegangen.

Doch was ist eine angemessene Übersetzung?

Zu dieser Frage habe ich Ihnen einen Witz auf die Plätze gelegt.

(Zeit zum Betrachten geben) …

Auf Deutsch sagt Jesus etwa: „So, liebe Leute, jetzt bitte genau aufgepasst, hingehört! Ich möchte nicht, dass nachher wieder vier verschiedene Versionen in Umlauf sind!“

Ein Witz eben. Denn wir haben ja mindestens vier Versionen der Worte Jesu. Eben die vier Evangelien, die in den Kanon der Bibel aufgenommen worden sind. Und darüber hinaus kursieren noch die Apokryphen, also Evangelien und Texte, das Thomasevangelium zum Beispiel, die den Zugang zur Bibel nicht gefunden haben.

Auch dieser Entscheidungsvorgang, diese Auswahl, ist selbst ein Akt der Interpretation.

Sie wissen, dass Martin Luther, Kriterien für den evangelischen Bibelkanon entwickelt hat. Ob nämlich ein Bibelbuch das Evangelium predige, also die frohe Botschaft von der Bedingungslosigkeit der Liebe Gottes. Keine Werkgerechtigkeit bitte – Selbsterlösungsfahrpläne unmöglich machen. Darum galt der Hebräerbrief bei ihm auch als „stroherne Epistel“. Sie drischt das Stroh vom möglichen Gerechten, vom Gutmenschen gar – und hat als Werkgerechtigkeit predigende Schrift trotzdem den Zugang zu evangelischen Bibel gefunden.

Hier also nun der Witz, der uns über unsere Übersetzerohnmacht lachen lässt. Denn die Wahrheit ist umgekehrt die, dass wir immer in Lebensumständen sind, uns Fragen auf der Seele brennen, die uns die Bibel mit bestimmten Augen lesen lassen. Auf diese unsere Fragen hin legen wir die Worte der Schrift aus. Denn nur dann hat sie Bedeutung für uns.

Es ist eben auch eine hermeneutische Tatsache, dass die Frage die Antwort, sprich die Übersetzung, mitbestimmt.

Darum ist es wichtig, was Jesus an dieser Stelle gesagt haben soll. Dass nämlich die Zeit nach dem Vergehen von Himmel und Erde bestimmt ist durch die Gerechtigkeit Gottes. Das ist eine durch und durch positive Sicht auf die Zeit nach den irdischen Tagen.

Dass zweitens Interpreten, die die Deutlichkeit und das Gewicht der biblischen Vorgaben verwässern oder abschwächen, kleine Lichter sind. Wer die biblische Wahrheit relativiere, habe keinen großen Anteil an ihr.

Und darum Jesu Schluss. Wieder einmal ein Satz leicht überlesen oder überhört: „Wer es aber tutund lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“. Mit Wahrheit ist Wahrhaftigkeit gemeint, liebe Gemeinde. Also das Übereinstimmen von Wort und Verhalten. „Wer es tut“, sagt Jesus, besonders gut wiedergegeben durch Dorothee Sölles Maxime „Die Liebe ist immer konkret“.

Die Tat kann klein sein, sie kann von anderen übersehen werden, noch nicht einmal die linke kann bemerken, was die rechte tut. Aber der gemeinte Mensch tut das richtige. Er folgt seinem Herzen, seinem Gewissen. Er hängt es an keine große Glocke.

Er redet aber eben auch nicht anders als er tut. 

Dieses Reimen von Verhalten und Bekennen nennen wir Wahrhaftigkeit.

Sie ist nahrhaft. Denn auf ihrem Boden sprossen Dankbarkeit anderer und die Bereitschaft, sich ebenso zu verhalten. Das ist wie Brot.

Sie ist heilsam. Hilft dem Zweifler und dem ungerecht Behandelten. Das ist wie der Wein, der mit seinen Anteilen desinfizierend wirkt.

Weil die Wahrheit des heutigen Textes eine einfache ist. Weil es aber nicht immer einfach ist, ihr zu folgen, feiern wir heute Abendmahl. Brot und Wein wollen von uns aufgenommen werden, dürfen in uns wirken, uns stärken bei unseren Vorhaben.

In ihrer Einfachheit sind sie Zeichen dieser schlichten aber eben für das Werden und Wachsen des Gottesreiches unverzichtbaren Wahrheit. Dass es nämlich hier und heute Wirklichkeit werden will. Zwischen Dir und mir.

Amen