Nachklang

Traueransprache für 

Regina Israel

über 1. Joh 4,16

14. September 2019

Osburg

Liebe trauernde Familie,

liebe mittrauernden Freunde und Kollegen,

Sie alle werden über der Traueranzeige gesonnen, den zitierten Worten Grönemeyers zugestimmt haben „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet“. Denn tatsächlich, Regina hatte etwas Erleuchtetes und Erleuchtendes. So wie der Strahlenkörper der Sonnenblume Garten und Raum erfüllt, so war sie bescheiden zwar aber unübersehbar präsent, erreichte die Herzen, wenn sie im Raum, wenn sie Gastgeberin war, wenn sie konzertierte und wenn sie sich einfühlsam dem Menschen zuwandte.

Sie schätzte nicht nur die empathische Brücke zu den Menschen, sie liebte es, von Natur umgeben zu sein, von Feld, Flur und Katzen; nahm stets in der ihr eigenen Art eine besondere Beziehung zu allem auf. Mit unglaublich geschickter Hand verstand sie es dann umgekehrt, das Gesehene darzustellen in Zeichnung, Gemälde oder in hingezauberter Plastik, denn das jeweilige Imago entsprang zweifellos direkt der Mitte ihres Herzens. Letztlich gehörte auch die Töpferscheibe zu ihren Instrumenten, sie gab dem Ton Klang und belebte das Irdene.

Am 23. November 1956 wurde dieses Mädchen ihren Eltern in Grefte geboren. Das ist ein Dorf in Hessen, 10km südlich von Kassel und nicht weit weg von der damaligen Zonengrenze gelegen.

Regina war etwa zwei Jahre alt, als die Familie in die nahe Stadt zog. Als einzige Tochter unter vier Jungs lernte sie mit ihnen Radfahren und spielte ihre Spiele. Aber bald wurde deutlicher, dass sie nicht nur wegen ihres Geschlechtes besonders war. Ja, alle fünf Kinder profitierten von der Musikalität der Eltern, doch Regina, die wie ein Schmuckstein in der Mitte der Geschwisterkette prangte, offenbarte eine besondere Begabung.

Die Eltern waren bei der Namensgebung einer Eingebung gefolgt. Denn während die Orgel als Königin der Instrumente firmiert, war die Harfe spätestens seit den Tagen König Davids zum Instrument des Königs avanciert. Sie blieb dies in den Burgen des Mittelalters, und so wirkt die Namensgebung wie eingetroffene Prophetie, denn so kam eine Königin (lat. Regina) an der Harfe zu sitzen.

Das musikalische Erbe beider Eltern kulminiert in Reginas Begabung. Die Großmutter väterlicherseits war Organistin bis in ihr 92. Lebensjahr und der Vater Spielmannszugführer und kreativer Musiker auf fünf Instrumenten. Die Mutter nicht minder musikalisch, von ihrer Seite floss noch die Disziplin ein. (Von Ihren Kindern, Frau Israel, weiß ich, dass „aufgeben“ in Ihrem Wortschatz nicht vorkommt).

Absolutes Gehör, geschenkte Musikalität und Fleiß waren also zusammen. Vom Vater hatte Regina noch die Tiefe in ihrer doppelten Schwere ererbt. Früh erkannte und förderte dieser die Begabung seiner Tochter. Er schaffte ein Auto an, in dem die Harfe transportiert werden konnte und stellt die Brüder an, das Instrument zu tragen.

Inzwischen lebte die Familie seit 1963 in Wiesbaden. Zum ersten mal tauchten bei Regina die Schatten der Multiplen Sklerose auf. Aber die Diagnose wurde verschwiegen, als könne man damit die Schübe selbst ungeschehen machen.

In der Wiesbadener Schulzeit ließ Regina in intelligenter, aber eben doch pubertärer Renitenz ihre Laufbahn am humanistischen Gymnasium enden, um sodann auf dem Konservatorium ihrer Leidenschaft den richtigen Kanal zu öffnen. Obwohl sie nicht minder gut Klavier spielte, wurde die Harfe zu diesem Zeitpunkt ihr primäres Instrument. Mentor war der Harfenist des Wiesbadener Stadtorchesters Günther, der eigentlich keine Schüler annahm, aber bei Regina die eine Ausnahme machte, und für beides, das Mentorat und Reginas wachsende Erfolge unter seiner Egide wurde der Begriff „musikalische Adoption“ gefunden.

Die scheinbare Leichtigkeit ihres Spiels korrespondierte mit ihrer ätherischen körperlichen Erscheinung. Dieser schwebte ebenso schleierleicht durch den Raum wie eben die Melodien, die sie ihrem Instrument zu entlocken verstand.

Im Schicksalsgefüge mit einer ersten kurzen Ehe kam sie nach Trier und wurde hier 1980 Mitglied des Orchesters der Stadt. Seit kurzen war sie dessen dienstältestes Mitglied.

Und Sie, Herr Müller, der Sie sie seit 37 Jahren kennen, trafen bildlich gesprochen, genau den Ton, um Harfe und Flöte ins Gespräch zu bringen. Es entwickelte sich nicht nur eine musikalische Ehe, in der beide sich harmonisch ergänzten. Es wurde Ihnen ein Vierteljahrhundert Gemeinsamkeit geschenkt, das besonders durch den Gleichklang der zusätzlich beherrschten Sprache Musik reich war. Leichtfüßige Harmonien waren es, die Sie besonders im Miteinander schätzten. Wie selbstverständlich waren sie mit ihr herzustellen.

Mehr als eine und eben doch eine Metapher für das, was im gemeinsamen Haus in Osburg ab 1999 geschah. Nachbarn wurden zu Freunden, Geschäftsbeziehungen verstand Regina ebenfalls zu Freundschaften geraten zu lassen, dieses Heim füllte gepflegte Kultur und geschenkte Miteinander, es war ein Gewächshaus für den Sonnenschein von Reginas Wesen.

Sie ging auf die Menschen zu, hatte eine Ader für die jeweilige Art; eine geradezu spirituelle Sensibilität lies sie den Nächsten erkennen in seinen Stärken und Bedürfnissen. Von sich machte sie nicht viel Aufhebens. Auch das machte sie einladend. Doch  der Hintergrund war eben die Tiefe des Vaters und die Disziplin der Mutter, mit der sie sich selbst zurück nahm. Sie gönnte sich scheinbar sehr wenig. Lebte aus der Begegnung. Lebte aus dem Beitrag, den sie als Mensch, den sie als Lehrerin und den sie als Musikerin mit ihrem Instrument zum Zusammenklang der Vielen leisten konnte. Auch gehandicapt humpelte sie allein zur Probe, um dann wieder schwebend und tatsächlich unverzichtbar zum guten Akkord, zum Zusammenklang beizutragen.

Ja, sie fand sich im Yoga, wusste aus intensiver Selbstbeobachtung, wo sie hilfreich hingreifen musste, um zu heilen. Verstand es, den Nächsten über einen Teil als Ganzen zu erreichen. Darum war die Harfe ihr Instrument, weil sie Seiten zum Schwingen bringen konnte, das sich eingliedern möchte in ein größeres Ganzes.

Regina war dabei von einer hohen Grundspannung. Ihre Amplitude schwang zwischen Altruismus und Selbstverleugnung, zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, zwischen Selbstdisziplin und Dünnhäutigkeit, zwischen ansteckender Fröhlichkeit und Schwermut.

Sie war in allem von dem geleitet, was die Bibel Nächstenliebe nennt. Über eben diese will Gott selbst verstanden werden, über das nämlich, was wir einem dieser seiner geringsten Brüder getan haben. Und weil diese Erkenntnis Reginas Glauben entspricht, steht der Vers aus dem 1. Johannesbrief über ihrer Würdigung heute:

Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

Besonders der Nachsatz will uns trösten. Denn er spricht davon, dass wir nicht verloren gehen; davon, dass jeder Mensch ein guter Gedanke Gottes ist und wir als solche vor ihm dem Ewigen bleiben. Und Regina war ein besonders guter Gedanke Gottes. Aber wir sehen auch, dass sie sich in dieser Bezogenheit und in ihrem Einsatz für den Nächsten verzehrt hat, dass sie letztlich alles gegeben hat, dass sie ihre Energie verbraucht und dem Schöpfer zurück gegeben hat; und in unserem Gemüt die Wärme ihrer Sensibilität nachstrahlt, wie die Kraft der Sonne am Abend auf der Haut.

Wenn wir also hier vielleicht mit einem Dichterwort, das besser zu sagen vermag als ich, mit dem „Memento“ von Mascha Kaléko trauern

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da

sind?

Allein im Nebel tast ist todentlang

Und lass mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie

das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

  • Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muss man

leben.

dann wollen wir eben dies nicht vergessen. Denn Reginas Verständnis und Zuneigung zu uns darf in unserem Herzen weiterhin die Melodie der Dankbarkeit spielen.

Sie ist nicht mehr sichtbar, aber sie ist spürbar und will nachklingen in der großen himmlischen Musik. 

Amen