Anderen Sinnes werden …

Predigt anlässlich des Gemeindefestes 2019

Metanoia – Sinneswandel

Wir haben die Sommerferien gerade ausklingen lassen und der eine froh der andere widerwärtiger die Arbeit wieder aufgenommen. Es gibt im Neuen Testament eine seltsame Geschichte von den Sommerferien. Wir können sie nennen „als Jesus einmal Urlaub machen wollte“. Und die geht so:

Von da brach er auf und zog in das Gebiet von Tyrus. Dort zog er sich in ein Haus zurück und niemand sollte das wissen.

Aber es blieb nicht unentdeckt. Im Gegenteil: eine Griechin aus Phönizien hatte davon gehört, deren Töchterlein unter einem unreinen Geist litt. Diese Frau suchte ihn nun auf und bat, er möge den Daimon aus ihrer Tochter austreiben.

Doch er wollte sie abfertigen und sprach: „Lasst zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, der Kinder Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Doch sie erwiderte: „Gewiss, Herr. Aber auch die Hunde unter dem Tisch fressen von den Brosamen der Kinder.“

Da sagte er zu ihr: „Um dieses Wortes willen geh hin: der Daimon ist aus deiner Tochter ausgefahren!“ Sie ging nach Hause. Und tatsächlich, sie fand die Tochter auf dem Bette liegen; der Daimon war von ihr ausgefahren. eÜ

Eigentlich ist gar nichts so besonders an Jesu Verhalten, seinem Urlaubswunsch, denn wenn wir die Bibel genau lesen, dann stoßen wir oft auf Stellen, nach denen Jesus sich zurück gezogen hat. An ruhige Orte, in Gärten, um zu beten oder er entzieht sich der Menge, indem er einfach mit einem Boot ans andere Ufer übersetzt. Und auch hier macht er es so wie wir es für gewöhnlich tun, wenn wir Urlaub nötig haben. Er verlässt die gewohnte Umgebung, Tapetenwechsel, reist über eine Grenze ins Ausland (, denn Tyrus liegt nicht in Israel, sondern im Nachbarland) und zieht sich zurück.

Das besondere an dieser Geschichte ist nicht Jesu Verhalten, sondern das der Frau, die ihn ausfindig macht.

Nicht nur, dass sie offensichtlich Handlungsbedarf hat, ihn in seinem Urlaubsort aufspürt, sie ist auch hartnäckig. Und schlagfertig. Sie gibt nicht auf. Und da ist es das erste mal, dass von einer Veränderung in dieser kurzen Perikope erzählt wird. Jesus überlegt es sich anders. Zunächst ist er ziemlich barsch, erklärt sich nicht für zuständig. Er will die Frau abwimmeln. Doch die gewinnt seine Aufmerksamkeit, denn sie gibt dem Gottesmann intelligente Antworten. Jesus horcht auf. Er steht sozusagen von seinem Liegestuhl auf und setzt sich zu der Frau an den Tisch. Er lässt sich vom Ernst der Lage überzeugen und sieht nun die Situation mit neuen Augen.

Es ist bemerkenswert, dass der, von dem wir gewöhnlich meinen, er wüsste ganz genau, wo es lang geht, anderen Sinnes werden kann. Jesus wächst. Denn zunächst will er seine Ruhe haben, aber die Not ist offensichtlich international groß. Seine Absicht, jenseits der Grenze seiner Zuständigkeit zur Ruhe zu kommen, gibt er vorübergehend auf, weil er merkt, die Not von Menschen hat nichts mit Ländern und deren Grenzen zu tun, sie kann immer und überall nach uns greifen. 

Und dann ist die Bittstellerin eine Frau. Von der möchte der Mann aus Nazareth sich schon gar nicht stören lassen. Und auch hier überlegt er es sich anders. Er sieht den Menschen und nicht mehr die gesellschaftliche Rolle. Vielleicht ist dies der Moment, in dem Jesus zum Freund der Frauen geworden ist.

Aber eben auch auf deren Seite geschieht etwas wesentliches.

Denn nicht nur Jesus versteht die Not dieser Mutter, sondern auch umgekehrt kommt die Frau zu einer ihr Leben verändernden Einsicht. Es ist gerade das Bestehen Jesu auf seinen begrenzten Kräften und der Bemessenheit überhaupt, das für diese Frau aus Phönizien die wichtigste Wandlung mit sich bringt. Möglicherweise wurde ihr erst in diesem Augenblick deutlich, dass selbst derjenige, von dem sie alles erwartet, und den sie Retter und Heiland nennt, ein Recht hat, zu seinen Grenzen zu stehen.

Um wie viel mehr dann sie selbst: auch sie darf zu den Grenzen ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten stehen. Für sie eine völlig neue Einsicht.

Wer ist diese Frau, die das in diesem Moment versteht? Die Bibel zeichnet von den Menschen, die Jesus begegnen, nur jeweils eine Skizze. Ein Blitzlicht. Sie ist eine Frau alleine. Von einem Mann ist keine Rede, sei es, dass es ihn nicht gibt, dass der Vater des Kindes inzwischen verstorben ist, oder dass er sich tatsächlich einfach nicht um die Familie kümmert.

Auf den Schultern der Frau ruht die ganze Verantwortung für ihr Kind. Sie kennen Mütter, die ihre Kinder aus der Schule abholen, die sie nach den Hausaufgaben zum Sport und dann zu ihren Freunden bringen. Sie kennen Eltern, die ihren Sinn daraus ziehen, die Kinder, ihr „Ergänzmichdu“, zu verwöhnen. Sie nennen es Liebe. Aber sie tun ihren Kindern nichts Gutes. Denn sie bereiten sie nicht auf das wahre Leben vor und verhindern, dass diese Kinder eine realistische Einschätzung dafür bekommen, wie viel Aufwand sie für welchen Erfolg betreiben müssen. Wieviel sie selbst dafür tun müssen.

Vielleicht ist es bei dieser Frau auch anders. Vielleicht entwickelt das Mädchen sich nicht so, wie die Frau es erhofft und erwartet. Vielleicht schiebt sie sie und wendet ihre ganze Kraft auf, damit aus dem Kind etwas wird. Die Tochter ist gleichzeitig Gegenstand ihres Stolzes und ihrer Sorgen und schlaflosen Nächte.

Die Mechanik, die hier wirkt, ist unerbittlich und unausweichlich: je intensiver die Mutter hinter der Tochter her ist, je mehr sie sich kümmert und je mehr sie bevormundet und ihr abnimmt, das Mädchen wird immer renitenter. Nachbarn würden vielleicht sagen: sieh mal, dieses undankbare Kind.

Es hat auch allen Grund zu Verzweiflung, denn Erfahrungen darf sie nicht selbst machen. So kann sie nicht lernen, an sich selbst zu glauben.

So wagt sie am Ende, keine zwei Schritte mehr zu tun, ohne die Mutter um Erlaubnis zu fragen. Denn so ist sie es gewohnt, an deren Zuneigung zu kommen.

Gleichzeitig braucht sie die Mutter, wird sie aber auch hassen, weil sie ihr nichts zutraut, keine Chance gibt, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und selbst zu tun.

Alles Selbstleben ist dem Mädchen genommen.

So verdichtet sich das, was die Bibel einen Daimon nennt. Wir sagen dazu Teufelskreis. Aus lauter Panik wird die Frau alles falsch machen: je mehr Verantwortung sie auf sich nimmt, desto schlimmer wird es mit der Tochter.

Diese Frau lernt im Augenblick der Begegnung mit Jesus von ihm, dass auch sie zu ihren Grenzen stehen darf, den Grenzen ihrer Verantwortung und den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Sie kapiert, dass die Tochter ein eigener Mensch ihr gegenüber ist, mit eigener Verantwortung für das eigene Leben.

Ausdrücklich wird dieser Mutter zugesichert: Der Daimon ist von deiner Tochter ausgefahren. Sie ist gesund.

Und es scheint, dass es dieses Wort der Beruhigung an die Mutter ist, das die Tochter heilt!

Gedicht 2, Thomas R. Schmitt

Es ist der Zuspruch der Beruhigung an die Mutter, das die Tochter befreit. Denn die Mutter sieht ihr Kind fortan mit neuen Augen. Die Frau ändert ihre Einstellung zum Kind!

Und ihre Einstellung entscheidet über die Entwicklung und das Schicksal des Kindes.

Ihre frisch gewonnene Zuversicht löst den Spuk aus Renitenz und Fremdbestimmt auf. Beendet den Automatismus von Zuwendung und Abwehr.

In Zukunft wird die Liebe der Mutter die autonome Liebe Jesu sein. Eine Liebe zum vollkommenen Du.

Eine Geschichte mit seltsamen Veränderungen. Menschen lernen, die Welt, sich selbst, ihre Nächsten mit anderen Augen zu sehen. Liebe Gemeinde, das ist wirklich ein guter Grund, ein Fest zu feiern!

Amen