Sabbatjahr für Kirchengemeinden

Andacht Auszeit

Die Sommerferien liegen hinter uns. Die meisten dieser Gruppe hatten Zeit auszuspannen, manch eine/r war ein paar Wochen weg aus dem Alltag, die Arbeit durfte ruhen. Vielleicht kennt Ihr das 3 Wochen Phänomen. Die erste Urlaubswoche benötigt der Mensch, um dann endlich die Uhr ausziehen zu können, die zweite, um das lange Angestaute ablegen zu können, die dritte ist dann reine Erholung. Und mit ein bisschen Glück freuen wir uns nach drei Wochen Fremde auf das eigene Zuhause, die lieben Gewohnheiten, das eigene Bett.

Sie kennen den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen? Urlaub will Abstand vom Alltag, dem Gewohnten und Gewöhnlichen sein. Wir können ihn in Italien oder im Garten verbringen. Reisen ist eine Lebenshaltung. Hat mit Entbehrungen zu tun schenkt gern Bildung.

Einige hier im Gremium haben es noch miterlebt, dass ich sieben Jahre gekürzte Bezüge erhielt, sechs davon habe ich 100% gearbeitet und im siebten bei denselben Bezügen 100% frei gehabt. Man nennt das ein Sabbatjahr.

Im Gegensatz zum Urlaub dient es weniger dem Abspannen als der Anregung. Neue Einblicke in die Lösungsansätze anderer Menschen, anderer Völker, angesichts anderer Haltungen und anderer Herausforderungen.

Es gibt kaum ein probateres Mittel um eigene Fähigkeiten zu entdecken als solch eine Einrichtung. Ideen wachsen wie aus einem brachliegenden Feld die Vielfalt an Vegetation.

Ein Sabbatjahr ist ein Antiburnout.

Es ist jedem zu empfehlen, der meint, sich im Kreise zu drehen, der unter dem immer gleichen seines Alltags leidet, der meint, ihm gingen die Ideen aus und das Leben würde schal.

Nicht nur Individuen, auch Einrichtungen können ein Sabbatjahr leben. Gerade Kirchengemeinden. Denn ist das Gebot des Sabbats nicht eine ureigene Empfehlung Gottes? Geht er nicht selbst mit gutem Beispiel voran und ruht am Ende einer immens schöpferischen Phase?

Tatsächlich wird das Sabbatjahr selbst in der Bibel geboten, 2. Mose 23, 10-13. Sechs Jahre wird ein Feld bestellt, im siebten sollst du es ruhen lassen.

Kein Gedanke mag einem Leitungsgremium wie diesem fremder, abwegiger und die eigene Aufgabe in Frage stellender sein als ein Sabbatjahr für die Kirchengemeinde. Denn wir haben uns wählen lassen, um den Acker zu bestellen, um etwas zu bewegen, Gemeinde aufzubauen – nicht brach liegen zu lassen.

Im Vers 11 steht wörtlich: Im siebten Jahr sollst du das Feld brachliegen lassen und den Ertrag nicht anrühren, damit die Armen deines Volkes sich davon ernähren können. Was diese übrig lassen, mag das Wild des Feldes fressen. Ebenso sollst du mit deinem Weinberg und mit deinem Ölbaum verfahren.

Den Weinberg des Herrn brach liegen lassen, liebe Presbyterinnen und Presbyter?

Die Begrenzung des eigenen Tuns hinnehmen lernen, sich auf das Wesentliche zu besinnen und das Unnötige zu entschlacken, das sind doch durchaus spirituelle Ansätze, die uns im persönlichen Leben begegnen.

Eine Kirchengemeinde hat es versucht mit einem Sabbatjahr. Christoph Pistorius berichtet im EKIR.infoüber die erstaunlichen Erfahrungen der Kirchengemeinde Waren: „sie hat das Veranstaltungskarussell langsamer fahren lassen, nur noch absolut notwendige Baumaßnahmen durchgeführt, andererseits die Öffnungszeiten der Kirchen ausgedehnt, um Raum für Stille, Ruhe und Besinnung zu schaffen“.

Unterm Strich bedenkenswert war, dass Seelsorge und Begegnung ein wesentlich größeres Gewicht bekommen haben. Gespräche mit Menschen kamen zustande und blieben lebendig, die zuvor wenig mit Kirche in ihrem alltäglichen Leben anfangen konnten. Ein Sabbatjahr kommt der Sehnsucht der Menschen nach Entschleunigung entgegen. Mensch, werde wesentlich, das wurde in Waren gelebt. Der Gemeindevorstand dort berichtet, dass Lebendigkeit und Tiefe des geistlichen Lebens eindeutig zugenommen haben.

Gewinner solch eine brachliegenden Gemeindefeldes sind die, die man im normalen Ertragsbetrieb nicht auf der Rechnung hat. Die Tiere des Feldes, die Armen im Volk. Sie sind plötzlich im Berit der Gemeinde anzutreffen, weil sie dort etwas finden, von dem sie normaler Weise ausgeschlossen werden.

Ein solches Projekt setzt Offenheit voraus und es scheint eine neue Offenheit  zu schenken.

Mich dünkt, ein Sabbatjahr für die Gemeinde ist mehr als eine Übung, es öffnet uns für das Wirken Gottes und bekennt sich zu den unvorhersehbaren Wegen des Heiligen Geistes. Ein mutiger Schritt. Ein kalos ho kindünos, wie Platon sagt: eine schöne Herausforderung!

Amen