Gehe hin und tue desgleichen

Traueransprache für Hans Doneck

über Lk 10, 25 – 36

25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus eine Falle zu stellen. »Lehrer«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 

26 Jesus erwiderte: »Was steht denn im Gesetz Gottes? Was liest du dort?« 

27 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.«2 

28 »Richtig!«, erwiderte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.« 

29 Aber der Mann wollte sich verteidigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

30 Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon. 

31 Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging schnell auf der anderen Straßenseite weiter. 

32 Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er blieb nicht stehen, sondern machte einen großen Bogen um ihn. 

33 Dann kam einer der verachteten Samariter vorbei. Als er den Verletzten sah, hatte er Mitleid mit ihm. 

34 Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte. 

35 Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann gesund! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

36 Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« 

37 Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«, forderte Jesus ihn auf.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist eine Geschichte für Hans Doneck. Denn sie stellt die ambitionierten Gutmenschen, Berufsgläubige auch, sie stellt diejenigen, die die Schrift studiert haben und sich entsprechend orthodox verhalten einem gegenüber, der allein sich richtig entscheidet und verhalten hat.

Hans Doneck war kein Kirchgänger, aber er hielt es mit dem Geist der Schrift. Denn dieser wird im Takt des menschlichen Herzschlages buchstabiert. Liebe möchte nämlich immer konkret sein. Sie übersieht keinen einzelnen. 

Die Familienangehörigen haben ihren Mann und Vater als jemanden erlebt, der von der Maxime bestimmt war: es soll allen gut gehen. Hans hatte ein Auge darauf, dass jedes Kind genauso viel Glück, Freude, Erfüllung hatte und empfand wie die anderen. Keiner sollte zurück gesetzt sein.

Diese Einstellung von ihm, dieses Ethos war früh erworben, ein mit Kindesbeinen angetretenes Erbe, unfreiwillig eingeübt bei den eigenen Geschwistern, denn Hans Gerd war das erste, das älteste Kind vor seinen Geschwistern und musste früh Verantwortung für die jüngeren übernehmen.

Er war kurz vor Jahresende 1936 geboren und verlor seinen Vater mit sechs Jahren. Zehn Jahre lang blieb die Mutter verwitwet. Eben die Phase, in der ihr Erstgeborener die Verantwortung zu Hause zu übernehmen hatte, wenn sie arbeitete. Und es waren hungrige Jahre damals in Celle. In ihnen lernte und praktizierte Hans das Teilen und Abgeben, das Verantworten und Versorgen.

Dafür gab es auch später viele Beleggeschichten. Eine war die mit der fehlenden Kinokarte beim Familienausflug. Seine Kinder erlebten daran, wie selbstverständlich Hans ihnen seine abgab, wie die Fürsorge zu einem bestimmenden Teil seiner Persönlichkeit geworden war.

Eine andere war die mit den Glückspfennigen im Weihnachtskuchen. Es gab eben nicht nur den einen Glücksbringer sondern ganz viele, für jedes Familienmitglied einen.

Und vielleicht wirft auch sein Umgang mit seiner Mutter ein bezeichnendes Licht auf ihn. Denn als die Mutter nach ihrer zweiten Ehe in England abermals verwitwete, nahm Hans sie selbstverständlich zu sich hierher nach Pluwig und bemühte sich darum, sie in den Freundeskreis der Familie zu integrieren.

Der Mann wäre aber völlig missverstanden, wenn wir seine Haltung auf Mitleid reduzierten. Seine nächstenliebende Einstellung war stets auch rational begründet und ruhte auf dem Fundament eines dezidierten Humanismus.

Er sah stets den Menschen, unabhängig von Stand und Stellung. Genau so selbstverständlich begrüßte er die Putzfrau mit Handschlag wie den empfangenden Geschäftspartner.

Das Befreiende und Provozierende zugleich, zu dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter aufruft ist doch ein Liebesgebot, das Grenzen aufhebt!

Mit seiner einfachen Ethik überbietet einer, auf den die religiösen Nachbarn herabschauen deren kodifizierte Rechtsordnung und widerlegt ihr unangemessenes Selbstbewusstsein.

Halten wir fest, Doneck hatte keine Berührungsangst vor solchen, die „einfach“ nicht dazu gehören. Denn er wusste und lebte die Geschwisterlichkeit aller Menschen!

Sie ist die Essenz der Bibel.

Zweitens: die englische Attitüde. Der Eheschluss mit ihrem zweiten Mann, einem englischen Kaufmann, blieb nicht ohne Einfluss auf deren Kinder, auf Hans und die Familie. Nicht nur, dass England zunächst zum Wohnort wurde, es blieb auch für die Kinder von Hans ein gern und mit Selbstverständlichkeit aufgesuchtes Land.

Hans selbst streute diese Insel reich an spleenigen Leuten Würze in seine Persönlichkeit. Ganz so wie das Salz in der Suppe, war seine englische Manie. Rote Socken und Peter-Scott-Pullover waren ein Muss für ihn, der englische Jaguar später setzte dem ganzen die Krone auf.

In den Nachkriegsjahren erwarb sich Hans Schritt für Schritt die Kompetenz für seinen Beruf. In Hamburg besuchte er die Fachschule, in England bildete er sich auf der Abendschule weiter. Er wurde Chemiker und verdiente seinen Lebensunterhalt bei Firmen in Hannover, Hamburg und Celle. Mit seinen Fähigkeiten als Graphiker wurde er Anfang der 70er technischer Leiter eines Betriebs ins Trier. 1977 machte er sich selbständig. Das war schon lange sein Ideal, ein freier Mann zu sein. Die Familie war inzwischen gewachsen, Jörg kam 1962 in die Familie, in Celle wurden 1966 Dennis und 1967 Sonja geboren, in der Trierer Zeit kam 1974 schließlich Maren dazu. Es war das Jahr, in dem die Wohnung in Trier zu klein wurde und das Haus in Pluwig zum neuen Familiensitz avancierte.

Gut 15 Jahre später gab Hans Doneck die Firma ab. Er wollte sich seinem Hobby, der Kunst, intensiver widmen. Seine raumgreifende Beschäftigung war es weniger, mehr der Geruch der Farben im ganzen Haus, der zur Anmietung eines Ateliers in der Kloschinskystraße führte. Ausstellungen in der TuFa, in China, auf Helgoland und in Kiew zeigten seine Werke. Partner bei diesen Vorhaben war der befreundete Kunstverein „Paradox“.

Was auch immer Hans anfasste, betrieb er mit Emphase. Das begann bei seiner Lehrzeit, ging über sein berufliches Engagement, seine stete Neugier, das lebendige Interesse am Entwickeln von Neuem, die Kunst, der Sport, vor allem das Schwimmen. Alles das betrieb er hochenergetisch. 

Er hing der Frage nach, wie kommt das Gute in die Welt. Dachte intensiv darüber nach, so dass auch Freunde ihn gern angesichts von Problemen in Anspruch nahmen.

Er förderte den Samariterbund und unterstützte die Kindernothilfe. Was er tat, tat er ganz.

Und darum ist die Krankheit, die vor 17 Jahren, zunächst unentdeckt, auftauchte der Antagonist zu seiner Persönlichkeit. Sie nahm diesem energiereichen Mann seinen Antrieb, seine wache Aufmerksamkeit, die Kraft zur Umsetzung seiner Ideen.

Was ihm das Leben zu Beginn geschenkt hatte, und was ihn in hohem Bogen mit Freundlichkeit und voller Anregung leben ließ, was ihn zu einem anerkennenden Menschen, einem Optimisten machte, einem Chef und Mitmenschen, der die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen verstand, das nahm ihm die Krankheit am Ende. Sie machte ihn müde.

So haben wir einen wahren Philanthropen verloren, den einfühlsamen und fürsorglichen Vater, einen anregenden Mitmenschen, den Künstler, einen besonderen Menschen mit liebenswerten angelsächsischen Besonderheiten, eben einen nach dem Bilde Gottes. Und dürfen gewiss sein, dass er als ein guter Gedanke Gottes in all seiner irdischen Vorläufigkeit vor ihm, dem Ewigen, lebendig bleiben wird. 

Und genau genommen ist die Perikope vom barmherzigen Samariter als eine Geschichte von bleibender Bedeutung nicht nur eine für Hans Doneck, sondern sie ist die Geschichte des Humanisten Doneck. Amen